Todestag 9

Am Abend vor ihrem Tod hinterließ sie mit brüchiger Stimme eine Nachricht auf unserer Mailbox. Zwar war die Mühe schon zu spüren, die ihr die Worte machten, der Anruf insgesamt, doch dass sie den Ärzten am nächsten Vormittag unter den Händen wegsterben würde, überrannt von zwei Herzinfarkten kurz hintereinander, den ersten noch während der Visite, das war nicht zu hören. Daran war kein Gedanke.

„Susanne, sag dem Andreas doch bitte, er möchte an die Tempo-Taschentücher denken… und an das Baldrian extra-stark, wenn er mich morgen besuchen kommt..“

Die knappe Nachricht beschloss Mutter wie üblich mit einem leicht belustigten, langgezogenen, irgendwie die Rutsche runtergerutschten „En..de“, so, als handelte es sich um ein Spaß-Telegramm alter Schule. Und während nun im Hintergrund zu hören war, wie sie den Hörer umständlich Richtung Telefonapparat bugsierte, Festnetz Krankenhaus, während die Sprachbox also das Rascheln der Bettwäsche und des Kissens aufzeichnete, stieß Mutter noch ein allerletztes schüss aus, ein leises, wie im Abspann durchrauschendes kleines schüss, ein Mini-U-Boot von einem schüss, das mit dem Periskop noch einmal heimlich die dunkle See ablauschte, die an zweiten Weihnachten 2010 ganz ruhig dalag, kaum Wellengang, no fish today.

Schüss, mein Junge.

Ebenfalls zu hören, sozusagen im Superhintergrund: Frau Wolf, die grundsympathische und in etwa gleichaltrige Bettnachbarin auf Zimmer 12, die in jungen Jahren als Hutmacherin in Hamburg Karriere gemacht hatte. Sie tuschelte etwas, das nicht zu verstehen war, nicht einmal in Ansätzen, auch nach dem x-ten Abhörversuch nicht.

Dann machte es klack.

 

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22 Gedanken zu „Todestag 9

  1. Schnürt mir die Kehle zu und ist wunderbar zugleich.
    Aber bitte, du kannst das doch nicht einfach so veröffentlichen, ohne was zu diesem Foto zu sagen! „Andreas Glumm: Geplant war Ewigkeit“?!!? Ich will dieses Buch! Oder ist das wieder so ein Fake-Cover?

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  2. Ich kann mich nur anschließen. Allein der Titel ist schon Erste Liga.
    Was mir auffällt, ohne dass es etwas bedeuten muss:
    Warum trägt sie ihre Wünsche an Die Gräfin, wenn Du sie besuchen kommst? Warum nicht direkt an Dich?

    Gruß und weiter so,
    Uwe

    Gefällt 1 Person

  3. Meinen besten Freund hab ich am Tag bevor er den Löffel abgab aus Spaß noch einen Kuß auf die Wange gegeben…
    Was wirklich untypisch war für uns, normalerweise haben wir uns nicht mal die Hand gegeben…
    Solche Kleinigkeiten vergisst man wohl sein ganzes Leben nicht. Schön daß du noch so ein Andenken an deine Mutter hast.
    Bin zwar chronisch pleite, aber ein Buch von dir würde ich mir (als gute Klolektüre) auf jeden Fall kaufen.

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  4. Also wenn der Herr Glumm mit dem unrunden Buch nicht bald in die Pötte kommt, dann geht et aber rund! Dann fertige ich Leseproben (sagen wir mal 16-seitig) mit dem hier abgebildeten Cover an und verteile die heimlich in irgendwelchen Buchhandlungen in Köln. Da wird die Glummsche Tür sicher bald von mit Säbelbeinen ausgestatteten Individuen eingerannt werden mit der Bitte nach mehr. Kiepenheuer & Witsch stellen sich dann auch in der Schlange an.

    Naja, schön wär’s doch.

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  5. Taschentücher, Baldrian extra stark, Schüss mein Junge. Das Sterben ist auch irgendwie banal. Wie die letzten Worte, die letzten Handlungen. Ganz gewöhnlich. Aber weil es die letzten waren, klingen sie nach wie heilige Handlungen in dem, der überlebt. Jedesmal wenn ich einen Joghurt esse – ich tue es täglich -denke ich an den letzten Joghurt, den meine Mutter in Händen hielt und langsam, wie andächtig verspeiste. Sie war sich bewusst, dass es der letzte sein würde, glaub ich, und sie spürte noch einmal dem Geschmack nach. Als sei es das Leben selbst.
    Danke für deins, Glumm.

    Gefällt 1 Person

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