Alfredo

Nun ist Solingen keine Metropole, nicht mal eine große Stadt, ja selbst der Definition Stadt würde nicht jeder mit vollem Herzen zustimmen, der diesen Flecken Erde aus eigener Anschauung kennt. Aber es ist meine Stadt. Es sind meine Leute. Und die sind okay. Also.

Es gibt da welche.

Ein Haufen schräger Vögel und Entrepreneure. Typen, die sich nicht unterkriegen lassen, Typen, die so schwerfällig sind, dass sie die Kontinentaldrift in Echtzeit beobachten können, Typen wie der gute alte Fleschkönigs. Fangen wir ruhig mit dem an. Er ist lange tot. In den frühen 80ern, als seine Drogensucht erste konkrete Formen annahm, kurvte Fleschkönigs in einem staubigen alten Leichenwagen übers Land. Er hatte ihn einem Pleite gegangenen Bestattungsunternehmer für kleines Geld abgeluchst. Flesch unterwegs mit der Leiche, wie er den schwarzen Mercedes Baujahr ’62 liebevoll getauft hatte, das war ein Bild, wie gemacht für die schwerfälligen bergischen Götter. Das Heck hing durch und kratzte am Asphalt, wenn Freunde hinten drin saßen und während der Fahrt feierten. Ein Lowrider, auch ohne Hydraulikpumpe. Allerdings war Flesch davon überzeugt, dass das Durchhängen des Hecks eher vom Gewicht der vielen toten Seelen kündete, die der Bestattungswagen Richtung Jenseits transportiert hatte.

„Dat is Soul Power, Freunde.“

Die Ledersitze waren brüchig, der Fußraum ein Meer aus Zigarettenstummeln und den verrußten Böden der Cola-Dose8n, auf denen Flesch sein Heroin aufkochte, wenn er in Eile war und keinen Löffel zur Hand hatte. Ich hab einmal zugesehen, als ich neben ihm in der Leiche saß, wie er in Nullkommanichts eine Dose Cola leerte, sie mit zwei, drei verstörend schnellen Handgriffen in ihre Einzelteile zerlegte, (frag mich nicht, wie er das gemacht hat, es geschah wie von Zauberhand), und zuletzt in der Bodenwölbung der Dose sein Pulver kochte.

Die Trennwand zwischen Fahrerkabine und Laderaum hatte Flesch entfernt (mit der Flex), die schweren Gardinen (trauergrau) hingegen waren drin geblieben. Unterhalb der Seitenscheiben waren Haltestangen befestigt, um Kränze aufzuhängen. Die alte Bergungstrage diente als Running Gag, wenn einer von Fleschkönigs‘ Kumpel so stoned war, dass der „ganz schnell austreten“ musste. (Etwa wenn man um die Reserverad-Mulde herumhockte wie um ein Lagerfeuer und die dicksten Shilumpfeifen westlich von Wuppertal zog.)

Eigentlich hatte Flesch die Leiche für Whisky angeschafft, seinem imposanten irischen Wolfshund, damit der genug Platz im Wagen hatte, wenn sie am Wochenende auf Reise gingen. Doch kaum hatte sich Whiskey mit der Schaukelei in der Leiche abgefunden, geschah ein Unglück. Der Hund sprang aus dem Fenster der Erdgeschoßwohnung an der Schwertstraße und geriet unter ein Taxi. Er war auf der Stelle tot.

Der rothaarige Flesch, auch Alfredo gerufen, der, obwohl eher schmächtig gewachsen, viele Jahre als Gerüstbauer arbeitete, starb zwanzig Jahre später, mit 42, und ich hab mir nie verziehen, dass ich ihn nicht grüsste, als ich ihn das letzte Mal in der Stadt sah. Dass ich nicht zu ihm rüber gegangen bin, dass ich nicht die Straßenseite wechselte, wie üblich, für ein paar Worte. Er schleppte sich über die Straße, er war todkrank. Ich wusste von den horrend hohen Leberwerten, von der Zirrhose, von seinem miserablen Gesundheitszustand – warum bin ich nicht rübergegangen? Warum wollte ich dem Tod nicht ins Gesicht blicken? Menschen, denen bewusst ist, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, Menschen, die spüren, dass der Tod schon die ersten Knochen einsammelt und zu mahlen beginnt, werden leise. Sie arrangieren sich mit den letzten Metern. Eine Kunst, auf die sie niemand vorbereitet hat. Vielleicht war es genau das, was mich an diesem Tag hinderte, zu ihm rüberzugehen und hallo zu sagen. Hallo, Alfredo. Und er hätte mich nur angeblickt, aus seinen traurigen alten Augen, die schon halb oben beim lieben Gott waren.

*

2001 saß ich samstags in der Küche und schlug die Wochenendausgabe der Lokalzeitung auf, die Todesanzeigen, in denen der Tod sein rechteckiges offizielles Annoncen-Hemd trägt, bestickt mit Bibelzitaten und den Namen von Angehörigen. Todesanzeigen studieren ist wie Gaffen auf der Autobahn. Es ist so lange eine saubere Sache, wie man im Unfallgeschehen kein bekanntes Gesicht ausmacht. Doch wehe, es schaut eine Nase heraus, unter den Rädern, die du kennst, schon trägt der Tod sein schmutzigstes Hemd. Plötzlich stinkt es nach Erbrochenem, nach Blut, nach einem letzten geheimnislosen Schiss in die Hose. Plötzlich erkennst du es wieder, es ist dein Leben.

Ich las Alfredos blumigen Nachnamen, (seine Mutter hatte in zweiter Ehe einen Pakistani geheiratet), und sofort schossen Tränen in mir hoch, „nein!“, rief ich. Nein.. Alfredo. Nicht… schon wieder einer. Später erfuhr ich, dass er im Krankenbett quasi ertrunken war, so viel Wasser hatte er in der Lunge.

In zwei oder drei Geschichten ist Alfredo hier aufgetaucht, als Fleschkönigs. Das mit den Namen ist so eine Sache. Fleschkönigs ist zwar kein schlechter alias-Name, aber er klingt etwas streng, zu streng, und Alfredo war alles andere als streng. Wenn er ans Telefon ging, meldete er sich mit einem kalauernden „Müttergenesungwerk! Horst Szymaniak am Apparat“, und wer Alfredo kannte, sah ihn dabei vor sich, am anderen Ende der Leitung, wie er in sich hineingluckste.

Traf man ihn auf der Straße, freute er sich.

„Herr Graf!“ lächelte er, „was machen die Hühner?“

Es war ein scheues, ein aufrichtiges Lächeln, und im Kinn steckte ein wuchtiges Grübchen. Der Knackpunkt in Alfredos Leben blieb der Tod seiner großen Liebe, einer außergewöhnlich hübschen Frau, die Ende der 80er ein Cocktail aus Heroin und Koks nicht überlebte. Noch zehn Jahre später trübte sich Alfredos Blick, wenn die Sprache auf sie kam, er hat sich nie von ihrem Tod erholt.

Sie war auch Anlass der einzigen Missstimmung, die es je zwischen uns gegeben hat. Ich lernte seine große Liebe irgendwann in den frühen 80ern im Löschzug kennen, einer kleinen Pinte an der Unteren Hauptstraße, und baggerte sie an, ohne zu wissen, dass sie Alfredos Flamme war. Ich wusste es tatsächlich nicht, die beiden waren damals erst einige Monate zusammen. Als der Löschzug um ein Uhr zumachte, teilten wir uns ein Taxi, weil wir eh in die gleiche Richtung mussten, und da ich sie unbedingt ins Bett kriegen wollte, baggerte ich hartnäckig weiter, (ich seh den Taxifahrer noch vor mir, stöhnend), doch es war nichts zu machen, sie ließ mich abblitzen. Alfredo bekam Wind von der Sache und war stinksauer. Er nahm mir meine Beteuerungen nicht ab, dass ich nichts davon gewusst hatte, dass sie seine Braut war. Es dauerte lange, bis er mir verzieh, (wobei es ja eigentlich nichts zu verzeihen gab), aber eines Tages war die Sache beigelegt und wir redeten nie wieder darüber.

Karlos, der neben seiner Schauspielerei lange Jahre als Sargträger jobbte, erzählte mir irgendwann mal, dass er es gewesen war, der mit seinen Kollegen Flesch zu Grabe getragen hat. Am evangelischen Friedhof.

„Wusst ich gar nicht“, sagte ich, und er guckte mich nur an, mit diesem leicht nachsichtigen Blick.

„Ich hab so einige zu Grabe getragen…“, murmelte er.

Alfredo hatte etwas Trauriges im Wesen, etwas Resignatives. Er war der rothaarige Prinz, der seine staubige schwarze Leiche feixend durch die Wupperberge kutschierte. Hinten im Sargraum saßen seine Kumpel, allesamt Drogenfreaks, und irgendwann vermengte sich der würzige Duft von Haschisch mit den Seelen der Toten und es wurde still im Wagen, dessen Trennscheibe herausgenommen war – jeder hing seinen Gedanken nach, bis irgendwer einen knattern ließ und Alfredo am Steuer vor Schreck zusammenfuhr, weil er glaubte, ein Zombie habe zu ihm gesprochen.

*

Einmal lud Alfredo Karlos und mich auf eine Spritztour nach Amsterdam ein, schön was Wegkoksen. Ein alter Leichenwagen, der hinten durchhing und träge durch die engen Gassen manövrierte, mit deutschem Kennzeichen. Es sah aus, als wären wir auf dem Weg zu einem Staatsbegräbnis: wir wurden dreimal gefilzt auf dieser Wochenend-Tour, davon nur einmal an der deutschen Grenze. Das Kokain, das Alfredo in Amsterdam auftreiben konnte, war erstklassig. Kein dreckiges Arbeiterkoks, sondern gesundes unverschnittenes Chef-Pulver aus Kolumbien. Wir parkten die Leiche an einer Gracht abseits der Altstadt und saßen bis in den Morgen hinten im Sargraum, die original Gardinen zugezogen und koksten uns um den Verstand, während „I won’t let you down“ von Ph. D. aus dem Tapedeck jubilierte. Plus eine Dancefloor-Nummer von den Pointer Sisters – immer nur diese beiden Nummern.

An der Grenze nahm der Zoll den Leichenwagen kunstgerecht auseinander. Spaß hatten die Zöllner vor allem am hundert Liter fassenden Spezialtank, in dem sie Rauschgift vermuteten und mit langen Stäben im Trüben fischten, doch wir hatten alles Weiße in die Nase gezaubert, sie mussten uns ziehen lassen.

*

Ich saß im McDonalds herum und knabberte an einem Cheeseburger, als die Türe aufschnappte. Und wer kam da herein?

„Ist nicht wahr! Der alte Flesch!“

„Hey… Herr Graf!“

Wir fielen uns in die Arme.

„Ich dachte, du wärst längst tot“, meinte ich.

„Alter, vergiss es, noch lebe ich.“

Und wie er lebte. Wie immer nämlich. Die BILD-Zeitung leger unterm Arm geklemmt wie ein Banker seine FAZ, die Schneidezähne im Eimer, die Sonnenbrille X-Large, das kupferrotgelockte Haar schulterlang. Dazu im scharfen Kontrast die intensiven wasserblauen Augen. Wenn es ihm gut ging, und es ging ihm gut an diesem Tag, war Fleschkönigs ein ausgesprochen hübscher Junge. Er sah aus wie: Ich geh hier heute nicht raus ohne einen Schnapp gemacht zu haben, den die Welt noch nicht gesehen hat. Gehst du mit?

„Na gut, die Leber ist was angeschlagen, aber noch bin ich auf dem Schirm, Alter.“ Er züngelte nach dem Cheeseburger in meiner Hand. „Seit wann frisst du so ne weiche Ami-Pappe?“

Wir hatten uns sechs oder sieben Jahre nicht gesehen. Damals war Fleschkönigs verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Wie vom Paralleluniversum verschluckt. Keiner wusste was genaues, nicht mal sein schweigsamer Kumpel, mit dem er ständig abhing. Gerüchte machten die Runde. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer Spezial-Klinik dem Tode entgegen, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Nordspanien verhaftet worden.

„Wo hast du denn nun gesteckt, all die Jahre?“

„Naja, ne ziemliche Weile in Rotterdam“, sagt Flesch. „Drei Jahre in nem Zigeunerlager, unter Messerwerfern und Feuerschluckern. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und so einen großen Puffi-Hund, hör mal.“ Bis ihn der internationale Haftbefehl doch noch ereilte, und Flesch die letzten achtzehn Monate in Wuppertal absitzen musste. „Im Knast hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, du verstehst.“

Er nahm die Sonnenbrille ab und machte eine Geste, als ob ich schon Bescheid wüsste, worauf ich nickte.

„Und sonst? Was macht das Gift?“ fragte ich.

Flesch kam näher. Seine Pupillen waren harte, kleine Diamanten.

„Na, du kennst das ja. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, zum Naschen.. ich mein, wer sagt da nein..“ Er wurde leiser. „Ich will hier nicht den Lauten machen, aber einen Bubble kann ich noch abdrücken, hab ich gestern Abend in Hannover klargemacht, auf der Platte.“

„Auf der Platte in Hannover..??“

„Hab ne Woche Messebau gemacht. Hannover ist die Härte, Alter. Hannover hat ne härtere Platte als Rotterdam. Da schleichen am Bahnhof Hunderte Fertige um dich herum und alle wollen für dich was klarmachen, die abgerissensten Vögel, alles total krank. Ich steh da also mit meinem Hunni und weiß nicht, wem ich trauen soll, ich kenn ja kein Schwein. Urplötzlich umkreisen mich fünf, sechs Leute, schirmen mich regelrecht ab, und ein kleiner Bimbo kommt an und zählt mir elf Bubbles in die Hand. Eins, zwei, drei, vier.. ein Handel unter ehrlichen Kaufleuten, elf Bubbles fürn Hunni, korrekt fette Teile, kein Thema. Ich sofort ins Hotel, die Tür zu und einen Bubble nach dem anderen weggeraucht..“

„Der König von Hannover“, flachste ich.

„Der König von Hannover mit elf Bubbles! Wie gesagt, einen kann ich noch abdrücken, eins a Material“, meinte Flesch. „Musst du wissen, hör mal.“

Wir einigten sich auf einen Zwanni.

„Ist wirklich eins a, das Stöffchen, da knallst du mit dem Schädel auf den Tisch, versprochen. Hör mal, im Moment wohne ich noch bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse, aber demnächst mach ich hier ne Wagenburg auf. In Rotterdam hab ich Blut geleckt. Ich such noch ein paar Leute, die mitmachen, die einen Wohnwagen haben oder so. Grundstück hab ich schon an der Hand. Ein verlassener Schrottplatz oben in Cronenberg. Was meinst du? Kein Interesse? Kennst du jemanden, der Lust auf ne Wagenburg hätte? Kannst mich ja mal besuchen kommen. Mit deiner Frau.“

„Wo? Auf dem Schrottplatz?“

„Nee, bei den Hühnern auf der Niedersachsenstrasse. Bin da noch ne Weile gemeldet.“

*

Als wir zurück waren aus Amsterdam, chauffierte uns Alfredo zur Hasseldelle. Da wohnte er mit seiner Mutter in einer Dachgeschosswohnung, zufälligerweise genau in dem Haus, in dem ich die ersten 7 Jahre meines Lebens zugebracht hatte. Hausnummer 99. Kurz vorm Waldstück runter nach Kohlfurth.

Alfredo hatte sich einen neuen Videorecorder zugelegt. Den wollte er uns vorführen. Er zeigte uns einen knallharten Porno. A Day at the chicken races. Wir waren alle noch angeknallt vom Koks, hatten aber nichts mehr zum Nachlegen, da wird die Atmosphäre schnell überreizt und rau, Situationen spitzen sich zu. Drei 19jährige Burschen, die sich auf Resten von hochklassigem Kokain einen Pornofilm reinziehen, die Hosen auf, überdreht masturbierend, aber aus Spaß, nicht um wirklich zu kommen. Da ging die Tür auf. Alfredos Mutter war heimgekommen und betrat ohne anzuklopfen das Zimmer. Oh Gott. Welch ein Anblick. Sie kannte mich noch als kleinen Jungen, aus einer Zeit, wo ich Klassenbester war und ihrem Sohn bei den Hausaufgaben half. Und jetzt hockten wir da, drei übernächtigte Kokser, den Knüppel in der Hand.

„Kommst du mal bitte, Alfred?“

7 Gedanken zu „Alfredo

  1. Was Du so für Kumpels hattest. Wie aus einem Film entsprungen. Originale im besten Sinne. Für die Du die richtigen Worte findest. Ich denke, sie würden sich wiedererkennen im Spiegel Deiner Geschichten. Womöglich mit einem leicht erschrocken Lächeln murmelnd: Was waren wir doch für coole Hunde. Ich mag diese Kurzporträts sehr. Gruß Uwe

    Gefällt 1 Person

  2. Sehr beeindruckend der Flesch – wir kennen ihn schon.
    Jedes Wort sitzt, passt, nur der „süßliche Duft des Haschisch“ stört mich, liegt quer und unverständlich in der Gegend rum. Ich dachte wirklich, nur meine Oma oder Menschen die es nie probiert haben, bezeichnen den würzigen Geruch des Haschisch als süß.

    Gefällt 1 Person

  3. Der schöne Alfred, mit seinen kupferroten Locken und den wasserblauen Augen. Einer von Hottens kuriosen Kumpels. Als Frau hätt ich mich zerrissen nach ihm. Farewell Alfredo!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.