Du bist so gottesfürchtig, sagte sie

Nach dem großen Regen stand ich im Hausflur und rubbelte den Hund trocken. Er ließ es über sich ergehen, zeigte aber deutlich sein Unbehagen. Die knapp 25 Kilo Gewicht schaukelten desinteressiert hin und her, jede Pfote musste ich einzeln anfordern. „Leoo, nun stell dich doch nicht so an..!“ Er seufzte.

Sein an sich so schönes goldfarbenes Fell strotzte nur so vor Schlamm und Kuhscheiße. Er musste sich auf einer der umliegenden Kuhwiesen gewälzt haben, ich hatte es nicht mitgekriegt. Ich hatte unterwegs am Handy gebloggt, unterm Regenschirm. Im Gehen. Einhändig bloggen an Smartphone, das musste ja schiefgehen. Unter Leos Schnauze war es besonders arg, dort klebte die Scheiße wie dunkle Butter im Barthaar.

„Bäh.. das stinkt“, schimpfte ich. „Wie King Kong..!“

Der Gedanke war kaum ausgesprochen, da fragte ich mich, was King Kong mit Kuhdung zu schaffen hatte. Was für ein Scheiß. Auch wenn kein Mensch etwas mitbekam von dem Zeug, das sich Tag um Tag, Stunde um Stunde und Minute um Minute durch mein Gehirn fraß, es blieb immerhin mein Ich, das die eigenen Gedankengänge verfolgte, und so mancher Gedankengang war selbst mir peinlich. Soviel ich wusste, hatte King Kongs weiße Frau sich nie beklagt in seinen Händen, dass er stank. Nein, nicht King Kong stank, unser Hund war das Schwein.

„Trocknest du Leo ab?“ rief die Gräfin.

Sie war in ihrem Zimmer. Sie saß am Zeichentisch. Sie hatte zu tun.

„Was glaubst du, was ich hier tue“, gab ich zurück.

Als der Hund eine halbe Stunde später unterm Schreibtisch hervorgekrochen kam, fand ich diese dicke Zecke auf dem Teppichboden. Erst dachte ich, es wäre ein Steinchen, das Leo aus dem Pelz gefallen war, doch es fühlte sich nicht an wie ein Steinchen, eher wie eine dicke graue Bohne, noch warm und ein bisschen taumelig, fast wie besoffen. Es war, als hätte ich einen Anruf gekriegt, „Ihre Frau liegt stinkevoll unterm Tresen und streckt alle viere von sich“, und nun war ich da, um sie einzusammeln. Na ja, so ähnlich. Nur eben in klein alles, in Bohnendimension. Ich nahm ein Taschentuch, wickelte das graue Insekt darin ein und schmiss es in den Mülleimer.

Beim Abendbrot erzählte ich der Gräfin davon, und von da an hatten wir keinen ruhigen Moment mehr. Nicht etwa, weil dem Hund eine Zecke aus dem Fell gefallen war, (die Anti-Zecken-Lotion, mit der Leo im Sommer eingerieben wurde, arbeitete in der Regel zuverlässig, nur gelegentlich fiel ein Exemplar durch den Rost und überlebte), sondern weil ich die Zecke einfach in den Müll geworfen hatte, so mir nichts, dir nichts. Ohne mir weiterführende Gedanken zu machen.

„Und wenn die da rauskrabbelt?“ sorgte sich die Gräfin.

„Rauskrabbeln..? Wie soll die Zecke da rauskommen? Die kann gar nicht mehr krabbeln, so pappsatt und kugelrund wie die war.“

„Du weißt doch gar nicht, wozu Zecken alles fähig sind. Das sind Überlebenskünstler. Das sind Strategen. Die hängen zwanzig Jahre wie tot am Strauch, und dann kommt ein Hund daher und schwupp, schmeißen sie sich ran und haken sich fest.“

„Ja, wenn sie hungrig sind, klar. Aber die Zecke war so pappensatt, der müsste man erstmal wieder Blut absaugen, bevor die aktiv werden kann.“

„Na, dafür findet die auch noch einen Kollegen, der das macht. Der ihr das Blut absaugt. Sogar noch im scheiß Mülleimer. Jede Wette. Das sind Kannibalen.“

In diesem Moment beschlich auch mich ein Gefühl von leichter Unsicherheit. Ich kramte das Taschentuch aus dem Müll, in das ich die Zecke eingewickelt hatte, ging vor die Tür und fackelte es auf dem Pflaster ab. Es knisterte wie eine kleine Texaspfanne überm Lagerfeuer.

Endlich war Ruhe im Bau.

*

Dass Solingen, modisch gesehen, Sumpfgebiet ist, nun ja, geschenkt, nichts Neues. Aber dass sich an einem herbstlichen Montagmittag nach Schulschluss ein gut 100köpfiger pechschwarz gekleideter Pulk über die Wupperstrasse wälzt, aus Richtung Gesamtschule kommend, das ist schon gruselig. Der farbigste Punkt in dieser finsteren Masse war noch der quietschgelbe Briefkasten, der im Hintergrund unterhalb der Ex-Filiale des Schlecker-Markts hängt und nur noch 2mal am Tag geleert wird. Daher führt er auch keinen roten Punkt mehr. Das wäre ja der Knüller gewesen!

*

Meine frühen Kindheitserinnerungen hängen eng mit dem Weltraum und der Tiefsee zusammen. Und mit der Schlangenwiese. Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Schlangen haben keine Arme, keine Beine, ja, sie haben ja nicht mal einen Hintern, die feinen Schlangen.

In der Nachbarschaft gab es eine hohe Wiese, die niemals gemäht wurde und wo Nachbarskinder angeblich eine Schlange gesichtet hatten. Seither hieß die Wiese nur noch „die Schlangenwiese“. Hohes Gras. Kein Baum. Abschüssiges Gelände. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese an sich tabu war für Spiele. Aber nicht an diesem Tag. Es waren fremde Kinder zu Besuch. Es war Ostern.

..neun, zehn! Ich komme!

Wir spielten Verstecken. Die ganze Nachbarschaft war Spielgelände. Ich traute mich das erste Mal seit langer Zeit wieder auf die Schlangenwiese. Keinen halben Meter von mir entfernt, hörte ich ein scharfes Rascheln. Es zischelte.

„Eine Schlange!“ schrie Patrizia, die um die Ecke wohnte und gern Sommerkleidchen trug und die meiste Zeit die Knie aufgeschlagen hatte. Alles um mich herum flüchtete, rannte weg. Ich spürte etwas an meinen nackten Beinen, etwas, das sich durchs hohe Schlangengras bewegte, durchs hohe pieksende Schlangengras. In kurzen Lederhosen rempelte ich den roten Alfred an, am Boden: eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen. Ein Züngeln. Ich rannte um mein Leben. Störrische Halme knickten um beim Laufen, Steinchen wurden aufgewirbelt und flogen davon, Natterngetrappel.

Ich war der erste, der die Straße erreichte.

*

Es gibt Tage, da ackert man von früh morgens bis spät in die Nacht, man macht und macht, und das Ergebnis ist, gelinde gesagt, eine horrende Null. Und dann gibt es Tage, da lässt man sich am Schreibtisch nieder, baut drei Sätze und ist die Sensation.

*

Große gewaltige Dinge haben es so an sich, dass sie selten geschehen, kleine Dinge fallen schon mal durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt irgendetwas übrig bleibt.

*

Mann, was brüllen die Leute sich selbst an, nicht zu fassen. Die haben zwar alle ein Handy am Ohr und tun so, als würden sie telefonieren, aber das kann mir keiner erzählen, dass es auf Erden so viele Leute gibt, die zuhören.

*

Kurzatmig ist das Glück, ein schnell schrumpelndes Gefühl. Und niemals kriegt man genug davon. Niemals ist man zufrieden. Es ist wie bei einem durstigen Mann, dem man einen feuchten Aufnehmer hinhält. Der Aufnehmer kann noch so groß, noch so feucht sein, man würde lieber aus dem Eimer saufen.

*

„Man mag dicke Menschen nicht, weil es so offensichtlich ist, dass sie sich zuviel herausgenommen haben.“

– Die Gräfin –

*

Ich komm in die Küche. „Weißt du was?“

„Nee.“

„500beine wäre dieses Jahr zweimal sieben geworden. 2005 hab ich angefangen.“

„Na, isses wahr..“ Sie gibt mir einen Klaps auf die Backe, so wie Lieutnant Kojak das immer gemacht hat, wenn er sich im ZDF über einen Assistenten lustig machte.

Oder im Ersten.

„Meinst du nicht auch, es reicht langsam? Es ist alles gesagt? Alles auserzählt?“ frage ich besorgt. (Auch wenn 500beine nur noch auf dem Papier existiert, auf EDV-Papier sozusagen, 12 Zoll – das Nachfolger-Studio Glumm schließt ja nahtlos an.)

„Ach wo. Guck dich doch an. Allein dein Gang. Du gehst immer noch so, als wärst du fünfzehn und kämst gerade vom Sportunterricht, aus der Umkleidekabine. Männer in deinem Alter gehen anders. Die sind gezeichnet.“

„Ich nicht gezeichnet?“

„Nee. Du fünfzehn.“

„Und was hat das jetzt mit zweimal sieben Jahre 500beine zu tun?“

„Wir sagen dir schon Bescheid, wenn es soweit ist. Wenn du am Ende bist mit Schreiben..“

„Wir? Wer, wir?“

„Na, ich und.. irgendwer da draußen.. Deine 200 Leser.“

Ich bin mir nicht sicher, ob es hinhaut, ob das wirklich stimmt, aber ich schätze, ja, das Leben ist ganz in Ordnung, solange einem der Schiedsrichter die Weiße Karte zeigt: Weitermachen.

Und noch ne Schippe drauf.

*

Ein Fatalist glaubt an Fügung. Glaubt daran, dass man sich noch so sehr ins Zeug legen kann, letztlich entscheidet ein Anderer darüber, was mit dir geschieht. Nenne den Anderen, wie du willst. Nenne ihn Gott. Nenne es Schicksal. Falscher Moment, richtiger Moment.

So Gott also will, bist du es, der gerade auf dem Bürgersteig unterwegs ist, wenn von hinten ein Lastwagen heranrauscht und dich erfasst und entzweireißt, weil der Fahrer die Kontrolle über den Dreißigtonner Diesel verloren hat, oder

eben nicht,

weil du, reiner Zufall, keine drei Minuten zuvor dort hergegangen bist und gar nichts mitbekommen hast von dem spektakulären Unglück, nein, du hast schon den kleinen Stadtpark erreicht, wo eine heftige Windböe einige Eckern vom Baum holt, die dich anfliegen wie eine stille Hubschrauberstaffel.

Nein, ein Fatalist läuft dem Schicksal nicht hinterher. Warum auch, es ist ja seins. Wo soll es sonst hin? Das arme Schicksal.

„Du bist so gottesfürchtig“, meint die Gräfin.

*

Auch wenn wir uns das Leben in der Zivilisation so bequem und komfortabel wie möglich gestalten, auf Dauer raubt es einem jegliche Kraft, es zehrt uns aus, und die Frage, was ist anstrengender, täglich ein Tier zu jagen und zur Strecke zu bringen oder in heruntergekühlten Mammutdiscountern einkaufen zu müssen, bleibt unbeantwortet.

*

„Der Virus Mensch bewegt sich eines Tages ins All, und zwar weit über den Mond und die Milchstraße hinaus, davon bin ich fest überzeugt. Und dann gnade Gott den anderen Planeten und Galaxienhaufen.“

Die Gräfin

*

Dieses Land ist so verzärtelt, für jeden noch so kleinen Landregen wird im Ersten nach der Tagesschau ein halbstündiges Wetter-Extra aufgelegt, mit bombiger Quote. Und wenn es dann in der Nacht so richtig ins Dach reinkracht, läuft Sissi.

*

Heimat bedeutet, die Schleichwege zu kennen, wenn dir die Bullen auf den Fersen sind.

12 Gedanken zu „Du bist so gottesfürchtig, sagte sie

  1. „Es gibt Tage, da ackert man von früh morgens bis spät in die Nacht, man macht und macht, und das Ergebnis ist, gelinde gesagt, eine horrende Null. Und dann gibt es Tage, da lässt man sich am Schreibtisch nieder, baut drei Sätze und ist die Sensation.“

    Heute waren es allerdings vier Sätze. Die hier:

    „Nein, ein Fatalist läuft dem Schicksal nicht hinterher. Warum auch, es ist ja seins. Wo soll es sonst hin? Das arme Schicksal.“

    Danke dafür.

    Gefällt 3 Personen

  2. Bisweilen hilft es, die kleinen Dinge durch den Rost fallen zu lassen und sie nach einer gewissen Zeit aus der erkalteten Asche wieder herauszuholen. Vielleicht hatten sie ja einen Glutkern, der Dir zuvor nicht auffiel und der erst im „Nachglühen“ seine Strahlkraft entfalten konnte.

    Gefällt 1 Person

  3. es machte plöpp oder puff und eine Ladung violetter Flüssigkeit schoss über die Fliesen im Eingangsbereich der Villa wo der Hund gerne ausruhte , ich hatte kaum die Sohle unten aber es war zu spät
    was ne Sauerei
    was war das ne Kirsche oder hatte ich was an den Hacken
    selbst Zecken sind vor Raubmilben nicht gefeit
    die Milbe setzt sich auf die Zecke und denn geht’s ihr an den Kragen
    die Natur sorgt für ausserordentliche Bedürfnisse und Sauger aller Art

    ich hatte mal ne Milbe am Bein und es juckte
    nur allein hätt ich die nie rausgedreht bekommen.

    Liken

  4. „du hast schon den kleinen Stadtpark erreicht, wo eine heftige Windböe einige Eckern vom Baum holt, die dich anfliegen wie eine stille Hubschrauberstaffel.“

    … und eine davon fliegt dir ins Auge, vor lauter Schreck drehst du den Kopf schnell zur Seite und schaffst es dann irgendwie, dich bei der Aktion auf die Fresse zu legen. Und je nachdem, was Fortuna so für dich in petto hat, fällst du so, dass du dir das Genick brichst und im Park verreckst. Hmm … da hätte es ja doch der Dreißigtonner Diesel davor sein können, hätte ein paar Minuten Zeit gespart …

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.