Große Schnauze

„Geh nicht zu spät, sonst kriegst du keine Bananen mehr..!“

Keine Bananen mehr? Der drohende Engpass macht mir Beine, mit Engpässen päpple ich meine angegriffenen Nerven nicht auf. Mit Bananen kriegt man mich immer. Staudenweise. Eine meiner Lieblings-LP’s 1976 kam von Kevin Ayers. Yes We Have No Mañanas (So Get Your Mañanas Today).

Bei Schneefall mache ich mich mit dem Hund auf zum Netto-Markt. Eisbömmelchen hängen ihm bald an der Schnauze und an den Pfoten, so nass und schwer ist der Schnee. Der Netto-Markt war früher eine Plus-Filiale, da war mir der Laden sympathischer, obwohl die Belegschaft fast die gleiche geblieben ist. Die Mitarbeiter tragen nur andere Kittel. Aber ich vermisse die alte Filialleiterin, die stets in Cargo-Hosen zur Arbeit erschien und sich die Wampe kratzte.

Als ich den Hund unterm Vordach des Netto-Markts festmachen will, Jenny, Jenny summend, den alten Tanzbodenknüller von John Kincade, dem Schmierlappen unter den Glitter-Rockern der frühen Siebzigerjahre, Jenny, Jenny, dreams are ten a penny, da stelle ich fest, dass der Zugang zum Fahrradständer, an dem ich den Hund üblicherweise anleine, von einem großen schwarzen Rennrad versperrt ist. Da hat jemand seine Maschine genau an der Stelle festgemacht, wo ich sonst den Hund festmache. Ich will das Rad also gerade einen Meter nach links schieben, um an den verdammten Ständer ranzukommen, da blockiert das Hinterrad. Dann hebe ich es eben an und trage es weg, denk ich, und im gleichen Moment schießt dieser Lulatsch, dieses Long Vehicle von einem Kerl aus dem Netto-Markt.

“HE, LASSEN SIE DAS SOFORT LOS! WAS SOLL DAS ÜBERHAUPT GEBEN?! DAS IST MEINS!“

Der Typ geht mir auf Anhieb so auf den Sack, dass ich sofort tief in die Analkiste greifen und loslegen möchte, doch im Bruchteil einer Sekunde disponiere ich um.

“Das Rad muss ein Stück weg, damit ich den Hund festmachen kann, an dem Ständer da..”

“ABER DAS LÄSST SICH DOCH NICHT EINFACH WEGSCHIEBEN..!!”

“Sehen Sie, das hab ich auch gerade gemerkt, und deshalb wollte ich es wegtragen.”

“ABER DAS GEHT NICHT! SIE KÖNNEN DAS BIKE DOCH NICHT EINFACH… SCHIEBEN!!”

“Wie ich schon sagte, ich wollte es gerade anheben und TRAGEN..”

Der Biker, zwei Meter lang, kein Gramm Fett zu viel, durchtrainiert bis zur Selbstaufgabe und von adidas After Shave dominiert, geht in die Hocke und untersucht seine Rennmaschine. Er trägt ein eng anliegendes schwarzes Dress, das an einen Neopren-Taucheranzug erinnert. Schwarzes Bike, schwarzes Dress. Das ist der Teufel, denk ich.

“..UND WER MUSS SICH HINTERHER DIE HÄNDE SCHMUTZIG MACHEN, WENN DIE KETTE ABSPRINGT??“ beendet er seine Standpauke, von der ich nur das Ende mitbekomme. „SIE ETWA?? DOCH WOHL NICHT, ODER?!”

Ich glotze ihn an. Was will der überhaupt von mir? Wo kommt der überhaupt her? Hat der überhaupt was eingekauft? Es ist nichts zu sehen in seinen Händen. Er hat nichts eingekauft. Der Spaziergänger vom Netto-Markt. Der Nassauer vom Netto-Markt. Der Penner vom Netto-Markt, der immer nur so tut, als würde er einkaufen gehen, dabei will er bloß sein neues Roadbike vorm Laden präsentieren, wie früher den Gaul vorm Saloon, und fett angeben. Hat wahrscheinlich fünf extrastarke Hilfsmotoren im Gestänge verborgen, der Sack. Fehlt nur noch, dass er mir gleich die letzte Staude Bio-Bananen vor der Nase wegschnappt. Allmählich wird der Knabe lästig. Ausserdem steht er immer noch im Weg. Er und sein Rad. Ich brauche lebenswichtige Vitamine. Päppelware.

“UND AUSSERDEM IST EIN FAHRRADSTÄNDER KEIN HUNDE.. PFLOCK ZUM FESTMACHEN!” schreit er. Ihn peinigt wahrscheinlich immer noch der Anblick, wie ich sein kostbares Bike anpacke mit meinen Allerweltsflossen. Er ist schwer traumatisiert. “ODER MACHEN SIE SICH ETWA DIE FINGER SCHMUTZIG, WENN DIE KETTE ABSPRINGT!?”

Fängt der schon wieder an. Ich hasse es, wenn die Leute haargenau die gleichen Worte wiederholen, wenn sie einen blöd anmachen. Können die nicht ein bisschen variieren? So langweilig muss man doch nicht sein. Auch wenn man sauer ist. Er starrt mich wütend an, aus roten Granulat-Augen. 

“Mann, nun mach doch nicht so einen Heckmeck, hier ist genug Platz für meinen Hund und dein Rad”, sag ich. „Echt, es reicht für uns beide.“

Er ist so baff über mein jähes Friedensangebot, dass ihm sein Handschuh, den er gerade anziehen wollte, zu Boden fällt, in den Schnee.

“ICH MACHE HECKMECK, WIE ICH WILL!” schnaubt er.

Na schön. Ich brauche den scheiß Fahrradständer nicht. Ich leine den Hund, der mucksmäuschenstill im Schnee sitzt und einschneit, an einem der blauen Kühl-Container an, die unterm Vordach stehen. Nachteil: in dieser ungünstigen Position liegt der Hund halb im Eingang, die Leute müssen über ihn hinwegsteigen. Aber das ist mir jetzt auch egal. Sollen sie sich doch alle die Knochen brechen. Die Kniescheibe?

“Hier, du Pimmelmann”, sag ich zum Biker und werfe ihm den Chip vor die Füße, der eigentlich für den Einkaufswagen vorgesehen war. Er landet im Schnee, direkt neben seinem Handschuh. „Kauf dir ein neues Ritzel.“ Ich hab keine Ahnung, warum ich das tue, was ich damit bezwecke, ist auch egal. Ich drücke die Eingangstür auf. So, jetzt zu den Bananen.

Zwei Pfund dürften reichen.

*

Auch wenn ich in dieser Situation noch mal eingelenkt hab und zahm blieb: eines Tages wird mir meine große Fresse noch mal leid tun. Dann treffe ich auf jemanden, den mich durchschaut und Ernst macht. Dann hab ich Pech gehabt.

Schon in den späten 70ern, als ich mit Karlos und Benzini in der „Pinte“ versackte, dem Vereinslokal der SHARkS, der letzten offiziellen Motorradgang in der Stadt, hatte ich nichts als eine gelegentlich große Klappe zu bieten. Ein Motorrad jedenfalls hatte ich nicht. Ich wusste nicht mal, wie man einen Mofamotor vom 1. auf den 2. Gang hochschaltete. Das war mir alles zu kompliziert.

Als wir die Pinte entdeckten, waren die Boomtown Rats an der Spitze der Charts, „I don’t like Mondays“. Auf der Straße und in den Kneipen herrschte eine fickrige Grundstimmung, kleine Rangeleien und Kloppereien gehörten zum Tagesgeschäft. Die „Pinte“ an der Schützenstrasse war ein schlichtes Lokal, an dem es weder etwas auszusetzen noch etwas auseinander zu nehmen gab, weil alles Mobiliar am Boden festgeschraubt war. Bei Stress ging man einfach vor die Tür und klärte die Angelegenheit. Und was etwa Benzini anging, der hat wirklich draufgehauen, wenn es drauf ankam. Einmal knüppelte er mit einem Stuhlbein bewaffnet irgendwelche armen Freaks die halbe Schützenstrasse hoch. Ich hingegen, wie übrigens Karlos auch, bellte und kläffte nur, wenn es hieß, komm, gehen wir vor die Tür.

Ich ging zwar mit raus, doch sobald wir auf dem Trottoir standen, in einem Sicherheitsabstand von zwei Metern verharrend, in Gleich gehts los-Stellung, wie die Catcher, wartete ich nur darauf, dass mich jemand beruhigte und zurückzog, „He! Komm, lass gut sein..“ Dann murrte ich ein bisschen, schließlich hätte ich meinem Gegner, der mich am Tresen schief angeguckt hatte aus seiner dämlichen Visage, liebend gern eine gezimmert, schön was auf die Mappe gegeben, aber um des lieben Landfriedens Willen ließ ich mich rasch runterkühlen. Komm, lohnt nicht, gehen wir wieder rein. Meist trank man dann ein Bierchen mit dem verhinderten Kontrahenten, dem Männeken, und die Geschichte war gegessen. Glück gehabt.

Also ich.

Wenn man etwas über die Zeit der späten 70er Jahre sagen will, dann: es war alles echt. Wer das Herz eines Punkers hatte, musste nicht notwendigerweise mit einer Nadel durch die Backe rumlaufen, es reichte ein schwarzes Turnleibchen und die richtige Single zur nächsten Party. Und wer Lust hatte in der Clubkneipe einer Motorradgang abzuhängen, der musste keine 250er Yokohama Future vorweisen. Es ging auch ohne. Ein Herz zu haben reichte aus.

Ich bin noch heute ein Kläffer. Ein Schaumschläger. Eine Knalltüte. Wenn ich mit Leo die Abendrunde drehe, treffe ich am Sportplatz schon mal den Blödmann aus den Bungalows, mit seiner angeleinten Deutschen Dogge. Ein Monstrum von einer Töle, aber total lieb. Reicht seinem Herrchen bis zum Bauchnabel, mit einem Schädel, breit wie ein Trafohäuschen. Unser Hund Leo ist eher schmal gebaut und läuft natürlich frei herum. Der kennt das gar nicht anders. Wenn ich Leo eine Leine umlege, guckt er ganz betrübt. Was hab ich ausgefressen, Chef? Bin ich wieder einem Reh nachgestiegen? Die Deutsche Dogge dagegen wird sicherheitsverwahrt und hat genau 10 cm Spiel an ihrer Leine. Wenn sie Glück hat.

„Warum kaufen Sie sich nicht einen schönen großen Koffer, damit kann man auch schön rumlaufen“, sagte ich zum Herrchen, als wir uns am Sportplatz erstmals ins Gehege kamen, unter einer der drei riesigen Pappeln, und er seinen Spruch raushaute: „Hier ist Anleinpflicht.“ Es geht immer nur um diesen einen kleinen Satz. Die Anleinpflicht. „Machen Sie Ihren Hund fest! Sonst hol ich die Polizei!“ Wenn ich solche Blockwarttöne höre, drehe ich sofort durch. Das triggert mich bis in die Zehspitzen. Das ist für mich deutsches Nazitum in reinster Kultur. „Du kannst mich mal!“ blöke ich. Um nicht missverstanden zu werden. Es geht nicht darum, dass eine alte Dame Angst um ihren kleinen Dackel hat und mich bittet, meinen Hund an die Leine zu nehmen, da bin ich der letzte, der sich blöd anstellt. Es geht um den Ton, den der Kerl anschlägt, es geht um die Haltung, die er einnimmt, und nicht zuletzt geht es um das Gesetzbuch unter seinem Arm. Wie er da vor mir steht, das ist das Abziehbild eines verhassten Paragraphen-Deutschen, und gleichzeitig ist es die Wahrheit. Das Deutschland, das ich verachte.

Auf der anderen Seite triggere ich den Mann ebenso. Sobald er mich sieht, bleibt er stehen und sagt knochentrocken sein Sätzchen auf: „Anleinpflicht. Hier ist Anleinpflicht.“ So wie sich 007 vorstellt im Film. Mein Name ist Bond. James Bond. In aller Ruhe. Eher leise. Aber voller Abscheu. Ein seltsam verdruckster Mann, bei dem nichts richtig zusammenzupassen scheint. Unkenntlich gemacht von einem großen Strickmützchen und zu weiten Tarnfarbenhosen, weiß er natürlich, dass er mich mit seiner Ansage auf 180 bringt. Dabei macht mein Hund gar nichts. Mein Hund hat null Interesse an seinem Monster von einer Dogge, er widmet ihm kaum einen Seitenblick. Es ist also völlig überflüssig, was hier passiert. Doch ich kann mir vorher noch so oft sagen, Glumm, pass auf, wenn dir der Bungalow-Onkel mit dem Kalb begegnet, behalte die Ruhe. Lass dich nicht provozieren. Aber ich schaff es nicht. Es ist jedes Mal das gleiche. Als erstes biete ich an, ihm ordentlich was auf die Fresse zu hauen. Du blöde Sau. Ich werde immer lauter, ich bin erregt, ich kann mich nicht zügeln. Nichts zu machen. Natürlich hat der Mann mich längst durchschaut. Er ahnt, dass ich kein Schläger bin. War ihm bei den ersten beiden Malen, wo ich ihn um ein Haar angerempelt hätte, noch ungemütlich zumute, schließlich kennt der Mann mich nicht, und ich bin zwar kein Brecher, aber auch nicht gerade zart gebaut, (er übrigens auch nicht, ich schätze er kommt mit seinen 90 Kilo gegen meine 83 ganz gut weg), so bekommt er nun zunehmend Oberwasser. Da ist nichts ängstliches mehr in seinen Augen, wenn ich drohe, ihn plattzumachen, und beim Weggehen meine ich ihn „Gross-schnau-ze…“ singen zu hören, leise in sich hinein. Sogar die Deutsche Dogge dreht sich verschämt weg. Ich schätze, es dauert nicht mehr allzu lange, und ich kriege von irgendwem schön die Hucke voll.

Oder auch nicht.

2 Gedanken zu „Große Schnauze

  1. Das Stuhlbein, mit dem der Benzini irgendwelche Leute ins Koma knüppelte, das hatte doch sicher zwecks Benzinikompatibilität auch einen ausfahrbahren Säbel, quasi für Notfälle? Wäre auch beim Grillen praktisch, so ’ne Art Schweizer Taschenmesser in Groß – natürlich aus der Klingenstadt.

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