Wer schlecht sieht, muss viel gucken

„Ich hab mich vertaaahn.. im fernen Yuccataaaahn..!“ alberte die Gräfin ausgelassen auf der A 46, als eine Kolonne Lastwagen vorüberrauschte. SUREN las ich auf den flatternden weißen Anhängerplanen, SPEDITION SUREN.

„Guck es dir an, die karren den Koran gleich tonnenweise nach Europa“, sagte ich.

Der Fahrer winkte freundlich. und wir verpassten beinah die richtige Ausfahrt.

Ja, wir lebten in stämmigen Zeiten. Bomben, Autobahnen, Zigaretten. In meiner rechten Hand zum Beispiel. Damals rauchte ich noch. Van Nelle, Halbschwarz. Apropos. Wer hätte es für möglich gehalten, dass Helmut Schmidt auf seine alten Tage noch mein Idol werden würde, nur weil er mit seinen 91 Jahren im Fernsehen eine Kippe nach der anderen qualmte, ohne Kompromisse. Helmut Schmidt, der unnachgiebige Lungenfunktionär. Der Che Guevara der deutschen Filterzkippe. Ich hasste Filterzigaretten.

Es war Sonntag, wir waren auf dem Weg nach Düsseldorf-Hassels. Halbvoll der Tank, die Gräfin am Steuer, gut gelaunt. Ich hab ja keinen Führerschein. Ich hab als Pico so dermaßen viel mit Matchboxautos gespielt, dass es fürs Leben reicht. Ich muss niemals wieder Autofahren. Nur daneben sitzen, und die Augen offen halten.

„Wer schlecht sieht, muss viel gucken“, sagte ich.

„Aha. Und was will der Herr uns damit sagen?“

„Dass ich es mir nicht erlauben kann, auch nur eine Sekunde nicht hinzugucken.“

„Sonst..?“

„Sonst rumst es.“

„Na, dann guck du schön.“

In Hassels lebte ihre jüngere Schwester. Eine eigenwillige Person, die jeden Morgen nach dem Aufstehen ein großes Glas Leitungswasser trank, das sie bereits am Vorabend in der Küche deponiert hatte, damit es gut durchgezogen war, das Wasser. Einmal war sie morgens so müde, sie  erwischte versehentlich das Blumenwasser. War aber nicht weiter schlimm.

„Ich bin ja sowieso ne Pflanze“, tröstete sie sich.

Sie war umgezogen, innerhalb von Hassels. Wir saßen in der neuen Küche.

„Ist Hassels nicht so ne Süßwarenkette?“ fragte die Gräfin.

„Hussels..“, erwiderte ich. „Hussels heißt die Bonbonbude. Nicht Hassels.“

Und das sollte mein letzter Redebeitrag gewesen sein, für die nächste Stunde. Die Schwestern erzählten sich Geschichten aus ihrer Kindheit.

Es muss 1970 gewesen sein, im Familien-Urlaub. In einem Freibad in den Dolomiten kletterte die kleine Gräfin, sieben Jahre alt, den Fünf-Meter-Turm hoch. Sie war schon immer eine Wasserratte. Im Meer konnten die Wellen gar nicht hoch genug sein zum Reinschmeißen. Da es aber im Freibad keine Wellen gab, musste der Sprungturm herhalten. Zum Runterschmeißen.

Was die Gräfin nicht bemerkt hatte: ihre ihr blind ergebene jüngere Schwester, nicht mal vier Jahre alt, war ihr nachgestiegen, die Stufen hoch. Die Kleine tat so ziemlich alles, was die große Schwester vormachte, oder versuchte es zumindest. War die Familie sonntags zu Oma Sassendorf unterwegs und die Gräfin stimmte DA-HINNN-TEN WOOHNT DIE O-MAAH! an, fünfzig Kilometer vom Zielort entfernt, fiel die kleine Schwester leidenschaftlich in den Singsang ein und hörte eine geschlagene halbe Stunde nicht mehr damit auf, bis die Eltern entnervt die Kriechspur ansteuerten und lecker Hustensaft austeilten, damals war da noch Codein drin, das brachte knallartig Ruhe auf den Rücksitz.

Kurzfristig. (Ein Zaubertrank war es auch nicht.)

Es war die Mutter, die die Kleine zuerst entdeckte, auf dem Sprungturm. Die große Schwester hatte sich gerade ins Wasser fallen lassen, und nun stand die Kleine da oben und glotzte ihr hinterher, in die Tiefe.

„Nein.. oh mein Gott..“, flüsterte die Mutter auf der Liegewiese und war sofort auf den Beinen, doch ihr Mann, der noch heute gerne kanariengelbe Krawatten trägt, hielt sie fest und zog sie zu sich herunter.

„Nein.. ruf sie nicht! Mach sie jetzt bloß nicht verrückt.. Lass sie..“

Und schon sprang die Kleine. Keine vier Jahre alt, Nichtschwimmerin, fünf Meter tief, der Versuch eines Fußsprungs. Als sie im Wasser aufschlug, spritzten die Eltern erschrocken zum Beckenrand und sprangen hinein, doch die Kleine war schon wieder aufgetaucht und paddelte fröhlich kieksend durchs Wasser, ein Welpe, der ein oder zwei Schlückchen Chlor abbekam, und hustete.

„Guck mal, Mutti, was ich alles ka-hann..!“

Dieser Tag sollte in die Familienchronik eingehen als der Tag, an dem Mutter schimpfte wie ein Rohrspatz, dann weinte, dann in Ohnmacht fiel, und als sie aufwachte: weinte sie noch mal.

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