48, 47

Relativ früh, im März nämlich, sprach ich mit Menschen, die coronakrank gewesen sind. Die es schlimm erwischt hatte. Es handelte sich um ein kinderloses älteres Ehepaar, das zu Beginn des Jahres 2020 in Ischgl zum Skilaufen war. Zurück in der Heimat, ging der Horror los.

„Wir waren die ersten Infizierten in der Stadt“, erzählte die Frau. Kaum jemand wusste damit umzugehen. Auch nicht der Hausarzt. „Bleiben Sie daheim und ruhen sich aus“, riet er am Telefon. „Trinken Sie viel.“

Auch als bei beiden das Fieber auf über 40 Grad stieg, veranlasste keiner eine Einlieferung ins Krankenhaus, das Gesundheitsamt erfuhr erst gar nichts davon. Die Frau konnte nichts essen, sie stürzte nachts aus dem Bett. „Ich war so durcheinander. Das war ein Gefühl, ich hab so was noch nie erlebt… als glühten meine Organe. Alles war aus Metall. Alles glühte. Ich schmeckte nichts mehr. Ich roch nichts, und alles war am Glühen. Selbst meine Gedanken hatten die Hitze. Ich dachte, ich verbrenne von innen.“

Ihr fehlten komplett drei Tage, an die sie keinerlei Erinnerung hatte. Einmal krachte sie früh am Morgen in den Spiegel des großen Schlafzimmerschranks und zog sich blutende Verletzungen zu. Der Mann lag nur im Bett und konnte nicht sprechen. Er magerte um 18 Kilo ab. „Wenn ich es doch mal schaffte, was zu essen zu machen, stand es tagelang unangerührt auf dem Tisch.“ Drei Wochen vegetierte das Paar fast unbemerkt von der Außenwelt vor sich hin, bis es allmählich besser wurde. Ich kannte die Frau immer als aktive Person, die ihre Gartenarbeit über alles liebte, nach der Coronaerkrankung war sie eine andere. Der Glanz war erloschen. Den Mann hab ich nicht mehr gesehen.

*

„Ich hab die Abstandsregel schon so inhaliert, ich halte sogar beim Autofahren automatisch mehr Abstand zum Vordermann.“

Die Gräfin

*

Früher trugen nur die Ganoven Maske.

*

Dieser kritische Coronawert, der nicht über 50 klettern darf, sonst wird deine Stadt zum Risikogebiet erklärt, der 7-Tage-Inzidenzwert, ist auf 48,4 gestiegen. SG gehört noch zur Zivilisation, aber nur haarscharf – die Situation ist brenzlig. Noch 1,6 bis zur Elendsgrenze.

Zur Mittagszeit komme ich mit Leo aus dem Wald. Wir sind eine große verregnete Runde gegangen, ich bin auf Gummistiefeln unterwegs. Am alten Nonnenkloster begegnet mir ein Mädchen, um die 17, 18 Jahre alt. Eine Auszubildende vielleicht. Sie schaut erschrocken auf das Handy, das auf laut gestellt ist und waagerecht in ihrer Hand liegt. Wie eine alte Taschenuhr. Die eindringliche Stimme einer Frau ist zu hören:

„… wir haben einen bestätigten Corona-Fall bei uns, Katharina. Bleib, wo du bist. Jemand vom Gesundheitsamt wird sich melden…“

Während das Mädchen sich entfernt, verwirrt, schaue ich ihm hinterher. 50, denk ich.

50.

8 Gedanken zu „48, 47

  1. Meine Frau und ich gehören beide zur Risikogruppe. Wir leben seit dem lockdown sehr zurück gezogen. Wer jemals erlebt hat, was es heißt bei vollem Bewusstsein zu ersticken, wird es niemals wieder vergessen.
    Selbst wenn man die Infektion überlebt, können Folgeschäden entstehen. Covid19 betrifft alle Organe, nicht nur die Lunge. Der oft zu hörende Vergleich mit einer Grippe ist der Hohn, Ebola wäre treffender …
    Passt auf euch auf.

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke für den Text. Diese ganzen Verschwurbler sollten zu den Betroffenen und ihren Angehörigen gehen und denen erklären, warum sie sich durch ein Stück Stoff vor der Nase so fürchterlich in ihren Grundrechten eingeschränkt fühlen. Das sind doch alles kleine Ich-Micks. Außer ich, ich ich bleibt von dem Geschwafel, das ihnen aus dem Gesicht fällt, nichts übrig, wenn man es näher betrachtet. Entschuldigung, ich bin gerade sehr wütend. Eine gute Bekannte ist gestern mit Lungenentzündung durch Corona ins Krankenhaus eingeliefert worden. Wir machen uns alle große Sorgen.

    Gefällt 2 Personen

  3. In Berlin haben sich erneut die Verschwörungsideologen, Querdenker und das sie unterwandernde, Reichsflaggen tragende, rechte Gesocks für Demos angemeldet. Diese Menschen beanspruchen etwas für sich, was sie der breiten Masse der Bevölkerung verwehren: Freiheit! Das Recht auf Unversehrtheit! Ich kenne Menschen mit leichten und schweren Verläufen aus meiner Arbeit in einem MVZ und im privaten Umfeld. Die Frage, ob ich denn überhaupt jemanden kenne, der an COVID erkrankt ist, würde ich liebend gerne verneinen. Dieses Virus ist gefährlich, nicht nur, was die Gesundheit betrifft. Es spaltet auch! Menschen werden verunsichert durch sich widersprechende Aussagen von Experten. Und wir sind eben so gestrickt, dass wir Meinungen, die unserer ähnlich sind, schneller akzeptieren und uns bestätigt sehen. Meine Söhne, Schwiegertöchter und unsere vier Enkelkinder haben, genau wie wir, alle Maßnahmen eingehalten. Nicht, weil sie uns vorgeschrieben wurden, sondern weil wir sie für vernünftig erachten. Wir haben unsere Kinder und Enkel sehr selten gesehen, wenn, dann ausschließlich im Freien, im Garten oder Park. Ich habe keine Museen mehr besucht, da ich mit Bus und Bahnen fahren müsste, was ich, so weit es möglich ist, vermeide. Dass ich Museen nicht mehr besuchen konnte, Kino und Konzerte tabu waren, kann ich verschmerzen. Kinder und Enkel nicht in den Arm nehmen zu können, ist hingegen schmerzhaft. Dass die Hoffnung der relativ niedrigen Infektionszahlen des Sommers auf eine gewisse Normalität, unter Berücksichtigung der Einhaltung der AHA-Regeln, durch die Unvernunft einiger Weniger sich nun nicht erfüllt, sondern sogar alles schlimmer wird, erfüllt mich mit großer Traurigkeit. Mein Mann ist Hochrisikopatient und traut sich kaum noch aus dem Haus. Ich habe mich gestern gegen Influenza impfen lassen. Währen der Impfung bekam unsere Auszubildende die Nachricht, dass zwei Mitschülerinnen ihrer Klasse und fünf Mitschülerinnen der Parallelklasse positiv getestet wurden. Sie wurde sofort nach Hause geschickt und wird am Montag bei uns getestet. Ich arbeite seit Beginn der Pandemie nur noch an den Wochenenden, ohne Kontakt zu Patienten und Kollegen, in der Praxis. Und dann das! Natürlich haben wir alle Masken getragen, dennoch bleibt ein nagendes Gefühl der Unsicherheit. Ich wünsche uns allen, dass wir unbeschadet die kommenden Wochen und Monate überstehen und dass die Unvernunft nicht das kaputt macht, was wir schon erreicht haben.
    Elvira

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