Der Mann mit dem Buch ist tot (Die Leute sterben)

Ein Mensch namens Jammen ist tot. Der gute alte Jammen. Lange Jahre so etwas wie Gesicht und Reibeisenstimme der Szene, zog er sich mit Mitte 40 ins Privatleben zurück, wie die meisten Konsumenten. Mit Heroin war Schluss, er nahm Methadon, relativ gering dosiert, doch vom Schnaps konnte er die Finger nicht lassen. Der Schnaps war sein Untergang.

„Ich bin Privatier“, grinste er nur, wenn man ihn fragte, womit er jetzt seine Tage verbrachte. „Ich trinke.“

Wenn man ihn im Bus traf und er war gut drauf, was zuletzt nur noch selten der Fall war, skizzierte er zwischen zwei Haltestellen seine Sicht auf die Welt.

„Es gibt wichtigeres.“

Er lebte mit Patti zusammen, einer netten Frau, die schon über 60 ist und immer noch passabel aussieht, selbst der unfallbedingte kleine Buckel steht ihr gut. Die beiden kannten sich seit langer Zeit, doch zusammengefunden hatten sie erst vor einigen Jahren. Die Beziehung blieb undurchsichtig für Außenstehende, schien aber halbwegs zu funktionieren. Ein Bekannter erzählte mir allerdings belustigt, dass Jammen mehr als einmal mitten in der Nacht sturzbetrunken bei ihm auf der Matte stand und einziehen wollte, zur Untermiete, auf der Stelle, weil er die dumme Kuh nicht mehr ertragen könne. „Das passierte ungefähr alle zwei Monate.“ Am nächsten Morgen tat sich Jammen jedes Mal klammheimlich dadurch, nach Hause. (Schon in der Nacht hatte der Bekannte Jammen dabei ertappt, wie er emsig SMS-Nachrichten eintippte, quasi unter der Bettdecke.)

*

Jammen taucht in einigen alten Drogen-Storys auf. Mal nannte ich ihn Mitch, mal Jack, mir fiel nichts passendes ein. Das Austüfteln von Namen fürs Personal ist eine Wissenschaft für sich. Wenn ich die Abkürzung über den Friedhof nehme, hab ich stets ein Auge für die Namen von Verstorbenen. Nicht wenige Autoren sammeln Grabstein-Namen auf Vorrat, so wie Eichhörnchen Nüsschen aufklauben und verstecken für den kommenden Winter. Ein Name darf nicht gekünstelt klingen, nicht ausgedacht, es muss die berühmte Faust aufs Auge sein. In gewisser Weise sollte ein erfundener Name sogar einen eigenen Akzent auf die Figur setzen, den sie im „wirklichen Leben“ gar nicht besitzt, so verschafft man sich etwas Freiheit beim Schreiben. Im übrigen: Der Name, für den man sich schließlich entscheidet, funktioniert entweder auf Anhieb oder bleibt ein Problem. Entweder oder.

(Ich lernte mal jemanden kennen, der hieß Logan. „Logan?“ fragte ich und hob eine von zwei Augenbrauen. Innerlich holte ich bereits das Notizbuch heraus. „Ja“, sagte er, „Logan. Meine Mutter hat für ihr Leben gern alte Westernfilme geschaut.“ „Ach so. Dann hast du ja noch Glück gehabt, dass du nicht Tucker heißt“, meinte ich und bestellte noch einen.)

Was Jammen betraf, war der Name Mitch nicht mehr als eine Verlegenheitslösung, mit Jack kam ich der Sache schon näher. Jammen, (ausgesprochen wie das englische jam, so wie komm, wir jammen ’ne Runde), orientierte sich nicht nur an seinem Nachnamen, es passte auch zu seinem tänzelnden Gang. Ein schweres Tänzeln, ein schwerer Gang. Eine Polka, aber eine Aussenseiter-Polka.

Kein Volkstanz.

Vergangene Woche ist Jammen gestorben, mit 57. Es kam nicht überraschend. Schon Monate vor seinem Tod hatte man ihn für einige Tage ins künstliches Koma versetzen müssen, nachdem er zu Hause gestürzt war, morgens nach dem Aufstehen, und sich schwere Kopfverletzungen zugezogen hatte. Selbst seine langjährige Partnerin schrieb ihn schon ab. „Das wird nix mehr mit dem Jammen“, sagte Patti bekümmert, als ich sie in der Apotheke traf, mit ihrem süßen kleinen Buckel. Auch Karlos war geschockt. Er war mit Jammen aufgewachsen und besuchte ihn zweimal im Krankenhaus.

„Beim ersten Mal lag er auf der Intensivstation und wurde künstlich beatmet, und damit all die tausend Schläuche in sein Maul passten, hatte man die Zunge rausgeholt und zur Seite gebunden. Er sah aus total fertig aus. Ich hätte keinen Penny mehr auf ihn gesetzt.“

Doch ein paar Tage später saß das alte Stehaufmännchen schon wieder auf dem Rand des Krankenbetts und krakeelte nach einer Kippe. Und wer Jammens forderndes Organ kannte, der wird nicht überrascht sein zu hören, dass das Krankenhauspersonal eher genervt und zurückhaltend auf seine Wünsche reagierte.

„SIE WOLLEN SICH DOCH NICHT ALLEN ERNSTES… HIER EINE KIPPE ANZÜNDEN… ??! HIER IM KRANKENHAUS??“

*

Jammen hatte die Ruhe weg und war, wie er selbst sagte, polytoxidingens... Nicht, dass er nicht gewusst hätte, wie das Wort richtig ging, doch es richtig auszusprechen war ihm zu lästig. Ihm war vieles lästig, aber er lachte gern übers Leben, solange er noch halbwegs beieinander war. Ein ironischer Bursche mit einem wissenden Grinsen in den Backen. Immer, wenn Jammen mir begegnete, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er mich durchschaute. Er schien etwas zu wissen von mir, von dem ich selbst nichts wusste. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, ging es abwärts mit ihm. Patti, ein zähes dünnes Persönchen, hatte Angst davor, Jammen als Pflegefall betreuen zu müssen. „Das geht gar nicht, das schaff ich nicht alleine mit dem 90 Kilo-Brocken. Ich hab meine eigenen Probleme.“ Sie hatte Recht. Das konnte sie nicht leisten. Sie beantragte eine Pflegestufe, was sofort bewilligt wurde, die Sache aber nicht vereinfachte.

In seiner letzten Nacht auf Erden soll Jammen sich mit bösen Schmerzen geplagt haben, er schleppte sich früh am Morgen aufs Klo. Es ging ihm so dreckig, dass er Stücke seiner Leber auskotzte, das Organ befand sich bereits in Auflösung. Jammen war schwerst alkoholabhängig, und er war schwer in Ordnung. Nein, ich spreche ihn nicht heilig, bestimmt nicht, doch Jammen gehörte zu den Süchtigen, die aufrecht geblieben sind in den langen Jahren der Sucht, und er jammerte nicht. Er nahm die Dinge, wie sie kamen.

„Ich hab mit 14 angefangen zu saufen und nie aufgehört. Was soll ich jetzt groß lamentieren.“

Mit seiner großen stabilen Gestalt und dem knolligen Zinken war er unübersehbar im Stadtbild, auch wenn er selbst eher schlecht sehen konnte und sich wie ein großer skeptischer Kranführer durchs Leben bewegte. Meist hatte er einen dicken Schmöker aus dem Fantasybereich in der Hand, wenn er unterwegs war, er las ununterbrochen. Er war süchtig nach Buchstaben und ganzen Sätzen. Gut, er war süchtig nach Schnaps und Pulver, aber eben auch nach dicken Schwarten. Er las im Gehen, er las im Stehen und im Sitzen, er las, wo immer er sich aufhielt. Da er weitsichtig war und sich standhaft weigerte, Brille zu tragen, hielt er sich die Wälzer so nah vor Augen, als bräunten und toasteten sie seinen Teint. Er las nicht, er fraß, er schlang die Romane, und so sahen die 600 Seiten-Schmöker auch aus: zerlesen, zerfleddert, voller Eselsohren. Als Lesezeichen diente ein eingeschobener Kassenbon aus dem Penny-Markt.

Ohne was zu lesen bin ich kein Mensch, sagte er, ohne was zu lesen verhungere ich.

*

Einmal stand er, ausnahmsweise ohne Buch, in Ohligs auf dem Bahnhofsvorplatz, er wirkte verloren, irgendwie unbeteiligt. Wie jemand, der vergessen hat, warum er am Morgen aufgestanden ist. Aber ganz sicher konnte man sich nie sein bei ihm. Ganz sicher konnte man sich natürlich nie bei irgendwem sein auf diesem Planeten, schon klar, aber Jammen war schon ein Sonderfall. Obwohl ich ihn mochte, ich bin ihm nie richtig nah gekommen. So kernig er gelegentlich seine Meinung kundtat, mit einer Stimme wie eine Moskauer Bahnhofsdurchsage, so verschlossen war er in Wahrheit. Ich ging hinaus auf den Vorplatz, einen Pappbecher heißen Bahnhofskaffee in der Hand.

„Lang nicht gesehen, Jammen.“

Für die frühe Uhrzeit umwehte ihn bereits eine stolze Doppelkorn-Fahne, und ohne mich groß anzusehen, legte er sofort soziale Beschwerde ein. Da habe er doch glatt drei Monate im offenen Vollzug gesessen, beschwerte er sich lauthals, so dass der gesamte Taxistand mithören konnte, wegen irgendeiner lausigen, nicht bezahlten Geldstrafe, aber niemand in der Szene, er wiederholte: NIEMAND! hätte irgendetwas von seiner Abwesenheit bemerkt.

„Als ich jetzt nach drei Monaten zurück war, fragte ich in die Runde am Brunnen, ob was besonders passiert wäre, ob ich was verpasst hätte, aber alle guckten mich bloß an, als hätte ich einen an der Waffel. Wie, du warst weg..!? Wo warst du denn? Ich war im Knast! schrie ich. Die haben gedacht, ich wollte sie verarschen… Ich bin schwer enttäuscht vom Dasein. Da ist keine Loyalität mehr unter den Menschen.“

Natürlich verpackte Jammen seine Beschwerde in Ironie, er konnte gar nicht anders, so war er gebaut, doch dieses Mal spürte ich tatsächlich so etwas wie Verbitterung. Dass ihn so gar keiner vermisst hatte, so rein niemand, so überhaupt gar kein einziger, das setzte selbst ihm zu, dem unverwüstlichen alten Kämpen, der sein Leben auf der Platte verbracht hatte. Wobei das nicht ganz richtig ist. Er war nicht nur lange Jahre als Werkzeugmacher beschäftigt, er jobbte auch nebenher in einer Diskothek als Gläsereinsammler, was nicht selten in einem Fiasko endete, wenn er nach der Sperrstunde stockbesoffen überm Flipper hing und alle viere von sich streckte. (Das Bild bin ich nie losgeworden, unten im Getaway.)

Ich klopfte ihm auf die Schulter.

„Das wird schon wieder, Jammen. Guck mal, ich zum Beispiel, ich saß hinten im Cafe und hab dich sofort wiedererkannt – ist doch schon mal was. Oder nicht?“

„Ja genau.. oder nicht“, antwortete Jammen. Er war vergrätzt, es war nichts zu machen. „Du quatscht doch auch nur mit mir, damit du was zu schreiben hast, du Blödmann. Nee, mein Freund, du zählst nicht.“

Das sah ich anders. Ich hatte eine Frage.

„Wieso hast du nichts zu lesen dabei?“

„Weil ich nicht mehr weiß, was ich noch lesen soll. Die Buchhandlungen sind voll mit Scheiße bis unter die Decke, ich finde nichts, was ich nicht schon irgendwo gelesen hätte. Bei dir hab ich auch mal geblättert, bei nem Kumpel am Rechner, auf deinem Blog. War jetzt auch nicht so der Renner. So ein Mix aus Bukowski und.. keine Ahnung. Sorry, aber hat mich nicht überzeugt.“

Sprach’s, und tauchte ab in die Fußgängerzone. Ich blickte ihm hinterher und fragte mich, wie das eigentlich kam, dass sich in meinem Bekanntenkreis so auffallend viele Arbeitslose, Kleinkriminelle und kleinkriminelle Arbeitslose tummelten, aber auch ganz herkömmliche Trinker und Kleinganoven und Junkies ohne Job und jede Perspektive, ha-ha haaa!

Sehr witzig.

*

Oktober 2010.

Als ich in den Obus Richtung Stadtmitte einsteige, sitzt da der Jammen, wie immer in einem dicken Fantasyroman versackt. Als ich auf ihn zutrete, blickt er kurz auf.

„Jammen“, sag ich und lasse mich nieder. Er klappt das Buch zu. Halb widerwillig, halb neugierig. Die Stelle, bis zu der er gelesen hat, markiert er mit eingelegtem kleinen Finger.

„Andi, wie isses?“

„Wie immer“, sag ich.

„Ach, doch so schlecht“, sagt er.

„Was liest du? Zeig mal.“

„Schrott. Sobald ich das Buch aus hab, landet es in der Tonne.“

„Ist nicht gut?“

Er schüttelte den Kopf. Er war einer der ersten gewesen, der sich in den 80ern den Schädel rasiert hatte, ratzekahl.

„Ich guck ja gern nach Kritikerstimmen. Ich mach immer den gleichen Fehler.“ Er zeigt mir den Klappentext. „Hier, New York Times: Hallejujah, hoch soll der Autor leben. Ein Masterpiece. Totaler Quark, kannst du vergessen. Kannst du in die Tonne treten, den Mist.“

Es ist schon merkwürdig. Er liest zwar ohne Unterlass, doch wenn man Jammen nach dem Buch fragt, das er gerade in der Hand hat, winkt er jedes Mal ab und spricht von Fehlkauf. Aber er hat etwas anderes auf dem Herzen. Seit über vier Monaten wartet er auf die Antwort seines Sozialversicherungsträgers, ob der eine Entziehungskur bewilligt oder nicht.

„Schore oder Alkohol?“ frag ich.

„Alkohol. Eigentlich müsste ich ja seit drei Jahren tot sein, laut Doc Hilten, bei meinen Leberwerten…“

Seine kernig-tiefe Stimme klingt wie ein Aufzug, der im Kellergeschoss hält und dann eine ganze Weile nicht vom Fleck kommt.

„Wie hoch?“

„Die Leberwerte? So um die tausend“, murmelt er.

Als er das letzte Mal für sechs Monate in den Knast musste, wegen fortgesetztem Ladendiebstahl, meinte der Gefängnisarzt zu ihm, als er bei Strafantritt das große Blutbild auswertete: „Für Sie ist sogar Interferon zu schade.“ Interferon wurde verabreicht, um eine kaputte Leber wieder ans Arbeiten zu kriegen. Doch es funktionierte längst nicht bei jedem Patienten, und die Behandlung war langwierig und schmerzhaft. Die Leute fühlten sich, als wären sie schwer erkältet, und das über Monate. Das hielt kaum einer durch. „Aber bei meinen Leberwerten wäre da nichts mehr zu machen, sagte der Arsch. Außerdem hatte ich Wasser im Hoden und im Bauchraum.“ Er zeigt mir es an: „Hier, so dicke Eier.“

Er sieht schlecht aus. Bekommt kaum Luft, bewegt sich wie ein kranker alter Mann, die Haut kartoffelgelb, die Zunge wundrot. Sein Mundwerk ist immerhin intakt.

„Jammen kommt aus dem Hebräischen und heißt so viel wie Glück. Also..“

Dass er mit seiner kaputten Leber überhaupt noch lebt, ist schon erstaunlich. Er erzählt mir von einem Krankenhausaufenthalt, wo man ihm eine halbe Leber transplantieren wollte. Ich denke erst, Jammen will mich verkackeiern, frei nach dem Motto, dem Glumm kannst du alles erzählen, sogar von halben Eingeweiden.

„Wie, ne halbe Leber?“ frage ich.

„Na, da hat jemand die eine Hälfte einer gesunden Leber gekriegt, und ich hätte die andere Hälfte gekriegt. Es stand nur eine gesunde Leber zur Verfügung.  Aber mein Allgemeinzustand war zu schlecht, niemand wollte eine OP riskieren.“

Zwei oder drei Stationen fahren wir mit der Linie 3, ohne ein Wort zu wechseln.

*

1987 hauste ich mit Karlos am Kannenhof. Wir ernährten uns hauptsächlich von Wassilij, dem russisch-orthodoxen Pizzabäcker an der Wupperstrasse. Überall in unserer Bude türmten sich Wassilijs leere Pizzaschachteln, zu windschiefen Türmen aufgebaut und in die Ecke geschoben. Obwohl Karlos ein Händchen fürs Kochen hatte, ließ er die Finger davon, solange wir zusammenwohnten, nur ich kochte ab und an Spaghetti mit Tomatensauce und Gehacktes, halb Rind, halb Schwein. Ich war mächtig stolz, zum ersten Mal in meinem Leben selbst gekocht zu haben. Nach einem dreiviertel Teller hatte ich die Schnauze voll von dem Fraß, und der Rest stand auf dem Herd herum, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, es zu entsorgen. Es schimmelte vor sich hin. Eine Woche, zwei Wochen. Weil der Deckel auf dem Topf war, fiel es nicht auf.

Bis zu dem Tag, als Jammen vor der Tür stand, besoffen und alte Westernhagen-Songs veralbernd: „Liebling lass uns tanzen, Silvester geht nicht, bla bla!“ Er wohnte mit einem großen Puschelhund ganz in der Nähe.

„Ein Bobtail war das“, stellt Jammen richtig. „Und der gehörte ner Bekannten von mir, ner Punkerin, der war die Hütte abgebrannt. Sollte erst nur für ein paar Tage sein, aber zuletzt hatte ich die Töle fast ein Jahr lang am Hals. Alle Naselang musste sie gebadet werden, weil die Scheiße in dem zotteligen Fell kleben blieb. Mann, was ne Kacke.“

Zufälligerweise kam Jammen an dem Tag zu Besuch, als Karlos und ich eine Flasche Rum leergemacht hatten. Wir waren also alle drei stratzevoll, ohne noch was trinken zu müssen, und so bekam auch niemand etwas davon mit, dass Jack sich heißhungrig über den Topf Nudeln mit Bolognesesauce hermachte, der noch auf dem Herd stand, bis zum Rand voll Schimmel. Grünliche Schlieren waberten durch den Topf wie Spinnweben. Das Essen war komplett verdorben, doch Jammen aß alles brav auf, bis zur letzten grünen Nudel.

*

„Na und? Hat es mir etwa geschadet?“ meckert Jammen und drückt den roten Halteknopf.  „Hast du eigentlich dein scheiss Buch raus?“

„Nee.“

„Immer noch nicht?“

„Nee. Immer noch nicht. Aber ich schreib im Internet. Bist du im Internet?“

„Nee. Wieso? Gibts da was besonderes?“ Er rollt das dicke Taschenbuch zusammen, wie eine TV-Illustrierte. „Obwohl, ich hab eine Play Station 3 zuhause, die ist internetfähig. Aber wann bin ich schon mal zu Hause..“

„Ich denk, du machst keine Platte mehr“, sag ich.

„Mach ich auch nicht. Ich häng meist Patti rum..“

„Bei Patti? Wohnst du nicht mehr mit dieser anderen Frau zusammen, dieser.. äh..?“

.“Nee. Hat nicht geklappt.“

„Nee?“

„Nee. Ihre drei Kinder mochten mich nicht. Die haben mich gehasst. Da machst du nichts, wenn die Kinder deiner Frau dich hassen. Dann musst du gehen. Nee, ich häng wieder bei Patti rum. Ist besser so.“

*

Einmal erzählte er mir von einem Traum, in dem er einen Puff eröffnete. Die Wände waren mit Koks gepflastert und die Huren hingen von der Decke, wie Kronleuchter. Und dann kommt Jammen daher, legt mit einer Uzi auf die ganzen Luder an und will sie von der Decke ballern, wie in einem Videospiel. Klappt aber nicht, die Kugeln bleiben allesamt stecken, sie verrecken im Lauf. Ich hab keine einzige Kugel abgeschossen, jammerte Jammen. Er kam kaum darüber hinweg.

*

Ich kannte Jammen noch aus längst verschollenen Haus der Jugend-Tagen. Wenn mich je eine Einrichtung außerhalb der Schule sozialisiert hat, dann das Haus der Jugend. Das Haus, wie wir es kurz nannten, war der Tiegel der Stadt, der melting pot, die Kernschmelze. Und mit seinen eins Neunzig, dem stampfenden Gang und der riesigen Nase war Jammen schon als Teenager so etwas wie die personifizierte Grobschlacht. Schon damals hätte man Betonlifting einsetzen müssen, um dieses Gesicht noch zu retten.

Vierzig Jahre und 10.000 Jägermeister drauf war die Sache nicht besser geworden. Mit einer Gesichtshaut wie Sackleinen ähnelte er einem Müllmann, der es seit dem vierzehnten Lebensjahr gewohnt war, bei Wind und Wetter draußen zu arbeiten, ohne je einen Tag gefehlt zu haben. Die Werkzeugmacherhände waren wahre Kolosse geworden, die sich durch den Alltag fraßen. Zwischenzeitlich dem Pulver verfallen, kehrte er reumütig zum Jägermeister zurück, vielmehr zur Billigvariante Gold-Förster oder Förster Gold.

Was Jammen schon in jungen Jahren auszeichnete, war der filigrane Diebstahl von Spirituosen, ganz gleich, ob im gut sortierten Einzelhandel oder in Discountermärkten, und er hatte es immer noch drauf, bis zuletzt. So was verlernt man nicht, meinte er bescheiden und hakte sein Talent zum Ladendiebstahl „unter der Etüde Fingerübung“ ab, wie er meinte.

Mitte der 90er kauften wir eine Weile bei der gleichen Dealerin, der Unke. Jammen hatte mich bei ihr eingeführt, nachdem der alte Kunde 3, (die Unke versorgte nie mehr als drei Kunden), in den Bau gewandert war und nun Ersatz gesucht wurde. Die Unke erkundigte sich bei Jammen, wer die neue Nummer 3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Auch der neue Kunde musste hundert Prozent zuverlässig sein, am besten einer bezahlten Beschäftigung nachgehen. Jammen schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einer neuen Connection war. Mein alter Dealer hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehängt, er war Vater geworden. (Ein halbes Jahr später sah ich in wieder auf der Platte, er suchte eine neue Connection.) Ich galt als zuverlässig, ich jobbte als Nachtportier. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Jammen, die laufende No. 2, war in den späten Siebzigern zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen. 15 Jahre später war er schwerst alkohol- und heroinabhängig und begann, niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus zu gehen. Es entwickelte sich ein richtiger Spleen. Es musste ordentliche Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter 700 Seiten. Er war ständig in eine Handlung verstrickt, während er unterwegs war. Er hatte es drauf, lange Strecken mit einem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und ich meine, Jammen las wirklich darin, er tat nicht nur so. Er war ein eingefleischter Leser. Eigentlich war Mitch nicht nur heroin- uns alkoholabhängig, er war auch lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman, wa”, lachte er.

7 Gedanken zu „Der Mann mit dem Buch ist tot (Die Leute sterben)

  1. mir kommt immer ein Bild
    ich glaub du hast es geschossen
    Jammen im Sommer vielleicht Ohligs , er sah gut aus und ich dachte noch , das hätt ich nicht gedacht
    das der noch mal die Kurve gekriegt hat-
    du hast ihn wirklich gut getroffen
    erst dachte ich es muss eine Verwechslung sein
    aber beim lesen im gehen wurde es Gewissheit

    ich hab mal mit ihm im gleichen Handballverein gespielt
    sein Vater fuhr uns öfters zu Auswärtsspielen
    ich hätte auch nie gedacht das er mal Drogen nimmt.

    gnadenlos guter Text.

    möge er was zum Lesen bekommen ……
    wo auch immer.

    Gefällt 3 Personen

    • Wusste gar nicht, dass er Handball gespielt hat. Würde zu seiner Statur passen. Du hast recht, ich hab vor Jahren mal ein Foto von ihm hier reingesetzt. Aus dem fahrenden Bus heraus geschossen. Da ging es ihm noch gut. (Der Schnaps bringt alle um. Besser beim Bier bleiben.)

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich habe mir mal abends in einer fränkischen Dorfpension das örtliche Telefonbuch durchgelesen, weil der Fernseher kaputt war. So bin ich auf einige neue Namen für meine Geschichten gekommen.

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