666 Nischen

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„Jedes Mal, wenn ich mit dem Hund durch den Wald streune, springt in meinem Gehirn das Licht an und leuchtet eine der vielen Nischen aus, in denen sich meine Kindheit verbirgt.“

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Die Gräfin wuchs am Rande von Düsseldorf auf, in Hochdahl, einem kleinen Garten Eden. Das Zwei-Familien-Haus, („unser Eingang war links, und rechts wohnte die alte Frau  Krämer, die Hühnermörderin, mit ihrer Schäferhündin Senta“), gehörte dem Stromkonzern RWE, für den ihr Vater als Programmierer arbeitete.

Der Mietvertrag wurde stets nur um ein Jahr verlängert, da das Gelände einem künftigen Industriepark im Wege stand und abgerissen werden sollte. Es wurde nie etwas modernisiert, alles blieb, wie es war. Weil das Haus nicht mal an die Kanalisation angeschlossen war, stand im Garten ein Plumpsklo, und neben der kleinen Scheune war ein Brunnen, aus dem das Wasser gepumpt wurde. Der Brunnen war abgedeckt, damit die Kinder nicht reinfallen konnten. Gebadet wurde einmal die Woche in einer Zinkbadewanne in der Wohnküche, das Badewasser musste auf dem Herd mühsam erhitzt werden, Kessel für Kessel für Kessel. Familien-Badetag war Samstag. Wenn alle trocken und schön sauber waren, kam die Sportschau. Noch heute liegt ein Leuchten auf ihrem Gesicht, Samstags gegen 18.00.

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„Direkt hinterm Haus rauschte die Eselsbeeke, ein wilder Bach, der im Sommer schnell Hochwasser führte. Schon ein einziger Sturzregen genügte, und die Beeke war voll und ich nicht mehr zu bremsen: Anlauf, Absprung, Köpper – yippiiehhh ja yeahh, Schweinebacke! Der Bach war nicht kanalisiert und sauber, aber voller Blutegel. Wenn ich aus dem Wasser stieg, waren die Beine voll bis obenhin. Sofort kam Mutter angelaufen und riss die Dinger runter. Das muss sein! Die lutschen einen sonst leer! Sonst wird man krank! Ich hab geschrien vor Schmerzen. Aber sobald die Blutegel runter waren, stürzte sich Tarzan sofort wieder in die Fluten..“

„Tarzan..? Du warst Tarzan? Nicht Jane?“

„Ich war beides, Tarzan und Jane. Und ich war Cheetah, der Affe. Schon als Kind war ich erst glücklich, wenn ich alles auf einmal hatte.“

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„Hast du da drin auch Schwimmen gelernt? In der Eselsbeeke?“

„Richtig Schwimmen gelernt hab ich im Urlaub, in Waging am See. Da hat mich mein Vater sogar mal vorm Ertrinken gerettet. Das ist ein tolles Gefühl, wenn man als Kind tief unter Wasser ist und das Sonnenlicht bricht sich und überall sind Schlingpflanzen, die sich um deine kurzen Beinchen legen… und du bist kurz vorm Ersaufen, wie im Mutterleib fühlt sich das an, nur größer und hilfloser. Und plötzlich greift dich ein Paar kräftiger Arme und reißt dich im letzten Moment aus dem Wasser an die Luft, was ein Gefühl.“

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Wenn sie vom Spielen aus dem nahen Wald kam und die schmutzigen Klamotten auszog, durchsuchte ihre Mutter erstmal die Taschen, damit nichts in der Wäsche landete, was da nicht reingehörte. Einmal fischte sie eine tote Kröte heraus und fiel fast in Ohnmacht.

„Wenn meine Mutter gewusst hätte, was ich da draußen sonst noch alles angefasst hab, sie hätte mich nie mehr in den Wald gelassen… Jedenfalls nicht mit Händen.“

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„Nun sei mal doch einmal etwas damenhaft!“ Ihre Mutter schüttelte verständnislos den Kopf. „Du siehst aus, als würdest du gleich die Bäume rauf wollen.“

„Oh ja, die Bäume rauf!“ tanzte die kleine Gräfin durch ihren Garten Eden.

Im Plumpsklo saßen die herrlichsten Winkelspinnen an der Wand, die man sich denken konnte. Sie zitterten bei Durchzug wie Urwaldmonster, ihre Netze waren immer gut gefüllt. Scheißhausfliegen hauchten darin ihr Leben aus, und bunt schillernde Käfer. Ein Geschäft machen bedeutete immer auch das Studium von Insekten. Das Prinzip des Lebens kennenlernen: fressen und gefressen werden, oder fliehen und woanders weiterfressen und gefressen werden.

Erst als die Gräfin das Teenageralter erreichte, war das Plumpsklo über Nacht nicht mehr zeitgemäß. Sie traute sich kaum noch, Schulfreundinnen heimzubringen, aus Angst, die Mädels könnten sich lustig machten über das stinkige alte WC im Garten und all die fiesen Riesenspinnen.

Das Paradies.

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Aus ihrer Kindheit trug die Gräfin ein schweres Knödeltrauma davon. Ihre geliebte Großmutter Soest, die so lecker nach Essenmachen und nach Nivea duftete, (und zwar gleichzeitig), bekochte die ganze Großfamilie, die an Feiertagen und runden Geburtstagen in ihrem Haus zusammenkam.

„Omas selbstgemachter Nudelteig hing den ganzen Sonntagvormittag in der Küche über der Stuhllehne. Er sah aus wie ein großes Fensterleder. Ich dachte immer, wieso will Oma noch die Fenster putzen, es gibt doch gleich Essen..“

Der Renner waren Omas Klöße. Für die kleine Gräfin gab es nichts Schöneres, als den knochigen krummen Händen der Oma zuzusehen, wenn sie den Teig für Kartoffelklöße zubereitete und knetete, für die leckersten Knödel der Welt.

„Mit solch krummen Fingern konnte man nur gut kochen, Oma Soest blieb gar nichts anderes übrig. Da steckte der ganze Schmerz des Lebens drin. Und wo Schmerz ist, ist die Liebe nicht weit.“

Oma Soest hielt nichts von Rezepten und exakten Mengenvorgaben, sie kochte nach Gefühl, selbst dann, wenn an Weihnachten die ganze 50köpfige Familie zusammenkam und bekocht werden wollte.

„Fünfzig?“ frag ich erstaunt. „Ist wahr!?“

„Keine Ahnung. Die haben jedenfalls gefressen für fünfzig.“

Dass Omas selbstgemachte Knödel die leckersten der Welt waren, geschenkt. Aber dass es der Gräfin bis heute nicht gelingt, die Klöße so gnadenlos lecker hinzukriegen wie Oma Soest in den späten 60ern, hat tiefe Spuren bei ihr hinterlassen.

„Oje, wenn Oma jetzt zuguckt im Himmel, schlägt sie wieder die Hände überm Kopf zusammen! Kind..! Nicht soviel Milch!“

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Neulich saß sie beim Zahnarzt, einem Syrer, der es sehr genau nahm. Eine Behandlung, für die sie nicht mehr als 20 Minuten eingeplant hatte, wollte kein Ende nehmen. Nach einer Stunde saß sie immer noch im Stuhl und starrte von unten in sein Gesicht, auf seinen Bartschutz, auf die Zimmerdecke, und wurde fast ein bisschen böse. Am liebsten hätte sie einfach in den Bohrer gebissen, so wie sie es einmal als kleines Mädchen getan hat, bei ihrer Zahnärztin, Frau Doktor Süß, in einer sehr ähnlichen, sehr angespannten Situation, was einen sofortigen Stopp des Bohrvorgangs auslöste.

„Aber das kannst du nicht bringen“, dachte sie, „nicht mit 56..“

Aber sie war soo kurz davor, es zu bringen. (Sie zeigte mir mit Daumen und Zeigefinger an, wie knapp die Sache gewesen ist.)

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Erinnerungen an die Kindheit waren unsere Morgengabe, vom ersten Moment an. Wenn man sich kennenlernt, spürt man instinktiv, ob man in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, ob man in etwa das gleiche sucht im Leben. Als wir uns kennenlernten, war da dieses Muttermal über ihrer Oberlippe, diese Perle, und ich hatte ein tiefes Grübchen, in dem ein Muttermal ausreichend Platz fand. Es passte. Es konnte losgehen.

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„Eigentlich sind meine kleine Schwester und ich auf Saltkrokan aufgewachsen“, erzählt sie. „Wir hatten einen lieben Hund, einen Wald und einen wilden Bach hinterm Haus, ja, wir hatten sogar einen Opa, der die Hände hinterm Rücken gekreuzt herumlief und nach Zigarre stank, genau wie bei Astrid Lindgren, bloß eins war anders: wir hatten keine so liebe sanfte Mutter. Ich wollte immer so eine Mutter haben, wie die blonde Mutter der kleinen Skrollan. Die war so empfindsam und hübsch und knäckebrotblond, nicht so zack zack und immer nur praktisch wie meine Mutter.“

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Frau Doktor Süß hatte strohiges Haar und Mundgeruch.

„Ich sag dir, die hat Stinkbomben gemampft wie andere Leute Cocablätter. Und ihr Lippenstift war verkrustet und in die Mundwinkel gerutscht, da klebten überall rosa Bröckchen rum. Ich mochte die olle Kuh von Anfang an nicht. Wie konnte man Süß heissen und so aus dem Maul stinken.“

„Wahrscheinlich war sie magenkrank“, gebe ich zu bedenken.

„Ach, die! Die war überall krank.“

Die kleine Gräfin war gerade eingeschult worden, als sie das erste Mal zur Frau Doktor Süß gerufen wurde, zur Untersuchung. Trotz gutem Zureden ihrer Klassenlehrerin, die neben dem Behandlungsstuhl saß und ihr Händchen hielt, dauerte es seine Weile, bis sie endlich den Mund öffnete. Doch als Frau Doktor sich mit ihrem fauligen Geruch über die Gräfin beugte, schloss sie ihre Klappe gleich wieder.

„Ich hätte sonst kotzen müssen.“

Nun wurde Frau Doktor rabiat. Setzte ihre Hand als Zange ein, mit der sie der 6jährigen Gräfin so fest in den Unterkiefer kniff, dass der kleine Mund sich unwillkürlich aufsperrte, wenn auch nur einen Spalt weit. Genug immerhin, um den verhassten Bohrer einzuführen.

„Und dabei hab ich instinktiv zugebissen, auf den Bohrer. Und nicht mehr losgelassen. Der ging nicht vor und nicht zurück. Der Bohrer steckte fest.“

„Jetzt ist aber Schluss!“ kreischte Frau Doktor Süß.

„War mir aber egal“, erzählt die Gräfin. „Die hätte mich totprügeln können, die olle Kuh, ich hab den Mund nicht mehr aufgemacht. Da war ich störrisch wie ein Esel.“

„Wie bist du da rausgekommen, aus der Nummer?“

„Die Süß musste den Raum verlassen, da hab ich den Bohrer frei gegeben.“ Sie pfeift einmal kurz auf. „Als sie wieder reinkam und tatsächlich noch einen dritten Versuch starten wollte, habe ich mich vor Wut auf den Boden geworfen und losgebrüllt. Die stinkt, hab ich gebrüllt. Die alte Hexe stinkt!“

„Und die Klassenlehrerin? Was hat die gemacht?“

„Kann mich nicht erinnern. Aber den Gestank der ollen Süß hab ich heut noch in der Nase.“

„Ja, das ist schlecht“, sag ich. „Eine Zahnärztin, die aus dem Halse schlammt.“

*

 

Es wird eine Zeit kommen, wo man den Kindern von längst vergangenen Tagen erzählt, als die Menschen noch ein unbeobachtetes Leben führten. Als noch keine allgegenwärtigen Kameras und Smartphones jeden deiner Schritte und Tritte überwachten, als es noch verzwickte und langwierige Kriminalprozesse gab, wo um die Wahrheit gerungen wurde, weil keine Kamera das Geschehen aufgezeichnet hatte. Und die Kinder werden staunend dasitzen und sich gruseln, was das wohl für Zeiten waren, als die Menschen tun und lassen konnten, was sie wollten, ohne sich ständig Gedanken machen zu müssen, wie man später auf Band rüberkam.

„War das die Freiheit, Opa..?“

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Als mit 13 die erste Periode kam, deckte sie sich am Kiosk mit Ungarischen Chips ein und blieb zur Freude der Mama endlich mal daheim, mit einem guten Buch von Mark Twain, dem Buch aller Bücher, (noch vor dem Großen Wilhelm Busch-Buch).

„Tom!!“

Huckleberry Finn war ihr großes Idol. So wollte sie leben. Nur der Freiheit verpflichtet, in den Tag hinein. Hin und wieder ein Meerschaumpfeifchen stopfen und in der Tonne wohnen. Unbedingt in der Tonne, ohne Teppich. Teppiche waren ihr ein Gräuel. Es lief sich barfuß so viel besser auf Steinboden. Oder barfuß über abgeerntete Stoppelfelder, bis die Fußsohlen bluteten.

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Mark Twains kultivierte, zu Herzen gehende Sprache hatte sie ganz allein für sich entdeckt, in der Autobücherei, die einmal im Monat Station machte. Sie las Die Abenteuer von Tom Saywer ein ums andere Mal, sie konnte nicht genug davon kriegen. Es war wie eine Sucht, die erste Sucht ihres Lebens.

„Mark Twain hat meine Lust auf Sprache erst geweckt.“

Sie ist auch ihrem Vater dankbar, der ihr abends vorm Zubettgehen Gedichte vorlas. Beim Erlkönig musste die kleine Gräfin jedes Mal an der gleichen Stelle weinen, wenn der Vater in der dunklen Nacht mit dem Kinde davonreitet, mit wehendem Mantel und bangem Herzen.

„Immer wieder wollte ich das hören, und immer wieder musste ich weinen.“

Doch was war das gegen die schweren Prüfungen, die Tom Saywer und Huckleberry Finn zu bestehen hatten. Zwei Freunde gegen das Böse in der Welt. Und nicht zu vergessen Tante Polly, die so gern eine richtig strenge Tante gewesen wäre, doch ein zu großes Herz hatte.

Das Herz des Mississippi.

„Ach, die Kindheit kommt nie wieder“, seufzt die Gräfin.

Darauf seufze ich einen mit.

„Schätzchen, es kommt niemals auch nur irgendetwas wieder..“

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Kinderbild Papa

 

Mehr Kindheit der Gräfin? Doktor-Spiele mit Spucke

9 Gedanken zu „666 Nischen

  1. Meine Liebste meinte, als ich ihr den Text heute morgen im Bett vorlas: „So erging es mir auch: Meist habe ich mich eher mit den männlichen Helden der Literatur identifiziert, seltener mit den weiblichen.“

    Perfekte Arbeitsteilung: eine erinnert sich, der andere notiert mit.

    Aber warum gerade 666 Nischen? Eine sehr bedeutungsschwangere Zahl: https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/littheo/teufel/zeichen/666.html

    Gruß Uwe

    Gefällt 1 Person

  2. Weißt du, im Grunde ist die Gräfin die Cindy Crawford von Solingen mit ihrem schicken Muttermal. Ich hatte mir immer dringend eins gewünscht, manchmal sogar eins aufgetupft, aber das war nicht dasgleiche.

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  3. Was für Abenteuer, toll, aber bei den Blutegeln und den Spinnen im Plumpsklo wäre ich damals schreiend weggelaufen! An die Zinkbadewannen kann ich mich auch noch erinnern und das mühsame Wasserkochen in Kesseln. Auch an die Stoppeln auf dem Feld unter den nackten Füßen. Und die Bücher habe ich mit 15 auch gelesen, dazu kam dann noch Karl May, nicht nur Winnetou, sondern alle anderen spannenden Romane. Die Kindergenerationen nach uns sind zu bedauern, wir durften noch wild sein, zumindest draußen, wo wir nicht von den Erwachsenen beobachtet wurden. Das war die Freiheit!

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