Tage mit Vater

„Die wenigen Menschen, die ich in mein Herz lasse, können sich auf was gefasst machen: Die kommen da nie mehr raus.“

  • Sanne

*

Beginnende Altersdemenz ist so eine Sache. Anfangs denkt man noch, Junge, Junge, ist Vater vergesslich geworden. Stellt die Butter in die Mikrowelle statt zurück in den Kühlschrank. Und der Haustürschlüssel taucht erst gar nicht mehr auf. Bleibt verschollen. Undsoweiter, undsoweiter. (Oder, wie der Autor sich beim Tippen verdrückt: Undsowriter.)

Dazu kam seine Schwerhörigkeit. Er entwickelte zunehmend neue Schrullen. So hatte er sich so sehr daran gewöhnt, stets mit BITTE WASS?! oder „häh?“ zu reagieren, wenn man in seine Richtung sprach, dass er es selbst dann tat, wenn er ausnahmsweise etwas auf Anhieb verstanden hatte. Es war zum bloßen Reflex verkommen. Es musste etwas geschehen. Wir überredeten ihn, seinem zehn Jahre alten Hörgerät ein Update zu verpassen, inklusive Neueinstellung, Reinigung und Desinfizierung.

„Desinfizierung?!“ rief Vater. „Wieso.. Desinfizierung, bin ich etwa schon ansteckend doof? Wollt ihr mich killen, wie eine Bakterie…!?“

Zunächst gab es einen Hörtest. Da er den eher verhaltenen Kommandos des Akustikers kaum folgen konnte, begleitete ich ihn in die Schallschutzkabine. (Vater leise: „Muss man hier singen?“) Besonders die hohen Töne waren ein Problem. Nicht mal den schrillen Alarmton konnte er hören, der ihm über Kopfhörer eingespielt wurde und der so laut war, dass es mich noch in einiger Entfernung aus der Fassung brachte. Fast wäre ich aus der Kabine gestürzt, um dem Gejaule zu entkommen. Erst da, endlich, rief Vater „JETZT!“, als Bestätigung, dass er etwas wahrgenommen hatte.

„DA WAR WAS!!“

Je länger ich Vater beistand, desto mehr fühlte ich mich an die vielen Lungenfunktionstests beim Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde erinnert: Nasenklammer auf, Mundstück des Messgerätes rein, Befehle der Sprechstundenhilfe erwarten.

„JETZT TIEEEEF EINATMEN… UND DANN ALLLES RAUSPUSTEN!! JAAA, PRIMA MACHEN SIE DAS! MIT AAALLER KRAFT, ALLES RAUS, SO FEST SIE KÖNNEN!“

So ein Lungenfunktionstest war immer ein bisschen wie ein Besuch am Set eines Pornofilms. (Als Best Boy.)

SO IST GUT, JA! WEITER, WEITER..!! UND JETZT NOCH MAL AAALLLES RAUS!!

Aber zurück zu Vater.

„Ihre Ohren sind schon sehr geschädigt“, drückte es der Filialleiter des Akustikerfachgeschäfts noch behutsam aus. Ein Geschäftsmann, der überraschenderweise nicht sofort alle Hebel in Bewegung setzte, um Vater ein neues, möglichst teures Hörgerät aufzuschwatzen. Im Gegenteil, selbst die Auffrischung und Neueinstellung des alten Geräts lief unter Service und war kostenlos. Lediglich beim Auswechseln der Knopfbatterien waren die neuen Energiezellen zu bezahlen. Sollte Vater irgendwann Lust auf neue Hörapparate verspüren, kaufen wir die hier, dachte ich. In Zeiten des Hyperkapitalismus war man ja schon froh, wenn man nicht gleich übers Ohr gehauen wurde. Behandelte einen der Verkäufer dann noch wie ein Mensch, kamen einem fast die Tränen.

„Ich wusste gar nicht, dass in Solingen so ein Krach ist“, staunte Vater, als wir im Taxi saßen und zurück zur Schillerstraße fuhren. Er hatte den Hörapparat ausnahmsweise gleich dringelassen. Daheim ging es mit den akustischen Sensationen weiter. Als Mutter einen Kessel Teewasser aufsetzte und es zu kochen begann, glaubte Vater Handwerker im Haus zu hören, die mit dem Schneidbrenner zugange waren.

„Machen die etwa keine Mittagspause?“, rief er wütend.

Und als ich die Balkontür öffnete, um frische Luft einzulassen, bellte er sofort: „HIER, ICH BIN HIER!!“ Er hatte das Quietschen der Tür falsch gedeutet: „Ich dachte, ihr hättet nach mir gerufen!“

Natürlich änderte sich nichts. Das Hörgerät blieb Vater suspekt, er setzte es nur im Ausnahmefall ein. Bis zum Tag seines Todes blaffte er reflexhaft BITTE WASS!?, wenn man zu ihm sprach. Damit war er auf der sicheren Seite. Das war sein Bestreben, bis zum letzten Atemzug. Auf der sicheren Seite zu stehen.

Mutter, froh, ihn noch ein Weilchen bei sich zu haben, verdrehte die Augen.

5 Gedanken zu „Tage mit Vater

  1. So ein Lungenfunktionstest war immer ein bisschen wie ein Besuch am Set eines Pornofilms. (Als Best Boy.)

    SO IST GUT, JA! WEITER, WEITER..!! UND JETZT NOCH MAL AAALLLES RAUS!!

    So isses!
    Und man(n) ist danach genauso leer. Auch das Röcheln, das dann folgt, die Kurzatmigkeit, ist vergleichbar. So isses. Selbst erlitten.
    Aber dank Dir kommen mit beim nächsten Test nun andere Bilder in den Sinn. Ob das meiner Lunge hilft, sei dahingestellt.

    Gruß Uwe

    Gefällt 1 Person

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