Steuern, tote Junkies und Campingplätze in Holland

Mit 40 begann ich eine Umschulung zum Steuerfachangestellten. Es sprach sich herum, und für ein paar Leute machte ich sogar die Steuererklärung. Darunter für Ringo und Becks, die nebenbei 40 bis 50 Stunden/Woche arbeiteten und Steuern zahlten, während sie ihrem eigentlichen Brot- und Buttergeschäft nachgingen, dem Konsum und der Weitergabe harter Drogen, hauptsächlich in Pulver- und Pillenform.

Der Kioskbetreiber Göring sprach mich an, ob ich Lust hätte, die Umsatzsteuer-Voranmeldung für seinen Laden zu erledigen. Ringo hatte mich empfohlen. Ja gut, sagte ich. Probieren wir es. So langsam nahm die Sache Fahrt auf.

Für Steuerangelegenheiten wie Einkommens- und Umsatzsteuer reichte mein neu gewonnenes Fachwissen so gerade noch aus, ansonsten hatte ich wenig Ahnung von der Materie. Besonders das Herzstück der Maßnahme, die Buchführung, war mir während der 2jährigen Umschulung fremd geblieben. Zwar hatte ich die Abschluss-Prüfung bestanden, aber nur mit Hängen und Würgen. Aktiva, Passiva, Debitoren, Kreditoren – mir war nie so ganz klar geworden, worum es bei all den Begriffen überhaupt ging. Bis auf den Cashflow. Den kannte ich noch aus der eigenen Hosentasche, Freitagnachts am Tresen, Mittags an der Strassenecke. Am Ende konnte ich froh sein, in Rechnungswesen mit einer 5 davongekommen zu sein. So konnte ich das Mangelhaft mit einer 2 in Steuerwesen ausgleichen und durfte mich fortan Steuerfachangestellter nennen. Mit fast 42.

(Und auch wenn ich den Job nie wirklich ausübte, umsonst war die ganze Geschichte nicht. Allein schon, weil ich das erste Mal seit langer Zeit eine neue Freundschaft schloss. Mit einem ex-Punk, dem unschlagbaren Schwenke.)

 

Becks kam vorbei, er brauchte die Steuererklärungen für die Jahre 2002 und 2003. Er kippte eine Plastiktüte voller Quittungen über den Tisch aus. „Ich glaub, dat is alles. Sind doch alles Werbeausgaben, oder?!“ Natürlich hätte er damit auch zum Lohnsteuerhilfeverein gehen können, doch ich arbeitete günstiger. Beim Ausfüllen der Formulare, Seite 1, fragte ich Becks, wieviel Kinder er habe. Soviel ich wusste, war er kinderlos, aber der Bursche war immer für eine Überraschung gut. Er hatte etliche Jahre Kampfsport und Maloche als Gerüstbauer auf dem Buckel. Seine Hände waren Schraubzwingen, die einen, wenn er jähzornig wurde, ähnlich robust in die Mangel nahmen, und die Arme, vernarbt vom jahrelangen Heroinschießen, ähnelten vollgekritzelten Kreuzworträtseln.

„Kinder? Ich? Nee, offiziell nicht, nee..“

„Wie, nicht offiziell?“

„Mit achtzehn war ich ein halbes Jahr mit ner Frau zusammen, die hat später in die baden-württembergische Landesbank eingeheiratet. Mit der hab ich ein Kind gezeugt. Einen Jungen. Aber nicht… offiziell.“

„Hast du nie Unterhalt zahlen müssen?“

Er lachte auf.

„Nee, wollte die nicht. Die wollte den Kleinen allein durchbringen, nur mit den Millionen aus dem Hause Württemberg, haa-ha.“

„Weiß der Knabe überhaupt, wer sein Vater ist?“

„Klar, der hat mich tatsächlich gesucht. Vor zwei Jahren stand er plötzlich vor der Tür. Fast zwei Meter groß, hundert Kilo schwer, ein Kreuz wie Arnie. Ich war richtig stolz auf den Burschen. Mannomann, hab ich zu ihm gesagt, ich muss ja fett reingepumpt haben damals!“

Becks lachte so dreckig auf, dass ich von meinem Sessel aus sehen konnte, wie die Leute draußen stehenblieben und auf mein Fenster starrten.

 

Göring kam mit seinem kleinen Bahnhofskiosk grade so über die Runden. Das reichte ihm, er erwartete nicht viel vom Leben. Er wollte hauptsächlich seine Ruhe haben. Er mochte es nicht, wenn ihm andere Leute reinquatschten, er quatschte anderen Leuten auch nicht rein. Ein autarker Bursche, für dessen Kioskbetrieb ich alle drei Monate die Vorsteuer ausrechnete und beim Finanzamt anmeldete. Ob das alles so stimmte, was ich mir da zusammenrechnete, tja. Das zuständige Finanzamt Ost hätte sich schon gemeldet. Göring war geschieden, hatte eine Tochter und einen ziemlich seltsamen Hund. Ich hab Göring seit Jahren nicht mehr gesehen, doch sein Name steht immer noch in unserem alten Telefonbüchlein, unter G, wie Guter Mann. Die Gräfin ist allerdings nicht besonders auf unser altes Telefonbüchlein zu sprechen.

„Da sind nur Nummern von toten Junkies und Campingplätzen in Holland drin, die es nicht mehr gibt.“

Ach wo, sag ich. Nicht nur! Hier, der Göring zum Beispiel, der steht auch drin. Wenn ich den mal anrufen will…

Warum solltest du den denn anrufen wollen.

Auch wieder wahr.

 

Ich lernte Göring über Ringo kennen, der am alten Bahnhof eine Wohnung ergattert hatte, die sich sehen lassen konnte. Er teilte sie sich mit einem Taxifahrer, der so gut wie nie zu Hause war. Immer, wenn ich bei Ringo zu Besuch war und ihn fragte, wo ist eigentlich dein Mitbewohner, meinte Ringo nur lapidar, der ist nicht da, der ist Taxifahren. Das war also die Sache mit dem Taxifahrerphantom, das seine Bude mit Ringo teilte, doch niemand bekam es je zu Gesicht.

 

Ende 2003 mietete Göring am alten Hauptbahnhof einen feststehenden Verkaufswagen, der besonders bei den Pendlern beliebt war. Göring versorgte sie mit heißem Kaffee, schmuddeligen Heftchen und Jägermeister. Jägermeister war der heimliche Renner im Sortiment und rettete ihm manches Mal die Miete. Ein kleiner Jägermeister kursierte unter Trinkern als Eierköhlchen, ein großer Jägermeister als Brikett. Es ging zu wie im Kohlenhandel.

„Zwei Brikett zum Mitnehmen, Meister Göring, und ein Eierköhlchen zum Anheizen.“

Görings ständiger Begleiter war der alte Sammy, Sammy mit dem Schubsauge, gestandene dreizehn Jahre alt. Wenn der alte Hund hustete, konnte es schon mal passieren, dass ihm ein Backenzahn rausflog. Flapp, weg war die Ruine. Er war ein lieber kleiner Kerl, und er hatte ein malades Auge.

„Was hat Sammy da?“ fragte ich.

„Ne Krankheit“, nuschelte Göring.

Der Kioskbetreiber schob einen ziemlich Wanst vor sich her, einen Bierbauch, der ihm bis an die Kehle reichte und den Adamsapfel bedrängte. Daher klang es wie Nuscheln, wenn er redete. Aber Göring war freundlich zu jedermann und überaus verlässlich. Punkt 5 Uhr 30 öffnete er seinen Kiosk für die ersten Bahnkunden, vor zweiundzwanzig Uhr machte er die Bude nicht dicht. Privatleben? Er wusste nicht mal, wie man Privatleben schreibt. Ob das überhaupt ein anerkanntes Hauptwort war.

„Ne Kanaille? Was für ne Kanaille?“ fragte ich verständnislos.

„Ne Krank-heit!“ Göring hob die Stimme, ganz wenig nur, ein achtel Zoll vielleicht. „Sammy ist krank. Der hat ne chronische Augenentzündung.“

Die Entzündung, ein Glaukom, sorgte dafür, dass der Innendruck im Auge des Hundes ständig stieg und den Augapfel regelrecht aus seiner Höhle schubste. Wie im Cartoon stand das kranke Auge hervor, ein Feuerball, von zahllosen roten Äderchen durchzogen. Wenn Göring seinem Sammy einmal am Tag die verordnete Arznei ins Auge träufelte, glänzte der Augapfel wie eine Piemont-Kirsche von Mon Cheri.

Fast ein bisschen lecker.

 

„Guck mal, wer da kommt, Sammy!“ rief Göring, wenn ich mit Frau Moll, gerade dem Welpenalter entwachsen, am alten Hauptbahnhof auftauchte, in Nähe der großen Schalterhalle. „Deine große Liebe!“

Am Ende jedes Quartals holte ich den Ordner mit den Steuersachen ab, voller Lieferanten-Rechnungen und Quittungen und Kassenbons, unerlässlich für die Umsatzsteuer-Voranmeldung.

Natürlich war die Umschulung eine blöde Idee gewesen, (der dicke Hansen: „der Gag des Jahrtausends!“), aber immerhin eine Idee. Die Idee ging folgendermaßen. Tagsüber Broterwerb im Steuerbüro, abends Storys schreiben. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war Buchführung. Buchführung musste man aus dem Effeff beherrschen, wollte man im Steuerbüro arbeiten. So ein Pech. Ich konnte keine Buchführung, auch nicht nach zwei Jahren Wirtschaftsschule und Praktikum beim Steuerberater. Es war nicht meine Welt. Es war die Zahlenwelt. Zwar fand ich Zahlen an sich gar nicht mal so übel, aber die Zahlen mochten mich nicht, sie lehnten mich rundherum ab. Der Widerstand war gewaltig. Ich hatte nie eine reelle Chance. Geh zurück auf Rumhängen, lachten die Zahlen und spannten ihr Spruchband, sobald ich auftauchte. Verzieh dich, Glummi. Geh heia machen.

(Am Morgen der Abschlussprüfung nahmen Schwenke und ich uns vor, unserem Klassenprimus Timo in der Teeküche der Wirtschaftsschule aufzulauern, unerkannt zusammenzuschlagen und per Strohhalm sämtliches Buchführungs- und Bilanzsummen-Wissen aus seinem riesigen Schädel zu schlürfen. Das war der Plan gewesen.)

Sammy, der alte Racker, war besessen von Frau Moll. Ach was, er war infiltriert. Jede andere Töle, die sich Görings schmuddeligem Verkaufswagen näherte, wurde von Sammy aufs Schärfte verbellt und gemaßregelt. Die junge Frau Moll dagegen hatte jene totale Narrenfreiheit, die man sich vom Leben erhoffte, sie konnte sich alles erlauben. Selbst wenn sie sich auf dem Hinweg zum Bahnhof in Entengrütze oder Salpetersäure gewälzt hatte, glich Sammys Hallo einem Staatsempfang. Sobald er Frau Moll von weitem ausmachte, blinkte sein Schubsauge in einer Geschwindigkeit, als wolle er gleichzeitig nach links und nach rechts abbiegen.

„Gnä‘ Frau“, sagte sein Blick, und der Blinker pulsierte und zitterte, „darf ich Sie eine Runde hinter den Kiosk jagen?“

„Deine Molly macht Sammy so scharf, dass er in der Nacht wieder wie wild auf seiner Decke reitet“, meinte Göring. „Und anschließend liegt er ausgepumpt in der Ecke und pennt zwei Tage.“

Frau Moll dagegen, die Angebetete, strafte Sammy zunehmend mit Missachtung. Du hässlicher Vogel, sagte ihr Verhalten, geh mir aus dem Auge. Mach dich dünne, du Monstrum. Oh ja, Frau Moll konnte ein Luder sein, schon damals, im zarten Alter von gerade mal einem Jahr.

 

Den Nebenjob hatte mir Ringo beschafft. Bevor er morgens in den Zug nach Düsseldorf stieg, wo er als Software-Distributor einer Schuhladenkette sein Geld verdiente, das er bis auf den letzten Pfennig in Heroin und Schnaps umsetzte, deckte er sich bei Göring mit Jägermeister ein.

„Brauchst du keinen Buchhalter?“ fragte Ringo ihn spaßeshalber, und Göring brauchte tatsächlich einen. So kam ich zu meinem ersten (und einzigen) Job in der Welt der Zahlen, und es funktionierte, trotz meiner haarsträubenden Ahnungslosigkeit.

„Du machst das schon“, meinte Göring, dessen Plauze an manchen Tagen so drall wirkte, als habe er einen aufgespannten Regenschirm verschluckt. Aber nach zwölf Monaten war Schluss. Göring machte den Kiosk dicht. Es lohnte nicht mehr. Der Verkauf von Jägermeister allein brachte nicht genug ein. Er war bankrott.

Der alte Sammy war traurig. Was sollte nun aus ihm und seiner großen Liebe werden? Als wir voneinander Abschied nahmen am vernagelten Verkaufswagen, wir vier, zwei Männer, zwei Hunde, schmachtete Sammy Frau Moll in einer Weise an, dass sein Auge ganz rot wurde und zu tröpfeln begann. Ob es sich dabei nun um Tränen handelte oder um Arznei gegen das Glaukom, das wusste bloß Göring allein. Und der hielt dicht.

Wir reichten uns die Hand.

„Machs gut“, sagte ich, und da Göring zur gleichen Zeit dasselbe sagte, klang es wie eine Decke, die sich selber zudeckte.

san.ichbineinhund

9 Gedanken zu „Steuern, tote Junkies und Campingplätze in Holland

  1. Glückwunsch für den Mut zu dem Steuerdings. Ich hatte auch keine Ahnung von Buchhaltung, aber irgendjemand musste das ja machen für den Liebsten, seine Firma und mich, wenn wir keine teure Steuerberaterkohle ausgeben wollten. Und irgendwann ging auch die Angst davor weg. Aber was Aktiva und Passiva sind, habe auch ich bis heute nicht verstanden, zum Bilanzieren hat es nie gereicht, mein Horizont ging nie über Soll, Haben und Saldo hinaus!

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