Meine Fresse, sagte ich

Die Erfahrungen, die ich mit Buchverlagen gemacht hatte, waren ernüchternd. Nirgendwo war man wirklich willkommen als Autor. Überall roch es nach Abwehrmaßnahmen. Nach Hürden, die man hochgezogen hatte, um Fremde abzuwimmeln. Nach: Es gibt zu viele von dir. Zieh Leine. Mach dein Häufchen woanders. Oder aber es geschah das exakte Gegenteil und im ersten Überschwang wurde Gold zum Fünfuhr-Tee gereicht.

Bücher sind sowieso überbewertet, meinte die Gräfin. Jeder Hinz und Kunz bringt heutzutage ein Buch heraus, daran ist nichts besonderes mehr. Im Gegenteil. Es ist eher was besonderes, als Autor KEIN Buch zu veröffentlichen. OHNE Buch als Autor zu bestehen. Ein rein virtuelles Dasein aus Nullen und Einsen zu bestreiten, im Internet, das ja angeblich nichts vergisst, während der Buchmarkt dement ist und ein Buch innerhalb von vierzehn Tagen vergisst, wenn es schlecht startet.

Naja, man kann es sich auch schönreden.

Andererseits: Ein Buch bedeutet Unannehmlichkeiten. Werbemaßnahmen. Eine Lesereise. Ich hasse es vor Publikum zu lesen, ich hasse Hotelzimmer, ich hasse Reisen. Das alles ist Mist, der einem nur Zeit und Konzentration raubt und wo man nachts all die großstädtischen Groupies abräumen muss, die im betrunkenen Kopf Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden.

Des Persons Pimmel hat gereibt!

Also, warum zum Henker solltest du weiter knickrigen Buchverlagen hinterherjapsen, wenn du das auch alleine geregelt kriegst! Wenn du als Self-Publisher alle Fäden selbst in der Hand hältst? Ohne dich einem Verlag auszuliefern, der dich mit Erlösanteilen im einstelligen Prozentbereich abspeist. So FDP.

WARUM?

neues notizbuch

„Darum.“

Der Chef des mittelgroßen ambitionierten Verlages aus dem süddeutschen Raum hatte mein Manuskript mit nach Marseille genommen, wo er einen zweiwöchigen Arbeitsurlaub plante. Danach wollte er anrufen. Versprochen. Als kein Anruf kam, auch nicht nach einem Monat, rief ich an.

„Ach, der Herr.. ähmm Glumm. Stimmt… Sie wollte ich auch noch anrufen.“

Na, das ist ja jetzt nicht mehr nötig, entgegnete ich kühl. Die Stimmung war am Boden.

„Dann lass mal hören“, sagte er endlich. Wie jetzt? sagt ich. „Na, erzähl was von deiner Biografie.“ War das sein Ernst? Es war nicht so schwer, meinen Namen zu googeln, wer sich ein bisschen Zeit nahm, erfuhr im Internet einiges über mich. Das heißt, wenn man sich für meine Sachen interessierte. Musste man ja nicht. Aber wer wollte, konnte. Wahrscheinlich hatte der Mann diese Art Recherche bislang nicht nötig gehabt, schließlich rannten ihm die Autoren auch so die Bude ein, all die Autoren, die ebenfalls von Ruhm träumten, von grandios übers Buchpapier stelzenden Satzbauten und Megametaphern, von Groupies mit hochgestrubbeltem Haar.

All die Träumer.

Ich versuchte ihm etwas von mir zu erzählen. Kam aber nicht sehr weit. Ich war ein bisschen eingeschnappt von der ganzen Situation, versuchte aber, es nicht durchklingen zu lassen. Eingeschnapptsein hat noch nie was gebracht. Der Verleger sagte, dass er unschlüssig sei, was meinen Text betraf. Er passe in keine Kategorie. Er wisse nicht, wohin damit. Das sei schon mal.. schwierig. Im übrigen, es gehe kühn los, baue aber im zweiten Teil stark ab.

Kann sein, sagte ich. Mit dem zweiten Teil hab ich mir noch nicht so die Mühe gegeben wie mit dem Anfang. Aber daran lässt sich arbeiten. Autoren arbeiten ständig an Texten. Das ist der Job eines Autors. Ich hab sonst nichts zu tun. Ein neuer Arbeitstitel wäre auch schon geboren:

Pulverdampf und heiße Lieder!

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Au Backe, sagte er. Klingt nach Elvis in der Südsee. (Das ist Elvis in der Südsee, dachte ich.) Und er habe da noch ein Problem.

„Du hast keinen Namen.“

Keinen Namen?

„Glumm“, sagte ich.

Nein. Keinen bekannten Namen.

Na wie denn auch, sagte ich. Wenn alle Verleger so denken wie du werde ich nie einen Namen haben, nicht auf dem Buchmarkt. Aber so ganz unbekannt bin ich ja nicht, als Blogger.

Tja ja, als Blogger, sagte er. Doch wie viele Menschen kennen und lesen dich? Ein paar hundert? Ein paar Tausend, wenn es hochkommt?

Ja, für den Anfang doch besser als nichts.

Aber wenn du schon einen Namen hättest, wäre das besser. Egal als was. Hauptsache einen Namen. Als Basketballstar in Israel, als Schwanzlutscher in Arabien, ganz egal. Du verstehst, was ich meine? Die Leute kaufen kein Buch von jemanden, dessen Name ihnen nichts sagt. Besser noch sie kennen schon deine Fresse aus dem Fernsehen, die man vorn auf den Umschlag knallen kann. Das ist Umsatzbringer Nummer 1. Deine Fresse.

Meine Fresse, sagte ich.

Na, deine jetzt nicht. Pass auf, sagte er. Sag mir, warum ich mich für Glumm entscheiden sollte und nicht für Autor Y, von dem ich hier ebenfalls ein Manuskript auf dem Tisch liegen habe. Ein Autor, der jünger ist als du und schon ein wenig bekannter.

Das soll ich dir beantworten?! sagte ich.

Ja, sagte er. Erkläre mir, was dich auszeichnet. Überzeuge mich von dir. Du hast eine Minute. Und los.

Ich saß da und dachte, da will jemand in dein Haus einbrechen. Aber erstmal sehen, ob es was zu holen gibt. Der will sehen, ob du dich verkaufen kannst. Ob du ein Marktschreier bist für deine eigenen Belange. Daran ist nichts ehrenrühriges, dachte ich, und schwieg. Er war ein Verleger. Er musste Geld verdienen. Mann, war das dämlich. Ich kam mir vor wie auf dem Schulhof, wenn man sitzengeblieben ist und am ersten Schultag im neuen Jahr ist man umringt von neuen Klassenkameraden. Einer hat eine große Klappe. Er will sich mit mir boxen. Ich schlage ihm voll in die Fresse.

„Jetzt mal ehrlich: würde nicht jeder Autor jetzt sagen, pass auf, Chef, nimm mich! nimm lieber nicht den Anderen“, sagte ich. „Dass ICH die Sachen schreibe, die die Leute lesen wollen. Das ist doch Humbug.“

Ich hörte den Sound eines Schreibtischs am anderen Ende der Telefonleitung, ein Verschieben von Stiften, Kratzgeräusche, Papierrascheln. Der Sauhund kritzelte, während wir miteinander sprachen. Wir beide waren ungefähr gleich alt. Alter verlangt Chuzpe. Ohne Chuzpe bist du aufgeschmissen. Sonst bist du irgendwann nur noch alt, und wehrlos.

„Wenn du wenigstens einen Roman hättest“, klagte er. „Nicht nur Storys.“

„Es gibt doch kaum noch Autoren, die so schreiben wie ich“, hörte ich mich sagen, ein Satz, der mir nicht gefiel, ungenau und hochtraberisch. „Von Heroin, Herzinfarkt, von Altersdemenz…“ Das waren alles keine Gewinner-, keine Bringerthemen. Und: Ein Verleger will nicht hören, dass man anders schreibt als die anderen, er will gefälligst hören, dass man so ähnlich schreibt wie Bestsellerautor Heinz X – so, und nicht anders.

Das war’s. Ich hatte abgekackt. Der Bus war um die Ecke. Dabei war ich fast sicher gewesen, dass der Verlag das Manuskript annehmen würde. Wir hatten schon über Vorschuss gesprochen und über einen eventuellen Veröffentlichungstermin. Wieder einmal hing die Wurst vor mir, war zum Greifen nahe, ich hätte nur noch Hinschnappen müssen, und plötzlich – war sie weg. Aus dem Blickfeld gezogen, wie zum Hohn. Mal wieder. Wenn du eine Chance versemmelst, tritt das Schicksal noch mal extra nach; es tritt dich in den Hintern, mit der Pieke. Volles Rohr ins Scheissgebiet.

Steissgebiet.

 

Scheiß doch auf die Verlage, meinte die Gräfin später. Mach es einfach selbst. (Nachdem sie zuvor noch was anderes gesagt hatte, das ich interessant fand: DIE CHANCEN SIND SO ODER SO IN DER WELT. WENN DU SIE NICHT NUTZT, NUTZT SIE EIN ANDERER.)

Nächster Satz der Gräfin:

„Du bist doch ohnehin am besten, wenn du von hinten kommst und das Feld aufrollst, wenn niemand, wirklich niemand mehr mit dir rechnet – genau das ist deine ganz persönliche Pole Position.“

Ich  blickte sie an. Wir waren seit mehr als 30 Jahren zusammen, niemand kannte mich so gut wie sie. Was sie sagte, war Gesetz. Manchmal ging sie durch die Wohnung und ich schaute ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Zwei Menschen, die gut miteinander können, haben etwas Rührendes. Zerfall hat etwas rührendes. Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung. Als würde ein Neugeborenes aus dem Leib der Antilopenmutter fallen und losstaksen, in Nullen und Einsen. Nur einen Namen musste das verdammte Kind haben.

„Wie wärs mit Glumm?“ meinte sie.

ABER JA! WARUM WAR ICH DARAUF NOCH NICHT GEKOMMEN!

12 Gedanken zu „Meine Fresse, sagte ich

  1. Du lässt zweihundert Stück billig drucken und machst vor dem Solinger Rathaus deine eigene Bücherverbrennung. Der Presse sagst du, damit wären die Texte für immer verloren. Guerilla Marketing. Ein Anfang.

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