Lächelte der Doktor gutgelaunt in meinem Traum

Spaziergänge mit struppigen Hunden sind eine gesunde Sache, lächelt der Doktor gutgelaunt in meinem Traum, schon wegen der vielen Hundehaare, die man beim Gehen einatmet und die sich weiträumig ums Herz legen und es abfedern.

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Die allerletzte Runde mit Leo, unserem kleinen Strassenköter, (er entstammt einer langen Linie von Draussenlebern), hat Sanne für sich reserviert. Spät abends. Nur kurz vor die Tür, eine Runde durch die Gärten und hinter die Häuser. Kaum fünf Minuten.

„Leo will sowieso nur prüfen, ob die Nachbarn gegrillt haben.“

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Spazierengehen. Ein Wort, fatalerweise in der Kindheit an die Tugendhaftigkeit verfüttert, an biedere Sonntage mit Oma und Opa. Dabei ist es doch ein Streunen. Ein wildes Klettern, ein Raufen im Morast, ein Brennen. Ein Erobern von Landschaft! Den Göttern folgen, in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt!

voran!

 

„Nein, niemand kann seiner Kindheit entkommen. Man bleibt immer in Spucknähe.“

  • Die Gräfin

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Spaziergang am frühen Samstagabend, zur besten Sportschau-Zeit. Leichter Regen. Wir drehen eine Runde über die Felder. Es riecht nach Leder und Licht, nach Erde und dreimal kess durch die Zellen geklimpert. Nach Radfahrern, die von hinten heranflattern und auf der Schelle stehen, so laut und unverschämt, man möchte ihnen ein Beinchen in den Weg stellen. Da sind Hundehaufen am Wegesrand, dick wie Wochenendbuchstaben. Alle drei Meter bleibe ich stehen und notiere etwas. Eine kleine Idee, einen kleinen Satz. Irgendeinen Schmokk.

“Was schreibst du denn andauernd auf?”

“Drei Meter Sätze”, sag ich.

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So ein kleiner Verdauungsspaziergang ist nun nicht gerade eine gewaltige Tierwanderung durch den Schlamm Ostafrikas, aber man hat schon Dreck am Stecken.

 

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Kaum, dass wir uns kennengelernt hatten, vertraute sie mir etwas an: sie sei an einem Mittwoch geboren worden und seither an jedem Mittwoch pathologisch müde. Schon Mittwochmorgens wolle sie grundsätzlich nur zurück ins Bett, noch ein Stündchen dranhängen.

„Ich bin jeden Mittwoch todmüde.“

Da konnte ich nicht mithalten. Ich bin an einem Donnerstag zur Welt gekommen, dem sogenannten kleinen Freitag. Es gibt weltweit keinen tristeren Wochentag. Weil wir uns aber noch nicht lange kannten, die Gräfin und ich, hielt ich lieber die Klappe und tat so, als hätte sie mit mir den perfekten Griff getan. Den Eight days a week-Boy.

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Der Parkteich. Eine sämig grüne Sommerbrühe, in der man glatt Krokodile vermuten könnte. Sagt sie. Überhaupt, Krokodile.

„Die sollten einfach die Ernährung umstellen und mehr Seetang fressen, dann bräuchten sie nicht immer so hinterhältig nach Zebrabeinen zu schnappen.“

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Sie findet eine kleine grüne Raupe in dem Blumenkohl, den sie aus dem Kühlschrank holt. Er liegt seit beinah einer Woche im Gemüsefach. Wir hatten ihn beim Bio-Bauer gekauft, oben am Theegarten. Die Raupe ist wie tot. Sie liegt auf einem Blumenkohlblatt, ganz starr und wie von Frost bepudert. Doch nach zehn Minuten an der warmen Küchenluft ändert sich die Sachlage – sie rollt sich plötzlich auf.

„Guck mal!“ ruft die Gräfin. „Die lebt!“

Ich kann es nicht fassen. „Was hast du gemacht?“

„Nur etwas Mund-zu-Mund-Beatmung. Also, ich hab die Raupe ein paar Mal warm angehaucht und dann hier aufs Fensterbrett gelegt, über der Heizung.“

Wir bringen die kleine grüne Glücksraupe raus in den Garten. Das muss gefeiert werden. Eine Wiederauferstehung. Der Hund ist auch dabei. Weil er zu faul ist zum Bellen, als Geste der Anerkennung, atmet er einige Male für alle hörbar laut durch.

„Wie war das noch? Wird aus so einer Raupe nicht ein Falter?“ erkundige ich mich bei der hauseigenen Spitzen-Biologin.

„Doch, klar. Wenn nächsten Monat ein kleiner Blumenkohl durch den Garten fliegt und fröhlich in unsere Küche winkt, dann hat er’s geschafft.“

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Sie steht im Bad.

„Wenn der liebe Gott uns wirklich aus Lehm formte, hat er bei mir eindeutig zuviel Wasser beigemischt. Ich bin viel zu flockig. Ich löse mich auf. Guck dir nur die Haare an. Ich seh doch aus wie Diana Ross und die Supremes, alle zusammen nach dem Schwimmunterricht unterm Föhn.“

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Der Himmel ist so grau und niedrig, dass er fast schon auf der Nase liegt. Also, auf der Strasse.

„Mann, du trittst aber auch überall drauf“, beschwert sie sich im Wald. Ich hab Gummistiefel an und das Schöne an Gummistiefeln ist nun mal, dass man ohne Rücksicht von Pfütze zu Pfütze bumsen kannn.

„Das muss der Boden aushalten, dass ich überall herumtrample“, ziehe ich meine Verteidigung hoch. „Ich mein, ich könnte ja ein Hirsch sein mit großen Schuhen. Das muss der Waldboden auch aushalten.“

 

 

Ich hole mein Notizbuch raus und bleibe ein Stück zurück. ‚Durchs raschelnde Laub stiefeln‘, notiere ich den entstehenden Klang, ‚als würden tausend Gardinen aufgezogen: Schakk, schakk, schakk.‘

„Wenn du rumstehst und mit deinem Notizbuch redest“, höre ich sie 10 Meter voraus, „trampelst du wenigstens keine Krokusse platt.“

*

Der moderne Mensch kann unter zwei großen Versuchsreihen wählen.

Du kannst rausgehen in die weite Welt und dir das Leben anschauen, in all seiner Vielfalt.

Oder du bleibst in deiner Heimat und schaust dir das Leben an, in all seiner kleinteiligen Intensität.

*

Der Wald empfängt uns mit einer warmen Brise, als betrete man eine Vogelhandlung. Und die Gräfin hat plötzlich einen Seitenscheitel.

„He! Das nervt!“

Eine lange lockige Strähne fällt ihr ins Gesicht, bedeckt das linke Auge wie ein Korkenzieher.

„Ich seh nichts! Das nervt! Mach das weg!“

„Sieht doch gut aus“, pariere ich. „Pariser Chic. Existentialistisch.“

„Pah, Pariser Chic.. Das nervt.“

Sie fährt mit der Hand ins Haar und wirft die Strähne zurück auf ihren Kopf, wo sie ausharrt wie eine Fliegerstaffel, die ihren nächsten Einsatz erwartet: beim nächsten Windstoß ist es soweit.

„He! Mach das weg!“

*

Später Nachmittag, Landschaftsschutzgebiet. Erdhummeln, dick wie Kinderfäustchen, säumen den erdnahen Luftraum.

Plötzlich ein Knall hinter uns, als hätte der Wald die Tür zugeschlagen.

Der Spaziergang ist abrupt zu Ende.

 

17 Gedanken zu „Lächelte der Doktor gutgelaunt in meinem Traum

  1. „Der moderne Mensch kann unter zwei großen Versuchsreihen wählen.
    Du kannst rausgehen in die weite Welt und dir das Leben anschauen, in all seiner Vielfalt.
    Oder du bleibst in deiner Heimat und schaust dir das Leben an, in all seiner kleinteiligen Intensität.“
    Wunderbar. Menschherrglumm. Volltreffer! Die kleinteilige Intensität. Jawollja. Triffts bei mir, jetzt, wo das schummrige Licht am Ende des Tunnelblicks langsam…. na, man weiß schon.

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  2. 3 x kess durch die Zellen geklimpert? – an die Tugendhaftigkeit verfüttert, das ist mir nah. Sonntagspaziergänge in Sonntagschuhen sind genauso unsinnlich wie Barrenturnen im Sportunterricht. – aber erklärt mir bitte das Zellenklimpern.

    Gefällt 1 Person

  3. Die kleinteilige Intensität. Um sie wahrzunehmen bedarf es einer Temporeduzierung, die ich oft nur auf Reisen hinkriege, weil der Alltag mit Schnellkleber gebastelt ist. Ist doch gut, dass Intensität nur einen Blick weit entfernt ist, besonders jetzt, wo das mit dem Reisen nicht mehr so unbeschwert ist.

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