A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom

Ich war sechzehn, ich war siebzehn, dann 18, und die ganze Zeit lagen zwei Taschenbücher neben meinem Bett: Gammler, Zen und Hohe Berge von Jack Kerouac, sowie A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn. Immer griffbereit. Auf dem Nachttisch. Zwei schmale Bändchen.

Mit einem kleinen Unterschied.

    Gammler, Zen und hohe Berge, das laut Klappentext von rororo von Cool Jazz und LSD handelte, habe ich nie gelesen. Ich habe das Buch x-mal Mal in die Hand genommen, ein paar Seiten gelesen und wieder weggelegt. Es war mir einfach zu sehr Fifties, es fesselte mich nicht. Aber das war nicht wichtig. Das Buch lag nicht auf meinem Nachttisch, weil ich den Inhalt so toll fand, sondern wegen der Verheißung, die von dem geheimnisvoll und fremd klingenden Titel ausging, und wegen dem Cover mit seinen weiten Horizonten, seinen Linien, den stilisierten Formen von Freiheit;

Amerika.

Zur gleichen Zeit, etwa 1976, begannen meine Locken zu sprießen. Meine Pubertät war ein Feuerwerk. Das Haar explodierte. Es franste aus in tausendundeiner Richtung, es verschachtelte sich kreuz und quer und in- und aus- und übereinander, eine gewiefte Nicht-Konstruktion, Locken wie Ausschreitungen.

„Krauses Haar, krause Gedanken“, sagten die Leute. Schafschufa, Schafschufa! hätten die Menschen in Libyen gespottet: „Krauskopf! Krauskopf!“

Dazu trug ich den ausgemusterten schwarzen Persianer meiner Mutter, den ich vom Speicher geholt hatte, den „Operettenmantel“, wie er im Kreis der Familie genannt wurde.

Ich war nicht der einzige, der den alten Persianer seiner Mutter auftrug, es war wie eine Welle, die schnell Fahrt aufnahm. Karlos erschien eines Morgens in einem braunen Pelzimitat in der Schule, das an ein Bärenfell erinnerte. Der Mantel war ihm viel zu groß, Karlos sah darin aus wie ein aufgeplusterter Grizzly. Wir steckten ihm ein Glas Bienenhonig in die Manteltasche und reizten ihn mit Stöcken, bis er wutschnaubend die Raucherecke des Schulhofs auseinandernahm – zweifellos, Karlos war der Hit.

(Schnaat kam im Schwalbenschwanz daher.)

Das Auftragen alter, den Motten entrissenen Mutti-Klamotten war unser Protest gegen die kleinbürgerliche und duckmäuserische Was-sollen-denn-die-Nachbarn-denken-Haltung unserer Eltern. Das brachte uns wirklich auf die Barrikaden.

Dieser Satz, der die deutsche Seele zu 100 Prozent abdeckt, WAS SOLLEN DENN DIE NACHBARN DENKEN, ist noch heute aktuell, es hat sich nichts geändert. Jedes Mal, wenn in der Öffentlichkeit irgendetwas zum NO GO! erklärt wird, zum modischen Tabu, zur nächsten Todsünde, muss ich daran denken, was in Wahrheit dahintersteckt: nichts anderes als das urdeutsch gequälte DAS TUT MAN NICHT!

Und:

    Was sollen denn die Nachbarn denken!?

Der Satz bündelt die Sorge, die deutsche Angst, unter seinesgleichen aufzufallen. Dass man aus der Masse herausragt. Als wäre es erste Bürgerpflicht, nichts darzustellen im Leben und lieber als veritable Null ins Grab zu rauschen. Hauptsache, man hat nirgends angeeckt.

Ja, so ist das.

Wir befinden uns Mitte der 70er Jahre. Ich bin 16 Jahre alt und zwei schmale Bändchen aus Amerika liegen neben meinem Bett. In Deutschland herrscht in diesen Tagen eine Atmosphäre von Angst und Erstarrung. Die Angst vor der RAF regiert das Land, Angst vor Terrorismus, dazu die Angst vor Drogen, die Energiekrise, Deutschland, einig Angstland. Während die USA die Mondlandung hatten, Andy Warhol und Campbells Dosensuppen, hatten wir nur Sonnen Bassermann und unsere Angst. Und da setzen wir Jungen an, da wollten wir nicht mitmachen. Sollten doch die Nachbarn denken, was sie wollen.

Ich wurde erstmal ein Gammler und tat: nichts.

NICHT war überhaupt unsere große Überschrift in jenen Tagen. Ich ging irgendwann NICHT mehr in die Schule, ich spielte NICHT mehr im Fußballverein, ich ging NICHT MEHR zu Familienfeiern. Ich wurde ein Fan der großen Verneinung, ich wurde destruktiv, ich verpestete alles mit meiner Passivität, wie ein Sozialkundelehrer einmal zu mir meinte, als er mir ins Gewissen zu reden versuchte. Hätte der Pinsel nicht diese lächerlichen Jesuslatschen getragen, vielleicht hätte ich ihm tatsächlich zugehört statt ihm nur auf die Füße zu glotzen.

Zur Passivität kam meine überbordernde Lockenpracht und der löchrige schwarze Persianerpelz meiner Mutter, mein Gott, was haben eigentlich die Nachbarn damals gedacht. Meine armen Eltern tun mir noch im Nachhinein leid.

Mit der Furcht aufzufallen war ihre Generation aufgewachsen. Im Dritten Reich aufzufallen war lebensgefährlich gewesen. Wie oft hatte Vater erzählt, wie seine Mutter abends ums Haus herumschlich und sorgsam die Schlagläden schloss, damit die Nachbarn bloß nichts davon Wind kriegten, wie bei den Glumms wieder mal über die Nazis hergezogen wurde.

(Was meine Großeltern Jahre zuvor nicht daran gehindert hatte, NSDAP zu wählen. Warum? Weil Großvater arbeitslos geworden war und die NSDAP Jobs versprochen hatte.)

Es konnte lebensgefährlich sein, was die Nachbarn von dir dachten. Auch in den 70ern lebten viele der alten Nazis noch, sie waren überall. Wenn ich Bus fuhr mit meiner Struwwelpetermatte konnte es passieren, dass mir so ein Nazi-Rentner von hinten ins Haar griff und brüllte, dass es das beim Adolf nicht gegeben hätte. Beim Adolf muss wohl die schönste und herrlichste Kneipe gewesen sein, die Deutschland je gesehen hatte. Warum hatte man die eigentlich dichtgemacht?

„Deutscher Humor vor den Nazis war nicht mal übel, ach wo, das war großartig! Das war die Zeit von Dada – distanziert, lakonisch, ein wenig von oben herab, aber durchaus menschlich, scharf und menschlich. Bis Hitler kam und anfing, Judenwitze zu erzählen.“

(Die Gräfin)

Das alles hatte für mich irgendwie mit Protest und Gammler, Zen und Hohe Berge von Kerouac zu tun, mit Amerika und Freiheit, ohne dass ich das Buch je gelesen hatte. Es reichte, Gammler, Zen und Hohe Berge so auf dem Nachttisch zu platzieren, dass es jedem Besucher sofort ins Auge fiel. Es war genauso ein Statement wie der Text von „Sittin‘ on the dock of the bay“ von Otis Redding, den ich auf Schreibmaschine abgetippt und an meine Kinderzimmertür geklebt hatte, weil er von einer lässigen amerikanischen Lebensart kündete, die mir so fehlte in unserem Land.

Das andere Buch dagegen, A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom von Nik Cohn, ja na klar, das hatte ich gelesen. Und wie ich es gelesen hatte. Ich hatte es gefressen. Nicht nur einmal. Mindestens zehnmal. Es ist bis heute mein Rock’n Roll- und Beat-Mantra. Ich habe es mit Klauen und Zähnen gelesen, wieder und wieder habe ich es mir einverleibt. Wenn Wein das Blut Jesu ist, ist A Wop Bop A Loo Bop das Kreislaufmittel der modernen Popmusik.

Nik Cohn, britischer Musikjournalist, erzählt darin die Story des Rock’n Roll, von seinen Anfängen bis etwa 1970, dem Termin der Drucklegung.

Und jetzt kommen wir, endlich, zum Kern der Geschichte.

Vergangene Woche wollte es der Zufall, dass mir ein bestimmtes Wort nicht einfiel. Es war nicht so, dass ich das Wort für einen Text benötigte, nein, ich wollte das Wort einfach noch mal lesen, ich wollte es noch mal vor Augen haben, noch mal spüren. Es war mir lange Zeit nicht mehr begegnet und ich spürte den Wunsch, es aus der Versenkung zu holen. Aber ich kam nicht drauf, welches Wort es war. Wie es hieß. Wie der Klang ging. Ich hatte nur so ein Gefühl.

Und ich wusste, wo ich zu suchen hatte.

Ich nahm das mittlerweile zerfledderte Exemplar von A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom, ein Taschenbuch, das von keinem Umschlag mehr zusammengehalten wird, und machte mich auf die Suche nach einem Wort, das mir nicht mehr einfiel und von dem ich nur noch wusste, dass es früher meine Phantasie beflügelt hatte. Auch wenn ich nicht einmal mehr wusste, ob es sich bei dem gesuchten Wort um ein Hauptwort handelte oder vielleicht um ein Adjektiv, so wusste ich doch um seine ungefähre Bedeutung:

hip, camp, verdreht, mit einem Schuss Intellekt und Philosophie. Und dass es englisch war. Natürlich. Das auch. Nicht wirklich ins Deutsche übersetzbar.

Die Suche dauerte anderthalb Tage. Ich verwickelte die Gräfin in die Fahndung, nachdem sie sich gewundert hatte, warum ich so konzentriert und gleichzeitig wie nebenbei in dem nikotingelben zerfledderten Taschenbuch ohne Cover blätterte, von dem ihr nur eines bekannt war: dass es aus meinen Jugendtagen stammte und dass ich es verehrte wie kein zweites.

Tatsächlich habe ich selten ein so leidenschaftliches Werk gelesen wie A Wop Bop A Loo Bop von Nik Cohn. Cohn pflegt einen wilden urbanen Schreibstil, und er ist absolut subjektiv in seinem Urteil. Was ihm gefällt, wie etwa die Stones oder Little Richard, das feiert er hemmungslos ab, er verfeuert eine Rakete nach der anderen für seine Helden. Doch was ihn langweilt, wie Bob Dylan oder die Doors, das macht er platt. Er rotzt es auf den Boden wie einen fiesen Jello und er tritt beim Weitergehen noch mal drauf. Ein gnadenloser Schreiber. Manchmal kotzte er mich an.

Er hatte in diesem Buch mein Lieblingswort benutzt, und das gleich mehrfach. Während ich mich nun fest las in den alten Rock’n Roll-Geschichten, ich las wie ein –Ermittler, auf dessen Fahndungsliste lediglich ein einziges Wort stand,  unterrichtete mich die Gräfin über ihr Lieblingswort:

schlaftrunken.

„Wenn ich das irgendwo lese, kriege ich sofort ein Glücksgefühl.“

„Ja, genau! So ging es mir bei meinem Wort auch.“

Aber ich kam nicht drauf, wie es hieß. Und ich fand es nicht in Cohns Text. Es dauerte. Ich stieß auf das Wort, als ich im eigentlich unverdächtigen Beatles-Kapitel suchte. Ich hätte es eher bei Bob Dylan im Folk/Rock-Kapitel vermutet oder vielleicht bei Phil Spector. Stattdessen also in dem Kapitel, vor dem es Cohn am meisten gegraut hatte, weil schon damals alles über die Fab Four aus Liverpool geschrieben worden war. Das Wort, das ich suchte, tauchte im Beatles-Kapitel im Zusammenhang mit Stu Sutcliffe auf, dem früh verstorbenen Ur-Beatle, der stets Sonnenbrille getragen hatte, auch bei Dunkelheit, Mr. Obercool, der, so Cohn, „Image von Natur aus“ war. Ihm gebührte das Wort, das mich als Jugendlicher so fasziniert hatte, dass es mir durch und durch gegangen war:

    sophisticated.

HIER ISSES! rief ich überwältigt und trug es laut vor. Ich ließ es richtig krachen in den Abendstunden.

„Na, Gott sei Dank“, seufzte die Gräfin.

10 Gedanken zu „A Wop Bop A Loo Bop A Lop Bam Boom

  1. Die 70er erinnere ich anders (bin ja auch ein bissel jünger): Bei uns dudelte James Last rauf und runter, mein Vater kaufte sich den allerneuesten BMW in orange und karriolte halsbrecherisch und kettenrauchend mit uns über die Dörfer zur Omma, im Partykeller floss der Moselwein und Jonny Walker mit Cola – eine ganz unbeschwerte Zeit.

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  2. Bei mir waren die Siebziger weder grau noch orange. Das bleierne Man (tut das nicht) stand vor und hinter Vielem, das schon, aber noch, noch war ich als Libero im Spiel und erkundete mit ausgelassener Ruhe die Tiefe des Raums.

    Dann kamen die Literatouren und „Das andere Geschlecht“, die Ruhe war dahin und aus dem Libero wurde der Leser, der beim Versuch, den Satz „Ich ist ein anderer“ ins eigene Leben zu übersetzen, älter wurde.

    Bei Dir war es ein Wort, bei mir dieses Bonmot von Arthur Rimbaud, das mich elektrisierte, eigentlich bis heute. Danke, dass Du mich mit Deinem Text wieder mal daran erinnert hast.

    Gruß Uwe

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  3. Besucher durften bis in Schlafräume vordringen? Mussten sie ja, um die sorgfältig ausgelegte Lektüre unters Auge zu kriegen. Kerouac lag bei mir auch rum und natürlich das, wo drinsteht, dass einer den Kopf seiner Mutter im Backofen röstete, nach dem Grund gefragt er antwortete, weil er Hunger habe…War „Der Tod der Familie“ von einem David Cooper.
    Heftige Sachen. Demzufolge rannte ich auch nicht in ollen Mutti-Klamotten rum, sondern in Heideröschenkleidung.
    Du hast `ne satte Fantasie. Coole Ergänzung mit Bereicherung hoch zehn durch Frau Gräfin!

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    • Aber das beruht ja nicht auf Phantasie, wir sind damals tatsächlich in den alten Pelzmänteln unserer Mütter rumgelaufen. Das war cool. Das war der letzte Schrei. Das sah richtig gut aus. Na gut, das Glas Honig in der Manteltasche von Karlos, zugegeben, ist der Phantasie geschuldet.

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    • Sehr weise. Cohn schreibt unnachahmlich. Allerdings muss man Interesse für frühen Rock‘ Roll haben, aber da seh ich bei dir kein Problem. Wenn du das Beatles Kapitel liest, da gibt es eine längere Passage, wo Cohn die Verhältnisse der einzelnen Beatles untereinander klärt. Eine Sternstunde der Psychologie.

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      • Ich sauge jede noch so abseitige Information über die Geschichte der Rockmusik auf wie ein Schwamm, vor allem wenn sie direkt aus der Zeit stammt, wo alles passierte…

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  4. Pingback: Gefunden - Watchki | GPS Watches

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