An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof und ich opfere eine Erinnerung

„Manchmal fühle ich mich wie ein Höhlenmensch, den man in ein riesiges New Yorker Kaufhaus geschubst hat“, sagt sie.

„Macys?“

„Ja,.“

*

Wegen der ungewöhnlich früh einsetzenden Hitze bin ich schon im Morgengrauen mit dem Hund unterwegs, als mich ein Hustenreiz attackiert – prompt schalten sich sämtliche Straßenlaternen um mich herum aus. Also im absolut selben Moment. In einer total deckungsgleichen Aktion, um 6.00 früh. Als hätten die verdammten Lampen nur darauf gewartet, dass ich endlich draußen auf der Bildfläche erscheine und lauthals huste. Wer gerät da nicht ins Grübeln, was dieser Tag wohl noch alles aufbieten wird, um mich zum Staunen zu bringen – außer neuen Hitzerekorden und CDs auf der Rückbank, die in der Sonne zergehen wie Schmelzkäse. Wie ich diese feuchtschwüle Hitze hasse…

Der Schweiß, der von der Stirn auf den Bügel der Brille tropft und das ganze Gestell so ins Rutschen bringt, dass ich alle naselang den Sitz der Brille korrigieren muss, sonst sehe ich nichts. Bloß Schmierfilm. Und all den Staub, der sich von der langanhaltenden Trockenheit absetzt und bei mir Hustenreiz auslöst und beim Hund diese langanhaltenden Verschluckungsanfälle. Armer Glumm. Armer Hund. Heiße Welt.

*

Mir gegenüber in der S7 sitzen ein Mann und eine Frau, beide in den Vierzigern. Mir scheint, sie kennen sich von einem früheren Arbeitgeber, haben sich aber lange nicht gesehen. Ich sehe Tränensäcke und weit runtergezogene Mundwinkel, ich sehe bröselnde Wangenknochen – viel zu tun für einen Schönheitschirurgen. Aber da kommst du mit einem nicht aus, denke ich. Zum Glück hab ich die Vierziger schon hinter mir. Die Schallmauer. Mit Gongschlag 45 endet die Jugend. Mit 45 sieht man plötzlich besonders angegriffen aus. Dann sollte man besser daheim bleiben. Im Keller, ein bisschen aufräumen.

„Sagen Sie… der Herr Klein, was macht der eigentlich?“ fragt der Mann. „Gibt der nebenher noch Tanzunterricht?“

„Ja, der gibt immer noch Tanzunterricht. Meine Tochter ist da im Club.“

„Ihre Tochter..? Ach, wie schön. Wie alt ist die Kleine denn?“

„Jennifer ist vierunddreißig.“

„Hm, ach so. Hm.. na. Und wie ist das, ich meine… beten die.. immer noch, wenn die fertig sind? Nach dem Tanztraining?“

„Ja. Der ist ja sehr christlich, der Herr Klein.“

„Ja, genau. Ein Hundertprozentiger.“

Es ist abartig heiß im Abteil, ich fächle mir Luft zu. Auf der ganzen Welt ist es heiß geworden, seit drei Tagen, wie nach einem schweren Bedienungsfehler. Es brennt bei den Christen, es brennt bei den Muslimen, es brennt orthodox und in halb China. Seit Wochen ist es so heiß auf der ganzen Welt, als hätte man die Sonne aufgeschnitten, als wäre Feuer und Glut ausgelaufen.

Flammen.

Außerdem hat hier irgendwer starken Mundgeruch. Es riecht!, möchte man schreien. Ihr Schweine stinkt. Fresst ihr keine Hormone?! Man möchte Deoroller spendieren, groß wie Saugwalzen.

„Seine Frau, das war ja eine Lustige.“

„Hm?“

„Ja. Seine Frau.“

„Seine Frau..??“

„Ja, vom Klein die Frau.“

„Hm, ach soo, die hab ich nicht gekannt.“

„Doch. Ich schon. Die hat gewusst, wo die Glocken hängen, die Frau Klein. Haaha..“

„Die ist auch früh gestorben.“

„Auch..? Wieso auch? Wer denn noch?“

„Ich sag das nur so, auch.. Na. Egal. Ja, der Herr Klein. Immer die Gebete..“

„Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind.“

„Kann von heute auf morgen alles vorbei sein“, meint der Mann.

In dem Augenblick, wo ich aus dem Fenster schaue, marodiert ein Trupp Gleisarbeiter übers Bahngelände, die orangefarbene Warnweste geschultert – ein Bild, das selbst unsere alte Sonne so anrührt, dass sie für einen Moment aus dem Tritt gerät und die Menschheit der Verdunkelung überlässt. Mein Bergisches Land, mein vergängliches kleines England. Wohin man auch blickt, überall Gesichter wie zu früh aus den Händen der plastischen Chirurgie entlassen. Unschöne Ergebnisse. Als würden sie Geld dafür kriegen, sich zu früh zu zeigen in der Öffentlichkeit. Bloß – warum? Keine Ahnung. Vielleicht ist es einfach die viele Hitze, die uns Menschen verrückt macht. Der Schmelzpunkt. Die Temperaturen um 35 Grad. Der Frühling, ein abgebrühtes Schuppentier. Ein Wirtstier, ein Virus. Eine zerbröselte Natur.

Und niemals Regen.

Früher hieß es, das Bergische Land ist ein verdammtes Regenloch. Hier hat es so viel geregnet, dass man den KNIRPS erfand, den kleinen Schirm, der auf Knopfdruck aufging. Das ist lange her. Vom Regenloch zur Trockenzeit = 30 Jahre.

*

Das Rezept der Gräfin gegen die Hitze: Viel Kamillentee trinken und mollige Damen zeichnen. Das kühlt die Finger.

„Hagere Mädchen beim Einkaufen malen kommt auch gut“, wende ich ein.

„Ja? Kann sein“, sagt sie. „Muss ich ausprobieren.“

*

„Ich hab keine Angst vor der Zukunft“, sagt sie. „Auch nicht vor der Gegenwart. Ich hab Angst vor meiner Vergangenheit.” Ich schreibe es auf. Es sind 3 Sätze. Was meint sie damit? Ich weiß es nicht genau. Ich frage sie nicht.

Lassen wie es doch einfach so stehen.

*

„So. Ich muss jetzt raus her“, meint der Mann..“ Zum Gedächtnistraining.“

„Gedächtnistraining?“ fragt die Frau neugierig. „Einmal die Woche? Ja? Oder wie ist das?“

„Ja, immer mittwochs.“

„Mittwochs? Heut ist Dienstag.“

„Nee! Mittwoch!“

„Weiß ich doch. War nur ein kleiner Scherz. Eine kleine Prüfung.“

„Ach so.. na gut. Ich steig hier aus.“

„Ja? Ich auch.“

(Doppelter Abgang.)

*

Mädchen beim Einkaufen, Susanne Eggert

*

Als wir im Autoradio eine Oldie-Station reinfummeln, läuft „Sealed with a kiss“, der Edel-Heuler von Brian Hayland.

„Yes it’s gonna be a cold, lonely sum-mer..“

„Hm? Wie heisst das? Was singt der da eigentlich?“ fragt die Gräfin.

„Sealed with a kiss“, sag ich.

„Sealed with a kiss?“

„Ja. Versiegelt mit nem Kuss.“

„Ja..? Ich hab immer See you with a kiss verstanden.“

In einer ausladenden Rechtskurve singt sie den Refrain trotzdem falsch. Noch vehementer falsch. Erst recht falsch. Das ist schon keine Schnulze mehr. Das ist eine Kampfansage an die Wirklichkeit.

*

„Irgendwie bin ich heute gar nicht richtig da“, murmelt sie. „Aber woanders bin ich auch nicht.“

*

Keiner ruft an, Post kommt nicht, WhatsApp im Eimer.

„Wir sind Gottes vergessene Kinder!“ ruft die Gräfin.

Hoffentlich hält der Zustand noch einige Zeit an.

*

„Wenn ich tot bin, würde ich am liebsten alle zweihundert Jahre zur Erde zurückkehren.. nur um nachzuschauen, wie weit wir Menschen gekommen sind. Ob wir schon herausgefunden haben, wie groß das Universum ist. Wo es endet. Und wo es wieder anfängt.“

Dass ihr dieser hohe Erkenntnisgewinn verwehrt bleiben wird, macht sie jetzt schon wütend.

„Wozu dann überhaupt etwas wissen..? Dann doch lieber gleich doof bleiben, Steine klopfen und ab und zu eine Tüte rauchen und keine Ahnung haben von irgendetwas.. Ich glaube, das Konzept der Menschheit befindet sich immer noch in der Rohfassung.“

*

„Den ganzen Sommer sind wir barfuß gelaufen, über Stoppelfelfder. Das hat richtig gebrannt an den Füßen, wenn wir uns abends gewaschen haben. Was vermisse ich das Barfußlaufen…“

2 Gedanken zu „An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof und ich opfere eine Erinnerung

  1. Wieder ein Mix vom Feinsten.

    Mit der Maskenpflicht, die eventuell kommt, gibt es dann ja nur noch halbierte Gesichter zu sehen. Die lädierten Züge sind verhüllt, die Mimik fällt aus, aber das Abhören von Dialogen im öffentlichen Raum dürfte schwer werden. Harte Zeiten für Autoren, die nah am Puls des Lebens schreiben.

    Bei enormer Hitze hilft mir: totstellen. Am besten nackt auf den Fliesen im abgedunkelten Bad.

    Guter Witz: Angst vor der eigenen Vergangenheit. Dagegen hilft wahrscheinlich das Altern: das Vergessen, die biologische Lösung sozusagen.

    Gruß Uwe

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