Ein Trapper auf dem Trail, III

2009 jobbte ich im Design-Institut am alten Bahnhof, und eines Tages stand Wiegand in der Tür. In seiner Uniform. Fransenjacke und Boots. Der Trapper. Ich hatte ihn zwei, drei Wochen zuvor in der Stadt getroffen und erwähnt, dass ich jetzt am alten Hauptbahnhof arbeitete, im Design-Institut, wo ich die kleine Bücherei verwaltete. Ich war schon eine Weile aus der Drogenszene raus, er steckte immer noch drin. Nun stand er in der Tür, mit einem beschädigten Grinsen im Gesicht, halb forsch, halb scheu, und brauchte dringend Kohle. 170 Euro genau genommen.

“Melli hat einen Roten draußen. Die kann jeden Moment verhaftet werden.”

Einen Roten draußen haben bedeutet, ein zuständiger Richter hat einen Haftbefehl unterschrieben, auf rotem Papier. Melli, die Mutter seiner Kinder, hatte wiederholt die Rate einer Geldstrafe nicht beglichen.

“Und da machen die so einen Honk?” wunderte ich mich. „Deswegen soll sie in die Kiste?“

“Der Staatsanwalt mag Melli nicht”, meinte Wiegand. “Der will die im Bau sehen, unter allen Umständen.”

“Warum?”

“Keine Ahnung.”

An seinen Augen war abzulesen, dass er sehr wohl wusste, was dahinter steckte, aber keine Lust hatte, darüber zu reden.

“Scheiße”, sagte ich, “ich hab keine 170 Euro.”

“War ja auch nur ne Frage.”

Überraschend schnell hakte er das Vorhaben ab, sich Geld von mir leihen zu wollen. Wahrscheinlich ging ihm erst jetzt so richtig auf, wie sinnlos dieses Unterfangen war. Wir kannten uns aus uralten Haus der Jugend-Tagen, hatten uns aber lange Zeit kaum gesehen. Dass er jetzt hier im Institut aufschlug und mich anpumpen wollte, zeigte nur seine ganze Verzweiflung. So dicke waren wir nicht, nicht mal annähernd so dicke, dass ich ihm mal eben 170 Euro rübergeschoben hätte, selbst wenn ich flüssig gewesen wäre. Vermutlich war ich einer der wenigen in seinem Bekanntenkreis, der überhaupt einen Job hatte, wo also die Möglichkeit, sich auf die Schnelle Geld leihen zu können, überhaupt in Betracht kam. Er blieb nicht lange, keine zehn Minuten später machte er sich wieder auf die Socken, er stand mächtig unter Zeitdruck.

Wenn er bis 16 Uhr die Kohle nicht auftrieb und einzahlte, konnten die Bullen jede Sekunde einfliegen und Melli in Haft nehmen. Dann musste sie die noch nicht abgestotterte restliche Geldstrafe absitzen.

„Vier Wochen. Die verkraftet das schon“, meinte Wiegand.

Aber was war mit den beiden kleinen Kindern? Ihm allein würde das Jugendamt kaum die Verantwortung übertragen. Wahrscheinlich mussten sie dann ins Heim, Und wenn sie erstmal im Heim waren, würde es schwer werden, sie wieder rauszuholen, selbst wenn Melli nach einem Monat wieder aus dem Knast kam. Als mir das klar wurde, begann ich zu rechnen, ob ich die Kohle nicht doch irgendwie auftreiben konnte, doch mir fiel nichts ein.

“Na ja, ich hab da noch eine Idee”, meinte Wiegand schließlich nebulös, “eine Möglichkeit bleibt noch.”

“Ich drück dir die Daumen”, sagte ich, “dass es klappt.”

Ein bisschen hatte ich den Eindruck, dass er das nur sagte, damit ich mich nicht so schlecht fühlte, weil ich ihm nicht weiterhelfen konnte.

“Tut mir leid”, sagte ich.

“Schon okay.”

Im Türrahmen drehte er sich um.

“Hab ich dir erzählt? Ich hab am Wochenende versucht, mich selbst in Hypnose zu versetzen.”

“Och.”

“Ja. Ich hab ne halbe Stunde lang ohne Unterbrechung auf das rote Standby-Licht meiner Stereoanlage gestarrt.”

“Is wahr..? Und? Hypnotisiert?”

“Nee. Eingepennt.“

6 Gedanken zu „Ein Trapper auf dem Trail, III

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