Ein Trapper auf dem Trail

Er hatte eine neue Bleibe gefunden, die typische Single-Wohnung unterm Dach: zwei Zimmer, kleine Küche, tausend Satelliten-Programme – “tipp topp, die Hütte.” Auch die Nachbarschaft schien soweit in Ordnung zu sein. Eine griechische und eine kroatische Familie, zwei hübsche Polinnen, bei denen es ein und aus ging, dazu ein Schwarzer aus Togo und ein oder zwei desorientierte Deutsche. Der Rest der Mieter schien tot zu sein, es war nichts zu sehen und nichts zu hören von ihnen. Lediglich die Namen an der Klingelleiste verrieten, dass es sich auch hier um Einheimische handelte.

„Wahrscheinlich sind sie am Vergammeln“, wie Wiegand schlechtgelaunt meinte. „Die Deutschen kümmern sich ja nicht um ihresgleichen. Die scheißen auf ihre Leute.“

Wiegand war Umzugsprofi. Er hielt es nicht lange in einer neuen Umgebung aus, aber er verließ nie die Stadt. Er umrundete die Heimat, und hin und wieder ergatterte er eine Bude im Herzen der Nordstadt . Um zu kontrollieren, wie die neue Hausgemeinschaft es mit der Hygiene hielt, musste der Pflaster-Test ran. Den hatte Wiegand einst von seiner Mutter abgeguckt. Die hatte den Pflaster-Test erfunden und jedes Mal eingesetzt, wenn es für die Familie mal wieder Umziehen hieß. Eine riesige Familie, die Familie Wiegand, mit neun Kindern. Da musste man als Mutter wissen, wie die Nachbarn tickten.

„Ja, deine Mutter vielleicht“, sagte ich, „aber doch nicht du. Du bist doch nicht Enie van de Meiklokjes, du bist doch selbst ein halber Messie! Was interessiert es dich, ob die Leute im Haus die Treppe putzen.“

Er hörte überhaupt nicht hin. Wenn der kleine Wiegand einmal anfing, sich über etwas zu echauffieren, war er nicht mehr zu stoppen. Ein Trapper auf dem Trail. Ein Putzmann ohne Putzlumpen. Der Pflaster-Test also. Man legt im Hausflur einen kleinen Köder aus, an exponierter Stelle, und wartet ab, was passiert. Köder war ein gebrauchtes Heftpflaster, das der kleine Wiegand in der vierten Etage des Mehrfamilienhauses an der Konrad Adenauer Strasse im Treppenhaus platzierte, und das sich innerhalb der nächsten vierzehn Tage kontinuierlich nach unten bewegte, Etage für Etage, Treppenabsatz für Treppenabsatz, Stufe für Stufe, weiter, immer weiter. Wie bei einem nicht abgesprochenen Staffellauf kickte jeder Mieter das dreckige Wundpflaster aus seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich in den Verantwortungsbereich des Nächsten, bis es endlich ganz unten landete, im Erdgeschoss, unter der Phalanx der Briefkästen, wo sich keine Sau mehr darum scherte. Wo es zur Ruhe kam. Wo es sich verlor, hinter der Ziellinie.

Das war der Beweis, dass Wiegand einmal mehr in einem Mietshaus gelandet war, in dem sich keiner für Sauberkeit interessierte. Allenfalls der kleine Wiegand, der die ganze Sache initiiert hatte, behielt das Pflaster noch eine Weile im Auge, ein Heftpflaster, das ursprünglich eine schlecht verheilende, eiternde und suppende Brandwunde an seinem linken Ringfinger verschlossen hatte.

“Meine Mutter hat das früher auch immer so gemacht mit dem Pflaster-Test.”

„Was du nicht sagst“, sagte ich, „aber deine Mutter war auch kein halber Messie, die hat ja auch brav das Treppenhaus geputzt, wenn sie an der Reihe war. Und außerdem, wer bückt sich schon nach einem versifften Hansaplast, das nach den zehn ekligsten ansteckenden Bluterkrankheiten der Welt aussieht?!“

„Zehn auf einen Streich“, feixte der kleine Wiegand, und das Thema war durch.

3 Gedanken zu „Ein Trapper auf dem Trail

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