Blue Hawaii

Wenn die Kirmes in der Stadt war, wussten alle: Die besten Mädels triffst du am Blue Hawaii, diesem Mittelding zwischen Raupenbahn und Freiluft-Disco. Schon am frühen Nachmittag kamen alle zusammen, und da war sie. Sie war klein und kompakt, das dichte Haar saß wie ein schicker blonder Helm auf ihrem Kopf. Sie war vierzehn, fünfzehn Jahre alt und redete nie ein Wort. Auf ihrem Gesicht lag ein feiner weißer Film aus Puder, wie der Zucker auf einem Streifen Wrigleys-Kaugummi, den man frisch aus der Packung holt.

Sie trug diese knackig-enge hellblaue Jeansjacke und achtete streng auf ihr Äußeres, gleichzeitig strahlte sie etwas mildes, nachsichtiges aus – genau meine Mischung. Ihre Augen blitzten grüngrau, echte Katzenwelten, und darüber wachten diese langen Lider, wie die Markisen eines Pelzhändlers.

Sie hatte eine Super-Stupsnase.

Sie war ein Engel. Ich fragte mich, wie zum Teufel spricht man einen Engel an. Ich war schwer verknallt, aber ich habe es ihr nie gestanden. Ich traute mich nicht. Es war auch nicht gerade leicht, sich den Mädels zu nähern. Wir Jungs standen in der einen Ecke des schräg gebauten Fahrgeschäfts und hielten uns am Geländer fest, der Pulk der Mädchen sammelte sich auf der gegenüberliegenden Seite. Dazwischen rotierte die Drehscheibe des Blue Hawaii mit den vielen Gondeln, angetrieben von Motoren, Riemen und dröhnender 5000 Volt-Discomusik: I’m on fire!

Sie hatte keinen Freund, das stand mal fest. Ich sah sie mit anderen Mädchen über die Kirmes ziehen, zum Auto Scooter, zum Kentucky Derby, zum Stand mit den roten Zuckeräpfeln und dem Kokusnussbrunnen, aber nie mit Jungs. Und selbst unter ihren Freundinnen blieb sie für sich. Sie war nicht isoliert, sie war eine hübsche kleine Einzelgängerin. Dagegen waren die anderen Mädchen bloß Staffage. Jedenfalls in meinen Augen. Karlos hatte eine andere im Blick, er beachtete meinen Schwarm überhaupt nicht. Er nannte sie nur die kleine Katze, wenn er von ihr sprach.

Ich bekam Bauschmerzen, wenn sie rüberschaute. Wenn unsere Blick sich trafen, drehte sie sich schnell weg und schaute woanders hin, während zwischen uns die Gondeln sausten und sich drehten, so laut und rumpelnd, dass einem der Hintern flatterte. Wenn sie den Blick ausnahmsweise hielt, wenn sie sich ein Herz nahm und sich traute, fixierte sie mich regelrecht. Ihre Katzenaugen hatten etwas kühles, gleichzeitig höchst inniges. Sie war ein Rätsel. Sie war hypnotisch.

Ich träumte von ihr.

Ich sah sie auf der Frühjahrskirmes, ich sah sie auf der Herbstkirmes und der Sommerkirmes, und immer schmuggelten sich mitreisende Schausteller ins Bild. Junge Typen, gegen den Fahrtwind gelehnt auf der rotierenden Drehscheibe, aufrecht und stolz wie Steh-Ruderer auf venezianischen Gondeln. Die Haare geföhnt, hielten sie sich an den Rücklehnen der Sitze fest und kassierten bei Fahrbeginn die Tickets ein, machten auf stramme Hose, cool und kaltschnäuzig, doch sie kriegten nie ein Mädel ab. Die Mädels gehörten uns einheimischen Jungs. Die Mitreisenden durften ein bisschen aufschneiden, auf Disco-Beat machen, doch vier Tage später hieß es für sie ohnehin das Fahrgeschäft abbauen und weiter ging’s zur nächsten Stadt. Wir Einheimischen dagegen blieben hier, wir hatten es in der Hand.

Oder auch nicht. Denn zwischen den Kirmessen liefen wir uns nicht über den Weg, zwischen den Kirmessen war sie von der Bildfläche verschwunden. Dabei wusste ich doch, dass sie in der Stadt wohnte. Ich kannte ihren älteren Bruder, der hatte die gleiche Stupsnase wie seine Schwester und spielte gut Gitarre. Man nannte ihn auch den Meister der Effektgeräte, und er machte seinen Weg.

Erst Jahre später sah ich sie wieder. Sie lächelte schüchtern und hatte ein Kaugummi in Arbeit. Sie war immer noch kompakt wie ein Block Wrigleys, sie roch nach Minze und frisch gewaschener Jeansjacke, der Kragen war hochgeschlagen, und da war die süße Stupsnase. Es war alles noch da. Ich wollte rübergehen und sie ansprechen, nach all den Jahren, warum nicht, wir waren keine Kinder mehr, doch ich ließ es sein. Es hätte keinen Sinn gemacht. Es war zu spät. Jetzt konnte es auch bleiben, wie es ist.

3 Gedanken zu „Blue Hawaii

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