Ich wundere mich selbst, wie außerordentlich überzeugt ich klinge

Und so stehen wir Spalier, die Herzen mangelernährt in einer überfressenen, sich selbst auskotzenden Gesellschaft.

*

„In Zukunft wird sich die Menschheit aufteilen“, schätzt die Gräfin. „Da sind die einen, die auf der Erde bleiben und versuchen unsere Schöpfung zu bewahren. Und die anderen schippern ins Universum, besiedeln einen Planeten und fangen noch mal bei Null an. In Zukunft muss sich jeder Mensch entscheiden, zu welcher Gruppe er gehören will. Zu den Bewahrern oder zu den Entdeckern. Ich will hoch zu den Sternen.“

„Ich bleib hier“, sag ich.

*

Als wir die ersten Male gemeinsam im Wald unterwegs waren, damals noch ohne Hund, wunderte sie sich, wie schlecht ich mich auskannte in Flora und Fauna. Andauernd fragte ich sie irgendwelche Dinge, sind die roten Beeren giftig, was ist das für ein Baum, wie heißt der Vogel da.

„Na, du bist doch genauso wie ich im Grünen groß geworden“, staunte sie.

„Ja, schon – aber mit dem Ball am Fuß.“

*

Ich weiß nicht genau, was es zu bedeuten hat, wenn einem früh am Morgen in Höhe des Sportplatzes ein kleiner weißer Schmetterling vors Schienbein knallt. Er schüttelt sich und fliegt weiter, als wäre nichts geschehen, als wäre kurzfristig überhaupt kein Schienbein im Weg gewesen, als wäre ich als Hindernis eher zu vernachlässigen für kleine weiße Schmetterlinge. Ich bin hier scheinbar der einzige, dem die Sache zu denken gibt.

Verdutzt schaue ich dem Schmetterling hinterher, aber mit dem Schmetterling-Hinterhergucken ist das so eine Sache. Die Burschen sind grundsätzlich im Zickzack unterwegs, sie ruckeln hin und her, als hätten sie es an den Nerven, als feierte eine Wackelkamera ihre Actionhelden in BUTTERFLY UNIVERSE III.

Und weg isser.

*

Dann, ich habe gerade einen Satz notiert, ist da dieser Baumstamm direkt vor mir. In Augenhöhe: zwei einzelne blaue Heftzwecken, in die Rinde gedrückt, darunter Reste einer fotokopierten Suchmeldung. Nur die Halb-Zeile „Gesucht wird“ ist übriggeblieben. Alles weitere ist zu Boden gebröselt, wie alter Tee. Ich bücke mich und lese…“der kleine Buddy“, oh weh.

Ein Kater. Gestromt. Auf Medikamente angewiesen.

Ich fühle mich irgendwie schuldig. Warum keine Ahnung. Ich hole mein Notizbuch aus der Tasche, reiße die letzte Seite heraus, auf der ich (kurz nachdem ich vom Schmetterling angegangen wurde) eine Idee festgehalten hatte: „Ein Mann mit gewissen Wunden“, als Überschrift für eine Geschichte. Mit den Heftzwecken befestige ich die rausgerissene Seite am Baumstamm, „Gesucht wird  Ein Mann mit gewissen Wunden“, und gehe weiter, ohne mich noch mal umzudrehen. Ich kann knallhart sein gegenüber der eigenen Brut.

Zwei Tage später. Wieder sind der Hund und ich im Wald. Das heißt, ich bin auf dem Waldpfad, während der Hund unter einem Holzstoß  nach Mäusen buddelt, es handelt sich um einen leidenschaftlichen Terrier, sein Leben ist die Mäusejagd, da kriegt er den scheelen Blick. Von einer Stunde gemeinsam im Wald sieht man sich gut 50 Minuten überhaupt nicht, man hört nur gelegentlich voneinander. Er mit der Nase im Erdreich, ich die Nase im Handy oder im Notizbuch. Beide am Schnaufen. So.

Da wären wir. Gesucht wird Ein Mann mit gewissen Wunden hängt noch genauso am Baumstamm, wie ich es zwei Tage zuvor verlassen habe, den kleinen Steckbrief.

WANTED: A MAN WITH WOUNDS.

Certain wounds. Um so seltsamer berührt es mich jetzt, die Worte zu entdecken. Man blickt sich automatisch um, wenn man es liest, man möchte zu gern die Person sehen, die so etwas hinterlässt (an einem Baumstamm).

Gesucht wird Ein Mann mit gewissen Wunden.

Ich fühle mich bloßgestellt von mir selbst. Ich sehe Blut und Verletzung, ich sehe mangelernährte Herzen, Depressionen. Ich sehe mich. Erst als ich weitergehe, fange ich mich wieder. Was ist falsch daran, einen Satz aus dem Notizbuch rauszuhängen wie ein Fähnchen aus dem Fenster, damit die anderen auch was davon haben, und wo ist so ein Satz besser aufgehoben als im Wald, wo der Wind ihn jederzeit mitnehmen kann, nach Hause. Zum Spielen. Ich glaube, das hat irgendwie mit Liebe zu tun.

                             *

In den vergangenen Tagen fand ich morgens regelmäßig ein kleines Hermelinchen in meinem Kaffeesatz. Ein Hermelinchen. Ja, Herrschaftszeiten, ich weiß nicht einmal, wie ein Hermelinchen draußen in der Natur aussieht, aber es treibt sich in meiner Kaffeetasse herum und markiert hier den dicken Max. Manchmal kann man echt sauer werden.

*

Im Coppel-Park um die Ecke sind Goldwespen zu Hause, es gibt kleine Fledermäuse und Stockenten, und da ist dieser Fischreiher, ein junger Bursche noch. Wenn er an sonnigen Tagen über den großen Teich hinwegsegelt, werfen die Flügel so gewaltige Schatten, als wäre ein Zeppelin in der Luft. Ein furchtloser Knabe, im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher war bedächtig und vorsichtig, man durfte ihm nicht zu nah kommen, schon schwang er sich auf und verschwand beleidigt Richtung Theegarten, wo er seine Ruhe hatte. Na gut, er flog nicht wirklich, er schlurfte eher gemächlich durch die Lüfte, der alte Flaneur und Froschpicker.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Ich sah zu, wie der Alte eine ausladende Runde über die Anlagen drehte und schließlich am Rand des Parks zur Landung ansetzte, auf einem spitzgiebeligen Hausdach am Pappelweg.

Los, komm, sagte ich zum Hund, den gucken wir uns mal aus der Nähe an. Wir bewegten uns auf den Pappelweg zu, dessen Rückfront zum Park zeigt, es ging vorbei an Gartenparzellen, Blockhütten und duftenden Blumenrabatten, in denen der Wind saß und Pause machte.

Ich ließ den Graureiher nicht aus den Augen, bei jedem Schritt vergewisserte ich mich, dass er immer noch hoch droben auf dem Dachfirst stand. Stolz zeichnete sich seine Silhouette gegen den blauen Himmel ab. Der Kopf gereckt, der Schnabel ein Dolch, welche Pracht. Erst als wir uns dem Haus bis auf wenige Meter näherten und stehen blieben, erkannte ich, dass es gar nicht der Reiher war, sondern ein scheiß Wetterhühnchen. Oder wie die Viecher heißen. Windhähnchen. Arschlochhahn.

Komm, wir gehen.

„Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, man möchte schreiend fortlaufen“, klagt sie. „Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen, als ich dich kennenlernte.“

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich bloß von dem alten Weinpenner erzählt habe, der mir im Park begegnet ist und der so geheimnislos nach Pisse stank.

*

„Sie kommen zurecht?” erkundigt sich der Chef des Schreibwarenladens, als ich vorm Regal mit den exklusiv glänzenden Notizbüchern stehe. Eins ist aus Frankreich und in Leder gebunden. Wie das riecht. Was die kosten.

“Ja, ich komme zurecht, klar”, geb ich zurück und wundere mich selbst, wie außerordentlich überzeugt ich klinge.

14 Gedanken zu „Ich wundere mich selbst, wie außerordentlich überzeugt ich klinge

  1. Zu deinen Geschichten laufe ich immer schreiend hin. Nach dem Lesen werde ich immer stumm. Jede Nacht Gurke ich ein paar Dimensionen weiter auf irgendwelchen Sternen herum und treffe da welche. Die sind wie wir, es ist einfach zum Auswachsen. Was die Menschheit ja auch gewissermaßen bis zum nächsten Polsprung tut. Eben schrieb ich Posprung. Das hieß doch auch schon mal anders?🧐
    Terrier sind toll.
    Voll fokussiert, wenn sie sich zerstreuen.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Ich würd sonstwas dafür geben, wenn ich im Wald so einen Zettel finden würde…meine Güte, warum passiert mir sowas nie… weißt du was, ich bin extrem froh drüber, daß Du genau die Texte schreibst, die Du schreibst , denn es ist alles einfach schöner dadurch. Dank Dir!

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  3. Heute werde ich dir von all deinen Kostbarkeiten was klauen. nein, nicht den Zettel, nur die Stelle, wo dein Schienbein mit dem Schmetterling zusammenstößt, und was danach passiert. Ich brauch es für einen Kommentar bei mir. Danke!

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