Paraguay

Wenn ich mit dem Hund am Klauberg bin und altbekannte Bolzgeräusche höre, macht mein Herz jedes Mal einen Sprung. Auch wenn es längst nicht mehr der original staubige 70er-Jahre-Platz ist, von dem das Klackern der Schraubstollen unter den Fußballschuhen schon von weitem zu hören war. Der Platz ist von Kunstrasen überzogen, wie das Gros der städtischen Fußballplätze. Was ich anfangs als Terrorakt wahrnahm, hat sich mittlerweile durchgesetzt. Aber was solls. Ein Schuss bleibt ein Schuss bleibt ein Schuss. Ist eine Chance.

Als ich im September 67 sieben wurde,  (und die Doors in den USA No. 1 mit ihrem Debutalbum), meldeten mich meine Eltern im Fußballverein an, beim RSV Kohlfurth. Damals wohnten wir noch an der Hasseldelle. Der vereinseigene Platz des RSV, heute ein verwilderter riesiger Garten, in dem jeder, der Lust hat, etwas pflanzen kann, war von unserer Wohnung aus zu sehen, dazu musste man nur aus dem Küchenfenster gucken: da war er, unten im Kohlfurther Kessel, Luftlinie einen Kilometer. Ein Versprechen. Eine Verheißung.

Manchmal stand ich Sonntagvormittags mit dem Feldstecher von Carl Zeiss am Küchenfenster und guckte mir ein Spiel unserer Ersten Mannschaft an, allerdings nicht sehr lange, nur die ersten Minuten, dann wurde mir das Gucken durch den Fernstecher und das ständige Nachjustieren und Scharfstellen zu anstrengend und ich verschwand lieber vor die Tür, auf irgendeiner Wiese das Eins Null schießen.

Der Fußballplatz in Kohlfurth war ein Unikum: in der Mitte spielte man auf Asche, an der Rändern auf Rasen. Er war nicht Fisch, nicht Fleisch, oder er war Fisch und Fleisch, ganz wie man will, jedenfalls ein gottverdammter Acker, gefürchtet bei den Gastmannschaften, die auf dem Belag nicht klar kamen, mit dem ständigen Wechsel von Rasen zu Asche und zurück. Noch heute stecken in meinen Knien schwarze Aschekörnchen und erinnern mich an vergangene Schlachten.

1969, ich war neun Jahre alt, zogen wir zur Schillerstraße. Ich blieb dem RSV treu, konnte aber den Platz nicht mehr sehen, wenn ich aus dem Küchenfenster guckte. Dafür fand ich in der neuen Siedlung schnell Kumpel, die ich mitnahm zum RSV, Pille H. und Wiwi Wupperbusch.

Wir waren Fußball-Affinados, Fußball war unser Leben. Wenn wir kein Training hatten und kein Spiel, trafen wir uns unten am Klauberg, auf dem großen staubigen Bolzplatz, und spielten Fußball bis es dunkel wurde, oder einem von uns leierte die Achillessehne aus. Ein Gefühl, als hing einem ein Schwarm Mücken an der Ferse, mit Rüsseln aus schwarzem Eisen.

Bei schlechtem Wetter blieb nur das Kinderzimmer, wo ich meine eigene Bundesliga ausspielte. Als Tor diente ein Cocktailtisch, der heute noch neben meinem Bett steht: 1 Meter lang, 50 Zentimeter hoch, mit einer dicken Tischplatte, die eine perfekte Latte abgab. Ich schoss am liebsten gegen die Latte, weil der Ball dann krachend zurückprallte ins Zimmer und ich die Pille im Nachschuss versenken konnte, volley in den Winkel. Oder nochmal vor die Latte bollerte, das war das Größte. Der Doppelboller.

Vorm Tor platzierte ich kleine Kissen, die sollten Torwart und Abwehr darstellen. Auf dem Spielfeld lagen noch mehr Kissen herum, als Gegenspieler, die ich geschickt umdribbeln musste. (Hör das Fummeln auf, Glummi!, brüllten die Zuschauer, doch die Kohlfurther Doppel-Locke ließ sich nicht beirren und setzte sich gleich gegen vier Gegenspieler durch, so lässig und locker, als wären es Sofakissen!) Ich spielte auf Strümpfen und beschäftigte während der Partie einen Reporter in meinem Kopf, der außergewöhnlich sonor das Geschehen im Stadion kommentierte. Bei entscheidenden Spielen auf dem (dunkelgrünen!) Teppich, wenn es also um die Wurst ging oder den Europa-Cup, artete die Berichterstattung in meinem Kopf schon mal zum Krieg aus, aber mit Shakehands nach dem Abpfiff.

Die konnte ich mir auch leisten, die Shakehands, holte doch der RSV Kohlfurth mit Andreas Glumm als Mittelstürmer und Spielmacher in Personalunion sowohl den deutschen als auch den europäischen Meistertitel, sowohl 1970/71 als auch 1971/72 und 1972/73. Zudem wurde A. Glumm (Kohlfurth) dreimal hintereinander Torschützenkönig aller Klassen, also sowohl als auch.

War es bei all dem Erfolg verwunderlich, dass meine Passion für Fußball mehr und mehr dem trostlosen Bundesliga-Alltag wich? Genau, ich sattelte um und wurde Anhänger der internationalen Popmusik.

Es dauerte nicht lang, und ich stellte mit dem gleichen Fanatismus Samstag für Samstag meine eigenen Pop-Charts auf, und mein Heft mit den Fussball-Tabellen, wo der RSV so grandios über Europa geherrscht hatte, büßte an Bedeutung ein und ging sogar verloren.

Ich würde heute ein stolzes Sümmchen dafür bieten, (das mir jemand leihen müsste), hätte ich das dicke schwarze Heft noch mal in den Händen, voller Statistiken und Zuschauerzahlen und kurzen Spielanalysen, doch es ist verloren, wie viele Dinge meiner Kindheit. Eigentlich ist alles verloren von früher. Blödsinn, meint die Gräfin. Nichts ist verloren. Du bist durchdrungen von deiner Kindheit. Das ist dein Kapital. „Du hast dich nie weit von deiner Kindheit entfernt. Du bist stets in Spucknähe geblieben.“

Aber das Heft war verloren. Es war weder bei meinen Eltern im Keller noch bei uns auf dem Speicher zu finden, und damit waren die Möglichkeiten, wo es sich hätte befinden können, ausgereizt und total erschöpft. Ich vermute, es ist irgendwann achtlos entsorgt worden, wie eine x-beliebige Sozialkunde-Kladde. Ich finde, so etwas darf nicht sein. Papiere aus der Kindheit sollten weltweit und zentral archiviert werden. Und wenn man dafür eigens ein ganzes Land reservieren müsste, nur für Kinderpapiere, in der Größe Paraguays. Dann könnte man aber da anrufen und sagen, hier, mein Name ist A. Glumm, ich war 70/71, 71/72 und 72/73 Torschützenkönig in meiner eigenen Kinderzimmerbundesliga, sucht das mal raus und schickt das rüber, danke sehr.

Damit niemals wieder so etwas trauriges passieren kann wie mit dem RSV Kohlfurth und ihrem verlorenen Goalgetter.

4 Gedanken zu „Paraguay

  1. Glumm, der Fummler.
    Was für ein sprechender Titel.

    Und was die Gräfin sagt, stimmt: Schriftsteller leben in Spucknähe zu ihrer Kindheit. Manche, wie etwa Nabokov, haben ein geradezu fotografisches Gedächtnis und können auf Knopfdruck zurückspringen. Uns Normalsterblichen helfen da Notizbücher über die Gräben der Zeit hinweg. Manchmal, vielleicht.

    Ich war bis zu meinem 16. Lebensjahr der freie Mann beim Fußball. Hecky, der Libero. Irgendwann nannte mich der Trainer nur noch „Träne“, da ich Geschwindigkeit einbüßte und mehr und mehr im Spiel Denkpausen einlegte. Ich war für den Fußball verloren. Danach nahm mich die Literatur als Passivmitglied auf. Eigentlich bis heute.

    Gruß und Danke für den Flash, den Du bei mir ausgelöst hast,
    Uwe

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  2. Jou, herrlich, bei mir war’s ähnlich, jedenfalls was das heimische Spielfeld betraf. Was hast Du als Pille genommen? Bei mir waren es mit Vorliebe Tennisbälle, wegen des authentischen Sprungverhaltens.

    Gefällt 1 Person

    • Tennisbälle eher nicht, die waren kleiner, die bei mir rumflogen, irgendwelche Gummibälle, die aber nicht zu doll aufsprangen. Das hielt schon ziemlich genau. Schöne Grüße von Benzini, Bureck, und: Hou Ballou! (Last Waterhole)

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