Es ist ein Kreuz

Den eigenen Herzschlag feiern – immer gut!

So lautete der Satz, den ich am Vorabend meines 32. Geburtstages in mein Notizbuch kritzelte. Einfach so. Damit das Stück Papier, das aktuell an der Reihe war, ein paar Silben abkriegte und nicht leer ausging, zur Feier des nächsten Tages.

Ich wollte in dieser Septembernacht in meinen Geburtstag reinsaufen, mit Karlos und anderen Verwirrten, im Mumms, unserem Wohnzimmer. Das war nichts besonderes. Das war Usus. Das war 1992. Aber dann war ich schon um elf Uhr so blau, dass man mich in ein Taxi verfrachtete und heimschickte. Und was nun den nächsten Morgen betraf, da gab es regelmäßig zwei verschieden verkaterte Zustände. Den einen, wo ich immer noch so betrunken und voller Speed aufwachte, dass ich aus dem Bett sprang und zu Herman Broods Dope sucks durch die Bude tanzte, „It’s coming out of my nose!“, und den anderen, wo ich, kaum wach geworden, schon deprimiert am Bettrand hockte und mich fragte, wie zum Henker ich diesen Tag bloß überstehen sollte.

Nachmittags überraschte mich die Gräfin, vier Tage vor ihrem eigenen 30. Geburtstag, mit einer kleinen Käsesahnetorte, obenauf 32 Spaßkerzen, die sich, sobald man sie ausblies, wieder selbst entzündeten. Ein Spielchen, das kein Ende zu nehmen schien. Ich blies die Kerzen aus, sie entzündeten sich wieder von selbst, ein ums andere Mal, es wurde nicht besser.

“Die scheiß Dinger gehen überhaupt nich aus!” krähte ich erbost und zweiunddreißig Jahre alt.

Scheisse, war das anstrengend. Ich war ziemlich hinüber vom Saufen. Ich meine, ich hab mich solche Sachen nie gefragt, ich hab es stets als gegeben hingenommen, als vom Schicksal dazu verdonnert, als Süchtiger zu enden, als Trinker und Junkie, doch jetzt, wo ich älter werde, frage ich mich schon, warum ich eigentlich ständig Drogen zu mir genommen hab. All das Bier, den Gin, das Marihuana, das LSD, das Heroin. Was das überhaupt sollte. Ich hätte es ja auch genauso gut lassen können.

Ich erinnere mich an einen Tag in den späteren Neunzigern, als ich innehielt und dachte: wenn du dir heute wieder ein Pack besorgst, kannst du nicht mehr zurück. Dann schaffst du es nicht mehr. Dann ist Schluss. Dann bist du exakt in dem Kreislauf gefangen, der dich immer so abgestoßen hat, der dir so verhasst ist, weil all die Fertigen so tumb und wächsern rüberkommen, die darin gefangen sind. Und dann stapft der Desperado in mir los und besorgt sich Pulver. Fast schon ein bisschen stolz, eine Entscheidung getroffen zu haben. Zwar eine, die grimmig in den Untergang führte, aber immerhin, eine Entscheidung war eine Entscheidung.

Später an meinem 32. Geburtstag holte Mutter mich mit dem Wagen ab und wir fuhren in die Stadt, Schuhe kaufen. Unser jährliches Ritual. Manchmal gab es auch eine Winterjacke. Was Jungs so brauchen, die Geburtstag haben. Ich war verkatert und ein bisschen affig. Wir wurden schnell fündig. Ein Paar dunkelrote Wildlederhalbschuhe Landlord, Italy, 179 Mark. Hauptsache, es war schnell erledigt. Im Karstadt-Restaurant saßen wir noch ein bisschen zusammen und tranken eine Tasse Kaffee, als zwei Tische weiter Kilian Platz nahm, mit dem Tagesgericht auf dem Plastiktablett. Kilian, mein damaliger Heroindealer. Wir grüßten uns überrascht per Handzeichen, mein Herz tat einen Sprung. Ich war auf der Stelle so scharf auf Schore, dass ich gute Laune bekam. Meinen Dealer zu sehen war für mich gleichbedeutend mit seiner euphorisierenden Ware. Da saßen plötzlich 70 Kilo Lebend-Morphin in meiner direkten Umgebung, nur zwei Tische weiter. Ich fieberte im Tagtraum. Mein Mutter hatte mir zum Geburtstag etwas Geld geschenkt, obenauf zu den neuen Halbschuhen.

“Moment, ich muss jemandem hallo sagen”, sagte ich zu ihr und ging rüber zu Kilian. Er schwitzte. Er sah schlecht aus, so aus der Nähe. Ein blasser Sonderfall, fettiges Haar.

“Ich glaub, ich krieg grade einen Affen,” meinte Kilian nur und riss die Augen auf.

“Hast du was dabei?” ließ ich mich nicht beirren. Ich hatte meine eigenen Probleme. Ich hatte keine Lust, mich vollquatschen zu lassen.

Doch er bürstete mich ab.

“Ich muss mich jetzt erstmal um mich selbst kümmern.”

Er stand genervt auf, packte den vollen Teller (Nudeln in Sahnesauce) und brachte ihn zur Kasse. Ich hörte was von „Warmstellen“ und dass er spätestens in einer Viertelstunde wiederkäme. Kilian drehte sich noch kurz zu mir um, signalisierte: ruf mich später an, während ich schlechtgelaunt zu Mutter zurückkehrte.

“Was ist denn mit deinem Bekannten?”

“Dem ist schlecht geworden.”

“Ja, aber doch nicht vom Essen hier, oder? Der hat doch noch gar nichts gegessen. Der hat sich doch gerade erst hingesetzt.”

“Weiß nicht. Keine Ahnung.”

Scheisse. Arschloch.

Um 22 Uhr am selben Abend begann meine Nachtdienstwoche im Turmhotel. Auf dem Weg zum Graf Wilhelm-Platz klingelte ich bei Kilian, der über einer Pizzeria wohnte, er öffnete nicht. Es war auch kein Licht zu sehen in seiner Wohnung. Mir blieb nichts anderes übrig, als erstmal ins Hotel zu gehen und ihn später anzurufen.

Die Rezeption befand sich im 11. Stock des Turm-Zentrums. Bei klarer Sicht konnte man weit ins Land gucken, bis Köln und bis Leverkusen, aber wer wollte schon bis Leverkusen gucken. Was gab es da schon zu sehen, außer vielleicht das beleuchtete Bayer-Kreuz bei Nacht, größte Leuchtreklame der Welt, und ein paar tausend Arbeitsplätze. Freunde, die nachts zu Besuch kamen, standen eine Weile am Panoramafenster im Frühstücksraum und genossen die Aussicht. Manche fragten, sag mal, wo ist der Kölner Dom, wo Düsseldorf. Sogar nach Holland fragten die Leute, nach Pasadena die Spaßvögel. Aber nach Leverkusen?

Nach Leverkusen fragte nie jemand.

20 Gedanken zu „Es ist ein Kreuz

      • Du bist ja jetzt – wenn ich das richtig verstanden habe – schon lange auf Methadon? Dem muss ja eine Art Entscheidung vorangegangen sein? (Musste aber nicht drauf antworten, wenn du nicht magst. Mich interessiert es.)

        (Sorry, wenn ich blöd frage. Ich kenn mich da nicht aus, ich hab nur Pflanzendrogen-Erfahrung, und natürlich Cannabis in allen möglichen Formen).

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      • Das letzte Mal Heroin geschnupft hab ich etwa 2006 herum, da lebte Ringo noch, danach hab ich das Interesse daran verloren. Aber nicht an der Beruhigung, die Opiate bereithalten. Aber ich wäre froh, ich würde Metha nicht brauchen. Das ist schlimmer als H. Zumal ich letzter Zeit spüre, dass die angebliche Beruhigung eher umschlägt in Panikattacken etc. Ich bin also längst nicht raus aus der Geschichte. Sie bestimmt bis heute mein Leben.

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      • Ach. Auf diesen Zusammenhang bin ich nicht gekommen. Auch die Depressionen? Alles hängt im Kreis zusammen: Das eine bedingt das andere und umgekehrt.
        Ein Entzug ist wohl kein Thema? (Sag, wenn ich mit meinen Fragen nerve …)

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      • Wenn Heroin der Jumbo-Jet unter den harten Drogen ist, dann ist Methadon das Sitzen im Flugsimulator…

        Ich glaube, einen Metha-Entzug würde ich nicht durchstehen, dafür dauert es alles schon zu lange. Und ob die Depressionen nun wirklich mit Metha zusammenhängen..? Ich reime es mir so zusammen. Aber es liegt auch in den Genen, das steht mal fest.

        Das Problem: wenn es mir gut geht, merke ich ja gar nicht, dass ich abhängig bin. Ich muss ja keinem Pulver hinterlaufen. Ich nehme morgens meine tgl. Ration. oder mittags, oder nachts, wie auch immer, und denke dann nicht mehr daran. Ich lebe normal, ohne normal zu leben.

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      • Danke dir fürs Erzählen. Klingt nachvollziehbar. Und ja, Entzug nach so langer Zeit? Der Flugsimulator … Das Leben IST vielleicht so ein Flug im Simulator? (Oder so.)

        Ich bin jedenfalls froh, dass du noch da bist.

        (Normal ohne normal, das merk ich mir.)

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  1. Das tragische ist, nach vielen Jahren hat Methadon keinerlei Effekt mehr. Man merkt NICHTS, es sei denn man vergisst die Einnahme. Dann erinnern Entzugserscheinungen daran, dass dieser Dreck weitaus abehängiger macht als Heroin.
    Nach einem Versuch zu entziehen und nach 6 Monate langer qualvoller Existenz, habe ich mich damit abgefunden es bis zum Lebensende einnehmen zu müssen.
    Es gibt schlimmeres und ich habe das Glück nicht alleine zu sein.
    Seit 42 Jahren sind wir eine Einheit. Ich sollte dankbar sein.

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  2. Ja. 8 Wochen lang. Nie wieder.
    Ich würde es meinem ärgsten Feind nicht gönnen.
    Vielleicht war ich auch schon zu alt und habe zu lange meinen Körper umstrukturiert. Das Zeug setzt sich ja in jeder Körperzelle ab, es dauert anscheinend ewig bis es abgebaut wird.
    In meinen Alter würde ich einen zweiten Versuch nicht überleben.

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