Die Schamanin

Die Gräfin hat eine gute Bekannte,  die Schamanin. Die Beiden haben zur gleichen Zeit den Beruf der Steinmetzin erlernt. Eine Weile teilten sie sich sogar ein Atelier, mittlerweile telefonieren sie noch ab und an. Als Künstlerin fertigt die Schamanin Figuren aus Ton und Speckstein, dickleibige Venus-Geschichten sind ihr Thema. „Die Leute stehen auf so’n archaischen Kram“, sagt sie. „Das lässt sich gut verkaufen.“ Größere Figuren gießt sie in Bronze, die Brüste hängen tief, wie vollgepackte Einkaufsbeutel. Es sind Steinzeitfrauen mit mächtigen Milchdrüsen – ein draller Kult.

Doch zunächst mal, an erster Stelle, ist die Schamanin Schamanin.

„Sie nimmt Ströme und Wellen anderer Menschen in einer Intensität in sich auf, dass sie manchmal einen richtigen Satz nach hinten macht, wenn jemand vor ihr steht, der große Probleme mit sich herumschleppt und damit nicht klarkommt, auch wenn derjenige es noch so geschickt zu überspielen versucht.“

Es kann passieren, dass sie dabei selbst in Bedrängnis gerät. Es passierte auf der Arbeit, in einer Kunstgiesserei. Als ein Verehrer von ihr, ein Russe, der im Versand jobbte und den ganzen Tag Heimatlieder pfiff, erfuhr, dass sie eine Lesbe und eine Schamanin war, wendete sich das Blatt. Statt ihr weiterhin Avancen zu machen, bombardierte er sie mit negativen Schwingungen, wovon sie Migräne bekam. Sie erschien bald nur noch mit Kopftuch zur Arbeit, um sich zu schützen vor dem plötzlichen Psycho-Mobbing. Als das nicht half, klebte sie sich zusätzlich doppelte Streifen Alu-Folie auf die Stirn. Ist wahr! Und das war lange Jahre vor dem absurden Alu-Hut-Kram moderner Prägung. Doch hatte es ihr etwas gebracht? Damals? Eher nicht.

Dabei ist die Schamanin fest davon überzeugt, dass man dem Universum lediglich die RICHTIGEN Kommandos schicken muss – schon klappt das.

„Schon klappt… was?!“ frage ich neugierig.

„Na… das!“ (Die Gräfin)

Stall, Susanne Eggert, 2009

Ich habe einen Stall für Euch, Susanne Eggert, 2011

 

Die Schamanin kann sich mächtig über Männer aufregen. Es ärgert sie, nein, es kotzt sie an, dass eine Frau, die nachts alleine unterwegs ist und plötzlich Schritte hinter sich hört, solche Ängste ausstehen muss.

„Warum wechselt so ein Blödmann nicht einfach die Strassenseite, damit ich als Frau keine Angst haben muss?!“ meint auch die Gräfin. „Der merkt doch, dass ich Angst hab! Ist doch keine große Sache, mal eben die Straßenseite zu wechseln, und es wäre eine eine wichtige, eine faire Geste zwischen Mann und Frau. Ein Signal!“

„Kann schon sein, aber soweit denken die meisten Typen nicht“, sag ich.

„Du aber schon“, sagt die Gräfin und schaut mich an. „Du denkst doch an so was, oder nicht?“

Tatsächlich hab ich mal nachts einen kleinen Umweg eingeschlagen, weil eine Frau sich nervös nach mir umdrehte, als ich auf meinen neuen Stiefeln, breit wie Ölradiatoren und die Sohlen mit Nägeln fixiert, über den Asphalt schlurrte. Das gefiel mir nicht. Es gefiel mir nicht, dass sich ein Mensch von mir verfolgt fühlte. Bedrängt, in gewisser Weise. Ist ja nicht so, als würde man das als Mann nicht kennen. Wenn man Samstagnacht drei angetrunkene Idioten am Hacken hat, die Ärger suchen, wer kennt das nicht. Da braucht man Selbstbewusstsein und eine Portion Glück.

„Wenn ich aber selbst besoffen aus der Kneipe komme, denk ich an solche Sachen nicht. Also, dass ich Frauen eventuell Angst mache.“

„Na, dann hat auch keine Frau Angst vor dir, wenn du besoffen aus der Kneipe kommst. Dann hat man höchstens Angst, dass man dir hochhelfen muss, falls du dich aufs Maul legst. Das ist aber auch alles, mahaaa!“

Frauen können so mitleidlos sein.

*

Ich bin ein äußerst träges System. Selbst zum Kacken lasse ich mich nicht öfters als 2mal die Woche nieder, dann aber „Hüppe die Berge“, wie der Solinger scherzt, Haufen und Berge. Oder hier, Pubertät. Dauerte bei mir dreissig Jahre, vom 15. bis zum 45. Lebensjahr. Dann kam das Erwachsendasein doch noch hereingeschneit, quasi über Nacht. Als schon niemand mehr damit rechnete. Ich jedenfalls nicht. Ich erst recht nicht. Woher auch.

Dreißig lange Jahre war mir nicht klar gewesen, wohin die Reise gehen soll, während Gleichaltrige mit weniger Talent längst Karriere gemacht hatten oder wenigstens schon mal tot waren, das war ja schon mal was, während ich weiter die verdammte Zeit verklimperte, als wären Murmeln in meiner Hosentasche und kein einziges Loch. 30 Jahre lang nicht wissen, wohin – wozu sollte das gut sein? Warum eine Phase, wenn auch die wichtigste im Leben, dermaßen in die Länge ziehen? Warum 30 Jahre, wenn andere dafür nur 5 oder 6 brauchten, um exakt das gleiche Ergebnis zu erzielen? Wo ist da der tiefere Sinn? Verborgen? (Wer die Antwort nicht kennt, muss die richtige Frage suchen.)

Es gibt ein paar Sätze aus diesen Tagen, besonders in der Spätphase, die ich von gewissen Leuten zu hören bekam und die mich erst ärgerten und dann, mit Verzögerung, zum Nachdenken brachten.

Da war unser werter Dr. Hilten, seines Zeichens Methadonarzt. Er war zwar kaum in der Lage, das eigene verkorkste Dasein von den verkorksten Lebensgeschichten seiner Patienten zu trennen, dennoch hatte der Doc erstaunliche Dinge drauf, wie es bei Narren oft der Fall ist. Stehst du einem Narren gegenüber, höre genau hin. Er wird dir etwas zu sagen haben. Er kennt die Tricks der eigenen Psyche nur zu gut. In meinem Fall klangen Hiltens Bedenken in etwa so: „Warum sollte ich mir ein Buch von dir kaufen? Von einem Autor, der die Dinge nicht zu Ende denkt. Welchen Gewinn bringt mir das? Was hab ich davon? Welchen Erkenntnisgewinn?“

Der Vorwurf hatte keine unmittelbare Auswirkung. Es gab kein Buch von mir, es war auch keins geplant. Die Worte waren mehr hypothetischer Natur. Es ging ums Schreiben an sich, und dass an Ende eines Schreibprozesses ein Ergebnis stehen sollte, im besten Falle ein Buch. Er wollte mich herausfordern. Sein Spielchen treiben. Später fiel mir auf, dass ich immer öfter an seine Worte dachte, und ich fragte mich, ob da vielleicht doch was dran war, warum sonst gingen mir die Worte nicht aus dem Sinn, musste ja einen Grund haben, verdammt. War ich ein Schreiber, der die Dinge nicht zu Ende dachte? Der Gedanke gefiel mir nicht. Ich gewöhnte mir versuchsweise an, den einmal aufgenommenen Faden weiterzuspinnen und mich nicht gleich mit dem erstbesten Ergebnis zufrieden zu geben. Schnell spürte ich: Der Vorschlag ging in Ordnung. Das wollte ich nur mal gesagt haben, an dieser Stelle:

danke, Doc.

*

Abends macht sie ein kleines Psycho-Spiel mit mir. Sie fragt mich, welche meine drei Lieblingstiere wären.

„Aber du musst direkt antworten, ohne groß zu überlegen.“

„Drei Tiere?“

„Ja. Erstens, zweitens, drittens.“

„Du meinst, welches Tier ich erstens am besten finde? Dann am zweitbesten und..?“

„Ja, Mann! Jetzt fang schon an! Nicht überlegen!“

Sie hat mich durchschaut. Logisch. Ich wollte ein bisschen Zeit gewinnen, um nachzudenken, bevor ich antworte. Na schön, sag ich, ich fang mal an. Am besten finde ich…

  1. Den Elefant
  2. Den Hund
  3. Den Vogel

Sie klärt mich auf.

„Das Tier an erster Stelle sagt etwas darüber aus, wie du von anderen Menschen gesehen werden möchtest. Als Elefant also. Du möchtest nicht übersehen werden. Deine Würde ist dir wichtig. Das zweite Tier sagt etwas darüber aus, wie andere Menschen dich wirklich sehen.“

„Als Hund“, sag ich. „Die denken alle, ich wäre ein Hund? Stimmt. Und das dritte?“

„Sagt aus, was du wirklich bist: ein Vogel.“

„Hm.. was denn? ICH soll ein Vogel sein?“

„Ja, natürlich. Das stimmt. Du bist frei.“

 

 

Sie selbst hat das Spiel tags zuvor schon gemacht, mit der Schamanin.

Ergebnis im Fall der Gräfin:

1.  ein Walfisch
2.  eine Schildkröte
3.  ein Panther

Was soll ich sagen. Es haut hin. Sie ist ein Panther. Schon als wir uns kennenlernten, spielte sie mir im Freibad ein Raubtier vor. Schlich gefährlich durchs Kinderbecken, planschte unheilvoll.

Schönes kleines Psycho-Spielchen. Was ist mit Euch? Drei Lieblingstiere! Aber nicht groß nachdenken!

14 Gedanken zu „Die Schamanin

  1. Pingback: Lieblingssatz 01122020 | Geschichten und Meer

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