Bringen Sie uns, was Sie haben, für fünf Mann

Im Juni lief mir am Grünewald der Mitsubishi Boy über den Weg. Er war seit einer Woche draußen. Fast zwei Jahre hatte er abgesessen, wegen dieser dummen Sache beim Grenzübertritt nach Deutschland, als ein Kilo Haschisch auf dem Beifahrersitz lag, einfach so, wie Weintrauben. Und weil der Motor seines runtergerockten Sportwagens plötzlich brutal laut gurgelte, winkte der Zoll ihn raus. Niemand hatte je daran gedacht, Öl nachzufüllen, nicht bei dieser alten Gangsterkutsche.

“Ja, bist du doof?? Ich mein, ein Kilo.. einfach so auf dem Beifahrersitz…und dann noch so einen Schlitten unterm Hintern.”

“Na, weißt du, doof.. das ist ein hartes Wort, Bruder. Es war ein schöner Ostermontag, ich am Flöten, tausend Mark Kurierlohn in Aussicht und auf der Bahn voll der Rückreiseverkehr, ich meine, wer konnte ahnen, dass die ausgerechnet mich rauswinken..”

Ausgerechnet ihn, mit Blues Brothers-Sonnenbrille, handgestrickter Mütze mit nepalesischen Bommeln dran und knochenlaut Ry Cooder im Tapedeck, ausgerechnet ihn, mit sterbendem Motorenlärm und fettem Soundsystem, ausgerechnet ihn, mit unrasierter Visage und Kolbenfresser. Na, so gesehen, stimmt schon, kommt eigentlich keiner drauf. Außer zwei, dreitausend Rauschgiftzöllnern vielleicht.

Dass Mitsubishi übermütig geworden war, lag auf der Hand. Es war zu oft gut gegangen. Er hatte Schwarzen Afghanen in 100 Gramm-Blöcken über die Grenze geschmuggelt, in Farbeimern versteckt. Die Zöllner hielten ihn für einen Malermeister, der in Arnheim zu tun hatte. Vielleicht auch für einen Gesellen. Einen Stift. Einmal musste er den Kofferraum öffnen, da standen drei Pötte Farbe. „Haben Sie was zu verzollen? Machen Sie mal einen Eimer auf“, forderte der Beamte.

„Er hätte nur kurz mit dem Löffel umrühren müssen, und ich wäre erledigt gewesen. Aber er begnügte sich mit einem Blick auf die königsblaue Farbe. Und in meinen Schuhen hatte ich vier Gramm Heroin gebunkert.“

Ostern ’85 war es dann schief gegangen. Ort der kriminellen Handlung war der Grenzübergang Emmerich gewesen – 33 Monate, ohne Bewährung. Zwei Drittel musste der Mitsubishi Boy absitzen. Zwei Drittel, die er mit dem Studium philosophischer Texte abbummelte, von Charles Bukowski über Dostojewskis „Der Idiot“ und Steinbecks „Die Straße der Ölsardinen“ bis zur hoffnungsvoll versoffenen Philosophin Marguerite Duras.

„Ich hab noch nie so viel gelesen wie in der Kiste. Ein Buch nach dem anderen, bis ich nicht mehr nachdenken musste. Was ist erfrischender als ein gut geschriebener Satz, der wie von allein in deinem Kopf verschwindet.“

Weil er sein Entlassungsgeld noch nicht ganz auf den Kopf gehauen hatte, ließ Mitsubishi eine Pulle Rum springen, die wir im Stadtpark leermachten. Komischerweise war ich nicht mal halbbetrunken, auch Mitsubishi war eher noch ein bisschen cooler als sonst schon. Dass er 22 Monate Bau hinter sich hatte, merkte man ihm nicht an, 22 Monate Tresor, im toten Winkel.

„22 Monate das Gerassel der Schließer in den Ohren“, stöhnte Mitsubishi, „und mittags Erbsenpüree.“

Er war nicht mal besonders grau geworden im Gesicht, auch vom gefürchteten rastlosen Hin- und Herlaufen, dem berüchtigten Knast-Getrippel, den restless legs, war bei ihm nichts zu spüren. Nein, er saß cool auf seinem Hintern wie früher auf dem Bananensattel seines Bonanza-Rads. Ein eher schüchterner, gutaussehender Bursche, ein echter Beau. Wir waren auf dieselbe Schule gegangen und hatten uns nach Schulschluss schon mal gegenseitig einen runtergeholt. Warum auch nicht. Wofür hat man die Dinger, wenn man jung ist. Da kann der ein oder andere Kamerad ruhig mal dranpacken.

Ich sehe ihn noch vor mir, als Knirps auf dem Bonanzarad, mit hochgezogenem Lenker und buschigen Fuchsschwanz. Fahren sah man ihn eher selten auf dem Rad, meist lungerte er an der Ecke herum, den Hintern lässig auf dem King Size-Bananensattel geparkt, cool aus der Wäsche guckend. 1975 war er die coolste 14jährige Sau der ganzen Stadt. Ein Killer. Aber ohne Zigarette. Von Zigaretten wurde uns schlecht.

Halb angetrunken verließen Mitsubishi und ich den Stadtpark, Richtung Mumms. Nachmittags war grundsätzlich tote Hose in Kneipe No.1, nur hinten am Flipper hockten ein paar Leute, darunter Meckenstock und Harry.

„Harry“, sagte ich.

„Glummmann“, sagte Harry.

Harry sagte immer Glummmann, wenn er mich grüßte. Er hatte ein charmantes Grübchen und arbeitete seit Jahren auf dem gleichen Büro. In welchem Metier wusste ich nicht. Er sprach nie darüber. Irgendein Großhandel, keine Ahnung. Ein verlässlicher Bursche. In seiner abschließbaren Schreibtischschublade wartete stets ein gesatteltes weißes Pferdchen, bereit für einen kleinen Ausritt: der Flachmann. Weißer Rum. Harry war ein schwerer Trinker. Genau wie Meckenstock, der sich in eine Spendierlaune reinsteigerte, als er Mitsubishi erblickte. Er warf eine Runde nach der anderen. Er und Mitsubishi hatten sich fast zwei Jahre nicht gesehen. Meckenstock war ein bisschen in ihn verknallt. Nicht, dass er das zugegeben hätte. Es war Meckenstock höchst unangenehm, schwul zu sein. Er hätte alles dafür gegeben, nicht schwul zu sein. Aber er war nun mal schwul, und Mitsubishi war nicht schwul.

Eine Frau, die ich vage vom Sehen kannte, gesellte sich zu uns an den Tresen.

„Mann, bist du dünn geworden“, meinte sie zu mir.

„Liegt vielleicht am Schnäuzer, der ist weg“, sagte ich.

„Hast ihn dir wegrasiert, was?“

„Nee, weggesoffen.“

Fertige Männergesellschaft am Nachmittag, die beteiligten Frauen waren auch nicht die hellsten. Meckenstock schlug sich auf die Schenkel.

„Los, wir gehen was essen. Ich lade euch ein.“

Wir landeten in der Chinesischen Mauer, dem größten Chinalokal der Gegend, gleich neben dem Zwillingswerk.

„Bringen Sie uns, was Sie haben, für fünf Mann!!“

Die Kellnerin lächelte zunächst, schien es sich dann aber anders zu überlegen und machte auf leicht gekränkt, als fühlte sie sich veralbert, verkackeiert. Meckenstock versuchte seine flapsige Ansage „für fünf Mann“ zu präzisieren.

„Bringen Sie uns ein bisschen Rindfleisch, einen Happen Ente, also knusprige Ente, eine Platte mit Hühnchen und so, eben für fünf Mann, dazu ein paar Schüsseln klätschigen Reis und Gemüse, Sie wissen schon… Und Sekt natürlich, Sekt im Kübel. Gekühlt.“

Meckenstock war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er keiner Arbeit nachging, war er stets flüssig und spendabel. Eine Weile jobbte er im größten Autohaus der Stadt, eine Stelle, die Harry ihm besorgt hatte. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich Meckenstock zur Verkaufsgranate Nummer 1. Er steckte wirklich alle Kollegen in die Tasche und verdiente in den ersten drei Monaten eine Mörderkohle. Noch nie hatte ein Novize, dazu ungelernt, die Rangordnung unter den Verkäufern so durcheinandergewirbelt. Nach Feierabend geriet er in eine Verkehrskontrolle, mit fast drei Promille im Blut. Lappen weg, Job weg, Karriere ade. Nur die Kleidung blieb an seinen Knochen. Er lief rum wie ein Businessman, der Popcorn-Maschinen oder bunte Las Vegas-Partyzelte verlieh. (Ob er damit Geld machte, blieb offen.)

Ein hagerer Bursche, kein Gramm Fett zu viel. Vom jahrelangen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse so schwer angeschlagen, dass jedes nächste Schnäpschen den Tod bedeuten könnte, so sein Hausarzt. Also mied Meckenstock harte Sachen und soff konsequent Sekt, dem er durch ständiges Rühren den Sprudel entzog und zur Plirre herunterstufte, wie er glaubte. Den speziellen Eislöffel, extralang zum Umrühren, trug er stets bei sich, in ein feines Anstecktuch gewickelt.

Meckenstock war voller Marotten und Tics. Ständig musste er Mauern und Wände berühren, anfassen. Man spazierte mit ihm durch die Stadt, runter zum Chinesen am Zwillingswerk, und Meck blieb alle Nase lang stehen und spürte mit den Fingern der Hauswand entlang. Ganz leicht nur, mit Fingerspitzen und einem Lächeln, so selig, als lausche er einer nur mit Feinsinn wahrnehmbaren Zement-Arie.

Die chinesischen Kellner und Kellnerinnen tischten nacheinander sechs verschiedene Platten mit Ente, Huhn, Rindfleisch und gläsernem Gemüse auf. Wir kifften am Tisch, was bei den exotischen Gerüchen nicht weiter auffiel. Nur der Mitsubishi Boy verdrückte sich mit meiner Purpfeife, der Roten Zora, aufs Klo, er hatte noch elf Monate Bewährung offen. Das war ihm alles zu heikel. Später am Abend war ihm das auch wurscht.

„Drei Vater unser und die Sache ist erledigt!“ blökte er betrunken ins Blaue hinein, ohne dass irgendwer eine Vorstellung davon hatte, was er meinen könnte.

„Macht Schweinefleisch doof?!“ rief Harry.

Der fünfte Mann in der Runde redete kein Wort, es war der kleine Russe. Der kleine Russe hatte zufällig am Tresen gestanden, als Meckenstock uns zum Essen einlud, also war er mitgekommen. Der kleine Russe sah ein bisschen unheimlich aus, aber im Mumms hatten wir uns an seinen Anblick gewöhnt, er gehörte halt dazu. Wenn es stimmte, dass Männer mit vielen Pusteln im Gesicht ein dreckiges Sexualleben führten, dann hatte unser Russe jede Nacht den dreckigsten Sex aller Zeiten. Mit seinen wuchtigen, wie zu einer Brücke zusammengewachsenen Augenbrauen, der heftigen Gesichtsakne und dieser Nase (ein Betonpfeiler) hatte er überraschenden Erfolg bei den Frauen.

Er spielte Schach. Er war ein Profi. Er spielte in der 1. Mannschaft des deutschen Meisters SG 1868, Schach war sein Leben. Nach dem Training stand er im Mumms herum, einen Zigarillo und ein großes Glas Guiness in Arbeit und lächelte sein Russenlächeln, unermüdlich, geheimnisvoll. Und sperrte er den Mund doch einmal auf, dann für einen einzigen Satz, den er gelegentlich wiederholte:

„Immer gut rauchen und Mathematik!“

Seine buschigen Augenbrauen wurden nur übertroffen von diesem ganz und gar ordinären Mund. Ein Mund wie eine bloße Drohung, ja, es war fast, als habe man ein Loch in seinen Kiefer geschlagen und ein paar Zähne hineingeworfen. Da Solingen Schachstadt ist, der Club 1868 deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier merkwürdige Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf haben als spanische Spieleröffnungen und Springertausch, doch selbst in diesen Kreisen war unser kleiner Russe ein Unikum. Aber er sprach kaum ein Wort. Er störte nicht. Er war einfach da.

„Kannste noch einen bauen, Glummmann?“ rief Harry. „Oder reicht dat nich mehr?“

„Doch, klar. Hier, roll du einen.“

Die Stimmung war ausgelassen, sie sprang sogar auf die Nachbartische über: Gelächter und Gejohle an Tisch 10.

„Hörst du die dahinten, hörst du sie lachen?“ raunte der Mitsubishi Boy mir zu, leise, als würde er Stille Post spielen. „Soll ich dir was sagen? Leute, die lachen, die haben Recht.“

„Ja“, stimmte ich zu. „Die machen weiter.“

Leute, die lachen, die haben Recht. Die machen weiter.

„Genau“, rief Mitsubishi und prostete mir zu. „So geht der letzte Satz.“

10 Gedanken zu „Bringen Sie uns, was Sie haben, für fünf Mann

  1. Ich hoffe, dem Mitsubishi Boy gehts gut. (Den haben wir damals in Hamburg getroffen, oderrr?)

    Deine dreidimensionalen Figurenzeichnungen haben mir einmal mehr ein paar Lächler beschert. Du bist einfach ein verdammt begnadeter Menschenmaler, aber das habe ich bestimmt schon oft gesagt.

    Gefällt 2 Personen

    • Danke, liebe Sophia. Und: Ja, genau, Mitsubishi war dabei. Tja, ihm gehts gut soweit, er lebt weiterhin in Hamburg und braust, so oft es geht, mit dem Auto an den Jadebusen und beobachtet Schafe. Das tut er wirklich.
      (Sag ich dir übrigens was Neues, wenn ich dir sage, dass es in Italien einen Blog gibt, der den gleichen Namen trägt wie deiner, Sofàsophia?)

      Gefällt 1 Person

      • Schafe beobachten ist niemals verkehrt. Möge er es gut dabei haben.

        Ähm, jein. Dass auch andere zeitgleich (?) meinen Pseudonymnamen ‚erfunden‘ haben, hab ich mal zufällig bemerkt. Aber dass es auch ein Blog unter diesem Namen gibt, wusste ich nicht. (Ich google ‚mich’ äußerst selten, und meine Pseudonyme noch weniger.)

        Gefällt 1 Person

  2. das mi den Schafen hat sich erst später so ergeben
    ich drehte mich einfachum

    kein Schäfer und nur das Gebirge im Nacken
    ich durfte sie streicheln und füttern..

    liebe so phi .
    es geht noch besser .

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  3. Stimmt, viel lesen tut man in der Kiste und auch „Der Idiot“ scheint da Standardlektüre zu sein.
    Vielleicht liegt das daran, dass Dostojevski Romane so eine hohe Seitenzahl haben (was ja draußen bei der ganzen Eile eher hinderlich ist beim lesen).

    Gefällt 1 Person

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