Ein Trapper auf dem Trail, II

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man die Leute kennenlernt, wenn man voll drauf ist und tagtäglich dem Gift nachjagt und irgendwie immer auf 180 ist und diesen Geschmack von Chemie niemals loswird, oder ob man die Leute noch aus der Zeit kennt, bevor es losging mit dem Suchtgeschäft. Als man noch ein richtiges Leben hatte, als es noch andere Themen und Gefühle gab, nicht bloß das nächste Pack. Den “Alten” vertraut man naturgemäß mehr. Der kleine Wiegand war einer von den Alten.

Ich kannte ihn aus dem Haus der Jugend, wo wir uns Mitte der Siebzigerjahre Woodstock anschauten, im großen Saal. Im Nachhinein wundere ich mich, wie alt uns der Film damals schon vorkam, wie antiquiert und aus der Zeit gefallen, obwohl das Festival gerade mal sechs Jahre zurücklag. Woodstock war muskulös und voller Magie, erschien uns aber wie von einem anderen Planeten. Woodstock war Höhepunkt und Abschluss von Flower Power, wir dagegen waren schon die Bump & Glitter-Ära, wir hatten mit Hippies nichts am Hut. Wir hörten Bowie und Slade und warteten auf die Punkbewegung, die schon ihr unanständiges Köpfchen hob. Ich glaube, wir waren die erste Generation, die nichts Gutes im Schilde führte.

30 Jahre später.

Wiegands Gesicht war teigig geworden und rund wie ein Pfannekuchen, vom vielen Saufen und billigem Essen. Mit seiner Lederweste und der Fransenjacke sah er aus wie ein Trapper auf dem Santa Fe-Trail. Einer, der seit vielen Jahren unterwegs ist, mit einem Packesel an der Seite, festen Boots an den Füßen, die Apachen im Genick. Wenn er zuviel Schnaps getankt hatte, verlor Trapper Wiegand schnell den Überblick, er schlief immer und überall ein.

„Ich hab niedrigen Blutdruck“, klagte er. „Das liegt in der Familie. Wir pennen alle den ganzen Tag.“

So war es auch gewesen, als er in der Linie 683 von vier Kiddies mit Baseballcaps ausgeraubt wurde. Er saß in der letzten Bank und schnorchelte tief und fest, während man ihm die schönen neuen Sneakers von den Füßen schälte. Die Polizei meinte später, er sei vermutlich schon beobachtet worden, als er in der Sparkassenfiliale am Fronhof am Bankautomaten stand. Es war Monatsanfang und Wiegand hatte alles abgehoben, was ging. Das ALG II sowie die kleine Rente, die ihm zugesprochen worden war, für einen in den Achtzigerjahren erlittenen Arbeitsunfall. Er hatte damals als Dachdecker gearbeitet und war in einen rostigen Nagel getreten, in billigen Arbeitsschuhen, die nichts aushielten. Der Nagel ging glatt durch, fünf Zentimeter weit in den Fuß rein, „wie Butter“, und guckte oben aus dem Spann wieder raus.

„Zuerst hab ich kaum was gemerkt. Das war ein Gefühl, als hätte ich auf eine Katze getreten, die nicht wegläuft… das war richtig weich.“

Im städtischen Krankenhaus haben sie dann ambulanten Murks gemacht: keine Röntgen-Aufnahmen, dumme Blicke, wieder nach Hause geschickt. Es ging alles schief, was schiefgehen konnte. Die Unfallversicherung bot ihm ein Jahr später eine einmalige Zahlung von 80.000 Euro an, wahlweise eine monatliche Invaliden-Rente von 300 Euro.

“Ja wie..? Erzähl mir nicht, du hast dich für die Rente entschieden..” Ich konnte es nicht fassen. “Bist du wahnsinnig? Solange lebst du doch gar nicht mehr, dass sich das lohnt!”

Der kleine Wiegand, sonst schlagfertig und immer für eine prompte Replik gut, grunzte nur vor sich hin und nahm einen Schluck Bier.

“Dich alte Labertasche überlebe ich allemal.”

Er saß auf der Treppe am Kaufhof. Er hatte die erste Kanne Bier in Arbeit, morgens um neun. Er rülpste verächtlich.

„Die erste.. bff.“

„Die wievielte denn?“

„Na, keine Ahnung. Weiss ich doch nicht. Ich zähl doch nicht mit. Die.. dritte glaub ich.“

Um diese frühe Uhrzeit wimmelte es in der Stadt nur so von Junkies, fast jeder hatte eine Flasche Bier und einen Jägermeister in Arbeit. Viele kamen direkt von der Methadon-Vergabe. Es gab zwei Arztpraxen in der Innenstadt, die lizenziert waren, Heroin-Süchtige zu substituieren, mit Methadon, Methadict, Polamidon, Subutex. Dazu wurden diverse Antidepressiva ausgegeben, Pillen gegen Alkoholismus, Schlaftabletten etc. Man sammelte sich in kleinen Grüppchen, stand an dunklen Ecken und besprach den Tag. Wo was zu schnappen war. Wovon man besser die Finger ließ. Ich hatte damit nichts mehr zu schaffen, ich war raus aus der Nummer, aber wenn ich in der Stadt unterwegs war, erkundigte ich mich nach dem Fortgang der Geschichte. Nach den Alten.

Ich setzte mich zu ihm, und Wiegand erzählte, wie es weitergegangen war, nachdem er am Fronhof sein Konto leergeräumt hatte. Mit fast 900 Euro in der Tasche war er volltrunken in eins der besseren Schuhgeschäfte in der City gewackelt, wo er sich für 150 Euro rote Nikes leistete. Er behielt sie gleich an. Die alten Treter ließ er im Geschäft zurück. Alle Verkäuferinnen weigerten sich, die Dinger anzufassen. Echtes Trapper-Bukett. Wiegand stieg in die 683 Richtung Höhscheid und schlief auf der Stelle in der hinteren Bank des überlangen Gelenkbusses ein. Die folgende Abzocke ist auf Video dokumentiert, alle Busse der Stadtwerke werden videoüberwacht. Vier Hip Hopper, die Basecaps tief in die Stirn gezogen, nehmen den nickernden Wiegand in ihre Mitte. Sie streifen ihm in aller Seelenruhe die nagelneuen Sneakers vom Fuß und zocken seine Brieftasche bis auf den letzten Cent. Eine Haltestelle weiter steigen sie aus. Auf dem Videomitschnitt sieht man, wie der Busfahrer an der Endhaltestelle auf Wiegand zukommt, ihn aufweckt und verärgert rausschmeißt, obwohl er nur noch Strümpfe an den Füßen hat.

“Der hielt mich für einen Penner. Der dachte, ich wär besoffen.“

„Ja, wieso. Warst du doch auch.“

„Ja klar, ich wusste überhaupt nicht, was Sache ist. Ich hab nix mehr geschnallt.”

“Na, das ist ja nun auch nix Neues”, sagte ich.

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