Linie 3

Haltestelle Werwolf, Montagmorgen. Es ist mächtig heiß im Bus, Schüler und andere laut schwitzende, meist ältere Personen lassen sich von einem Punkt der Stadt zum anderen karren. Ich frage mich, ob die wirklich alle immer so genau wissen, wohin sie wollen, oder ob vielleicht der ein oder andere nur so tut, als ob er das wüsste. Das kann mir doch keiner erzählen, dass jeder sein verdammtes Ziel kennt. Im Nahverkehr! Nie im Leben!

Nicht in diesem.

„He..! Was ist das denn?!“ Der Blick des Busfahrers fällt nach unten, immer dem Rinnsal nach, jener rätselhaften schmalen Spur, die hinter der Fahrerkabine endet, und zwar wo? Genau. Unterm Behindertensitz. Fassungslos schiebt der Fahrer die Sonnenbrille hoch.

„Da hat doch wohl nicht jemand in die Ecke gepinkelt…!??“

„Tja, sieht irgendwie… klebrig aus“, sage ich und stecke das gerade gelöste Ticket in die Hemdtasche. „Wie Limo… so Limette. Zitronenlimonade vielleicht?“

„Hm“, sagt der Fahrer halbwegs besänftigt und lässt den langen Gelenkbus anrollen, mit einem trockenen Ruck, der auch die Pisse wieder in Bewegung setzt.

*

„ABER WIR WOLLEN JA NICHT KLAGEN, DAS IST IMMER NOCH BESSER ALS FRIEREN!“ schreit die Frau mit dem knusprigen Ibiza-Teint die Banknachbarin an.

Und wird etwas leiser, als sie die erschrockenen Blicke anderer Fahrgäste wahrnimmt.

„Bei uns oben unterm Dach ist so eine tropische Hitze, man findet erst früh um vier endlich Schlaf, aber dann muss ich auch schon aufstehen und alle Fenster aufreißen, um die Nachtkühle reinzulassen – und mit Schlaf ist direkt wieder Sense. Aber wir wollen ja nicht klagen, ist immer noch besser als frieren!“

Ich finde frieren besser als schwitzen – jedenfalls während der Hitzewelle im Oberleitungsbus, wo es so boshaft nach Pisse stinkt und nach Fisch mit Zwiebeln und, je nach Lage der Dinge, nach Menschen mit vom Wochenende verprügelten Gesichtern.

*

Nächste Haltestelle Unionstraße.

Ich versuche einen Sitzplatz zu ergattern, doch um diese frühe Uhrzeit ist jeder Quadratmeter von Schülern besetzt. Und keiner macht Anstalten, für mich aufzustehen. Für mich steht man noch nicht auf. Ich bin noch nicht alt genug. Da fehlt noch was. Einerseits beruhigend, andererseits anstrengend. Mein Hintern könnte jetzt gut etwas Fläche gebrauchen.

„Yüksel, hey! Wie war das Wochenende?“

„Was..?“

„Wie war das Wochenende?“

„Hä?“

„Alter! Wie war dein scheiß Wochenende?“

Türkische Jungs in der Vor-Pubertät tun sich schwer mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Sie haben eigentlich nur ein Thema: die Ergebnisse der türkischen Süper-Lig. Und dann war da noch die letzte Deutsch-Arbeit, die Yüksel noch nicht zurückbekommen hat, weil er Freitag nicht in der Schule war. Er durfte nicht.

„Hat der Arzt gesagt. Ich hab voll die Bescheinigung.“

„Du hast ne 3 in der Deutsch-Arbeit“, setzt ihn Erhan in Kenntnis, der am Fenster sitzt und schon ziemlich unrasiert rüberkommt, mit 12.

„Ne 3..? Boh, cool! Mit ner 4 oder ner 5 hätt ich nicht nach Hause kommen dürfen, mein Vater hätte mich voll angeschissen!“

Haltestelle Central. Ein Pulk türkischer Mädchen steigt zu, mal mit, mal ohne Kopftuch. Ein Mädchen fragt Yüksel, über die Köpfe von Klassenkameraden hinweg: „Was hast du in Deutsch, Yüksel? Weißt du schon?“

„Ne 3. Ich hab voll gelernt, ich hab voll alles gewusst..! Eh, Maxi, hast du Galatasaray geguckt, Sonntag? Wie der voll ein Feuerzeug an den Kopp gekriegt hat, der eine…? Hier, so voll von hinten! Da ist voll was geplatzt, Alter, hinten in sein Kopf!“

„Wer?“

„Na, die 9, bei der Nummer 9… Moment, zeig ich dir, Alter.“

Er spult auf dem Smartphone hin und her. Findet die Szene nicht.

„Scheisse! Mist! Ist voll weg!“

„Die Nummer 9?“ ruft Erhan. Oder Maxi. Keine Ahnung.

„Ja, 9!“

„Ist doch egal, hab ich sowieso nicht gesehen, das Spiel.“

„Ach so. Und ihr? Wo habt ihr gespielt Samstag?“

„In Lützenkirchen, gegen die D2. Verloren. Eins null.“

„Und nächste Woche?“

„Zuhause gegen Reusrath. Ich sag dir, die werden geschlachtet, Alter, aber voll. Ich mach Meldung, eh.“

*

Am Central steigt der ganze Pulk um in eine andere Obus-Linie. Obus steht für Oberleitungsbus. Für die Elektrische. Solingen besitzt das größte Obus-Netz Deutschlands, Oberleitungen ziehen sich durchs gesamte Stadtgebiet. Es gibt verschiedene Hot Spots, wo der Himmel über der Fahrbahn ein einziges Gewirr aus kreuz und quer schwingenden Stromleitungen ist – wie sehr hohe Wäscheleinen, nur eben ohne Wäsche; Stadt am Draht.

Man gleitet wie auf Loipen durch die Straßen.

*

Auf der Rückfahrt sind jede Menge Plätze frei, und als ich mich setze, muss ich gleich mein Notizbuch rausholen, weil zwei ältere Schüler sich in die Haare geraten. Es geht hin und her, ich kann kaum mitschreiben, so schnell beschimpfen sich die beiden. Auf die Idee, die Diktiergerätfunktion des Handys zu nutzen, komme ich nicht, ich bin es gewohnt, die Dinge aufzuschreiben.

„Kauf dir ein neues Leben, Alter! Das ist voll schmerzhaft für die Welt, dass du überhaupt geboren wurdest…“

„Als deine Mutter gepisst hat, bist du einfach mit rausgeflutscht.“

„Kauf dir erstmal neue Schuhe, Alter, bevor du mich belästigst. Boh, bist du hässlich, Alter.“

„Ja sicher, weißt du auch, warum? Ich bin jedes Mal hässlich, wenn ich dich angucke, Alter! Bevor du eingestiegen bist, sah ich besser aus!“

„Kauf dir erstmal ein Backofen, du Spacken, hast du wenigstens ein Dach überm Kopf.“

„Du hast voll den Sprachfehler, Alter! Wo hast du Deutsch gelernt – bei Schäferhund!??“

„Du frisst doch zum Frühstück deine eigenen Fingernägel, Alter! Wirst du überhaupt satt davon? Hier, nimm welche von mir. Die haben wenigstens Vitamine.“

„Deine Mutter arbeitet doch bei LIDL an der Kasse, oder?! Wenn die Feierabend hat und den Ausgang nimmt, ist direkt voll der Alarm, das geht nur piep! Piep! Piep, hör mal!!!“

„Du hast doch null Freunde. Wenn du einen Freund brauchst, musst du schon einen Fuffie hinlegen – cash, sonst tut sich gar nichts.“

„Und du einen Hunni, Alter!“

„Wo wir wohnen, ist die Miete voll teuer, Alter! Nicht so billig wie bei euch, wo man vom Balkon scheißen muss, wenn man aufs Klo will.“

„Haha. Sehr witzig. Weißt du, wann ich vom Balkon scheiße? Wenn ich weiß, dass du unten hergehst,“

„Willst du mal meinen Schwanz halten? Hast du wenigstens einmal im Leben was Gutes in der Hand, Alter!“

Nächste Haltestelle Gräfrath, Museum Baden.

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4 Gedanken zu „Linie 3

  1. Herrliche, aber auch ernüchternde O-Ton-Collage!

    Ich bin die letzten Tage auch Bus gefahren. Musste meinen Sohn zu einem Praktikumsplatz in die „Schanze“ begleiten. Im vollklimatisierten Bus ließ es sich aushalten. Es war still, die meisten starrten auf ihr Display, waren eingestöpselt, abgeschottet, woanders. Einzig die Älteren schauten auf, lächelten in die Runde oder unterhielten sich leise, und die asiatischen Touris waren mit ihrem GPS beschäftigt. Stress hatte nur der Busfahrer wegen der vielen Baustellen, bisweilen kratze etwas am Blech. Ein Hörspiel, wie Du es erleiden durftest, blieb mir erspart. Ab heute fährt mein Sohn alleine, und ich sitze in der Sonne auf der Loggia und lese ernste Literatur.

    Gruß Uwe

    Gefällt 2 Personen

  2. Ha, ha, ha, herrliche Bestandsaufnahme und auch die dazugehörigen Photos:“ Fick nicht mit dem Ficker“.
    Ich musste echt laut auflachen.
    Aber ehrlich, gibt es bei euch eine Haltestelle Werwolf ?

    Gefällt 1 Person

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