Unterholzgespenster

Scheiße, was hab ich mich gestern Morgen auf die Schnauze gelegt. Und das nur, weil ich unbedingt noch mal meine alten Lieblings-Boots anziehen musste, schwere Schnürstiefel, die kaum noch Profil haben, die perfekt eingetreten sind in Tausenden von Tagen, in denen man aber keinen Halt mehr findet, wenn es kritisch wird am K2.

Wir sind früh unterwegs gestern, es ist beinah noch dunkel, wir drehen eine große Runde. Niemand ist zu sehen auf den Feldern rund um Theegarten, keine Menschenseele außer uns, keine anderen Hundebesitzer, nicht mal Schulschwänzer mit alten Onkelz-Aufnähern oder frühe Reiter, nichts, niemand, nur wir 3.

Hund, Frau, Mann.

In der Nacht hat es geschneit, nasser Pappschnee, Aprilschnee, der im Begriff ist aufzutauen. Es gluckert und seihert ringsum, es sickert und es trieft. Das Universum ist kein stiller Ort. Könnte man Geräusche fotografieren, es gäbe ein lautes, ein nasses Foto. Im Wald dagegen: einen Moment Stille, vornehmes Morgengrauen.

Wir sind auf diesem abschüssigen Weg Richtung Papiermühle. Ich vorweg, einen Fuß vor den anderen setzend, in Zeitlupe, eine bedächtige, beinah zaghafte Choreografie, weil es so rutschig ist. Ich agiere so vorsichtig, als ahnte ich schon, was passieren wird – und dann passiert es auch. Dann passiert es erst recht. Unter dem matschigen Schnee lauert altes Laub, auf dem ich wegrutsche. Ich verliere den Halt und schlage der Länge nach hin, wie ein Schlagbaum, der niedersaust, nur schneller, ich knalle mit dem Kopf auf einen vereisten Wurzelstrang. Der Stoß trifft die Schläfe – und das ausströmende Adrenalin stellt mich sofort wieder auf die Beine. Fast wie in Opas Kintopp.

Slapstick.

„Scheiße!!!“ schreie ich.

Sie stürzt erschrocken hinzu, „alles okay?!“ Der Hund bleibt ohne Regung. (Als ich Jahre später in eine ganz ähnliche Situation gerate, ist der Hund sofort über mir und schmatzt – für den Bruchteil einer Sekunde bin ich für ihn nichts als Beute. Bis ihm aufgeht, äh, Momentchen, das ist ja das Herrchen. Das ist tabu. Das gibt Ärger, wenn ich da reinbeiße.) Ich reibe mir die Schläfe, um zu fühlen, ob da Blut ist, aber da ist kein Blut.

„Nein. Da ist nichts“, sagt sie. „Kein Blut.“

Da ist auch kein Schmerz, nur ein leichtes Stechen – aber im ersten Moment weiß man selten, was genau los ist. Aber eines weiß ich ganz genau: wäre ich nur einen Tick unglücklicher gelandet, ich hätte tot sein können.

Selbst die Gräfin bleibt den restlichen Weg über seltsam still.

„Wie hätte ich Hilfe holen sollen, mitten im Wald, so ganz ohne Handy..?“ räsoniert sie schließlich.

(Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als wir uns der modernen Technik noch weitgehend verschlossen. Nach diesem Vorfall änderten sich die Dinge und es begann eine fulminante Aufholjagd: Handy. Wlan. Toaster.)

Abends bin ich mit dem Hund im Park. Letzte Runde. Es ist stockfinster. Irgendwo knackt es im Unterholz. Ein Schlurfen und Rasseln, Geräusche, die sich offensichtlich langsam entfernen und klingen, als zöge ein Gespenst einen rostigen Schlitten durchs Gebüsch, (Cracklin‘ Rosie??), doch nein, da ist niemand, es ist nichts zu sehen. Irgendwann sind die Geräusche weg. Was alles noch unheimlicher macht. Selbst der Hund ist nervös. Er weicht nicht von meiner Seite, hält sich eng am Bein und bellt mit aufgestellten Lauschern aufgekratzt ins Nichts.

Vielleicht ist er das, denke ich. Er, der schwarze Meister, mit einer Botschaft für mich: Pass auf, Bürschchen. Ich bin immerzu in deiner Nähe. Ich vollstrecke, wann immer es mir passt. Ich hole dich, wann immer mir danach ist. Und dafür musst du nicht unbedingt mit der Schläfe auf eine Baumwurzel knallen. Während mir das durch den Kopf geht, spüre ich die Stille im Park, im GANZEN Park. Es ist wie eine Infusion. Das totale Schweigen. Ich werfe ein, zwei Stöckchen über den Rasen, die niemanden interessieren, trotz Laternenlicht, dann gehen wir rein.

* 23. April 2005

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4 Gedanken zu „Unterholzgespenster

  1. Zaubrisch schönes Geschichtlein ist das. Und: ER war es auch. Das ist sicher. Ist doch schön: wenigstens einer, auf den man sich voll verlassen kann. Obwohl. Diese Schleifgeräusche im Unterholz. Das war kindisch, das kann er eigentlich besser…. Beim nächsten Mal (Pumpe) war er doch wieder gut, oder?!

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