Die Jungs, die wir schon immer waren

18 Uhr, Feierabend im Institut.

Als ich durch den Süd-Park gehe, Hände in den Manteltaschen, fröstelnd, weil ich gerade noch im Warmen gesessen hab, humpelt jemand im Halbdunkel vor mir her, mit einem Hund an der Leine. Ist das nicht der Harry? Könnte der Harry sein, von der Statur her, außerdem wohnt er hier in der Nähe. Doch seit wann humpelt der? Ich schließe zu ihm auf. Klar ist er das.

„Harry, alter Humpelbaron“, sag ich, „was ist los?“

Der Hund, ein junger schwarzer Labrador, bleibt stehen und springt an mir hoch, die Steuermarke klimpert.

„Alter, du bist das..! Du krummer Parkettleger.“ Erleichtert reicht Harry mir die Hand. „Schampus, he! Nicht springen!!“

Der Hund dreht sich vor Freude im Kreis, er gerät außer Rand und Band, obwohl ich ihn gar nicht kenne. Dabei verwickelt sich die Hundeleine um unsere Beine, und Harry gerät beinah ins Straucheln.

„Scheiße, das hätte noch gefehlt… dass ich mich hier aufs Maul lege. Schampus..!“

„Der riecht meine Frau Moll“, sag ich.

„Frau Moll? Hast du ne neue Olle?“

„Quatsch.. Mein Hund.“

„Ach so. Der wuschelige. Wie..? Noll?“

„Moll.“

Harry fasst den Labrador enger.

„Ich dachte schon, wer marschiert da so schräg hinter mir her. Ich wollte schon den Schlagring parat machen.“

„Ist wahr?“

„Ja, was denkst du.. Abends im Süd-Park, die aggressiven Skater, da weiß du nie. Die fahren dir die Hacken ab und weg sind sie.“

Harry gehört zu den Leuten, die ich schon lange kenne, ohne mit ihnen befreundet zu sein. Der Labrador schnuppert an meinem Sack. Ich tätschle sein Köpfchen.

„Sag mal, hat dein Hund frischen Pansen gefressen?“

„Ja, wieso? Stinkt der so?“

Ich nicke. „Als hätte jemand die Tür zum Kuhstall eingetreten.“

Harry lacht. „Pansen ist sein Pudding. Da kriegt er nicht genug von.“

„Hast du den schon lange?“

„Na, ein dreiviertel Jahr.. Eigentlich wollt ich mir einen belgischen Schäferhund zulegen, aber dann stand Schampus vor der Tür und hat Pfötchen gegeben. Da war`s um mich geschehen.“

„Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch“, sag ich. „Der Kollege könnte aber allmählich die Nase aus meinem Sack nehmen.“

„Er weiß eben, was gut ist.“

„Auch wieder wahr.“

Im Schein einer Laterne fällt mir auf, dass der Labrador ein Stummelschwänzchen hat. Seit wann haben Labradore Stummelschwänzchen? Harry sieht meinen irritierten Blick.

„Die Mutter hat acht Welpen geworfen und vor lauter Stress den Überblick verloren. Statt der Nabelschnur hat sie bei Schampus den Schwanz abgebissen. Er ist aber trotzdem ein fröhlicher Bursche. Auf Maria steht er besonders.“

„Maria?“

„Meine Freundin.“

„Ach ja, richtig.“

Maria kommt aus Polen. Anfangs brachte sie als Putzfrau Harrys Bude auf Trab, mittlerweile sind die beiden ein Paar. Harry steht auf polnische Frauen.

„Die sind besser durchblutet als deutsche Frauen mit ihren dicken Verkäuferinnenbeinen.“

Harry versucht, mein Tempo mitzuhalten, klappt aber nicht. Ich verlangsame den Schritt.

„Was ist denn passiert?“ frag ich. „Was hast du mit deinem Bein angestellt?“

„Na, der Arbeitsunfall!“

Er ist empört, dass ich diese Frage überhaupt stelle. Dass ich anscheinend nichts davon gehört habe, was ihm zugestoßen ist, dass schlechte Neuigkeiten nicht mehr automatisch die Runde machen wie früher, als wir jeden Abend am Tresen standen und uns flapsig Gags und Gin-Tonic zuwarfen. Und zwischendurch um die Ecke gingen, eine Lolle rauchen.

„Ich krieg schon seit Juli Verletztengeld, Alter! So lang ist das schon her mit dem Arbeitsunfall. Mittlerweile bin ich wieder richtig gut zu Fuß. Hier, ich kann schon wieder richtig auf Dancing Queen machen..“

Tap, tap, tap – Harry, der älteste der drei Rocketta-Brüder, deutet einen Schritt aus der Tanzschule an, mit einer Frau im Arm, die nicht da ist, und lässt ein nervöses Lachen hören,

„Ich bin noch nicht der Alte, aber das wird wieder.“

In den 80erjahren legte Harry eine filmreife Nummer hin, als er auf der Flucht vorm Kölner Rauschgiftdezernat seine 1000er Kawasaki in ein Gebüsch fuhr und in Panik über einen Zaun türmte. „Der war so hoch, der hörte überhaupt nicht auf. Dass ich da überhaupt hochgekommen bin, lag allein am Testosteron.“ Es war mitten in der Nacht, er verhielt sich so still wie möglich auf der anderen Seite, und schlief ein. Als er am Morgen wach wurde, hörte er Elefanten trompeten. Vor ihm stand ein Mann in grünen Klamotten, der mit einer Gartenhacke drohte. „Los, aufstehen!“ Er war im Kölner Zoo eingepennt.

„Der Unfall, ja, der Unfall.. im Betrieb hatte sich ne Stahlwalze selbständig gemacht und ist mir von hinten ins Bein gerutscht. Hat mir das Bein fast zerquetscht. Mein erster Gedanke war, Mist, jetzt kann ich nicht mehr mit dem Hund rausgehen.“

In einer Not-Operation wurde das linke Bein gerettet und mit Metallplatten und Schrauben verstärkt, „seitdem bin ich ein einziges Ersatzteillager, Alter. Wenn du mal was brauchst… ruf an. Es ist alles da. Platten aus Titan, Drähte, Schrauben in allen Großen… ich bin der Terminator.“

„Wo warst du denn? In welcher Klinik“

„Na, bei uns. Im Städtischen. Kannst du einen Roman drüber schreiben. Hier, die Gips-Ärztin, Alter, die hat nur Mist gebaut. Der Gips war viel zu weit, in dem konnte man verstecken spielen, soviel Spiel hatte der. Aber erst musste der Chefarzt kommen und meckern, bevor einem geglaubt wird – ruck zuck war der Gips runter und ein neuer dran, schön eng.“

Es ist 18 Uhr 15. Die Uhr der nahen Luther-Kirche schlägt einmal.

„Harry, mein Freund, du weißt doch: Nur das Malheur bringt einen voran.“

Er glotzt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle.

„Na, ich weiß nicht… wenn du auf Krücken rumhumpelst, erkläre das mal deinem Hund, der hält dich für komplett übergeschnappt, wenn du dauernd nach hundert Metern schlappmachst und umkehren musst.“

„Was ist denn mit deinem Bruder? Kann der dir den Hund nicht abnehmen?“

„Mein Bruder, au weia.. du meist den Siggy, ne? Erst war er irgendwo in Belgien verschollen, jetzt hat er das Bein auch kaputt. Noch schlimmer als bei mir. Der kann überhaupt nicht mehr laufen. Nicht mal einen Meter weit.“

„Der auch? Wieso? Aus Solidarität? Hat der ein Gewerkschaftsbein?“

„Unterm Fuß hat sich ein Abszess gebildet und entzündet, er kann keinen Schritt mehr machen. Der liegt zuhause bei Muttern und lässt sich pflegen, der Arsch. Aber einen Excel-Kurs fürs Arbeitsamt, den kann er machen. Jetzt träumt er nächtelang von irgendwelchen S-Verweisen. Na ja, du kennst ja den Siggy.“

Oh, aber ja doch, ich kenne den Siggy und all die anderen Verlierer, bei denen man das Gefühl nicht loswird, dass der Herrgott in Wirklichkeit ein großer Spötter ist, der jeden Morgen aufs Neue erwartungsfroh auf seiner Himmelstribüne Platz nimmt und sich die Hände reibt, so, wollen doch mal sehen, wem von den Losern ich heute was vor den Latz knalle..

Unter der nächsten Laterne zeigt Harry mir stolz die Stellen am Bein, wo die beiden Stahlplatten sitzen. Die Haut spannt sich und ist so dünn, das bläuliche Metall im Fleisch lässt sich gut erkennen.

„Der Chirurg meinte nach der OP, er wär praktisch genauso Schlosser wie ich. Die arbeiten auch nur mit Hartmetallfräsen und mit Spitz- und Flachzangen. Demnächst soll ich probeweise wieder in der Firma anfangen, für zwei Stunden am Tag.“

„Hm? Zwei Stunden? Was ist denn das für’n Blödsinn?“

„Vorschrift von der Berufsgenossenschaft. Die wollen sehen, ob ich Fortschritte mache. Ich hab ja noch ein zweites Bein, kann ich mir dann auch einquetschen. Und dann lass ich mich schön kaputtschreiben.“

Kaputtschreiben – das hab ich ewig nicht mehr gehört. Eine Zeitlang war es gang und gäbe, dass die Leute den Vertrauensarzt aufsuchten, ihm von ihrer defekten Bauchspeicheldrüse erzählten, die knarrt wie ein Geigerzähler, und eine Dreiviertelstunde später gingen sie kaputtgeschrieben in Frührente, mit Mitte Vierzig. Doch heutzutage, wo die ganze Welt abgenutzt ist bis auf die Felge, ist das nicht mehr so einfach mit dem Kaputtschreiben… Aber immerhin, das Wort an sich hält sich. Ist ein Selbstläufer.

„Und dann lässt er sich schön kaputtschreiben“, wiederhole ich feixend, als Schampus, der schwarze Labrador, mich zum Abschied antanzt, und sein Stummelschwänzchen quirlt vor Freude.

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