I want you to be my baby

In den frühen Morgenstunden erreicht mich die Mail eines Lesers: kannst du nicht mal was positives schreiben? Etwas, das Hoffnung macht? Schreib doch mal eine Geschichte, bei der man irgendwie ein bisschen Hoffnung bekommt. Ich rufe weitere Mails auf, darunter eine, die unter Junk gelandet ist und wo es um 1 Million £ geht. Gewonnen in einer britischen Online-Lotterie, ohne dass ich daran teilgenommen hätte. Riesig. So muss das laufen. Das ist meine Kragenweite. Aber es ist die erste Mail, die mich nicht in Ruhe lässt.

Die Hoffnungsmail.

Im Sommer 1997 kam ich am Abend total fertig aus der Stadt. Der Deal war geplatzt, die Kohle futsch, ich war am Arsch. Ich wusste nicht mal, wie ich die Nacht überstehen sollte, ohne durchzudrehen. Eine einzige lausige Line hatte ich am Morgen gezogen. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch aufrecht stehen konnte. Ich ließ mich am Küchentisch nieder und begann zu weinen. Nicht etwa zu heulen. Keine zornigen Tränen, es war das freie Weinen eines Kindes, das die Welt nicht mehr versteht und sich gehen lässt. Ohne jedes Geschrei. Es war bloß salziges Wasser, das aus mir herausdrängte. Die Gräfin kam in die Küche. Ich war erschöpft. Es schüttelte mich. Den ganzen Tag war ich dem Gift hinterhergejagt, ohne dass sich was ergeben hätte. Zum Schluss war ich noch abgezogen worden. Der Typ aus Dresden, den ich eigentlich nur vom Sehen kannte, war mit meiner letzten Kohle durchgebrannt. Normalerweise wäre ich niemals so unvorsichtig gewesen und hätte einem Vogel wie ihm Geld in die Hand gedrückt. Doch er war der einzige, der noch eine Connection hatte. Behauptete er. Bei meinen Leuten war schon seit Tagen Ebbe. Die Unke, meine Stammdealerin, ging nicht ans Telefon, Ringo war im LKH, der Löwenmann und Selle wussten selbst nicht, wie sie über die Runden kommen sollten. Nicht mal auf der Platte ließ sich was schnappen. Wehe, du kommst nicht zurück, sagte ich zum Dresdner. Ich komm wieder, sagte er. Kannst dich drauf verlassen. Du kennst mich doch. (Spätestens da hätte ich mir die Kohle zurückholen müssen. Du kennst mich doch. Aber ich wollte ihm glauben.) Sanne, die mich all die Tage, all die Wochen zuvor zur Schnecke gemacht hatte, „ich ertrage deine winzigen Heroinaugen nicht mehr, ich hasse deine Bräsigkeit“, „wenn du so weitermachst, landest du im Knast, willst du das wirklich?“, nahm mich in den Arm und hielt mich fest. Ich war 37 Jahre alt, ich war ein Junkie. Ein Idiot. Ich hatte nichts erreicht im Leben. Ich war ständig pleite. Ich beschiss die wenigen Freunde, die mir geblieben waren, ich beschiss meine Eltern, meine Frau, ich beschiss jeden, der mir zu nahe kam. Willkommen am Tiefpunkt meines Lebens. Während das Selbstmitleid nur so aus mir herausströmte, (wie bei einer inneren Regenzeit, denke ich jetzt, wo ich davon berichte), hielt sie mich im Arm, sie sagte kein Wort. Aber sie war da. In diesem Moment begriff ich: du hast eine Frau, die dich liebt. Du bist der größte Glückspilz auf der ganzen Welt, und du hast diese Liebe mit nichts verdient. Ich habe Riesendusel, dass diese Frau einen Narren an mir gefressen hat. Du bist ein Glückskind. Verspiel das nicht auch noch. (Am Anfang stand Azra, eine Mitschülerin der Gräfin, geboren im Grenzgebiet zu Kurdistan. Sie beherrschte die Kunst, aus der Hand zu lesen. Ihre arabische Großmutter hatte es ihr beigebracht. Azra prophezeite der Gräfin, dass eines Tages ein blonder Mann in ihr Leben treten und eine wichtige Rolle spielen würde. „Ich mag keine blonden Männer“, sagte die Gräfin. „Ich kann nur sagen, was ich hier sehe“, wiederholte Azra, „und ich sehe einen blonden Mann, der in dein Leben tritt.“) Sie drückte mich. Ich weinte. Ich war zerschossen, ausser Kontrolle, meiner Sicherheit beraubt. Ich war offen, und es schoss nur so aus mir heraus.

11 Gedanken zu „I want you to be my baby

  1. Genau das hat mich ins Programm bewegt wo ich seit ca.3 Jahren erfolgreich immatrikuliert bin ,bei 2,4 Pola jeden 2.Tag…was ich so durchgeboxt habe! Meine Gräfin, die Britta aus Wesel (kensse nicht) ,aber Sie kennt die Tränen von denen Du hier schreibst nur zu gut!! Und was die Dankbarkeit für die Liebe und den Narren den Sie an uns gefressen haben betrifft, sprichst Du 1zu1 aus meiner Seele!!!
    Komme gerade vom Kle und der hat sich sehr gefreut über deine Erkundigungen zwecks seines Wohlbefindens und lässt Euch schön grüßen und verlautete ..“och …da könnte man sich doch mal treffen!“
    Nöh…weisse Bescheid !!!….hab ihn dann auch darauf hingewiesen das er dich bei Studio Glumm direkt anschreiben kann.
    „Ja mal gucken.“..sprachs!…….
    Gruß Du mir bitte nokemal die Burek undt make mir ahnkanndieRUFF für die kippsch!!!;))) grazieprego y hasta luego

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  2. A chso das WordPress Konto war schneller erstellt als schneider gemerkt hat ……mal schauen kann man imma ma gebrauchen ! Je nach Betriebstemperatur ,und wenn mich ein Thema oder Nostalgie mitreißt ,binde ich dann schonmal meinen Khan los und schreib dann so drauf los…….aber ob das einer lesen will hab ich mir noch keine Gedanken zu gemacht;)

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  3. Danke Glumm. Die Geschichte berührt und geht unter die Haut. Insekten, die unter Pergament kriechen. Und dann dieses größte aller Rätsel : diese Liebe, die wohl nichtmals die Gräfin kapiert.

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  4. Hi Ralle! Sehr sehr schön, von Dir zu hören. Der Nostalgiezug nimmt mächtig Fahrt auf.
    Sitt’n on a train an‘ I’m ridin‘ home. Ridin‘ Home.

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  5. Wie stand es bei dir vor drei Tagen so schön: „Ich liebe dich so, wie du bist, und nicht, wie du glaubst, sein zu müssen, um liebenswert zu sein.“
    Liebe Grüße aus Dortmund – Britta

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