Damen der Gesellschaft

Arbeit war ein Fremdwort, und ich hatte definitiv keine Lust, es im Fremdwörterbuch nachzuschlagen. Ich war Anfang zwanzig und schlug die Zeit am Tresen tot. Ich traf mich mit Damen der Gesellschaft, etwa der kleinen Bellavera. Sie arbeitete am Amtsgericht und kellnerte nebenbei, eine Blondine mit tiefhängenden Augen. Eines Morgens wachte sie bei mir auf. Wir lagen im Bett, die Sonne schien ins Zimmer.

„Du hast ein schönes Glied“, sagte sie, immer noch angeschickert, „aber du bist ein Schwein.“

Ich wunderte mich, dass sie so ein nüchternes Wort wie Glied benutzte, obwohl sie ihn eine Stunde zuvor noch in der Mache hatte. Es drückte eine gewisse Distanz aus – fast wartete ich darauf, dass sie mich siezte. Dabei wollte sie doch vermutlich nur nicht so schlampig rüberkommen, nach dieser Nacht.

Eine junge Russin verführte mich frühmorgens im beleuchteten Eingangsbereich eines Foto-Geschäfts in der Innenstadt. Es war Winter, wir kamen aus der Disco. Der Boden war so hart, dass mir noch Tage später die Knie schmerzten. Als ich Svenja wieder traf und ihr grinsend von meinen Kniebeschwerden berichtete, schüttelte sie nur den Kopf und meinte, sie habe einen gut gepolsterten russischen Hintern, mit dem käme sie überall klar auf der Welt, egal ob auf Sand, Rasen, Teppich oder Beton. Sie spielte Tennis.

Dann war da Dschinni. Auch sie ruhte ganz in sich selbst. Dschinni war meist allein unterwegs, sie war seltsam. Sie war eigentlich einen Zacken zu seltsam für mich. Ein sexy verschlossenes Mädchen mit langem Haar und hohen Schaftstiefeln. Es sah aus, als würde sie gleich zum Reiten gehen oder als wäre sie gerade vom Reiten gekommen, Großer Preis der Nationen. An anderen Tagen kam sie rüber wie eine Rockerbraut. Es war nicht einfach, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Ich kann mich nicht erinnern, je mehr als einen kurzen Blick von ihr aufgeschnappt zu haben, doch als es passierte, lange Blicke sogar, ja, ganze Blickketten, da war es eine ganz natürliche, eine durch und durch organische Angelegenheit und wir landeten mitten in der Nacht im Wald, weil wir nicht wussten, wohin sonst. Ich hatte einen Schlafsack organisiert, aber es war eine feuchte Nacht. Wir waren mehr berauscht als betrunken. Ein Film Noir. Eine schwarze Kurzgeschichte. Es kam ein Satz von ihr, als wir im engen Schlafsack übereinander lagen und uns küssten, als ich vor ihrem Unterleib stand und drängelte, um Einlass begehrte: „Nun mach mal langsam..“ Und ich am Drängeln. Im Morgengrauen, durchgefroren, durchnässt und nicht gefickt, aber trotzdem glücklich, brachten wir den Schlafsack zurück.

Eine andere Dame der Gesellschaft war gerade aus der Haft entlassen worden. Sie war spitz wie Nachbars Lumpi. Dagegen war nichts einzuwenden. Das Problem: sie hatte 30 Kilo zu viel drauf. Das fehlende Sportprogramm in der Haft hatte ihr zugesetzt, sagte sie. Sie kam mit zu mir nach Hause. Ich wohnte auf der Schillerstraße, es war meine erste eigene Bude. Die Fahrt kostete sechs Mark mit dem Taxi, vom Mumms aus. Mit Trinkgeld.

„Moment noch“, sagte ich zum Fahrer, „ich muss eben Kohle holen.“

„Ist schon gut“, meinte sie. „Ich übernehm das.“

Wir machten nicht viel Worte. Wir ließen den ganzen Kram sein, von wegen möchtest du was trinkenhörst du lieber Soul oder AC/DC und wo ist das Klo, wir legten sofort los. Es war nicht mal schlecht. Es war sogar gut. Es hat richtig Spaß gemacht. Obwohl ich kein AC/DC hatte. Nach vierundzwanzig Monaten Aufenthalt im Frauengefängnis Köln wegen Scheckbetrugs und fortgesetzter Unterschlagung war sie ausgehungert und bestrebt, ihre Phantasien umzusetzen, die in der kargen Einzelzelle in Ossendorf aufgelaufen waren. Ich fühlte mich fast ein wenig benutzt von ihr. Aber nur ein klein wenig. Und auch nur fast.

Jedenfalls.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so pompös einen geblasen gekriegt zu haben, mit allem Pipapo. Ich könnte dir stundenlang zugucken, sagte ich, und sie grinste mich an, pausbäckig. Ja wieso? Das tust du doch auch,

(Jungs mit zwanzig haben nichts als Bumsen und Blasen im Kopf. Selbst wenn ich bei Lana übernachtete, in die ich wirklich verliebt war, und sie früh um acht zur Arbeit aufbrach, dauerte es keine halbe Stunde und ich hing am Telefon und versuchte ein schnelles Date für ein zweites Frühstück hinzukriegen. Ich weiß, es hört sich ziemlich dämlich an, macho macho, schon klar – aber so war’s nun mal, was soll ich sagen, das ist meine Erfahrung. Ich erreichte natürlich niemanden, der früh um halb neun erpicht gewesen wäre, meinen Morgenständer aufzuweichen, also legte ich selber Hand an und hatte für den Rest des Tages den Duft meines Spermas in der Nase, sobald ich die Hand hob und die Kellnerin heranwinkte.)

Am nächsten Abend stand sie wieder am Tresen. Sie hatte noch Bewährung. Als der Geschäftsführer die Sperrstunde einläutete, dackelten wir rüber zum Taxistand. Diesmal hatte ich noch Kohle auf der Tasche, ich löhnte die Fahrt. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Sex in dieser Nacht ähnlich de Luxe ausfiel wie in der Nacht zuvor, ich schätze nicht. Ich war ein miserabler Liebhaber, wenn ich zwei Nächte hintereinander voll war. Eine Nacht tat es mitunter auch. Dann verschwand sie vom Radarschirm. Es dauerte geschlagene zehn Jahre, (eher fünfzehn), bis sie mir eines Abends wieder über den Weg lief. Ich war unterwegs zum Nachtdienst im Hotel. Erst erkannte ich sie kaum, sie hatte sich enorm verändert. Sie hatte abgenommen, trug hohe Leopardenstiefel und Blazer, dazu diese Dolce & Gabbana-Sonnenbrille. Wir feixten, als wir uns mitten auf dem Zebrastreifen begegneten. Niemand sagte ein Wort. Ach doch. Ich.

Ich sagte: Na?

5 Gedanken zu „Damen der Gesellschaft

  1. Holla, ganz schön offen! Über F….. würde ich nie schreiben in meinem Blog. Da spielt wahrscheinlich unser Altersunterschied eine Rolle, Sex war tabu bis in die siebziger Jahre. Alle wussten wie’s ging, aber niemand redete darüber.

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