und jede Heimkehr bringt Fieber

Als wir Anfang 1980 zum ersten Mal verabredet waren, (kennengelernt hatten wir uns im Keller eines Pfarrhauses, wo regelmäßig Teenie-Disco stattfand), saßen Lana und ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt einen ganzen Nachmittag lang am zentralen Busbahnhof, zu schüchtern für einen ersten Kuss, aber mit löchrigen Turnschuhen und der Ahnung: das ist es. Das muss es sein.

Love in the Eighties.

Graf Wilhelm-Platz, unter einer überdachten Haltestelle. Es war Sonntag, der Verkehr spärlicher als unter der Woche. Ich fror, ich war viel zu dünn angezogen. Es hatte geschneit über Nacht, nasse pappige Flocken, und immer, wenn ein Bus die Haltebucht ansteuerte, hoben wir die Beine, damit wir nicht von Schneematsch und Schotter angespritzt wurden.

Ich glaube nicht, dass wir viel geredet haben. Wir saßen einfach nebeneinander und begannen die Anwesenheit des anderen zu lieben.

Ich erinnere mich, dass ich ein paar Mal eine Ansage machen wollte, komm, wir gehen irgendwohin, wo es warm ist, einen Kaffee trinken oder ein Glas Tee, mir war nämlich kalt, arschkalt sogar, ich hatte so kalte Füße, dass die Zehen taub wurden, aber es war kein Nachmittag für vernünftige Entscheidungen. Ich war 19, sie 15, da ist Vernunft das letzte, was einem in den Sinn kommt. Dieses rätselhafte hübsche Ding hatte mein Herz aufgestöbert, und ich wusste nicht, was los war, mein Versteck war aufgeflogen.

Noch in derselben Nacht bekam ich vierzig Grad Fieber. Mir taten sämtliche Knochen weh. Schon auf dem Heimweg spürte ich die Infektion im Körper, drei Wochen lang lag ich mit einer schweren Nierenbeckenentzündung flach. Lana kam mich besuchen, den Poncho übergeworfen, und neben meinem Bett dampfte der Haschisch-Tee.

Anfang Mai fuhren Karlos, Schnaat und ich per Anhalter ins französische Zentralmassiv, eine Tour, die schon länger geplant war. Die Entzündung war noch nicht vollständig ausgeheilt, der Hausarzt empfahl eine lange Thermo-Unterhose mitzunehmen. Tatsächlich war es ziemlich ungemütlich in den Bergen. Einmal wurden wir morgens wach, das Zelt war ringsum von Frost und leichtem Schneefall umgeben. (Und zwei bis drei großen romantischen Wölfen, aber das ist eine andere Geschichte.) Wir hatten nur ein kleines Zwei Mann-Zelt dabei. Ich schlief stets in der Mitte, umgeben von den beiden blonden Kumpanen und ihren knochigen Hintern. Wenn wir abends am Lagerfeuer saßen und eine große Dose Pottkieker Linseneintopf aufwärmten, hatte ich nur dieses dunkelhaarige Mädchen im Kopf. Es tat richtig weh, an sie zu denken.

„Blödsinn, das sind nur die Nieren“, meinten Karlos und Schnaat. „Tu mal das Baguette rüber.“

Sieben Jahre später.

Im Februar 1987, nach jenem denkwürdigen Tucholsky-Abend im Saal über der alten Stadtbücherei*, wo ich die Gräfin kennenlernte, eine Halb-Italienerin, 24, bildhübsch und wach und haltlos wie ein Ur-Knall, wankte ich spät in der Nacht durch den Coppel-Park nach Hause. Ich war betrunken und glücklich, und wieder spürte ich Fieber, spürte, wie es mir den Rücken hinaufkroch und sich breitmachte – das erste Fieber nach sieben Jahren. Da war es wieder, dieses Eingehülltsein in die ureigene Hitze, das Beben in schweren Gemächern, die heißen Ausschnitte im Kopf, während man sich auskuriert.

Und als die Gräfin eine Woche drauf freundlich lächelnd am Spielplatz vorüberging, um mich zu besuchen, riefen ihr ein paar vorlaute Gören „Hippie!“ hinterher. Dabei war sie ein Sputnik, Kinder.

Es sind diese raren Momente im Leben, wo man spürt, dass sich Entscheidendes tut. Plötzlich ist man von Kopf bis Fuß eine einzige blendende Idee, überall ist Luft im Reifen und das Blut lodert leicht durch die Kanäle – verliebt sein ist wie eine unerwartete Heimkehr,

und jede Heimkehr bringt Fieber.

4 Gedanken zu „und jede Heimkehr bringt Fieber

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