Action in der Geschäftsstelle

Ja natürlich hab ich das schon mal erwähnt, doch als Service für diejenigen, die letztes Mal verhindert waren vor fünfzehn Jahren:

Leute, die gerade auf dem Klo waren, gefallen mir grundsätzlich besser als Leute, die frisch vom Frisör kommen. Da heißt es vorsichtig sein. Die wollen unter allen Umständen gefallen, während jemand, der vom Klo kommt, schon froh ist, wenn er nicht groß auffällt.

Höchste Vorsicht allerdings, ja, allerhöchste Vorsicht ist geboten, wenn dir eine Sachbearbeiterin gegenübersitzt, sittsam, im Faltenrock, mit dicken Knien. Die kannst du vergessen. Die macht nur Ärger.

Dagegen geht die hier ja noch. Ist sogar ganz niedlich.

„Was kann ich für Sie tun?“

Während ich das Anliegen kurz erläutere, unterstützt von einem Heil- und Honorar-Plan meines Zahnarztes, stiert sie routiniert auf den Bildschirm. Man könnte fast meinen, sie ignoriert mich. Die soll sich bloß vorsehen. Mich haben schon ganz andere Kaliber nicht bemerkt. Und hinterher war das Geschrei groß! Dabei bin ich heute besonders reizend gekleidet. I’m just a gift for the women of this world. Weißes Hemd, frisch gewaschen, dazu die dunkelgrüne Jeanshose, die mir mein jüngerer Bruder vermacht hat. Er ist Vater geworden von zwei Buben und zwanzig zusätzlichen Kilogramm. Der passt da nicht mehr rein, der Fettwanst.

„He, Glumm! Was siehst du so schick aus?“ hat eben schon ein Bekannter gerufen, er war auf der anderen Straßenseite. „Gerichtstermin?“

„Nee. AOK.“

Die Geschäftsstelle. Ich brauche neue Zähne. Eine Brücke. Venezianisch vielleicht. Modell Rialto mit kleinen Kunststoff-Gondolieri, die durch die Backen gondeln und Touristen aus Übersee europäische Zahnheilkunde präsentieren.

„Zur Linken ein alter Backenzahn. Er steht schon seit langem unter Denkmalschutz.“

Der Zahnarzt, den man mir wärmstens empfohlen hat, ein Syrer, ist ein kleiner Mann ohne Komplexe. Er soll in seiner Praxis eine solch entspannte Atmosphäre verbreiten, dass schon diverse Patienten im Stuhl eingeschlafen sind, bei sirrenden Turbinen.

„Herr Glumm…?“ (Räuspern.)

„Mh..?“

„Sagen Sie, haben Sie ihre Mitgliedskarte dabei?“

„Ja, natürlich“, sag ich und reiche das Kärtchen rüber.

Jedes Mal, wenn die Sachbearbeiterin aufsteht und zum Kopierer geht, (sie ist trotz Pömps kaum grösser als eins Sechzig), streicht sie ihren Rock glatt. Das ist auch der Grund, warum ich die Unterlagen nur stoßweise herausrücke. Damit ich was zu sehen kriege für mein Geld.

Welches Geld eigentlich?

„Die Karte brauche ich aber zurück“, sage ich mit Nachdruck.

„Natürlich kriegen Sie die zurück.“

Sie guckt griesgrämig und streicht sich beim Weggehen die Wäsche glatt. Ich verfolge ihre Beine. Ihren Gang. Von wegen, man soll seinem Gegenüber zuerst in die Augen blicken. Auf die Hände. Den Hintern. Alles Humbug. Entscheidend ist allein der Gang. Am Gang sollst du sie erkennen. Die Gräfin hat mal bemerkt, ich würde beim Überqueren der Straße meine O-Beine mit solcher Wucht in die Welt werfen, als wären es Sensen, die hohes Gras suchen, um darin Unfrieden zu stiften. Kann sein, klar. Man selber weiß ja nicht genau, wie das aussieht, wenn man geht. Man geht eben. (Ausnahme: John Travolta in Saturday Night Fever. Der wusste noch genau, wie man den Asphalt ausknockt.)

Meine Sachbearbeiterin dagegen rollt auf nudeldicken Knien durchs Großraumbüro der Allgemeinen Ortskrankenkasse, um den ausgefüllten Antrag zum Kopierer zu bringen. Aber die Gelassenheit, mit der sie eine Minute später wieder in ihren Drehstuhl fällt – ich muss schon sagen, für ne Sachbearbeiterin, allerhand.

An den hinteren Service-Tischen telefoniert eine Kollegin in einer Lautstärke, dass man jedes Wort mitkriegt. Ihr Gesicht, länglich und viereckig wie ein Besteckkasten, ist mir schon beim Reinkommen aufgefallen. Als wären da lauter Buttermesserchen drin.

„BITTE..? WAS WOLLEN SIE..??!“ ruft sie jetzt entgeistert in den Telefonhörer. „SIE WOLLEN GELD, KLAR. DAS WOLLEN ALLE, DIE HIER ANRUFEN, LOGISCH. ABER WELCHES GELD WOLLEN SIE? FLIEGERGELD?“

Man könnte fast glauben, der Anruf käme von einem der drei stadtbekannten Rocketta-Brüder: in Zeiten von Corona einfach mal bei der lokalen Krankenkasse anklingeln und nach ein paar Scheinchen fragen. Warum auch nicht. Kann ja nicht schaden.

„WAS ZUM KUCKUCK SOLL DAS DENN SEIN – FLIEGERGELD!?“

Plötzlich hält sie inne. Und dann dreht sich der Wind.

„ACH MOMENT… SIE MEINEN PFLEGEGELD!! PFLEGEGELD…! LOGISCH. ICH VERBINDE SIE MIT HERRN OHOVEN.“

Ich schau mich um, wer außer mir den kleinen Sketch verfolgt hat, mit wem sich mein kurzes Auflachen verbrüdern kann, doch niemand scheint etwas mitgekriegt zu haben. Die Menschen sind zu sehr in ihr eigenes Leid verstrickt: „Fräulein, ich glaub, ich hab voll die Seuche.“ Lediglich die Mundpartie meiner Sachbearbeiterin schiebt sich vorsichtig in die Breite, was ich mal großzügig als Schmunzeln interpretiere. Ja, sie hat eine seltsam nachsichtige Fresse plötzlich. Griesgrämig war sie mir irgendwie lieber. Was soll’s. Hauptsache, meinem Antrag auf Kostenübernahme wird insoweit entsprochen.

„Wann ist die Kohle auf dem Konto?“ frag ich.

„Wird noch heute angewiesen.“

Super Sache.

„Darf ich dann noch um das Bonusheft bitten?“ fragt sie, ohne den Blick zu heben.

„Das.. äh was?“

„Bonusheft.“

Ich sag doch, die macht nur Ärger.

„Das Bonusheft. Haben Sie es nicht dabei?“

Es gibt Antworten, auf die muss selbst eine Sachbearbeiterin eine gewisse Zeitlang warten, doch wenn sie dann kommt, die Antwort, schwingt sie einem entgegen wie ein dampfendes Weihrauchgefäß im Kölner Dom, eine wahrhaft kathedrale Antwort:

„Nee.“

„Sie haben kein Bonusheft?“

„Nee.“

Beim Verlassen der Geschäftsstelle durch die große gläserne Schwingtür klapse ich mir ungezwungen auf den Hintern. Soll die AOK-Tante ruhig sehen, was sie alles verpasst hat. Einen grundehrlichen männlichen Körper, mit Testosteron bis unter die Decke und immer bereit für ein Späßchen. Der ein einziges kleines Manko hat: dass ich es bin, der da drinsteckt.

4 Gedanken zu „Action in der Geschäftsstelle

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