Zu den Sternen, Kameraden, zusammen singen

 

Wenn es zu Beginn eines neuen Schuljahres im Musikunterricht hieß, bitte einzeln nach vorn treten und vorsingen, bekam ich das große Flattern. Ich hasste es, vor der Klasse zu stehen und etwas zu tun, was ich nicht gut konnte. Mein Mund wurde vor Aufregung ganz trocken, es war, als verdörrten die Backentaschen und die Kehle schrumpelte.

Vorsingen! Oh mein Gott. Ohne Talent, ohne einen Fitzel Spucke in Reserve!

Es war Jahr für Jahr das gleiche Desaster, zum Vergnügen der Klassenkameraden, die eine gute Stimme hatten. „Da singt ja ein Blinder mit Krückstock besser“, bekam ich auf dem Schulhof zu hören, oder: „Lass dir von Mama den Bauch waschen.“ Was das mit schiefem Gesang zu tun hatte, wusste ich nicht. Und ich wusste auch nicht, warum andere Jungs in der großen Pause begeistert „Deckel hoch, Wasser kocht!“ riefen, wenn sie den Mädchen hinterherrannten und ihnen die Röcke hochrissen. Welches Wasser, welcher Deckel..? Und wo zum Henker kochte da was!? Zur Sicherheit habe ich meistens mitgegrölt.

In manchen Fällen war unser vollbärtiger Musiklehrer unsicher, ob eine Stimme gut genug war für den Schulchor oder nicht, (denn darum ging es beim Vorsingen), also musste derjenige noch die Tonleiter dranhängen. Bei mir war das nie der Fall. Ich war raus aus der Nummer, sobald ich das Maul aufgemacht hatte.

„Du kannst dich dann wieder setzen, Andreas, danke.“

Der Schulchor der Grundschule Klauberg war nur was für Jungs mit glockenheller Stimme, die einen Ton halten konnten. Aber konnten diese Sängerknaben auch einen stramm aufgepumpten Lederball 50 Mal in der Luft halten, ohne dass er ein einziges Mal zu Boden tropfte? Na, seht ihr. So ein Glückgefühl ist schnell dahin. Kaum ist man auf der Bühne und richtet sich stolz die Eier, schon knallt die Lichtanlage durch und du stehst im Dunkeln, du Eiermann.

Zum Glück musste man nicht unbedingt im Schulchor sein, um singen zu dürfen, dafür reichte der normale Musikunterricht. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ war mein Lieblingslied. Wenn wir es morgens im Unterricht gesungen hatten, trällerte ich es noch auf dem Heimweg. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ war der erste Chartbuster meines Lebens, und ich trällere es heute noch gelegentlich unter der Dusche, schief wie eh und je. Dass ich das Lied so gern mochte, lag auch an dem Bild, von dem es in der Liederfibel illustriert wurde. Es zeigte einen funkelnden Nachthimmel, und ich stellte mir vor, das ganze Weltall würde einfallen und „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ schilpen und schmettern, eine gewaltige Vorstellung.

(Und ganz am Ende erschien der liebe Gott und verkündete das Ergebnis: „70 Trilliarden.“

„Und ein paar Zerquetschte.“)

(Vielleicht musste er aber auch noch mal komplett neu durchzählen.)

Meine absolute No. 1 war der Kanon „Bruder Jakob“, und da besonders die französische Version. Wenn „Frère Jacque“ im überfüllten Klassenraum – wir waren 35 Kinder – hin und her schwappte, bekam ich Gänsehaut. Das hatte Schwung und Esprit, ich war mit ganzem Herzen dabei. Kanonsingen war im Grunde ein Mannschaftsspiel. Du musstest schon sehr genau abpassen, wann dein Team an der Reihe war. Und dann erst die Zeile: „Hörst du nicht die Glocken?“ Und wir alle: DING DANGG DONG! DING DANGG DONG! Es war wie Tore schießen. Mal stand es 3:3, mal 6:6. Interessant auch, dass „Frère Jacques“ erstaunlich flüssig und frankophil rüberkam, obwohl keiner von uns französisch sprach. Es kann natürlich auch sein, dass unser Gesang einfach nur grässlicher Radau war, und der Hausmeister, dem ein Finger fehlte, hielt sich draußen das Ohr zu.

*

Nach dem Tod von Amy Winehouse erklärte im Radio ein Psychologe, warum so viele drogensüchtige Rockstars mit 27 den Löffel abgeben. Und Gabel und Messer gleich mit. Das ganze Besteck – weg.

„Es ist ganz einfach“, sagte er.

Alle großen Künstler sind im Grunde Borderliner, und eine Borderlinestörung erreicht im 28. Lebensjahr ihren Höhepunkt, da treibt es der gemeine Borderliner auf die Spitze. Da will er wissen, ob er auch gegen die härteste Stampede harter Drogen gefeit ist. Wer nämlich 27 überlebt, der hat als borderlinender Künstler alle Chancen, alt zu werden. Die Krankheit flacht mit der Zeit ab, wie eine auslaufende Riesenwelle, bis man spätestens mit 60 in Borderline-Rente geht und sein soziales Versteck vorsichtig verlassen kann.

Als ich das hörte, rechnete ich gleich mal zurück um zu sehen, was mit mir so los war mit 27. Und siehe: Von der Hand weisen ließ sich die Theorie des Psychologen nicht. Im Jahre 1987, ich war 27, war ich ziemlich im Eimer, aber ich hatte Dusel: Anfang des Jahres lernte ich die Gräfin kennen, das war mein Glück. Allerdings war ich 1988 wieder im Eimer. Und 1989, 1990 sowie 91, 92 und 93 auch. Eigentlich war mein Zustand bis zum 40. Lebensjahr im Jahr 2000 grundsätzlich desolat. Mit 41 ging es endlich aufwärts. Mit 45 war’s richtig gut, für meine Verhältnisse, es war meine beste Zeit. Mit 52 kam ein Herzinfarkt, Depressionen und Panikattacken. (Karlos, als ich ihm von meinen Depressionen erzählte: „Klingt, als würdest du dich selbst in Haft nehmen.“) Na schön. Man kann nicht alles haben.

*

Als 1980 „Rappers Delight“ von der Sugarhill Gang aus den Staaten nach Europa schwappte, kaufte ich mir die Single und rappte zur Instrumentalaufnahme auf der B-Seite. Ich war ein miserabler Rapper. Aber gegen die Hip Hop Klons von heute, die nichts anderes draufhaben als sich im Schritt rumzufummeln und ihren blöden dicken Sack zu drücken, war ich ein Riese.

*

1990 wollte die Gräfin sich einen Traum erfüllen. Animiert von den Asterix-Heften ihrer Kindheit, träumte sie von einem Wildschweinessen unter freiem Himmel. So ein richtiges Seite 46-Gelage im kleinen gallischen Dorf, mit einem am Baum gefesselten Troubadix und einer Prügelei unter Fischverkäufern.

„Los, wir werfen ein Spanferkel auf den Grill!“

Ort der Feier sollte die Galoppa sein, ein ehemaliger Fußballplatz im Stadtwald, den die Natur sich zu einem Teil schon zurückerobert hatte. Verdorrtes Gras, Brennesselplantagen. Aus der Galoppa war eine wildromantische Lichtung geworden, und sie lag tatsächlich mitten im Wald, aber mit Anbindung zur Burger Landstraße, von wo aus man leicht ein ganzes Schwein und Bierfässer ankarren konnte.

Das mit dem Schwein haute leider nicht richtig hin. „Ich besorg dir ein Spanferkel!“ hatte der dicke Hansen getönt, und so überließ die Gräfin ihm diesen Teil der Vorbereitung. Wie groß war ihre Enttäuschung, als Hansen am Tag der Fete mit jeder Menge verpacktem Schweinefleisch ankam, aber eben nicht am Stück.

„Wir wollten doch ein ganzes Schwein grillen!“

„Hat nicht geklappt“, meinte Hansen. „Aber Fleisch ist Fleisch, oder nicht!?“

Tatsächlich handelte es sich um allerbeste Ware, schließlich führte seine Großmutter ein Feinkostgeschäft in der Innenstadt, doch so, wie die Gräfin es sich ausgemalt hatte, mit einem großen Schwein am Drehspieß, einen knusprigen roten Apfel in der Schweineschnauze und einem Satz Schweineöhrchen für den Hund, so war es eben nicht. Glücklicherweise freundete sie sich im Laufe des Tages mit den Gegebenheiten an. Es schmeckte ja auch lecker, besonders das zarte Kasslerfleisch, doch so richtig hat sie dem dicken Hansen nie verziehen. Er hatte etwas hoch und heilig versprochen, ohne es zu halten.

„Es hätte ein ganzes Schwein sein müssen, und es hätte sich drehen müssen. So hätte Obelix doch nie und nimmer seinen Spaß an der Seite 46 gehabt.“

*

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte diesen Strafbefehl bekommen, 40 Tagessätze a 20 Mark. Damit lag ich noch deutlich unter dem Schaden, den ich angerichtet hatte, (ich hatte eine Brieftasche mit 2000 DM mitgehen lassen, als sie herrenlos in einer Bankfiliale herumlag, während ich am Kontoauszugsdrucker stand). Dennoch fragte ich mich, ob ich Widerspruch einlegen sollte. Es gab zwar Bildmaterial der Überwachungskamera, wo zu sehen war, wie eine Person, die mir ähnelte, etwas an sich nahm, das eine Geldbörse sein konnte, aber hundertprozentig zu erkennen war das nicht. Meiner Meinung nach.

Wie man überhaupt auf mich gekommen war?

2 Jahre nach der Tat, als ich schon längst keinen Gedanken mehr daran verschwendete, sprach mich auf offener Strasse ein Hauptkommissar an. Ob ich mal eben mitkommen könne. Aufs Hauptrevier, keine 50 Meter entfernt. Freundlich fragte er nicht. Es war die unmissverständliche Aufforderung mitzukommen, unterstützt vom kompetenten Klimpern der Dienstmarke.

Auf dem Revier legte der Bulle mir diese Fotos vor, aufgenommen in dieser kleinen Bankfiliale, in die ich so gut wie nie ging und wo mich auch niemand kannte. Es war purer Zufall gewesen, dass ich an diesem Tag ausgerechnet dort (in einem anderen Stadtteil) meinen Kontostand abrufen wollte, ausgerechnet dort, wo 2000 Mark rumlagen. In einer prallvollen Brieftasche, aus der die Banknoten nur so herausquollen wie Salatblätter aus einem Big Mac. Dennoch stritt ich bei der Vernehmung alles ab. Der Polizist hatte mich übrigens an meinen Obeinen identifiziert, als er mich auf der anderen Straßenseite stehen sah, am Fußgängerüberweg. So erklärte er es mir auf Nachfrage.

„Ihre Obeine erkenne ich unter tausend Beinen heraus.“

Verdammt. Dass die krummen Ottos eines Tages noch mein Ruin sein würden, war ja klar.

Als Wochen später der Strafbefehl eintrudelte, rief ich einen alten Schulkameraden an, der Anwalt geworden war. Ich wollte eine Auskunft von ihm. Nur ganz kurz. Es wurde eine Stunde draus. Zu Beginn des Gesprächs musste ich ihm erst mal deutlich machen, wer ich überhaupt war, weil er nicht wusste, wo er mich hinstecken sollte. Wir waren nicht in einer Klasse gewesen, nur in der gleichen Jahrgangsstufe. Mein Name sagte ihm nicht wirklich etwas. Sagte er. Außer, dass es irgendwie mit früher zu tun hatte. Bis es ihm plötzlich aufging.

„Glumm..? Moment mal.. Warst du nicht der Handballtorwart mit den Locken, der immer wie ein Flummi zwischen den Pfosten hin- und herhüpfte..?“

„Ja“, antwortete ich. „Genau der.“

„Ich hab da dieses Bild vor mir“, sagte er nicht ohne eine gewisse Achtung, „und was ich da sehe, ist ein Haufen fliegender Locken.“

Das Gymnasium Schwertstrasse war eine traditionelle Handballer-Hochburg, da war mit Fußball nichts zu reißen. Als Handballortorwart war ich ein Naturtalent. Meine Reaktionen auf der Linie waren die einer Katze, das schnurrte richtig, wenn ich zur Parade ansetzte. Ich spielte in der Schulmannschaft, wir wurden Niederrheinmeister. An diesen Glumm erinnerte sich der Anwalt. Er hatte mich spielen gesehen. Das ist immer gut, wenn die Leute einen Glumm spielen sehen. Ich erzählte ihm die Geschichte mit der Brieftasche. Er riet mir, die Geldstrafe anzunehmen. „Wenn es zur Verhandlung kommt und du wirst schuldig gesprochen, wird deine Strafe vermutlich höher ausfallen.“

Ich zahlte unter Murren die 800 Mark und wartete darauf, dass der Bestohlene mich noch zivilrechtlich belangte, doch es kam nichts mehr. Und so hatte ich unterm Strich ein schönes Geschäft gemacht. Mit ein bisschen Glück lohnte es sich also kriminell zu sein, lernte ich daraus. Doch ich hatte keine Nerven für diesen Scheiss. In einer Bäckerei klaute ich Jahre später einen ofenwarmen Mandelsemmel, hinten aus der Backstube, es war samstagfrüh, halb sechs. Danach beendete ich meine kriminelle Laufbahn. Von Karriere möchte ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen.

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