Giganten

Wenn Dinge in einem Zusammenhang auftauchen, wo man sie nicht vermutet, wenn sie ihren eigentlichen Bestimmungsort verlassen, das fällt auf. Da bleibt man stehen und sagt leise zu sich, na. also, Moment mal…

Die tägliche BILD-Zeitung ist nicht dafür gemacht, monatelang auszuhängen, sie ist fürs schnelle Frühstück im Bauwagen gemacht, wenn der Polier Punkt halb 10 hereinschneit und Maaahlzeit! schreit. Dann packt einer die BILD aus und schmatzt zur Stulle. Vielleicht unzufrieden, vielleicht zornig, aber nicht wochenlang über die selbe alte Ausgabe gebeugt. Dafür ist die BILD nicht gemacht, das ist nicht das Szenario, das sich Verleger und Redaktion wünschen, Tag für Tag, Ausgabe für Ausgabe.

Da ist dieses Schaufenster, das von oben bis unten mit den Doppel-Seiten und Schlagzeilen einer BILD-Ausgabe zugepflastert ist – blickdicht. Damit man als Fußgänger nicht hineinsehen kann. Dahinter wird gearbeitet, ist die Message, hier wird renoviert. Hier wird überbrückt. Geh weiter. Es ist dieses winzig-kleine Ladenlokal, das wieder mal leersteht. Wieder einmal erwartet es einen Nachfolger. Der nächste kleine Krauter, wie man hier sagt, wenn man Selbständige meint, der nächste kleine Krauter wird sein Glück an dieser Stelle versuchen, mit der nächsten Frisör-Bude, dem nächsten Franchise-Billig-Bäcker, dem nächsten Änderungs-Atelier.

Das kleine Ladenlokal, an dem ich fast täglich hergehe, ist diese endlose Folge von Geschäftseröffnungen und Geschäftsschließungen gewohnt, schon seit den 80erjahren. Manchmal denke ich, okay, jetzt war’s das. Jetzt hat der Vermieter endgültig die Nase voll. Jetzt vermietet er nicht mehr, jetzt schließt er das Ding und baut es zu einer kleinen Mietwohnung um, Hochparterre. Aber noch ist es nicht so weit. Noch bleibt uns das Schaufenster erhalten, noch wird renoviert, verdeckt von der BILD-Zeitung.

Und urplötzlich, aus den Augenwinkeln, lese ich: PETER ALEXANDER: SEIN EINSAMER TOD. Das ist der Moment, wo ich stehenbleibe und stutze. Wo ich denke, ja wie – Peter Alexander?! Der ist doch schon lange tot. Von wann ist diese BILD denn? Ich lese: Es ist eine alte Ausgabe, von Februar 2011.

PETER ALEXANDER: SEIN EINSAMER TOD.

Ich wundere mich, dass ich den Aufmacher zuvor nie wahrgenommen habe. Ich meine, wie oft bin ich in den vergangenen Tagen mit dem Hund an dem leerstehenden Lokal vorübergewischt. Das mit Peter Alexander hätte mir auffallen müssen. Sein einsamer Tod… Alte Tageszeitungen machen immer ein bisschen traurig. Man kennt das, wenn man Freunden beim Umzug hilft und da fällt dir eine vergilbte alte Zeitung in die Hand, brüchiges dünnes Papier, die Überschriften in altmodischen Lettern gesetzt. Wenn du dich in die Ecke setzt und ein bisschen in den alten Zeiten gräbst. In der Vergänglichkeit ist es gruselig.

Moment mal:

Anfang 2011, in diesen Tagen ist doch auch meine Mutter gestorben. Am Tag nach Weihnachten 2010, genauer gesagt. Damals ist mir das gar nicht aufgefallen, dass 14 Tage später auch Peter Alexander starb, so kurz nach meiner Mutter. Dass die beiden fast zur gleichen Zeit plötzlich nicht mehr auf der Welt waren. Das fällt mir erst jetzt auf. Acht Jahre später, an einer zugeklebten Schaufensterscheibe.

In den folgenden Tagen bleibe ich in regelmäßigen Abständen vor dem leerstehenden Geschäftslokal stehen, (den Hund an der Leine, weil die Wupperstraße stark befahren ist), und vertiefe mich in den Artikel, der von Peter Alexanders Tod kündet. In Wahrheit trauere ich um meine Mutter. Es ist nicht so, dass  mir die Tränen kommen, im Gegenteil. Ich fühle mich sogar grässlich nüchtern, weil da dieser Abstand ist, den der Tod schon aufgebaut hat in den vergangenen Jahren. Ich lese jeden Tag ein Stückchen mehr über den Tod.

Als Junge war ich, ähnlich wie meine Eltern, ein großer Fan von Peter Alexander. Das war in diesem Alter, wo man brav seinen Eltern folgt, wo man ihre Leidenschaften teilt,  wo man sie im Freundeskreis bis aufs Blut verteidigt. Allzu lange hält diese Affenliebe nicht, doch solange sie da ist, kann man sich als Elternteil blind darauf verlassen. Meine Eltern verehrten Peter Alexander, sein wienerisches „heidschi bum beidschi bum bum“, seinen bübischen Charme, die große Peter Alexander Show im ZDF.  Mein Vater hatte sogar einige Peter Alexander-Platten in seiner Sammlung, sonntags liefen Peter Alexander-Filme im Fernsehen. In einem Film verkleidete er sich als Charleys Tante. Ich erinnere mich, dass ich den Film nicht besonders fand, ich ihn aber gern toll gefunden hätte, weil Peter Alexander mitspielte, aber leider konnte ich nicht richtig über ihn lachen. Ich war entsetzt von mir selbst, dass ich Peter Alexander nicht so gut fand in dem Film.

Mai 2019. Ich stehe vor der Schaufensterscheibe des leerstehenden kleinen Ladenlokals. Meine Mutter starb im Alter von 83 Jahren. Peter Alexander war 84 geworden, lese ich.

EIN GIGANT IST VON UNS GEGANGEN!

Zwei Giganten.

Erst jetzt geht mir auf, dass es wohl an der Zeit ist, von der Generation meiner Eltern endgültig Abschied zu nehmen. ER WOLLTE NICHT MEHR ESSEN. DIE KÖCHIN FAND IHN TOT IM BETT. Es gibt sogar ein Foto, das ihn auf einem Friedhof in Wien zeigt, im schweren Fischgrät-Mantel. Peter Alexander ist grau und unrasiert, er steht am Grab seiner Frau. Die Aufnahme, so entnehme ich dem Text, muss kurz vor seinem Tod entstanden sein. Ein Paparazzo hat sie gemacht. Peter Alexander sieht ganz dürr aus auf dem Bild.

SCHNELLE BEERDIGUNG IN WIEN.

Meine Mutter wollte auch nichts mehr essen, als sie spürte, dass es zu Ende geht. Am Schluss hat niemand mehr Hunger. Wozu denn auch. Worauf soll man denn bitteschön noch Hunger haben, wenn es das letzte ist, was es zu essen gibt. Als Mutter starb, war Vater noch da, wir Kinder haben uns einige Jahre um ihn gekümmert, bis auch er starb und der Tod sein dunkles Tuch über die Familie spannte. Der Spruch, dass man erst dann erwachsen ist, wenn deine Eltern tot sind, bewahrheitete sich für mich. Wenn auch anders als erhofft. Nicht so emanzipatorisch, sondern.. ja wie? (Oder schaffte ich es nur vom Berufsjugendlichen zum Hobby-Erwachsenen, wie die Gräfin einst geunkt hatte?)

Vater starb 2014, und etwa um diese Zeit begannen auch meine Angstattacken, wie ich sie zuvor nur vom Hörensagen bzw. längst vergangenen LSD-Trips kannte. Doch plötzlich standen sie in meinem Leben und wurden übermächtig. Der Tod der Eltern hält das Leben ja nicht auf. Im Gegenteil. Jetzt schreitet es am unerbittlichsten voran.

Seither ist es oft so, als säße ich hinter einem Vorhang und beobachtete das Geschehen. Zwischendurch schiebe ich den Vorhang etwas beiseite und sehe etwas klarer. Das sind die Momente, wo ich glaube, gleich brichst du zusammen, du schaffst es nicht mehr, ein gewaltiger Ausbruch droht, Blut und Tränen. Also ziehe ich den Vorhang langsam wieder zu, damit es nicht so auffällt, wie erledigt ich bin.

Der Hund sitzt an meiner Seite und blickt an mir hoch. Jetzt mach schon hin, sagt sein Blick. Mach, dass du weiterkommst. Es ist alles bestens, Dummkopf.

8 Gedanken zu „Giganten

  1. Einer dieser Texte, die zuerst sprachlos machen, während sie sich tief unter die Haut bohren und dort liegenbleiben. Wie festgeklebt wispern sie von Vergänglichkeit und von Sterblichkeit, von Dingen also, die ich bei allen anderen viel schlimmer finde als bei mir selbst. Weil sie Verlust bedeuten. Und das wiederum macht Angst.

    (Dass du auch Angstattacken hast, habe ich nicht gewusst. Nicht schön. Mein Mitgefühl hast du.)

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  2. Traurig und anrührend.

    Und kurz bevor eine Träne sich bilden wollte, kam ich beim Lesen zur Parenthese, in der die Gräfin mal wieder einen ihrer Sprüche für die Ewigkeit von sich gab, die eher Romantiteln ähneln als Sätzen, die eben mal so fallen in einer netten Unterhaltung. So verdrückte sich die Träne und kehrte nicht wieder, nicht zuletzt deswegen, weil nicht die Angst, sondern der beistehende und aufmunternde Blick des Hundes den Schluss bildet. Wohl dem, der solche Lebensbegleiter hat (Gräfin & Hund).

    Gruß Uwe

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  3. Ich hab zuerst immer die Bild-Überschrift ohne Doppelpunkt gelesen. Ich konnte es gar nicht glauben. Dann hab ich die Brille aufgesetzt. Alles beim Alten. Und die kleinen Krauter machen manchmal das wildeste Weed. Ach ja, und der Hund hat recht. Wie meistens.

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  4. „Der Tod der Eltern hält das Leben ja nicht auf. Im Gegenteil. Jetzt schreitet es am unerbittlichsten voran.“ Ja, seltsamerweise hatte ich diese Woche mehrmals genau darüber nachgedacht. Und dann stand da auf einmal dieser Satz. Meine hatten auch eine Peter Alexander Schallplatte.

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