Nabelsau

Beim Aufräumen fällt ihr ein Buch aus dem Regal. Sie hebt es auf. Leonard Cohen. Ein abgegriffenes Taschenbuch. Ein Roman.

„Ein Roman von Leonard Cohen? Der hat auch Romane geschrieben?“ sag ich. (Manchmal setzt man ein Fragezeichen ans Ende eines Satzes, obwohl es sich streng genommen um gar keine Frage handelt. Eher um eine als nicht ganz sicher eingestufte Behauptung. Mit leichtem Zweifel eingerieben.)

Dass Leonard Cohen Gedichte geschrieben hat, bevor er Sänger wurde, (weil er sich irgendwann gedacht hat, warum singe ich meine Gedichte eigentlich nicht, ich hab doch so eine schöne sonore griechische Stimme), gut, das weiß ich.

Aber ein Roman?

„Nee, ist kein echter Roman, wenn ich mich recht erinnere. Da steht nur Roman drunter. Sind so Geschichten. Ist schon lange her, dass ich das Buch gelesen hab. Bestimmt zwanzig… ach, was weiß ich. Ist lang her. “

Sie verzieht sich mit dem Buch an ihren Zeichentisch und liest darin, eine sentimentale halbe Stunde lang.

„Jetzt weiß ich wieder, was mich schon früher an dem Buch gestört hat“, sagt sie dann. „Cohen hält nur Nabelschau.“

„Nabelschau? Na und? Ist das so schlimm? Ich schreib auch nur über mich selbst.“

„Ja, aber bei dir ist das so: du guckst aus deinem Nabel raus in die Welt, um zu sehen, was da draußen los ist, und nicht pausenlos nach innen, um den Lesern deine scheiß Befindlichkeiten aufzudrängen. Das ermüdet ganz schnell.“

„Da hab ich ja noch mal Glück gehabt“, sag ich und zieh das T-Shirt hoch. Wollen mal sehen: Mein Bauchnabel, aus der Nähe betrachtet, ist keine Sensation, relativ klein. Ein kleines Bullauge, mit ein bißchen Schmutz drin. So Staub. Aber längst nicht so schmutzig wie der Bauchnabel von Zeltinger. Den Kölner Asi-Rocker hab ich mal live gesehen, da turnte er halbnackt auf der Bühne herum und präsentierte dem johlenden Publikum im Saal seinen Bauchnabel, ein unverschämtes Teil, hässlich und groß wie ein Gullydeckel. In den vorderen Reihen fingen sie schon an zu stöhnen.

Mein eigener Nabel wird in der Mitte von einem geschwungenen Spalt geteilt, ähnlich dem Ying und Yang Zeichen. Mann und Frau.

„Na logisch, ich war schon immer ne halbe Alte“, sag ich. „Fifty fifty.“

„Ja, stimmt“, meint die Gräfin, „mit Dreck drin.“

7 Gedanken zu „Nabelsau

  1. Pingback: Nabelauge | Spazierensehen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.