Zweimal hatte ich den Termin schon platzen lassen

Einmal wegen Erkältung, das war gelogen. Das andere Mal auch wegen Erkältung, das war nicht gelogen. Das dritte Mal rief ich auf den letzten Drücker in der Praxis an, mit Bedauern in der Stimme: Sorry, ich hab verschlafen – auch das war nicht gelogen. Doch als die Arzthelferin piepste, da hätte ich aber Dusel, fünf Minuten zuvor sei ein Termin abgesagt worden, ich könne mir ruhig Zeit lassen und später reinkommen, kein Problem, da keuchte ich erschrocken, „ohh, äh, nein… später… hab ich äh einen anderen Termin…“, das war eine Lüge. Beinhart. Faustdick. Knöcheltief. Ich hatte überhaupt keinen anderen Termin. Ich hatte bloß Schiss vorm Ziehen. Das Ding musste raus, da war nichts mehr zu retten. Schließlich wurde der Termin auf Dienstag verschoben, acht Uhr früh. Der erste des Tages. Der Shooting Star unter den frühen Terminen.

„Wenn sie dann wieder nicht erscheinen, Herr Glumm, kann ich Ihnen keinen Termin mehr anbieten. Dann müssen Sie auf gut Glück reinschauen und eventuell lange Wartezeit in Kauf nehmen.“

Am Vorabend der Hinrichtung lag ich lang ausgestreckt vorm Fernseher und schaute Schrecklich nette Familie. Mehrere Sender teilten sich die Rechte und wiederholten die alten Folgen ohne Ende. Selbst einem Hardcore Fan wie mir stellte sich die Frage, ob es mich tatsächlich ein 31. Mal amüsierte, wenn Kelly Bundy „Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für geregelte Arbeit!“ giggelte, auf dem Absatz kehrtmachte und mit dem Kopf gegen den Schrank lief.

Ich lachte aus vollem Hals.

(Was Al Bundy betrifft: Während einer Nachtschicht im Turm-Hotel tippte ich mal aus Langeweile die Vorwahl der USA in die Telefonanlage, dann die Vorwahl von Chicago plus einige weitere Ziffern, wahllos aneinandergereiht bis es genug war und eine Verbindung zustande kam. Ein Freizeichen, ein dumpfes Tuten, wie man es aus alten Columbofolgen kennt. Gedämpft von schweren Unterseekabeln, in den Tiefen der nordamerikanischen See. Schließlich hob jemand ab, in Downtown Chicago. Oder wo auch immer.

„Yeah?“

Eine müde männliche Stimme. In Chicago war Abendbrotzeit. TV Dinner.

„Can I speak to Al Bundy?“

„Al… Bundy…?“

Der Mann seufzte. Ich hörte ein mattes „haa-ha…“, dann legte er auf. Sehr rasch, sehr routiniert. Ehrlich gesagt, ich war ein bisschen enttäuscht. Sehr tourismusfördernd war das nicht.

„Arrividerci, Al“, nuschelte ich. (Und sah einen Rochen vor mir, irgendwo auf halber Strecke zwischen uns und Amerika, wie er die Ohren an die Leitung drückte.)

Dienstagmorgen, halb acht. Noch eine halbe Stunde bis zu meinem plötzlichen Ableben. Vom Bahnhof Ohligs aus schlenderte ich Richtung Lukas-Klinik, fast lässig. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich noch, jetzt, wo es soweit war. Im Wartezimmer überflog ich die übliche Einverständniserklärung. Demnach durften sie mit mir machen, was sie wollten, mit der handschriftlichen Ergänzung:

EXTRAKTION Z. 14
MÖGL. KOMPLIKATIONEN:

  1.  NACHBLUTUNG
  2.  KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG

Moment mal.. Komplikationen? Kieferhöhlen-Öffnung? MOMENT MAL! Das wussten die schon vorher?!! Das war alles schon gebongt…? Was ging da vor? Sollte ich lieber heimfahren und noch ein Stündchen verschlafen?

„Herr Glumm? Kommen Sie bitte mit?“

Zu spät. Wie immer, wenn ich eine Flucht ins Auge fasste, eine Finte, war es zu spät. Das Schicksal duldete keinen Aufschub. Wenn es darauf ankam, musste man entweder hellwach Leine ziehen oder das folgende erdulden, ohne zu jammern. Und hatte ich denn eine Wahl? Z. 14 war der ruinierte Backenzahn, der tief im Fleisch wurzelte, ein Widerhaken. Und was für ein Monster von einem Widerhaken. Ein Monster von der Art, welches man im normalen Leben niemals zu Gesicht bekommt, weil es so tief im Fleisch haust.

Ein schwarzer Raucher.

Doch was heißt das schon, im normalen Leben. Ein Zahnarztbesuch hat mit dem normalen Leben so viel zu tun wie ein Breischiss mit geregeltem Stuhlgang. Eine Ausnahmesituation, die jeden Nerv im Körper überfordert.

„Schön ruhig bleiben..“, redete die Arzthelferin ihrem Chef zu, doch der wurde zunehmend blasser, je länger die Behandlung dauerte. Wieso zum Teufel duzten sich die beiden? Hatten die was miteinander? Was wusste die Krankenkasse davon? Ich war schon erledigt, bevor die Hinrichtung losging.

„Herr äh..“, setzte der Dentist die Zange an.

„Ummumm…“

„..ja, gut, also.. Ich versuche zunächst mal den Zahn ganz konventionell zu ziehen.“

Das hatte er bereits zweimal angekündigt. Z.14 knackte und brach stückweise ab, wie ein Schiffszwieback, aber die Wurzel bekam er nicht zu packen. Er ackerte und schnoberte wie ein altes Brauereipferd. Kein schöner Anblick, so aus der Nähe. Auch keine schönen Geräusche. Ich sah verzweifelt rüber zur Schwester. Was war das da auf ihrem Kittel? Blut?

„Einmal wischen, bitte!“ rief der Doktor genervt.

Die Schwester tupfte seine Stirn ab.

„Ruhig bleiben, Johannes. Du machst das schon.“

Johannes?? Mit einem herzhaften Schnitt öffnete er die Kieferhöhle. Da waren wir nun. Wir waren angekommen. Bei der Komplikation. Die nächsten Minuten vergingen wie im Flug, aber ein Flug bei schwerem Wetter, wo es die Passagiere durcheinanderschaukelte und alle Mann bekreuzigten und bekotzten sich. Irgenwann liess ich los, ich liess es einfach geschehen. Und endlich war es geschafft. Der Zahn war draußen.

Für den Rest der Woche schrieb der Doc mich krank. Ich lag komplett flach, mit tiefgekühlten Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Gräuel, der Schädel brummte wie eine Bienenhalle. Die Gräfin kochte mir Milchreis, während es für sie und den Hund knusprige Hähnchenschenkel mit Paprikaschoten gab. Die Dinge liefen zunehmend aus dem Ruder. Das schlimmste aber: der Schmerz im Kiefer kam wieder und ließ nicht nach.

Im Gegenteil.

„Die Scheiße eitert“, sagte ich Samstagmorgen zu meinem Bruder, der rübergekommen war, um nach mir zu sehen, im Auftrag der Familie. Er brachte mich umgehend in die Lukas-Klinik. Der diensthabende Oberarzt reichte mir zur Begrüßung sein luschiges Händchen. Er erinnerte mich an ein großes blutarmes Kind, das gleich Schulschluss hat. Ohne mir groß in den wunden Mund zu gucken, drückte mir der Doc fürs Wochenende einige lose Schmerztabletten in die Hand, und das auch nur widerwillig.

„Damit müssen Sie bis Sonntag zurechtkommen, mehr gibt es nicht.“

Hm..? Was war das denn!? Glaubte der Drecksack etwa, dass ich Samstagmorgens im Notdienst auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo für die Nacht abzugreifen?!! Ähem…, nun ja. In der Apotheke besorgte ich mir zusätzlich zu seinen namenlosen Pillen eine Familien-Packung Ibuprofen sowie etwas Morphium hinterm Hauptbahnhof.

Am Sonntag ging die Schwellung endlich zurück, doch der Schmerz blieb. Alle vier bis fünf Stunden warf ich zwei oder drei Pillen ein, und obwohl ich noch nie so viel Medikamente eingeschmissen hatte, ohne breit zu werden, tat mir die Fresse Montagmorgen immer noch weh. Am Dienstag hielt ich es nicht mehr aus und besuchte auf gut Glück meine frühere reguläre Zahnärztin, Frau Doktor Bonn-Hager. Frau Doktor Bonn-Hager war eine resolute Person, die nicht gut auf mich zu sprechen war, seit ich zuletzt nicht nur unregelmäßig zur Behandlung gekommen war, sondern grundsätzlich zu spät. Dabei war sie eine Meisterin ihres Fachs. Nie habe ich eine leidenschaftlichere Vertreterin ihrer Zunft gesehen.

Originalton, als sie mir dieses Mal ins Maul schaute:

„Das sieht wie immer scheiße aus, Meister. Massive Störung der Wundheilung.“

Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie gleich die Fäden, mit denen die Kieferhöhle in der Lukas-Klinik zugenäht worden war. Eine Stunde später war ich das erste Mal seit einer Woche schmerzfrei.

Abends fuhren die Gräfin, Karlos, seine Freundin Sandy und ich nach Köln. Jonathan Richman war auf Tour. Allein, mit großer Gitarre. Mein letzter Held. Obwohl nirgends plakatiert, war das Konzert im Tingel-Tangel, einem samtroten Plüsch-Klub, ausverkauft. Wie die Hooligans standen wir zu viert an der Bühne, mit Pappbechern Kölsch bewaffnet, und sangen die Hits mit: „I was dancing in a lesbian bar“, „Make a mistake for me today“, „Now is better than before“.

Ein Großteil des Publikums schien allerdings ein anderes Konzert besucht zu haben. Ein Konzert, bei dem Mitsingen verboten war, auch Tanzen war untersagt.

„Die sehen alle aus wie von Scientology“, maulte Karlos, „so blasiert, wie die vor ihrem Wässerchen hocken.“

Egal, es war ein riesiger Abend, die ersten paar Bier und Purpfeifen nach anderthalb Wochen Schmerzen und dumm Rumliegen. Nach dem Konzert hockten wir auf dem Bürgersteig und teilten uns zu viert zwei monströse Grill-Hähnchen vom Imbiss, von denen das Fett nur so auf den Asphalt tropfte. Das Leben war wieder im Lot, jedenfalls halbwegs, es ging weiter, mit einem lästigen Widerhaken weniger.

Ahora es mejor, sang Sandy, gelernte Fremdsprachensekretärin, auf Spanisch, und nagte den Knochen.

5 Gedanken zu „Zweimal hatte ich den Termin schon platzen lassen

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