Das soziale Tier in dir

An gewissen Tagen fällt meine Sozialbilanz mockrig aus. Ja, bleiben wir ruhig dabei. Nicht mickrig, mockrig. Ich spreche den Tag über mit keiner Menschenseele, und wenn die Gräfin am Abend heimkehrt und ich die ersten Sätze auffahre, werfe ich gern die Vokale durcheinander und sie nennt mich eine blutarme Micky Maus. Eine sich räuspernde, blutarme Micky Maus. Weil ich den Tag allein am Schreibtisch verbracht habe. Weil Schreiben und Sprechen sich gegenseitig aufheben. Dabei sind es nicht die schlechtesten Tage, alleine am Schreibtisch, die sozialschwachen Tage. Fellpflege findet nicht statt.

Schreiben und Alleinsein:

Alleinsein ist Bedingung, Alleinsein ist des Daseins Krone, wenn man schreibt. Dem sozialen Tier in dir stets nur die Notration gönnen, immer ein bisschen hungrig bleiben im Umgang mit Menschen, und dann, im Alleinsein, prassen.

(Von Einsamkeit will ich nicht reden. Einsamkeit ist, wenn auch am Abend niemand heimkehrt.)

Die Sozialbilanz hübsche ich an anderen Tagen auf. Mit Leuten, die mir begegnen, wenn ich mich vom Schreibtisch fortbewege, wenn ich unterwegs bin, Leuten wie Maik. Er ist den zweiten Herbst obdachlos. Die Stadt hat ihm eine „Pennerwohnung angeboten, eine Sozial-Wohnung, wo tausend Leute den Schlüssel haben und dich bestehlen, wenn du schläfst, nee, lass mal stecken, hab ich zu der Tante vom Stadtdienst Gesundheit gesagt, da mach ich lieber Platte.“

Jeden Morgen klappt er in der Nähe des Eingangs eines Warenhauses sein mitgebrachtes Regie-Stühlchen auf und macht es sich bequem. Er bleibt den ganzen Tag dort hocken, er bettelt wortlos. Es gibt kein Pappschild, das auf seine Obdachlosigkeit hindeuten würde, keinen Becher für Münzgeld, nichts, gar nichts, es gibt nur sein verschlossenes, missmutiges Gesicht. Eigentlich weiß man als Passant gar nicht, wohin mit seinem Geld, will man ihm etwas zustecken. Er macht es einem nicht einfach. Er ist kein guter, kein effizienter Bettler. Er mag das Betteln nicht. Er mag es dazusitzen und der Welt sein Unglück zu präsentieren, schaut her, was ihr aus mir gemacht habt, und sollten dabei ein paar Euro abfallen, auch gut, wenn nicht, dann nicht.

Der Geschäftsführer des Warenhauses wollte Maik zunächst vertreiben, doch Maik ließ sich nicht vertreiben, nicht einen Deut rückte er von seinem angestammten Platz ab. Auch Polizei und Ordnungsamt sind machtlos. Er sitzt ja nur da in seinem Stühlchen und tut niemanden etwas. Genaugenommen bettelt er nicht einmal. Es ist rechtlich kaum möglich, ihm Platzverbot auszusprechen. Mit der Zeit änderte sich das Verhältnis zwischen Maik und Mitarbeitern des Warenhauses. Weil er verlässlich ist. Weil er jeden Morgen um neun seinen Platz einnimmt, pünktlich zur Eröffnung des Hauses. Man grüßt sich nett und wechselt einige Worte. Maik kann freundlich sein, wenn er nicht betrunken ist, und morgens um neun ist er selten betrunken. Wie wird das Wetter, was macht die Frau, ist der Hund gesund. Selbst der Geschäftsführer wird auf Maiks Verlässlichkeit aufmerksam und überträgt ihm kleinere Arbeiten, etwa das Zusammenschieben von Einkaufswagen. Dafür gibt es einen kleinen Obolus, doch wichtiger ist, man redet miteinander. „Der Jung ist gar nicht so verkehrt“, höre ich einmal. Der Jung ist Ende 40.

Schließlich bekommt Maik vom Geschäftsführer persönlich einen neuwertigen Rollkoffer geschenkt. Der Koffer hat bei einem Sturz winzige Kratzer abgekriegt und lässt sich nicht mehr verkaufen. Ein Versicherungsfall eigentlich. Es ist ein edles tintenschwarzes Teil namens „Pierre“, „beinah dokumentenecht“, wie Maik jedem grinsend mitteilt, ob der es hören will oder nicht.

Ein kurioser Anblick. Dieser Geprügelte, dieser depressive Trinker und ex-Rauschgiftsüchtige („Heroin hab ich mir mit Jägermeister abgewöhnt, Alter“), dieses Wrack zieht nun, wenn es nicht gerade in seinem Regie-Stühlchen versinkt, tagein, tagaus mit einem ausgemusterten exklusiven Rollkoffer namens „Pierre“ durch die Innenstadt, begleitet von diesem unpassenden Sound hart rollender Rädchen auf dokumentenechtem Bürgersteig, den Blick in sich gekehrt, gereizt. Na, wie auch immer. Wir reden nicht miteinander an diesem Tag. Maik sitzt nicht vorm Warenhaus. Er ist nicht da. Er und Pierre sind auf der Rolle. Ich muss meine Sozialbilanz heute woanders aufhübschen.

 

Story: Ich blick nicht mehr durch in meiner sozialen Buchführung

9 Gedanken zu „Das soziale Tier in dir

  1. Wieder mal wunderbar erzählt, Du beschreibst die Menschen so realistisch, vielleicht gerade weil Du Dich gerne zurückziehst und nicht ständig unter ihnen steckst.
    So einen Typ haben wir hier auch, sitzt von früh bis spät vorm Lidl und gibt keinen Mucks von sich, das wird fast immer von mir belohnt. Weil er wohltuend anders auftritt, gerade hier in Berlin sind viele Bettler aufdringlich bis aggressiv.

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  2. Sozialbilanz klingt besser als Sozialhilfe, viel besser.

    Wieder eine gelungene glum-story. Ich warne Dich: schreib weiter so und ich werde ein treuer Leser. (Lesen und Zuhören heben sich gegenseitig auf;)

    Gefällt 1 Person

  3. Hmm, das Foto am Ende … wie war das noch mit der Huldigung „Glumm rulez“ auf dem Stromkasten? Da hatte die Gräfin vermutet, das sei dein eigenes Werk und du hattest im Beitrag erwähnt, dass du das G so nicht hinkriegst – O-Ton: „Mein G in Glumm ist ja fast ein S, ist fast ein Slum“ … ach komm, das hier hast du doch selber dahingepinselt 😉

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