Hassan’s Süße Ecke

Als ich Hassan’s Süße Ecke betrete, pfeift mir jemand hinterher. Ein echt italienisches Minirockpfeifen, mehr Anerkennung als Anmache: Du hast wirklich schöne Beine, Mädchen… Ich bin irritiert. Ich meine, ich bin ein Mann, und ein Mann, dem ein anderer Mann hinterherpfeift..?! Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Außerdem hab ich Obeine. Ich ziehe den Schritt zurück, zurück auf den Bürgersteig, um mir den Knaben anzusehen, der mir so schwungvoll den Hof macht. Oder ob vielleicht eine Verwechslung vorliegt, ob ich vielleicht gar nicht gemeint bin. Seltsamerweise ist weit und breit kein Bauarbeiter zu sehen, überhaupt nichts Südländisches, was pfeift. Ich sehe bloß Autos vorüberfahren. Deutsche Autos, japanische. Ich hab Mittagspause, ich bin am Grünewald unterwegs.

Hassan’s Süße Ecke, nächster Anlauf. In dem Moment, als ich den Laden betrete, ist dieses Minirockpeifen wieder in meinen Ohren. Es dauert einen Augenblick, bis ich endlich schnalle, was hier vor sich geht: Eine automatische Spielerei, die ausgelöst wird, sobald man die Türschwelle übertritt. Damit Hassan, sollte er sich im hinteren Bereich der Trinkhalle aufhalten, Bescheid kriegt, dass ein Kunde kommt. Doch statt Gebimmel wird neapolitanisches Bauarbeiterflöten ausgelöst.

He he!

„Du bist nicht der erste, der sich geschmeichelt fühlt“, grinst Hassan, in den Händen ein Glas süßen türkischen Tee. „Manche Frauen kriegen direkt ne rote Bombe, wenn sie merken, dass sie gar nicht gemeint sind.“

*

Der Mann von der Zeitung stellt eine Frage, und es dauert lange, bis ich auf den Trichter komme, warum ich schreibe. Was das überhaupt soll, wem es dient. Die Antwort ist schlicht, sie liegt auf der Hand: Weil ich es woanders nicht zu lesen bekomme.

*

„Und dann pfeift mir glatt so ein Spacko hinterher“, erzähle ich am Abend der Gräfin.

*

Sie spielt mit dem Gedanken, im Alter nach England zu ziehen. Nach Süd-England genauer gesagt, oder nach Wales, wo es wild und zerklüftet zugeht. Und die Sprache kriegt man auch geregelt.

„Spätestens nach einem Jahr träumen wir auf Englisch“, sag ich.

„Und du schreibst auf Englisch“, sagt sie, „und ich male auf Englisch.“

Dieses kollektive Rumdümpeln in Träumen hat man als Deutscher gepachtet.

*

„Ich kann einfach nicht mehr…“, stöhnt sie. „Obwohl ich ehrlich gesagt noch nie konnte… ich hab den Leuten immer nur gekonnt vorgespielt, als könnte ich.“

*

Frauen, die frisch vom Klo kommen, sind mir deutlich lieber als Männer, die gerade beim Frisör waren. Oder andersrum? Ich habs vergessen. Glaub ich.

*

Er ist fortgezogen, er wohnt mittlerweile woanders. Schon der vergangene Sommer war gewöhnungsbedürftig, es war der erste Sommer seit vielen Jahren, in dem keine Musik aus dem Hinterhof schallte. Für mich hieß er immer bloß „der DJ“. Jeden Abend saß der DJ allein in seiner Blockhütte und spielte Oldies in einer Lautstärke, dass die ganze Nachbarschaft mithörte, ob sie wollte oder nicht. Mehrfach wollte ich zu ihm runter und ihn bitten, leiser zu machen, doch da gab es ein Hindernis: er hörte die Musik aus den 70ern, mit der ich aufgewachsen war. Einmal schlich ich mich spätabends in die Nähe seiner Laube, um die Musik besser hören zu können. Ich hatte kein Interesse, dass er mich entdeckte und womöglich auf ein Bier einlud, ich pfiff nur leise den Song mit, der mich runtergelockt hatte: Goin‘ up the country, Canned Heat.

In einem Buch über Popmusik hatte ich als Pico gelesen, was Canned Heat bedeutete: Hitze in Dosen. Ich verstand nicht, was das bringen sollte, wenn eine Rock-Band sich Hitze in Dosen nannte, aber so war das eben. Es gehörte zum Mysterium der Popmusik, dass es Gruppen gab, die sich komische Namen verpassten wie Hitze in Dosen oder Die Türen. Ich pfiff also leise Goin‘ up the counry, einen Song, der auch in Woodstock gespielt worden war. Und als im Anschluss Steve Harley folgte, wurde mir richtig warm ums Herz: „Make me smile“. Und bei Fleetwood Macs Originalversion von „Black Magic Woman“ war ich dann endgültig angekommen in meinem alten Kinderzimmerhimmel von 1976.

*

Vielleicht… ja, vielleicht ist der Welt wieder ein Heiland geboren worden, und wir wissen gar nichts davon. Man sagt uns ja nichts mehr, seit der Geschichte damals in Jerusalem, ums Jahr 30 herum. Seither ist Stille am Firmament.

*

Ich mochte schon immer gern die schwärmerische Seite der Popmusik. Downtown von Petula Clark oder Volare, vielleicht das geheimnisvollste und leichteste Stück Popmusik, das jemals geschrieben wurde.

Komponiert und gesungen wurde Volare 1957 von Domenico Modungo, der Text kam von Franco Migliacci. Ein Jahr später gewann der Song den ersten Platz beim berühmten Festival von San Remo. Wie Migliacci 2004 über die Entstehung der Textzeilen verriet, war er an einem heißen Sommertag mit einem Freund zum Baden verabredet. Dieser ließ sich aber nicht blicken, also betrank Migliacci sich fürchterlich mit Chianti-Wein. Am Morgen erwachte er aus seinem Rausch und blickte auf zwei Drucke des Malers Marc Chagall. Es war der Blick seines Lebens. „Dabei kam mir die Idee für eine Flucht ins Blaue.“

Dass seine Zeilen tatsächlich um die Welt gingen, erfuhr Migliacci Jahre später. Auf einer Reise durch Pakistan hörte er, wie ein Straßenkehrer vor seinem Hotel „Volare, oh, oh“ schmetterte.

(Der zweite große Moment seines Lebens.)

*

Sollte jemals ein Raumschiff landen, in dem Außerirdische sitzen, die wissen wollen, was es mit der Musik der Menschen auf sich hat, ich würde vorschlagen, den Fremden Volare vorzuspielen, in der Originalversion, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Fliegen. Singen.

Schreiben.

15 Gedanken zu „Hassan’s Süße Ecke

  1. „Frauen, die frisch vom Klo kommen, sind mir deutlich lieber als Männer, die gerade beim Frisör waren. Oder andersrum? Ich habs vergessen. Glaub ich.“
    Der gescheitertste Versuch eines Aphorismus, den ich je gelesen habe.

    Liken

  2. ich war noch jung so um die sieben Jahre schätze ich ,eine Biene stach mich , vorm Plattenspieler ,hatte sie nicht gesehen und setzte mich drauf

    ich saß im Kinderzimmer und hörte mir kleine Schallplatten an
    eine davon war Marina Marina Marina…
    hab sie oft gedudelt aber nie getroffen ….oder doch?

    Liken

  3. Gestern, ein Vater mit seinem kleinen Sohne, hält sein Rad an einer Ampel und lässt in Endlosschleife diesen Refrain ins Blaue dudeln: Always Look On The Bright Side Of Life https://m.youtube.com/watch?v=SJUhlRoBL8M
    Für mich seitdem der Ohrwurm schlechthin!

    Und „Rumtümpeln in Träumen“ ist auch kein schlechtes Motto dieser Tage, kommt für mich gleich hinter:
    Vögeln mit Quarantine😊

    In diesem Sinne,
    Bleibt bei Trost!
    Uwe

    Gefällt 2 Personen

  4. Klasse… Die Hits vom Festival in San Remo… Ich war als Kleinkind erstmals in den Ferien in Italien. Volare kenne ich von daher… Und und und … Und Tintarella di Luna – Mondbrand? Sonnenbrand, ja klar. Aber Mondbrand??? Was weiss ein Kind von den Nachtgängen der Verliebten?

    Ich habe in meinem Leben viele Frauen erlebt, die vom Friseur kamen. Keine war mit ihrer Frisur zufrieden. Nee, mit der Arbeit des Haarartisten.

    Und ach, die Musik im Jahrzehntwechsel von den 60ern in die 1970er Jahre. Fantastisch und grandios. Bis auf wenige sind sie Evergreens geworden. . . .

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.