In den Siebzigern sah die Sache anders aus

Erstens: sich über Hamster lustig machen, ist ziemlich billig, sagt sie. Das kann jeder.

Richtig, sag ich. Und zweitens: jetzt bin ich dran.

*

Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Goldhamster nichts verloren haben in den Händen von Kindern, da sie nachts auf Maloche sind und tagsüber pennen, doch in den Siebzigern sah die Sache anders aus. Die Viecher waren eben da, irgendwer hatte sie mitgebracht und nun musste man schauen, wie man damit umging. Wer also als Pico mittags von der Schule kam und sich um den neuen Familienhamster kümmern musste, der nichts anderes drauf hatte als mit dicken Backen in den Seilen zu hängen, der hatte Pech gehabt.

„Du kannst den Hamster ruhig aufwecken, Simon, den haben wir zum Spielen gekauft. Der kann das.“

Blödsinn. Einem Hamster stand der Sinn selten nach Spielen. Schon gar nicht am helllichten Tag, Aber Goldhamster hatten keine Lobby in den 70ern, sie waren Auslegware in Zoofachgeschäften und Tierhandlungen, sie waren och, wie süß, mehr nicht. Man kaufte Goldhamster, wie man heute einen Coffee to go mitnimmt. Man packte sie zu Hause aus und schnell wieder ein, weil sie undicht waren oder weil sie den ganzen Tag nicht aus dem Bett kamen. 70erjahre-Hamster waren ganz arme Schweine.

Aber der Hamster des Jahrgangs 2020 hat es kaum besser. Auf YouTube sieht man Züchter in Neuengland, die ihre Nager in kleinen Planwagen durchs Wohnzimmer treiben, wie beim Großen Treck Richtung Westen. Ein anderer dokumentiert auf seinem Kanal, wie Darling-Hamster Sandy Zartbitterschokolade in sich reinstopft bis ihm die Kakaozubereitung aus den Backen quillt – goldig! Zuletzt rutscht er mit seinen Pfötchen auf der Kuvertüre aus und das Funny Chocolate & Cappucino Golden Hamster Dancing nimmt seinen hunderttausendfach angeklickten Lauf.

Im englischen Seebad Bournemouth begeht ein angetrunkener Pub-Hamster namens Teddybear den Fehler, an einem Hochsommertag Wassermelone zu fressen, die innerhalb kürzester Zeit in seinem Leib zu gären beginnt. Zuletzt sieht man Teddybear als hilflose Person über die Strandpromenade torkeln, von einer Piss-Laterne zur nächsten. Armer britischer Hamster. Aber du bist nicht allein. Das Internet ist voll britischer Hamster.

Eine 56jährige Waliserin findet ihren alten Daddy-Hamster leblos in seinem Häuschen liegen. „Poor Daddy.“ Sie bettet ihn in eine Faltschachtel und beerdigt ihn im Garten. Am nächsten Mittag trifft sie fast der Schlag, als der alte Gauner (3) fröhlich durchs Haus scharwenzelt, das Fell verdreckt und um eine Nahtoderfahrung reicher. Er war in eine Art Winterstarre getreten und musste sich nach dem Aufwachen durch aufgeweichte Pappe und lehmiges Erdreich fressen bis er an der frischen Luft war.

Hamster-Storys via YouTube oder Instagram enden oft damit, dass man dem Burschen einen winzigen selbstgebauten Karlsson vom Dach-Motor auf den Rücken schnallt und vom 7. Stock auf die letzte Reise schickt. Unten angekommen rollt er sich locker ab, verstaut den Fallschirm im Gebüsch und geht auf Wanderschaft, Richtung Panama. Es geht immer Richtung Panama, selbst von Panama aus. Sollen sie sich doch bei Janosch bedanken, die Panamäer.

Ein weiterer Großstadtmythos unserer Tage, der nicht totzukriegen ist, hat seinen Ursprung in Hongkong. Betrunkener Student brät Hamster der Mitbewohnerin im Wok: 120 Stunden Sozialarbeit. Was soll man sagen.

Immer die Chinesen.

Auch in unserer Familie gab ein Goldhamster in den frühen 70ern sein Gastspiel. Schon seine Ankunft zum 17. Geburtstag meiner großen Schwester ließ nichts gutes erwarten. Ihr Freund G. platzte ins Kinderzimmer und überraschte sie mit einem gekonnten Hamster-Seitfallwurf,

“hepp!“

Meine Schwester verfehlte den Nager, er landete auf den Füßchen und watzte verstört von einem Party-Gast zum anderen. (Die Clique trug Boots und Cordhose, auf dem Dual-Plattenspieler drehte sich Electric Ladyland von Jimi Hendrix, hier: das Eröffnungslied mit dem tiefen Hendrix-Hüsteln.) Der Hamster verkrümelte sich aus lauter Angst vor den vielen Leuten unter dem bullig-heißen Heizkörper. Die Verbrennungen waren leichter Natur. Wir tauften ihn Pepsi.

Keiner konnte etwas anfangen mit Pepsi. Er lungerte den ganzen Tag im Käfig herum, unter Heu begraben, lediglich die vibrierende Gefriertruhe in der Küche, auf der sein Käfig stand, verschaffte ihm etwas Entspannung und leichte Massage. Selbst in der Nacht, wenn andere Nager aktiv werden und ins Laufrad steigen, hörte man Pepsi nur schwermütig zum Salatnapf schlurfen. Mein Problem: ich mochte ihn nicht anfassen. Es wabbelte mir einfach zu sehr, wenn ich ihn in der Hand hielt, und sein Herzchen klopfte wie eine Disco-Kugel. Nein, Pepsi war mir einfach zu lebendig. Ich war Fußbälle gewohnt, die ich treten durfte. Das war besser. Irgendwann ging der arme Goldhamster ein, sang- und klanglos, vermutlich Fettleber, und wurde samt Nistmaterial und Wheel im Baumhof meiner Großeltern beigesetzt.

In der Familie des kleinen Wiegand hatte es auch einen Hamster gegeben. Er musste sich die Zuneigung der Menschen mit Trixi teilen, einer alte Spitz-Dame, die gern dabei war, wenn es etwas zu lachen gab mit 70erjahre-Goldhamstern.

„Der Hamster stopfte sich dauernd mit Hundefutter die Backentaschen voll, das sah voll eklig aus, wie bei einem Breitmaulfrosch. Er konnte einfach nicht aufhören, Trixis Nassfutter zu verdrücken“, so Wiegand, den ich schon lange kenne..

„Wie hieß euer Hamster?“

„Der hatte keinen Namen. Hamster. Der hieß Hamster.“

Hamster tauchte eines Tages nicht mehr auf, blieb fort, für immer. Da das Haus der Familie am Waldesrand stand, vermutete man ihn auf Wanderschaft. Bis zu dem Tag, als Wiegands Mutter, die am selben Tag wie Joan Baez geboren wurde, (beiden stehen Regenmäntel gut und ein Lächeln gegen die eigene Strenge), beim Saubermachen der Waschküche eine Entdeckung machte. Erst wusste sie gar nicht, was das sein sollte, was ihr da beim Reinigen der Waschmaschine entgegenquoll, es schien sich um einen traurigen Haufen Staub zu handeln. Aber es war Hamsterfell, in Büscheln. Nicht ein einziger Knochen, ja, nicht einmal ein Knöchelchen war vom Hamster übriggeblieben, nur Fell. Der arme Bursche musste bei der Buntwäsche gründlich zermahlen worden sein, mutmaßte der Familienrat der Wiegands am selben Abend.

70er Jahre Hamster waren ganz arme Schweine.

6 Gedanken zu „In den Siebzigern sah die Sache anders aus

  1. Sehr eindringlich. Mag ich, dass die Hamster auch eine Lobby haben. Auf dem Friedhof auf dem ich wegen Coronasperre der Parks öfter spazierenging gibt es Feldhamster. Angeblich, gesehen habe ich noch keinen, aber sie werden wohl auch nachts unterwegs sein

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  2. Großartig geschrieben, leider so wahr, dass man sich vormachen möchte, es sei Fiktion, erstunken, erlogen. Ich würde den Text stilistisch, so summasummaum, als Dramödie sehen.
    Meinen drei Hamstern erging es nur bedingt besser. Wir schrieben allerdings bereits die 80er, da waren wir zivilisatorisch schon bedeutend weiter. Seitfallwurf war nicht. Ich habe immer zwei Hamster in einen Käfig gepackt, unter dem Vorwand deren langeweile zu mindern. Natürlich nicht zwei Männchen, sondern geschlechtsgemischt. Nunja, man ahnt es fast: es blieb nicht lange bei zwei Hamstern.
    Der Gerechtigkeit halber will ich hinzufügen, dass meine Eltern seinerzeit wesentlich traumatisierter wurden als die Tierchen. Denn so ein 2 cm Hamsterneugeborenes, das ist blind und passt durch jedes Käfiggitter. Und da eben nachtaktiv…naja, gab jedenfalls ein gutes Hallo jeden Morgen, war schwer was los immer, so direkt nach dem Aufstehen, wenn man noch nicht so richtig schaut wo man hintappert, im Dunkeln.
    Waren aber wirklich andere Zeiten. Seit 1990 habe ich keinerlei Haustiere mehr.Die meisten Menschen sind ungeeignet als Tierhalter, die wenigsten merken es.
    Viele Grüße!

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  3. Das ist jetzt wohl meine Glummpremière: Ich scrolle durch den Text, denn diese ganze Filme, über die du schreibst, sind nichts für mein zartes Gemüt.

    Unsere 70er- und 80er-Jahre Hamster hatten es dagegen richtig gut. Wir hatten ganz viele Hamsterchen, überall standen Käfige herum, da wir mal den Fehler begangen hatten, eine Hamsterdame zu decken (so wurde früher aufgeklärt) und da Hamster Einzeltiere sind, brauchte es danach viele viele Käfige … Nun ja, ich mochte die Viechlein und natürlich hatten alle Namen. Alle! Und jeder bekam ein Begräbnis. Jeder!

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  4. Hab das auch mit Spannung gelesen. Diese Hamsterhaltungen sind für beide Seiten wohl eher unerfreulich. Ich hatte mal heimlich einen und habe ihn in einem Käfig im Schrank gehalten. Das Tier war so laut, dass meine Mutter das herausfand. Das Tier musste aus dem Haus. Warum Meerschweinchen in Ordnung waren weiß ich nicht.

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