Scheintot – und dann die Würmer

Im Jahre 1995 bekam das Hotel einen neuen Pächter. Wir mochten uns vom ersten Moment an nicht. Er hielt mich für einen Faulpelz, einen Beatnik, einen verdammten Nachtwächter, der ihm auf der Tasche lag, ich fand, er sah aus wie ein kürzlich gescheiterter Herrenfrisör. Er hatte mich, wie die anderen Mitarbeiter auch, vom Vorgänger übernommen, besser gesagt übernehmen müssen, doch nach nicht einmal zwei Monaten höchst unlockerer Zusammenarbeit einigten wir uns auf einen Aufhebungsvertrag und ich war raus aus der Nummer, nach fast sieben Jahren Nachtdienst.

Sah ich endlich wieder

TAGESLICHT!!

Es hatte schon damit angefangen, dass der neue Pächter eine kleine Bar einbauen ließ, gleich gegenüber der Rezeption, wo zuvor eine flauschige Sitzgruppe stand, (in Ermangelung eines echten Foyers). Dort empfing einen nun eine Theke im Old Used Wood-Design, die eher an eine Hausbar erinnerte, inklusive Bier vom Fass und Weinregal. Und drei Hocker.

Wollte nun ein Gast noch „ein Bierchen trinken“, war es mir nicht mehr gestattet, ihn auf die Minibar im Zimmer zu verweisen, nun hieß es rüber zur Bar, mein Freund. Damit war ein neuer Tiefpunkt erreicht. Die Nächte um die Ohren schlagen war die eine Sache, aber Bier zapfen und Longdrinks auf Schirmchenbasis basteln, während die Leute einem ungeduldig auf die Finger starrten – ohne mich. Sogar von kleinen, im Jetstream-Ofen aufgewärmten Spezereien war die Rede. Ich war endgültig der falsche Mann am falschen Ort.

(Der neue Pächter kam von der holländischen Grenze, wo er mit seiner Ehefrau ein Business-Hotel geführt hatte. Direkt an der Grenze? fragte ich. „Ja, in der Grafschaft Bentheim, da wo die Hascher immer herfahren, wenn sie in die Koffieshops wollen.“ Er blickte mir prüfend in die Augen, aber ich hatte ein reines Gewissen, schließlich hatte ich bloß etwas Morphin intus in diesem Moment, kein Hasch.)

Eine Weile bezog ich Geld vom Arbeitsamt, bis der zuständige Sachbearbeiter, ein ganz gewitztes Bürschchen, mich mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) in einer kommunalen Bau-Schreinerei auf dem falschen Fuß erwischte.

„Ich in einer Schreinerei..?! Womit denn? Ich hab zwei linke Hände!“

Ich war richtig erbost.

„Aber irgendwas müssen wir doch mit Ihnen machen“, verzweifelte der Mann von der Arbeitsagentur. Ich saß ja nicht zum ersten Mal vor ihm. Ich war ihm ein Rätsel. Er verstand nicht, warum ich aus meinem Potenzial so wenig machte.. Ich verstand es ja selbst nicht. Ich war mir selber ein Rätsel.

Mein alter Freund Pepe hatte es schon in den frühen Achtzigern erkannt. Als er wegen gewerbsmäßigen Schmuggels von Drogen einige Monate Haft absitzen musste, schrieb er mir ellenlange Briefe aus dem Knast, vollgestopft mit Visionen, wie Karlos und ich ihn beim Hofgang mit waghalsigen Hubschraubermanövern befreiten. Zudem beschwerte er sich bitterlich darüber, dass der Staat ihn für seine Drogensucht so hart bestrafte und die Freiheit nahm.

Dabei will ich doch nur meinem Job nachgehen und am Wochenende feiern, wie jeder andere auch.. Was hat dieser scheiß Staat sich da einzumischen, welche Drogen ich bevorzuge. 

Und dann zählte er seine Freunde auf, die ebenfalls nichts anderes vom Leben erwarteten, als ihrem Job nachzugehen und das Wochenende durchzufeiern. Zu jedem Freund fiel ihm auch gleich der passende Job ein, nur bei mir geriet er ins Stocken, bei mir musste er passen. Es war zu spüren, wie sehr es ihn fuchste, dass ihm zu meinem Leben nichts passendes einfallen wollte, nichts, womit ich seiner Meinung nach je meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Die Gräfin begreift bis heute nicht, wie das kommen konnte. Wie es möglich war, dass ich als Sohn einer gestandenen bergischen Handwerkerlegende mit zwei inaktiven Händen zur Welt kommen konnte. Was da vorgefallen war.

„Deine Mutter war garantiert mit einem anderen Kerl im Bett. Einem Kerl, der deinem Vater allerdings verflucht ähnlich gesehen haben muss..“

Der Träger der ABM war nicht nur für den Bau städtischer Spielgeräte zuständig, auch die Pflege der Spielplätze zählte zu seinem Aufgabenbereich. Das war mein Ding. Ein bisschen Laubfegen an der frischen Luft war allemal besser als acht Stunden in der Schreinerei stehen und zu hobeln und zu fräsen, den Blaumann und den Sack voller Sägespäne. Jeden Morgen, wenn es um die Einteilung der Arbeit ging, stand ich in hinterster Front und wartete, bis zuletzt die Spielplatzpflege an der Reihe war und nur noch Harri, der Punker, und ich übrig waren. Harri war schwerer Asthmatiker. Er brauchte die frische Luft.

„Ich hab voll die Luftsucht, Alter.“

Einmal setzte man uns morgens vor einer Kindertagesstätte in Ohligs ab. Zum Grundstück gehörte ein riesiger Garten mit tausend Bäumen und tonnenweise Laub, das zusammengekehrt und abtransportiert werden sollte. Es war kurz vor Weihnachten und nasskalt. Die meiste Zeit saßen wir im Aufenthaltsraum, wo wir den Kindern den heißen Kakao wegsoffen. Die stapften derweil durch den nahen Wald und sammelten Moos für die Krippe mit dem Jesukind. In einer Ecke des Pausenraums stand bereits der halb-fertig geschmückte Christbaum, darunter lagen Geschenkpäckchen, die alle seltsam platt wirkten.

„Da ist wohl ein Rentier drübergelatscht“, meinte ich.

Harri verzog keine Miene. Mit Mitte Dreißig hatte er nicht nur seinen Irokesenschnitt und Teile des Lungenvolumens aufgebraucht, sondern auch seinen Humor. Er trank nicht einmal mehr Alkohol. Er trug einen blondgefärbten Mecki und war stolz auf seine Leberwerte.

„Meine Leber ist gepflegt wie ein englischer Vorgarten.“

Als er das zum ersten Mal behauptete, musste ich lachen, beim zweiten und dritten Mal nicht mehr. Harri war ein sehniger Punk und steckte schon das zweite Jahr in der Maßnahme fest. Ich weiß nicht, ob es an der regelmäßigen Arbeit lag, dass Harry so spießig und solide geworden war, aber er gab schon ein trauriges Bild ab. Nichts gegen einen Punk, der Drogen und Saufen an den Nagel hängt und ein gottesfürchtiges Leben führt, doch er schien zu erwarten, dass andere Leute sich genauso verhielten und seinem Beispiel folgten. Was natürlich niemand tat.

Wie viele Arbeitnehmer hatte Harri sich daran gewöhnt, konsequent aufs Wochenende hinzuleben. Freitagnacht zog er mit seinen alten Kumpanen Didi, Würmchen, Schlotti und Fauser los und graste die Umgebung nach Punkrockkonzerten ab, von denen er Montagmorgen begeistert berichten konnte, bevor er Dienstag wieder durch seinen gepflegten englischen Vorgarten schlurfte und die Klappe hielt, weil bereits alles erzählt war vom wilden Wochenende. Dann kam der Mittwoch und Harri wurde depressiv. Er hielt sich für eine ziemliche Flasche. Je länger die Woche dauerte, desto weniger mochte er sich leiden.

„Punks wie mich gibt es Zehntausende in Europa“, klagte er, „dazu die aus Amerika, die aus Kanada und Australien und.. die aus Hongkong, die sind auch nicht viel anders. Ich bin echt nichts besonderes. Ich krieg ja nicht mal mehr richtig Luft.“

Nun bin ich kein großer Freund von Leuten, die sich ständig selbst niedermachen, das sollte man lieber anderen überlassen, die können das besser. Die haben da mehr Erfahrung drin,  die erschnüffeln noch das kleinste Negative an dir. Es ist besser, die anderen hassen dich, als du dich selbst. An diesem Montag vor Weihnachten aber war Harry richtig aufgebracht.

„Harry, was ist los?“

„Der Schlotti ist verreckt“, sagte er.

An einer Überdosis Heroin. An den alten Bahngleisen. Es war schon einige Tage her und hatte sich bereits herumgesprochen, doch Harri hatte bislang keinen Ton dazu gesagt. Als ich ihn nun fragte, was genau geschehen war, war er nicht mehr zu bremsen.

„Die waren zu dritt, der Schlotti, der Müller und.. noch einer, komm jetzt nicht auf den Namen. Jedenfalls haben die drei sich einen Druck gemacht am alten Nordbahnhof. Die Schore muss bombig gewesen sein, die sind extra noch gewarnt worden, wie gut die ist, aber die Jungs haben das nicht ernst genommen.“

„Logisch“, werfe ich vorsichtig ein. „Wie oft erzählen Dealer irgendwas von Bombenschore und dann ist es doch der gleiche Dreck wie immer.“

„Die packen sich also den Löffel voll und machen sich einen Knaller an den Bahnschienen, bis der Schlotti plötzlich blau anläuft und umkippt. Atemstillstand. DER VERRECKT UNS! hat Müller gebrüllt. Kennst du den Müller, den asigen Müller, dieses asoziale Stück Scheiße?“

„Müller..?  Mh, der aussieht wie ne Fledermaus?“

„Nee, nicht Fledermaus Müller, ein anderer Müller, ist auch egal. Anstatt Hilfe zu holen, zieht der asige Müller Schlotti die Pumpe aus dem Arm und drückt sich sich erstmal gemütlich den Rest weg. Dann sind er und der Dritte.. stiften gegangen und haben Schlotti verrecken lassen. Der Zug soll noch drübergerattert sein, weil sie ihn nicht von den Gleisen runtergeschafft haben. Dabei hatten sie ein Handy dabei, die hätten bloß den Notruf wählen müssen.. “

Es ist der Albtraum jedes Junkies: jemand erwischt eine Überdosis, und du bist dabei. Den ganzen Hustle mit Krankenwagen und Bullen kann eh schon niemand gebrauchen, aber in solch einer Situation am allerwenigsten. Man ist dicht bis unter die Hutkrempe und nicht zurechnungsfähig. Was soll man da erwarten. Die großen heroischen Hilfeleistungen? Ich sagte nichts.

Erst eine Woche zuvor hatte sich Schlotti im Falle seines Ablebens einen russischen Abgang gewünscht: alle Kumpel sollten sich auf seiner Beerdigung einen hinter die Binde kippen und die Gläser auf den Sarg schleudern… Mit voller Wucht, wie beim Polterabend, damit die Würmer sich blutige Füße holten und ihn nicht mehr anknabbern konnten. Nur für den Fall, dass er scheintot wäre, so Schlotti. Das muss seine größte Angst gewesen sein: scheintot – und dann die Würmer.

„Und? Habt ihr die Gläser aufs Grab geschmissen?“

„Näh, wir hatten genug Trouble mit der Friedhofsverwaltung, weil wir ein Stück von den Ramones in der Kapelle gespielt haben. Nach der Beerdigung sind alle Mann ins besetzte Haus am Schlagbaum. Da war alles versammelt, was Rang und Namen hatte, die ganze Punkprominenz aus dem Bergischen. Auch einer von den Toten Hosen war da, und die Jungs von Syph.“

Harri steckte sich eine Kippe an.

„Und die ganze Zeit lief ein Video von irgendeiner Fete, auf der Schlotti zu sehen war.. auf nem alten Schloss in Wuppertal. GUCKT MAL, DER SCHLOTTI! DER LEBT! DER SACK IST GAR NICHT HINÜBER!“

Und dann, es war schon Abend und die meisten Leute längst hinüber, kam plötzlich der asige Müller die Treppe runter, Panik in den Augen.

„HAT HIER EINER NE SÄGEI? OBEN LIEGT DIE DAISY TOT IN MEINEM BETT! DIE IST TOT, GLAUB ICH! ICH BRAUCH NE SÄGE!! ICH MUSS DIE KLEINMACHEN!“

Ich verlor den Überblick.

„Welche Säge?“ fragte ich. „Welche Daisy?“

„Daisy, die frühere Alte von Schlotti. Irgendwann nach der Beerdigung hat sie versucht, sich den Goldenen zu setzen. Der Müller hat das irgendwie mitgekriegt und Schiss bekommen, dass die Bullen ihm das ankreiden würden, wenn Daisy tot im besetzten Haus liegt, in seinem Bett.. Also wollte er sie zersägen, wollte sie portionieren, damit er sie aus dem Haus schaffen konnte, unbemerkt von den Nachbarn..“

Harri rieb sich die müden Augen.

„Der Müller hat noch rumgefragt, auf wie viel verschiedenen Müllkippen er Daisys Körper am besten verteilen soll, damit das nicht so auffällt mit den Leichenteilen. Der hat das absolut ernst gemeint. Ich stand da und hab das Maul nicht mehr zugekriegt, Ich mein, begreifst du das? Am Tag der Beerdigung will Daisy so elendig verrecken wie Schlotti, und der Müller will ihre Leiche zersägen. Ich mein, wie scheiße doof sind Punks eigentlich?“

Harri war wie in Trance.

„Und was ist mit Daisy passiert? Hat der Müller sie nun zersägt oder nicht?“

„Blödsinn. Die war nicht tot. Blau angelaufen schon, aber nicht tot. Wir sind ne halbe Stunde mit ihr rumgelaufen, immer hin und her. Wir haben ihr kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet, Mund-zu-Mund-Beatmung, das ganze Programm. Und als sie endlich zu sich kam, war sie stocksauer. Hey, ihr Arschlöcher! Ich war so schön breit. Na ja, kennt man ja.  Blöde Funz.“

Wir nahmen die zwei Besen, die an der Wand lehnten, und gingen raus in die Kälte, Laub fegen. Ein scharfer Wind fegte um die Ecken, wie geschnitten Brot.

„Harry-Brot“, scherzte ich.

Wir stapften quer durch den Garten rüber zum großen Spielplatz.

3 Gedanken zu „Scheintot – und dann die Würmer

  1. im Alter von etwa blutloser Nase
    ganze Steaks ziehen ins Land uns landen auch da zusammen
    in der Kreidezeit vorm Haftrichter
    oder sind die alle auf der Flucht
    vor sich selbst?

    Liken

  2. Pingback: Samstagslinks – Geschichten und Meer

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