Ein schwuler Berliner

Es war die dritte oder vierte Nacht hintereinander, die sie bei mir geschlafen hatte, und jeden Morgen dauerte es länger, bis sie sich unter die Dusche bequemte. Während ich im Bett blieb und mit einem Kater zu kämpfen hatte, der mit jedem Atemzug giftiger und böser aus der Wäsche guckte, hörte ich sie rumoren im Bad, ich hörte Wasser gegen den Duschvorhang prasseln, in der Küche lief Kaffee durch. Wenn sie fertig war, rief sie nach einem Handtuch. Ich hatte das Gefühl, dass es ihr Spaß machte, mich ins dampfende Bad zu rufen, wie ihren persönlichen Butler. Sie sah mich gern im Dampf stehen, mit einem frischen Frotteetuch in der Hand. James, einmal blasen.

Das Problem: Sie bedeutete mir nichts. Wäre ich verliebt gewesen, es hätte mir nichts ausgemacht, ihr Morgen für Morgen das Handtuch nachzutragen, ja, ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass mich das nerven könnte, ich hätte es amüsant gefunden. Aber ich war nicht verliebt. Ich fand es nicht amüsant. Milady bedeutete mir nichts. Nicht am vierten Morgen hintereinander.

Ich meine, sie war nicht verkehrt, sie war okay soweit, aber mehr auch nicht. Es mangelte unserem Verhältnis entschieden an Pfiff. Es konnte mir nicht schnell genug gehen, bis sie morgens mit dem Duschen fertig war, ins Auto stieg und abdüste zur Arbeit, genauso, wie es mir abends nicht schnell genug gehen konnte, mit ihr im Bett zu landen.

Es hatte etwas ernüchternd Plumpes, wenn sie im Morgenlicht wie eine frisch geduschte Daisy Duck durch die Küche watschelte. Und war es nicht schon immer sterbenslangweilig und ernüchternd gewesen, wenn Daisy Duck im Micky-Maus-Heft auf der Bildfläche erschien? Blätterten nicht alle Jungs schnell weiter, wenn Daisy Duck um die Ecke kam? Andererseits küsste sie sehr süß mit der kleinen Zunge, wie ein Nagetier küsste sie, nur mit der Zungenspitze, es machte mich rasend. Ich wollte die ganze Zunge, aber sie rückte nur ein kleines Stück heraus. Sie wusste genau, was sie tat.

Das vielleicht grösste Problem: Ich wusste nie, worüber ich mit ihr reden sollte. Wir hatten uns nichts zu erzählen. Wir waren Fremde.

Es war das erste Mal, dass ich auf eine solch unentschiedene Art mit einer Frau zusammen war, so la la, so mit halbem Herzen –  irgendwie schämte ich mich dafür. Ich war auf dem absteigenden Ast. Ich wusste nicht mehr, wofür ich stand. Ich tat Dinge, die mich bei Tageslicht abstießen. Ich war sechsundzwanzig und trank so viel, dass meine besten Freunde begannen sich von mir abzuwenden, („Hast du dich in letzter Zeit mal betrunken erlebt?“ spöttelte der dicke Hansen. „Ein Lacherfolg.“), doch wenn ich schon draufgehen sollte, dann bitte ohne die sehnsüchtigen Blicke einer Frau, die etwas von mir wollte, was ich ihr nicht geben konnte.

„Ihr habt ne komische Brause“, sagte sie. „Mal ganz heiß, dann eiskalt… und der Strahl ist so hart, das brennt richtig auf der Haut. Kann man das nicht irgendwie… gleichmäßiger einstellen?“

„Muss… ich mal sehen“, murmelte ich.

Wir saßen am Küchentisch und tranken Mocca. Ich kam mir vor wie ein Ehemann, dessen Weib zur Arbeit musste, während er selbst zurück in die Koje durfte. Ich hatte aber keine Lust noch mal einzuschlafen, ich war das Träumen satt. Aber was sollte ich sonst tun? Der Tag schüttete sich vor mir auf wie eine riesige Stundenhalde.

Sie sah mich an und kicherte. Auch wenn Karlos‘ Zimmertür geschlossen war, sein Schnarchen war plötzlich bis in die Küche zu hören. Wahrscheinlich hatte er gerade den Schlafmodus gewechselt.

„Da ist ja ganz schön was los bei deinem Freund.“

Sofort entspannte sich die Situation. Wir lachten.

„Ist Karlos wirklich Schauspieler?“ fragte sie.

„Ja“, sagte ich.

„Im Fernsehen?“

„Auch, ja.“

Tatsächlich hatte er in einer ARD-Vorabendserie mit dem Titel „Diplomaten küsst man nicht“ eine Nebenrolle ergattert. Und im Theater spielte er Karl Valentin. Seitdem redete er dauernd bayrisch, wenn wir uns über den Weg liefen. „Pfeiti Gott“ und so Zeugs. Oder „Koannst mir an Zehna leihn, Saupreiss?“

Das Burgfräulein verschwand in mein Zimmer und zog sich an. Ich nannte sie das Burgfräulein, weil genau das mein Eindruck gewesen war, als wir das erste Mal zusammen im Bett waren und ihr blondes Haar sich auf dem Kopfkissen verteilte wie golden gesponnenes Märchenwerk. Eine Viertelstunde später war es geschafft. Die Frühschicht rief. Sie arbeitete im städtischen Klinikum als Kinderkrankenschwester. Noch ein Jahr und sie würde Stationsschwester sein. Schweigsame Mädchen sind ehrgeizige Mädchen.

„Vielleicht bis morgen Abend..?“ fragte sie, als das Taxi vorfuhr.

„Ja“, sagte ich. „Klar.“

Der Blick, den sie mir rüberwarf, war ebenso unsicher wie mein „Ja. Klar.“ gebrochen klang. Was ein scheiß Morgen. Ich war heilfroh, als ich allein war.

Karlos schnarchte wie ein Esel.

Um neun lief der nächste Mocca durch, gleichzeitig klingelte das Telefon. Ich ließ es eine Weile klingeln, doch der Anrufer blieb hartnäckig. Ich nahm den Hörer ab.

„Ich hab dich gestern in der Stadt gesehen, du hast ja die Haare ab..!“ rief Lana aufgeregt, ohne groß hallo zu sagen. Sie war laut wie eine Trans-All.

„Ja, schon seit ein paar Tagen“, antwortete ich.

„Du siehst ja furchtbar aus. Wie ein entflohener Sträfling.“

„So, findest du?“

„Ja, da ist ja nicht eine einzige Locke übrig. Geht’s dir so schlecht?“

„Mh? Wieso sollte es mir schlecht gehen?! Nur weil ich beim Frisör war? Ist das denn für ne Logik?“

„Na, wegen uns mein ich. Willst du dich mit dem Militärschnitt selbst strafen?“

„Was.. redest du denn da?! Wofür sollte ich mich selbst strafen?“

Erst jetzt fiel bei mir der Groschen. Ich seufzte.

„Ich.. hab mich beschissen benommen letztens im Nordpol, tut mir leid, das war überflüssig. Aber ich komme schon klar, keine Angst.“

„Na ja, wenn du meinst…“, sagte sie.

In Wirklichkeit kam ich überhaupt nicht klar, nicht die Bohne kam ich klar. Besonders nicht so früh am Tag, wenn ich verkatert war und nicht wusste, was ich mit mir anstellen sollte. Doch Lana war wirklich die letzte, der ich das auf die Nase binden wollte. Ich sah aus wie ein entflohener Sträfling? Na schön, meinetwegen. Das war immer noch besser als Karlos‘ Kommentar, als er am Abend zuvor meine neue Frisur in Augenschein genommen hatte, in diesem bayrischen Dialekt, den er kaum noch ablegen konnte, seit er auf der Studiobühne des Stadttheaters Valentinaden spielte.

„Na, do schau her, wia sieht denn da Glumm aus!? Da Glumm sieht aus wia a schwula Berlina! Und wos fia a stoggschwula!“

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3 Gedanken zu „Ein schwuler Berliner

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