Mordsache Männlein – Ein kalter Fall

Im Spätsommer 1991 ist Günter Ratzki einundreißig Jahre alt und arbeitet im Turm-Hotel. Er ist Nachtportier. Natürlich ist er eigentlich Schriftsteller, wie alle Nachtportiers, aber das behält er lieber für sich. Das ist sein kleines Geheimnis. Das macht ihn sexy, findet er. Gelegentlich bekommt er sogar von sich selber einen hoch.

Das Hotel befindet sich in den oberen vier Stockwerken des Turm-Zentrums mitten in der Innenstadt einer nordrhein-westfälischen Mittelstadt. Die Rezeption ist in der 11. Etage. Die Aussicht ist spektakulär. Ratzki steht gerade in der Küche und schiebt einen Batzen Jagdwurst in die Brotschneidemaschine, als es schellt. Er geht hinter die Rezeption. Es ist halb vier in der Früh.

„Ja, bitte?“ fragt er über die Sprechanlage und erkennt auf Monitor Nr. 4, der den Eingangsbereich im Erdgeschoss im Blick behält, ein Männlein nebst Gepäck.

„Hätten Sie noch ein Zimmer frei?“

„Tut mir leid. Wir sind voll.“

„Och!“ Der kleine Mann, elf Stockwerke tiefer, hat einen wirklich großen Koffer dabei. „Ich bin nämlich aus Hannover.“

„Tja, wie gesagt, wir sind voll, tut mir leid. Ist Messe, in Köln.“

„Ja natürlich, Herren-Woche.. ich weiß.  Was mache ich denn da? Könnte ich auf einen Sprung hochkommen, damit Sie mir ein Hotel in der Nähe anrufen.. in Wuppertal vielleicht..? Ich bin sehr müde, aus Hannover.“

Ja warum denn nicht. Wozu ist man denn Mensch. Ratzki drückt per Summer die Eingangstür im Erdgeschoss auf, stellt in der Küche die Wurstschneidemaschine ab und wäscht sich die Hände. Schon macht es blongg! Das Signal verkündet: Der Aufzug ist da. Es gibt vier Aufzüge, genauso wie es vier Überwachungsmonitore gibt. Ratzki hört vier Schritte. Er blickt hoch – ins Mündungsrohr einer Smith & Wesson.

Er ist so perplex, dass er ruhig Blut spuckt.

„Schnauze!!“

„Sie müssen entschuldigen, mein Zahnfleisch..“

„Schnauze hab ich gesagt! Und jetzt hübsch den Zaster an die Sonne! Alles, was da ist! In den Koffer rein. Aber keine Münzen.“

„Nein?“

„Nein. Nur Scheinchen. Das klimpert mir zu sehr mit dem Kleingeld, verdammt!“

Gut. Ratzki behält die Ruhe und die Übersicht. Er sperrt die Kasse auf, und hat plötzlich eine Eingebung. Vielleicht lässt der Bandit sich umstimmen. Er greift nach einem der Nachrichtenmagazine, die auf der Rezeption ausliegen, und blättert kurz durch, bis er auf diese Statistik stößt, die er tags zuvor entdeckt hat.

„Der Herr, wenn Sie einmal einsehen möchten..“

„WAS SOLL DAS??“

Die Knarre fuchtelt ein nervöses Zick-Zack in die Luft, doch Ratzki, ein abgezockter Nachtschichtler, lässt sich nicht beirren.

„Hier, bitte sehr. SOLINGEN, DIE SICHERSTE GROSSSTADT DEUTSCHLANDS! Zum fünften Mal in Folge! Noch vor Remscheid. Was Sie hier abziehen, das läuft so nicht, das ist verboten in unserem Städtchen. V-e-r-b-o-t-e-n!“

Der Räuber schielt auf die Zeitschrift, Ratzki liest umgerührt weiter.

..keine Messerstecherei im Mekka der Messer.. Solingen, die reine Fackwerk-Idylle.. Kriminalität nur ein Fremdwort..

„Schnauze hab ich gesagt!“ Der Kriminelle wuchtet seinen Koffer auf den Tresen. „Und jetzt den Zaster hier rein! Keine Münzen! Nicht so Pfennige!“

„Jetzt passen Sie mal auf.“

Ratzki kann man kein x vor ein u machen. Xu, das wäre eher etwas für China. Er verfolgt konsequent seine Linie.

„Junger Mann, ich wohne im Spar-und Bauverein. Das ist eine Genossenschaft. Morgen ist Versammlung. Sehen Sie, ich habe vierzig Quadratmeter. An Miete zahle ich 206 D-Mark plus Garage 25. Würden Sie da ausziehen? Hm?“

„Was..?! Nein… in Gottes Namen, n-nein.., da würde ich auch nicht ausziehen..“

„Genau. Die gebe ich mein Lebtag nicht mehr her, die schöne Wohnung. Da kriegt mich keiner raus, Punkt, aus. Muss ich nur was renovieren, vielleicht die alte Sitzbadewanne raus, neu kacheln, neu fliesen, muss man sehen. Der nächste, der einzieht, der zieht in eine Top-Villa ein.. Ist doch wahr.“

Während der Räuber erschöpft in die Sitzgruppe sinkt, holt Ratzki Kaffee und Gebäck aus der Hotelküche.

„Zucker und Milch?“

„Nur Milch, danke schön. Sehen Sie, ich selbst bin auch am Renovieren“, erzählt das Männlein, „seit ein, zwei Monaten schon. Nun will ich Ihnen sagen, ich hab noch keinen einzigen Kumpel bei mir gesehen.“ Die Knarre boppert auf den Tisch. „Hier, der Alex zum Beispiel. Der fliegt doch glatt einen Monat vorher nach New York und fragt nur: Wann ist denn Einweihung, Uli, wann kann man denn dein neues Parkett zertreten.“

Ratzki ist gerührt. Er schließt den kleinen Uli in seinen Arme.

„Der hat auch ganz gelbe Zähne, der Alex“, jammert das Männlein, „das ist so ein Schwein!“

„Das ist ja schlimm bei Ihnen in Hannover. Am besten, Sie lassen sich im Bergischen nieder und suchen sich eine liebe Frau.“

„Da sagen Sie was. Aber die meisten Frauen, die man kennenlernt, sind ja sexausgehungert. Oder was anderes stimmt nicht mit ihnen.“ Er senkt seine Stimme. „Bei einer war ich mal, da kommt der Sohn noch mit einunddreißig Jahren zum Essen nach Hause und bringt die schmutzige Wäsche mit, drei Tüten, voll bis obenhin. Können Sie sich das vorstellen?“

Ratzki horcht auf und greift nach der geladenen Smith & Wesson, die herrenlos auf dem Tisch liegt. Ein Sohn, der mit 31 Jahren noch die Schmutzwäsche nach Hause bringt..? Es passt alles zusammen.

„Ach, Sie besuchen meine Mutti?!“ schreit er und schießt. Dann wischt er sich die Kaffeeschnüss ab. Alles voller Blut. Die ganze Fresse. Bis zum 31.12. muss ich mit dem Bonusheftchen beim Zahnarzt gewesen sein, denkt er, sonst geht das nächstes Jahr richtig ins Geld.

3 Gedanken zu „Mordsache Männlein – Ein kalter Fall

  1. die Karte mit Turm hab ich noch…
    hol mal die Lesebrille die ich gestern erst beim Suchen der Bankcard widerfand
    „Alter Kühlschrank HOOLIGAN:
    30 ENTSORGTE GILDEN AUF DEINEN DEETZ,
    DU BOSCHARTIST,
    DU JOHNNY
    wünscht und schluckt mit Roberto Pulli
    2.2 Nacht
    Absender ERDE

    Gefällt 2 Personen

  2. ich kann mich erinnern
    frag mich grad ob die Pistole echt war
    wenn ja
    hat er nochmal Glück gehabt das du in dieser Nacht alles richtig machtest
    das nicht lustig.

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