Montgomery Ave

Turmhotel 22 Uhr, Dienstbeginn.

„Ahh, der Herr Kollege…“

Der Chef sitzt mit einem stoppeligen Lächeln an der Rezeption und macht die Kasse fertig für die Übergabe. Dass ich es bin, der gerade erscheint, macht er allein an der Uhrzeit fest. Er hat nur Augen fürs Münzgeld. Und die Scheinchen.

„Wie geht’s denn so?“

„Super“, murmle ich und häng die Jacke an den Garderobenhaken. „Und selbst? Gut erholt?“

„War schön ja, aber bullig heiß, achtundvierzig Grad und so Klöpse. Das konntest du mittags nicht aushalten“, sagt er. „Den Weibern ist das ja egal, die waren am Brüten in der prallen Sonne, da kennen die ja nix, Hauptsache, sie werden braun. Ich hab mich nach dem Mittagessen immer aufs Zimmer verabschiedet und Fiesta gehalten, haha.“

„Fiesta?“

„Quatsch! Siesta… genau, haha.“

Eins neunzig lang, unförmig gebaut, braungebrannt, dazu ein granatenweißes Hemd und Goldkettchen um den Hals – der Chef, der vor drei Jahren samt Familie aus dem Sauerland eingewandert ist und jetzt die Kassenbeträge in eine kleine Rechenmaschine eingibt, sieht mal wieder aus wie der letzte deutsche Puffpianist.

Ein Autofähren-Gigolo auf der Wupper.

„Aber sonst war schön, ja. Aber heiß. Was ich da alles weggesoffen hab, glaubt man gar nicht. Bestimmt sechs, sieben so Limonaden am Tag.“

„Was denn, Liter..?!“

„Nee, Flaschen – sechs, sieben so kleine Flaschen aus der Minibar, und dann noch Sprudel. Bin ich aus der Sauferei gar nicht mehr rausgekommen. Aber sonst war schön. Ja. Nur die Vegetation war was wenig, will ich mal so sagen… nur Geröll und kein… Obst. Also keine… Plantagen, sag ich mal.“

Er grinst so anzüglich, als habe er noch etwas in der Hinterhand, irgendeine krude Story, von der besser niemand etwas erfährt, aber ich warte vergeblich, es kommt nichts. Es kommt nie etwas. Der Chef ist kein Mann der Leidenschaften, er hat kein Steckenpferd, keine Heimlichkeiten, er ist einfach auf der Welt und zählt Münzgeld und Scheinchen. Ich mag ihn nicht besonders, aber ich hab auch nichts gegen ihn, und ich schätze, im Hinblick auf mich geht es ihm genauso.

Er heißt mit Vornamen Gert und hat zwei Kinder im Teenageralter, die sich im Hotel kaum blicken lassen. Das jüngere Kind ist ein Punk. Ein Mädchen. Es ist vierzehn, es möchte nicht werden wie sein Vater. Es möchte zu den Menschen gehören, die anders sind, die Charisma haben, die einen überrollen, wenn sie den Raum betreten, die einen verbrennen mit ihrer Anwesenheit und zurück bleibt ein Haufen Asche. Das hat die Tochter mir zu verstehen gegeben, als wir uns einmal unterhalten haben. Gesagt hat sie es nicht, aber sie hat so geguckt.

Während der Chef seine Urlaubstage im Plauderton Revue passieren lässt, die unvermeidliche Fluppe im Mundwinkel, (ich kenne niemanden, der noch so unverblümt Kette raucht wie er), frage ich mich, wohin er und seine Frau eigentlich geflogen sind, wo sie eigentlich Urlaub gemacht haben. Auf Formentera? Teneriffa? Ich hab’s vergessen. Lanzarote? Keine Ahnung. Obwohl die Chefin sogar eine Postkarte an die Belegschaft geschickt hat, mit fetten Blumenrabbaten auf einer spanischen Verkehrsinsel.

Es dauert nicht lang und ich bin bedient von der Quasselei, ich glotze dem Chef nur noch stur auf die Zähne. Das Rezept hat mir die Gräfin einst gesteckt: Wie man geschwätzige Leute mundtot kriegt. „Einfach auf die Zähne glotzen, schon halten sie die Klappe.“ Was sich im Allgemein als erfolgreiche Strategie offenbart hat, versagt bei meinem Chef. Vielleicht liegt es daran, dass er überhaupt keine Zähne hat – alles, was man zu sehen bekommt, sind kleingequasselte Hauerchen. Da muss man schon andere Geschütze auffahren. Bloß – welche? „Richtig!“ werfe ich einmal ein, als ich glaube, dass er mich was gefragt hat, doch er schnattert einfach weiter.

„So, Herr Klump, jetzt bin ich aber weg. Bis morgen denn. Tschöhö.“

Herr Klump. Obwohl wir uns seit Jahren kennen, gibt es immer noch Tage, an denen er meinen Namen so liederlich ausspricht, als wäre ich ein Klumpen. Aber egal. Hauptsache, er dampft ab und ich hab meine Ruhe. Die Nacht gehört dem Nachtportier. Den Nachtfaltern & anderen Würdenträgern. Vielleicht noch dem Vollmond und Graf Dracula. Aber dann ist auch Sense.

Der Belegungsplan ist fast leer, im Hotel herrscht Umsatzflaute wie jeden Sommer. Auch heut Nacht werde ich die Zeit größtenteils im Chefsessel vorm Kabelfernseher verklumpen, die Hände abwechselnd am Sack und an der Fernbedienung. Ein einziges Mal schellt es, gegen Mitternacht. Auf dem Monitor erkenne ich eine Frau. Sie wartet auf Parkdeck Rot vor der Zwischentür, die zu den Aufzügen führt, und blickt hoch in die Kamera.

Ich nehme den Hörer ab. „Ja bitte?“ frage ich durch die Gegensprechanlage.

„Do you speak english?“

„Yes.“

„We have a reservation.“

Ah… ja, richtig. Auf dem Belegungsplan ist noch ein Doppelzimmer offen, für ein Paar aus den USA.

„Okay“, sage ich und öffne per Summer die Zwischentür. Um von Parkdeck Rot zu den Aufzügen zu gelangen, muss man fünfzig Meter durch das schummrige Parkhaus zurücklegen. Ihr Begleiter wird vermutlich den Wagen parken, nehme ich an. Während die Frau mit dem Lift zur Rezeption im elften Stock unterwegs ist, schlüpfe ich in die Gesundheitsschlappen des Chefs und versuche seine Sauklaue auf dem Zimmerbelegungsplan zu entziffern. Wie zum Henker soll das Paar heißen? Tuesday…? Das Paar heißt mit Nachname Tuesday??

Gonggg.

„Good evening, Sir, we have a reservation!“ Drahtig und mit dunklen Locken schnellt die Frau aus dem Aufzug auf die Rezeption zu, wie von einem Katapult abgefeuert. „But I’m not sure if this is the right hotel. Is this ahh Kolner Strasse Ninety-Nine?“

„Yes“, antworte ich, „This is Turm-Hotel, Kölner Straße 99.“

„Fine. We have a reservation.“

„Okay. And your name is… Tuesday?“

„Tuesday? You’re kidding? No. Digoya.“

„Ah.. I see, Digoya… A double-room, right?“

„For three nights, right. My husband is down in the garage by the bags. Can I see the room? Do we have our own bathroom?“

„Sure.“

Ich reiche ihr den Schlüssel, Zimmer 16 ist gleich hier im elften Stock. „To the right“, erkläre ich und geh schon mal vor.

Für ihre geringe Körpergröße besitzt sie einen extrem langen Oberkörper, darunter kurze Beinchen, wie aufgeschraubt. Wie aus dem Baumarkt bezogen. Ein falscher Bausatz vermutlich, Sonderangebot aus NYC, Lower East Side, Umtausch nicht möglich, das nennt man Pech. Wenn einem der Unterkörper gar nicht gehört, auf dem man herumläuft. Mit unruhigen fixen Augen inspiziert sie das geräumige Eckzimmer, für Turm-Hotel-Verhältnisse geradezu die Suite. Die ganze Möblierung ist erst vor kurzem modernisiert worden. Plastikware. Kunststoffwelten. Grau.

„Nice“, meint sie nur, als wir wieder an der Rezeption sind. „But it‘s very cold.“ Ob ich eventuell die Heizung anmachen könne, während sie ihren Mann aus dem Parkhaus hole.

„Sure“, sage ich.

Ganz Old Surehand. Ganz der alte Nacht-Klumpen. Der In-die-Schlappen-des-Chefs-Schlüpfer.

Ich frage mich, was ihr Kerl eigentlich so lange treibt im Parkhaus. Als die Frau mit dem Lift fort ist, begebe ich mich vor die Phalanx der Monitore und beobachte ihren Ehegatten, der vor der Zwischentür auf Parkdeck Rot hin- und her tigert, umgeben von großen undeutlichen Sachen, Gepäckstücken wahrscheinlich. Es lässt sich schlecht erkennen auf dem grobkörnigen Monitorbild.

„Hey, Mister!“ rufe ich durch die Gegensprechanlage und ein Rückkopplungspfeifen setzt ein, wie es lange nicht geschehen ist. Erschrocken duckt sich der Mann weg, als wäre gerade ein Flugzeug im Tiefflug über ihn hinweggedonnert – im Parkhaus.. „Your wife comes down!“

Ich fühle mich wie Mick Jagger. Der hat mit den Rolling Stones „When the whip comes down!“ gesungen.

Es dauert nicht lang und die beiden US-Amerikaner schleppen ihr Gepäck zur Rezeption, zwei große Koffer, zwei Reisetaschen. Schnell entwickelt sich ein Disput um den Zimmerpreis. Der Mann findet 148 Deutschmark für ein Doppelzimmer zu teuer. Und zwar massiv zu teuer.

„.. more than one hundred US-Dollars!“ rechnet er mehrmals um, mit mürrischem Nachdruck. Er fordert einen Discount, da sie geschäftlich unterwegs seien und außerdem mehrere Nächte bleiben wollen. Mit seinem Briketthaarschnitt erinnert er mich an eine Mischung aus Grace Jones und englischer Bulldogge. Das könne ich nicht entscheiden, entgegne ich, da müsse er sich schon morgen früh an den Chef wenden. Beziehungsweise an die Chefin. Die mache den Frühdienst.

„What?!“

„You have to talk to my boss!“ wiederhole ich. „My female boss!“

„Okay, okay…“

Die Ehefrau macht dem Hin und Her ein Ende. Sie füllt eilig den Meldevordruck aus, mit einer Adresse aus New York City, Montgomery Ave. Die Bulldogge glotzt missmutig auf mein Brusthaar, das aus meinem gerippten weißen Unterhemd quillt. Da mir warm geworden ist, habe ich kurzerhand das Sweatshirt ausgezogen, in der Annahme, es käme eh kein Gast mehr. Ich nehme den ausgefüllten Vordruck in die Hand.

„Mh… you come directly from New York?“

Jetzt frag mich nicht, warum ich das frage. Es gibt keinerlei Grund dafür. Ich meine, wenn jemand Pusemuckel in den Meldevordruck einträgt, frage ich ihn auch nicht, Siryou come directly from Pusemuckel?

„No, we come from Rome“, antwortet die Frau, verspätet, als schon keiner mehr damit rechnet.

Nachdem das Paar sein Gepäck aufs Zimmer gebracht hat, ich bin freundlicherweise vorgegangen, um die Heizkörper aufzudrehen, fragt mich der Mann nach einem guten Restaurant, das um diese Zeit noch geöffnet habe.

„Puh, Solingen is a bad place for eating in the night“, lausche ich meinem eigenen Englisch hinterher, das man auf keiner Schule lernt. „I mean, ahh, it’s a bad place to get something to eat in the night…” Um das Paar loszuwerden, empfehle ich den Italiener um die Ecke. Der hat zwar Ruhetag, aber was soll’s. Weg ist weg. Und ich hab meine Ruhe.

„Good luck!“ wünsche ich noch, schon schließt sich die Aufzugstür und das Ehepaar fährt runter ins Erdgeschoss.

Dann tue ich etwas, das ich sonst nie tue. Sagen wir, sehr selten. Ich fische den Generalschlüssel vom Haken und schaue mich heimlich in ihrem Zimmer um. Nur so, aus lauter Langeweile, wühle ich im Handgepäck der Digoyas, New York City. Ich finde einen Schreibblock, ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin, den Rasierpinsel. Auch ein großer schwarzer Koffer, der offensteht, präsentiert nur Enttäuschendes: Badelatschen in vierfacher Ausfertigung, Shampoos, Sprays, Pflegeset, amerikanisches Plastik, soweit das Auge reicht, nichts als Plastik. Die Menschheit nimmt sich alles von der Natur, was sie gebrauchen kann und gibt ihr Plastik zurück, denke ich. Das ist vielleicht unser schäbigster Zug. Und ich bin der schäbigste von allen. Was hab ich hier in dem blöden Gepäck zu wühlen. Als wäre hier ein Schatz zu holen. Der große Montgomery.

Als ich dann noch glaube, irgendein Geräusch auf dem Gang zu hören, durchfährt mich ein Riesenschreck, und meine Neugier auf die Habseligkeiten der Digoyas aus New York City, Montgomery Avenue, ist genauso rasch gesättigt wie sie aufgeflammt ist. Zurück ins Büro, zurück vor den Fernseher. Mehr als eine Stunde warte ich darauf, dass die Beiden zurückkommen von ihrem Essensausflug, hungrig und frustriert, weil sie kein geöffnetes Speiselokal gefunden haben. Pfft…!! Wie der Blödmann mir aufs Brusthaar geglotzt hat.. Man konnte seinen Gedanken förmlich zusehen, wie sie eine Prozession durch seinen Schädel anführten: Und für diese miese Klitsche hier soll ich über 100 Dollar die Nacht hinlegen? Mit einem Penner als Nachtportier?! Und überhaupt: Wie viel Sterne unser Hotel denn überhaupt habe, wollte er noch wissen, als es um den Zimmerpreis ging. Drei?

Oder vier?

Halb zwei. Das Paar trippelt ausgemergelt an der Rezeption vorüber, ich steh Gewehr bei Fuß.

„Nothing?“ frage ich.

„No. Nothing.“

Ich nehme routiniert den Weckauftrag entgegen, für six thirty, 6:30. Beim Weggehen dreht sich der Mann nochmal um und fragt etwas, das ich nicht recht verstehe, was aber irgendwie nach Sandwich klingt. Was ja auch Sinn macht, irgendwie. Mit leerem Magen.

„No, we have no Sandwich“, bedaure ich. „But if you want… I can make…“

„No!!“ unterbricht der Amerikaner mich wütend. „I asked you for CNN, the News Channel, not for a… sandwich! A SANDWICH!“

„Ah, you mean CNN. Yes, CNN, it‘s on Cable TV.“

Danach ist Fernsehen angesagt. Ein Spielfilm, der in Manhattan spielt und mich an einen kleiner Disput erinnert, den ich in der Nacht zuvor mit der Gräfin am Telefon hatte. Ich weiß nicht mehr genau, worum es genau ging, aber ein kleiner Dialogfetzen steht seither fest in meinem Gedächtnis:

„Mein Leben ist doch kein Film“, sagte sie.

„Wieso nicht?“ sagte ich.

Gegen fünf geht die Sonne auf. Der schönste Moment jeder Nachtschicht. Den Forschern, die heute noch darüber rätseln, wie das Leben auf Erden entstanden ist, soll eines gesagt sein: Bequemt euch einfach mal früh vor die Tür, wenn die Sonne aufgeht. Es sind die Vögel, die mit dem Licht kommen und das erste Lied des Tages singen. Das Leben beginnt mit einem Zwitschern, jeden Tag aufs Neue, und sehr viel mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen.

Ich verklumpe den Rest der Nacht vorm Fernseher.

7 Gedanken zu „Montgomery Ave

  1. solang ,ich den Kerl auch kenne ,das mit dem Dienstag hat einfach Charme ,schirm und Bürne
    mal wider glacht und wenn,
    man weiss nie was sich da oben abspielt..-
    herzlichen Dank für diese Offenheit.

    Gefällt 2 Personen

  2. „Das Leben beginnt mit einem Zwitschern, jeden Tag aufs Neue, …“
    Damit ist doch alles gesagt. Ja genau, so isses.
    Klasse Erinnerungsbericht. Müsste ich auch mal wieder einen schreiben. Irgendwie motivieren Sie mich, zumindest darüber nachzudenken.
    Schöne Grüsse aus dem Bembelland, Herr Ärmel

    Gefällt 1 Person

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