Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch

Sie war funkelnde 24, als ich sie kennenlernte, und nicht mal betrunken nach einer halben Flasche Jack Daniels, sie fuhr noch Auto. Übermütig bog sie hinter dem Garagenhof in eine enge Durchfahrt ein, wo links und rechts nur wenige Zentimeter Spiel waren und Betonwände aufragten. Sie gab Gas. Ich saß auf dem Beifahrersitz, machte mich klein und stellte das Atmen ein. Damit das Auto dünner wurde. Nach fünfzig Metern war der Weg zu Ende. Sie stoppte vor einer Backsteinmauer, legte den Rückwärtsgang ein und bretterte mit derselben Geschwindigkeit wieder zurück. Ich war schwer beeindruckt. Ich war mitten in einem neuen James Bond gelandet.

Das Katerfrühstück nahmen wir regelmäßig beim Schorsch ein. Es bestand aus Koteletts und Bratkartoffeln. Riesige Dinger waren das, einmalig in der Stadt, unpaniert. Dazu diese eins a  selbstgemachten Bratkartoffeln.

War ja alles selbstgemacht.

Hereinspaziert! Chez Schorsch! Er hieß eigentlich Gregorius und war ein trauriger kleiner Grieche, der sich so oft räusperte, als täte ihm das ganze Leben leid, besonders sein eigenes in der verräucherten Eckkneipe am Neumarkt. Sein Räuspern war Folklore, ein bisschen wie Fado, wäre Schorsch Portugiese gewesen. Unter den Stammgästen erzählte man sich, dass ihm einst die Frau weggelaufen sei, das ist es, was ihn so quält, hörte man, was ihn so traurig, so fertigmacht.

Na ja, sagte ich zur Gräfin, ehrlich gesagt, ich kenne keinen Mann, dem nicht irgendwann die Frau wegläuft, das gehört doch zum guten Ton, oder nicht.

Ja vielleicht, entgegnete die Gräfin. Aber wenn es doch die Frau seines Lebens war..

Und schon tat Schorsch einem wieder leid.

Er trug ständig einen grauen Kittel, er trug ihn Tag und Nacht, man kannte ihn nicht anders. Aber wenn man genau hinschaute, war da gar kein Kittel. Es war normale Kleidung, Hose, Pullover, solche Sachen. Und doch wirkte alles an ihm wie ein grauer Kittel, es war nichts zu machen.

Schorsch hatte definitiv seine Macken.

Wenn sich die Kundschaft von einer Sekunde auf die andere stapelte und ihm alles zuviel wurde hinterm Tresen, wehrte sich seine Seele mit einem heftigen Zucken der Augenlider. Und wenn es ganz schlimm kam, setzte sich das nervöse Zucken bis in die Schultern fort, wie an einem körpereigenen Fließband. Und plötzlich stand ein zuckender kleiner grauer Wirt vor einem, der in die Steckdose gegriffen hatte, und es tat ihm sichtlich leid, dass seine Gäste mitansehen mussten, wie der Strom durch ihn hindurch fegte.

Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch.

Abgesehen vom täglichen Imbissbuden-Einerlei wie Currywurst und Schaschlik bot Schorsch auch ein Mittagsgericht an, aber nur auf Nachfrage. Die meisten Gäste wussten nichts von diesem Angebot, es interessierte sie auch nicht. Sie wollten sich in Ruhe betrinken, eine Runde würfeln und um Mitternacht nach Hause eiern, mit einer kalten Frikadelle auf der Faust, die Fresse mit Senf verschmiert, das war es, was sie wollten, keine griechische Küche.

Vielleicht war es das, was Schorsch so traurig machte: Dass dieses fremde Deutschland einen Pommesbuden-Heinrich aus ihm gemacht hatte. Denn beim Tagesgericht zeigte Schorsch, was er drauf hatte. Dass er Gregorius hieß und aus Thessaloniki stammte, dass er ein Mann war, der kochen konnte. Ein Mann der Leidenschaften und der Leckerbissen, ein Mann, durch den der Strom jagte.

Wir hatten Spaß gefunden an seiner Kocherei und kehrten nun auch mitten in der Woche ein, nicht nur sonntags, um den Kater klein zu futtern. Und wir nahmen nicht nur die grandiosen unpanierten Koteletts mit Bratkartoffeln, wir rangierten die kleine Speisekarte rauf und runter, es gab fünf oder sechs Gerichte, wie wir unter der Hand erfuhren. Es war einfache griechische Landküche, deftige Eintöpfe mit Fleisch und viel frischem Gemüse, so lecker und reichhaltig, dass wir uns kaum noch bewegen konnten, wenn wir brav aufgegessen hatten, die Gräfin und ich. Schorsch gewöhnte sich daran, an unseren Tisch zu kommen und Nachschlag auszuschenken, ohne dass wir danach verlangt hätten. Er schöpfte mit der Suppenkelle direkt aus dem Riesenbottich, und wehe, wir schlugen ihm etwas ab. Da war er ganz Gregorius aus Thessaloniki, berühmt für zappige Eintöpfe und schnell beleidigt.

Den Laden am laufen hielten aber weiterhin die Stammgäste, die zum Saufen und Würfeln kamen und vorm im Imbiss hockten und jeden Neuankömmling mit Hurra und einem Gespritzten begrüßten. Dahinter, von einem Raumteiler abgetrennt, war die Gaststube, eine schlichte Angelegenheit, die nur aus einigen Tischen und Stühlen bestand. Wenn Schorsch vorn im Imbiss zu tun hatte, was neunzig Prozent seiner Zeit beanspruchte, wirkte er stets etwas deplatziert in seinem Kittel, wie ein Spediteur, der fälschlicherweise Schaschlik und Frikadellen aufgeladen hatte und nun gucken musste, wohin mit dem ganzen heißen Kram.

Im hinteren Gastraum dagegen, der Taverne, bewegte er sich so selbstverständlich wie ein Tänzer, und sein rechtes Augenlid flatterte wie ein Kolibri, aber vor Freude. Die Küche blühte im Verborgenen. Niemand bekam sie zu Gesicht. Es hieß, seine Frau hätte dort lange Jahre gekocht, und er hätte sein Handwerk von ihr gelernt.

Das muss eine tolle Frau gewesen sein, flüsterte die Gräfin.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle nur den legendären Ostergulasch 1989 mit geschmortem Fenchelgemüse. Wir waren so satt, wir konnten uns buchstäblich nicht mehr bewegen, so oft hatte Schorsch Nachschlag ausgeschenkt. Eigentlich hatten wir vorgehabt, den Rest des Sonntags gemütlich ausklingen zu lassen, in ihrer Altbauwohnung an der Kölner Strasse, doch wir schafften es nur bis zur nächsten Ecke und mussten eine Pause einlegen.

Nichts ging mehr.

Wir standen da, die schweren Beine im Erdboden versunken, ja verankert – unfähig, uns zu rühren. Unsere Wampen waren so prall, dass sie mit der blanken Luft kollidierten. Jeder Luftzug schmerzte. „Ich kann nicht mal mehr meine eigene Spucke runterschlucken“, flüsterte ich, „dann kotz ich.“ Frauen mit Kinderwagen kurvten kopfschüttelnd um uns herum, ein Zeitungsjunge wechselte die Straßenseite. Wir kamen nicht vom Fleck. Nicht mal eine Zigarette ging noch rein. Auch rückwärts gehen war nicht möglich. Es war eine Art überfressenes Wachkoma.

„Boh“, prustete die Gräfin endlich, als ich sie kurz schubste, um zu sehen, ob sie noch lebte.

„Boah.“

Eines Tages blieb der Laden geschlossen. Wir waren eine Weile nicht dagewesen und standen vor verrammelter Tür. Auch in der folgenden Woche gab es keine Änderung, keinen Aushang. „Was ist aus Schorsch geworden..?“ fragten wir, wann immer uns jemand begegnete, den wir den alten Stammgästen zurechneten. Doch niemand wusste, was aus Schorsch geworden war.

Es gab die vage Vermutung, er sei Hals über Kopf zu seiner großen alten Liebe zurückgekehrt, nach Thessaloniki, ein Gerücht, mehr nicht. Wir wissen bis heute nicht, was aus Schorsch geworden ist. Aber wenn in dieser seltsamen Stadt jemals ein kleiner Mann die Lizenz zum delikaten Sattmachen hatte..

Am schönsten waren die Sonntage.

san-satt

15 Gedanken zu „Gregorius also, doch jeder nannte ihn bloß Schorsch

  1. Vielen Dank für den feinen Bericht.
    Leider erinnert er mich an unsere Apfelweinstammkneipe in Sachsenhausen. Von einem auf den anderen Tag geschlossen. Der Wirt war zwar 87 Jahre alt, aber er lebt immer noch. Und wenn man einen der ehemaligen Stammgäste in den umliegenden Kneipen trifft und fragt… Achselzucken als Antwort ist unbefriedigend. Aber jetzt bleiben wir ohnehin zuhause.

    Schöne Grüsse und bleiben Sie gesund,
    Herr Ärmel

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  2. „Jeder Mensch ist ein Stern für sich“ (Danilo Kiš)

    Ich mag Deine Kurzporträts. Jedes ist eigen und trifft den Kern der Person. Festhalten ist besser als vergessen, definitiv.

    Gruß Uwe

    Gefällt 2 Personen

    • Wie alte Häuser sich so halten.. wackelig, aber in den Grundfesten STABIL, Alter..

      Naja, geht so. Bin nicht so gut drauf, ehrlich gesagt. Corona setzt mir zu.

      Ich melde mich die Tage nochmal, ok?

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  3. jo gerne !, weisst ja wo du mich findest ….
    da haben wir den schönsten Frühling und dann sowas.
    Mutter sagte immer Ohren steif halten. wenns mal nicht so gut lief.,,,
    bis die Tage!

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  4. Wir beide hatten auch mal so einen Schorsch, der wurde aber Dschordsch (weich) genannt und hatte eine Frau namens Nizza. Die mussten zum Glück keinen Imbiss betreiben, sondern hatten eine kleine enge Taverne mit uralten Möbeln in der Schanze, genannt „Olympisches Feuer“, wo alle hingingen, die nicht viel Geld hatten. Die Gerichte waren unfassbar günstig und reichhaltig, sehr griechisch und oberlecker. Kurz bevor sie meinen Liebsten am liebsten als Sohn adoptieren hätten, sind wir nicht mehr hingegangen, damit sie endlich den Absprung schafften und nach Griechenland zurückkehren konnten.
    Das Olympische Feuer gibt’s immer noch, das hat ein damals sehr junger Costas mit seiner jungen Frau übernommen. Der Laden brummt immer noch, aber Nizzas Kohlrouladen bekommen die beiden nicht so gut hin.

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Anderswo | Geschichten und Meer

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