Als der Hitze-Peter in die Stadt kam

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Es war der Sommer der Hitzerekorde. Das Land stand still, nichts rührte sich. Man war schon froh, wenn mal ein Windstoß hinter der Ecke lauerte, auch wenn er dann gar nicht zum Einsatz kam.

Hauptsache, er stand um die Ecke, Gewehr bei Fuß.

Die Stadt war wie ausgeflogen. Selbst die Vögel schienen in fernen Hotels untergekommen zu sein. Man hatte das Gefühl, man befände sich im Auge des Ferien-Hurrikans. Da herrscht bekanntlich völlige Stille. Dass überhaupt noch irgendwer in der Stadt war, spürte man erst, wenn man sich lang machte und auf einen Gully legte, das Ohr am Deckel – und wartete. Wartete auf eine Klospülung. Auf einen Sonntagshaufen, der unter einem dahergeritten kam.

„Da ist einer! Schnell weg hier!“

Anfang August ein neuer Temperaturrekord. Die 41 Grad-Marke wurde geknackt. Die Hitze lag über der Stadt wie eine schwere Tagesdecke. Aber es half alles nichts: der Hund musste vor die Tür. Am Abend schleppten wir uns in den Wald und krochen 20 Minuten später entlang der Felder wieder heim. Der Weizen stand so hoch, da musste Gen im Spiel sein. „Ihr seid doch alle manipuliert!“ fuchtelte ich mit dem erhobenen Zeigefinger ins Weizenfeld hinein. „Du doch auch“, schallte es dumpf zurück.

*

In den Tropennächten spielte das Radio brütende Balladen, tagsüber zeigte das Fernsehen mit Handy aufgezeichnete Wiederbelebungsversuche am Ufer eines Badesees. „Ich kann mich nicht mehr bewegen“, stöhnte der junge Mann im Nachmittags-Magazin BRISANT. Er war kopfüber ins flache Wasser gesprungen. Er ahnte noch nicht einmal, was das alles für ihn bedeuten sollte, für den Rest seines Lebens. Es war der erste querschnittsgelähmte Nachmittag seines Lebens. Es gab Momente, da verachtete ich das Leben für seine Konsequenz. Für seine Gnadenlosigkeit.

*

Es war so heiß, dass ich mir einen Eimer Wasser unter den Schreibtisch stellte, den ich stündlich mit frischen Eiswürfeln auffüllte. Das machte es halbwegs erträglich.

Drüüt! ging die Türschelle, drüüt! Drüüüüt!

Der Hund kläffte, aber nur ein einziges Mal, dann lag er wieder ausgepumpt in der Ecke. Es war einfach zu heiß, um sich groß aufzuregen, nur weil die Klingel ging und jemand Einlass begehrte. Auch ich blieb erstmal am Schreibtisch sitzen und schaute aus dem Fenster. Da parkte ein großer roter Ford Taunus, direkt vorm Haus. Ich kannte niemanden, der einen großen roten Taunus fuhr. Andererseits wechselten die Leute dauernd ihre Karren, schon allein um mich in die Irre zu führen. Damit ich nicht mehr ein noch aus wusste, wenn in dem Wagen, der mir eben noch bekannt vorkam, plötzlich Gestalten saßen, die ich noch nie im Leben gesehen hatte, aber freundlich winkten.

Ich pitschte auf tropfenden Füßen zur Haustür. Ein älterer Mann stand auf der Matte. Seine Nase erinnerte an einen nachlässig aufgerollten Damenstrumpf. Er trug einen Kittel und in der Hand einen Bastkorb, gefüllt mit Obst.

„Guten Morgen.. Könnt ihr Äpfel gebrauchen?“

„Äpfel? Nee.“

„Dankeschön.“

Na, der lässt dich aber schnell abwimmeln, dachte ich. So gibt das aber nichts. So wirst du nicht einen Apfel los.

Der Mann klingelte eine Etage über uns.

„Da ist niemand um diese Tageszeit“, sagte ich.

Er klingelte ganz oben, unterm Dach.

„Und hier?“

„Ja, da wohnt einer. Der Lester. Der Hase.“

„Ein Hase?“

„Ja. Das heißt, nein. Hase ist sein Spitzname. Eigentlich heißt er Lester. Er hat Urlaub, glaub ich. Kann sein, dass er zuhause ist.. weiß nicht.“

Lester war der Prototyp eines Einzelgängers. Man wusste nicht viel über ihn, obwohl er fast genauso lange im Haus wohnte wie ich, mehr als zwanzig Jahre. Mit seiner mächtigen Naturkrause sah er aus wie jemand, der den Schrank voller Zappa- und Captain Beefheart-Scheiben hatte. Ich kannte sonst niemanden, der sein Leben so straight nach Plan lebte. Lester verliess jeden Morgen Punkt halb Sieben das Haus, fuhr zur Arbeit, kam gegen fünf heim. Um halb acht brach er auf in die Stadt, um bei Enzo einen Kaffee zu trinken. Eine Stunde später hörten wir seine Schritte im Treppenhaus, er war zurück.

Seine Waschmaschine lief Mittwochabend von sechs bis halb acht, im Sommer machte er vier Wochen Urlaub in Andalusien. Einmal im Monat legte ihm die Post das alternative Musikmagazin Visions in den Briefkasten.

Lester machte keinen unglücklichen Eindruck, aber mit der Zeit schlichen sich Sprachfehler ein, zuletzt stotterte er beinah. Vielleicht war er einsam. Keine Ahnung. Wir wohnten bloß im selben Haus, wie soll man da wissen, ob jemand allein ist oder schon einsam. Die Leute reden ja nicht. Die Männer. Man muss schon sehr genau hinhören, um bei einem Typ wie Lester mitzukriegen, ob er noch lebte oder ob sein ganzes Dasein schon unter einem Riesenhaufen Routine erstickt war.

Der Obstverkäufer gab nicht auf. Er stand sozusagen auf Lesters Klingel, mit dem Zeigefinger. Vielleicht hatte er meine Gedanken gelesen, na, der gibt aber schnell auf, und nun wollte er es mir zeigen. Jetzt erst recht.

„WAS IS LOS DA UNTEN?!“ Das war Lesters Stimme. Er hatte die Klingel gehört. Er brüllte von oben durch den Hausflur. „WER IS’N DA?“

„GUTEN MORGEN, JUNGER MANN!“ rief der Obstverkäufer durch das Spalier der Treppengeländer. „SAGEN SIE, KÖNNT IHR ÄPFEL GEBRAUCHEN?!“

„WER IS DA?!“

„ÄPFEL! ICH VERKAUFE ÄPFEL! ICH BIN IHR OBSTVERKÄUFER! KÖNNT IHR..!?,

Oben unterm Dach fiel krachend die Wohnungstür ins Schloss. Lester machte nicht viel Worte. Ein staubtrockener Geselle. Sein Gang hingegegen hatte etwas nobles an sich. Er bewegte sich, als wäre er sein eigener Butler.

„Tja“, sagte ich zum Obstverkäufer.

Er stand am Hauseingang und blickte mich verlegen an. Eigentlich, sagte dieses Gesicht, eigentlich könnte ich jetzt auch Feierabend machen.

Oder mich weghängen.

„Trotzdem vielen Dank, junger Mann.“

Ich ging an den Schreibtisch zurück, zu meinen Eiswürfeln, zum Hund, zu den Geschichten. Als ich gerade weiterschreiben wollte, kam mir ein Gedanke. Warum nicht einfach ein paar Äpfel kaufen an der Haustür und am Abend die Gräfin überraschen? Mit einem Obstsalat. Apfelsalat. Einem vergifteten Kamm.

Ich erwischte den alten Obstler, als er aus dem Haus gegenüber trat, fröhlich pfeifend schritt er voran. Da hatte er wohl einen guten Deal hingelegt, der alte Boskop-Lümmel. Ich hatte den Hund mit nach draussen genommen. Wir auf kochend heißem Terrain hinterm Obstmann her. Die Sonne knallte unerbittlich. Der Teer platzte hier und da schon auf, denn kein Baum spendete Schatten, obwohl es genug Bäume gab in der Nachbarschaft. Doch in jenem Sommer standen sie nur tatenlos in der Gegend rum und weigerten sich, Schatten zu werfen. Es war, als hätten sie über die Jahre so viel Schatten gespendet, jetzt war es genug.

„Hallo..!“ rief ich.

Der Mann blieb stehen.

„Ich nehm ein paar Äpfel.“

Er wartete, bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte.

„Sind die lecker?“ fragte ich.

Weil es so heiß war auf dem Asphalt, tänzelte ich von einem Fuß auf den anderen. Der Hund war cleverer. Er blieb gleich auf der Wiese sitzen und beobachtete uns.

„Das ist Berlepsch, ganz seltene Sorte, superlecker. Wieviel Äppel brauchen Sie denn, junger Mann?“

„Na, drei, vier Stück vielleicht.“

„Ähh, nein, das geht nicht. Ich hab das Obst nur abgepackt. Sehen Sie hier! Ist ganz frische Ware.“

Auf seiner Stirn bildete sich eine Art Ypsilon. Ich hatte noch nie ein hingeschwitztes Ypsilon auf der STIRN eines reisenden Obstverkäufers gesehen. Leute gab es.

Sachen.

„Einzelne Äpfel verkaufen Sie nicht?“

„Nein. Tut mir leid. Ist alles abgepackt.“ Er zeigte in seinen Korb. Knallrote Äpfel leuchteten mich an, in Folie eingezogen. Wie im Märchen. „Da müsste ich die Packungen ja alle auseinanderreißen..“

„Und was ist die kleinste.. Einheit?“

„Fünf Kilo zu acht Euro.“

Fünf Kilogramm. Mannomann. Gibts doch nicht.

„Das sind ja mindestens.. fünfzig Äpfel. So viel Äpfel will ich doch gar nicht!“

„Na, sind dreißig“, entgegnete er ölig. „Maximal dreißig. Normale Größe, süß, saftig. Berlepsch. Eine seltene Sorte, fast ausgestorben.“

Aber ich hörte gar nicht mehr richtig hin. Das Ding war gelaufen. Dabei hätte es so romantisch werden können. Ein paar wilde Äpfel an der Haustüre, ein verwunschener Kamm mit ein bisschen Gift dran, nur ein bisschen zum Antörnen.., aber – fünf Kilo?! Was zum Henker sollten wir mit fünf Kilo Obst?

Ich war froh, als ich wieder in meiner schattigen Bude hockte, die Füße baumelten im Wasser, der Hund lag in der Ecke und schnorchelte. Von draußen hörte man die Kühe von der nahen Weide, wie sie, genervt von der Hitze, nach dem Bauern blökten.

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