Die Unordentliche

Nach einem schnellen Stickie am Stromverteilerkasten nahe der Bushaltestelle verabschiedete sich Karlos in den Spätbus nach Haan, während ich ins Mumms zurückkehrte. Bekifft am Tresen stehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief. Was gleichzeitig ein Nachteil war. Es dauerte nicht mehr lange und ich war betrunken und bekifft. Jetzt ging gar nichts mehr. Ich döste im Stehen vor mich hin, inmitten einer Geräuschkulisse aus Gläserklirren und dunklem Geraune. Jemand gähnte in den Anfang von U2’s Still haven’t found, es passte perfekt. Es war wie abgesprochen. Erst als Hoffi, der Zapfer, der gleichzeitig auch Geschäftsführer war, den Gong schlug und die Sperrstunde ausrief, “DEFINITIV LETZTE ORDER!”, schreckte ich hoch. Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund. Scheisse, war ich breit. Dann alarmierte ich den Kellner.

„Noch ‘n Kölsch, Hoffi.“

Der hatte mitgedacht und setzte bereits das letzte Bier vor mir ab.

„Eine letzte Kaltschale, der Herr. Darf ich gleich abkassieren?“

Es bereitete ihm ein Heidenvergnügen, betont höflich und akzentuiert aufzutreten, wie in einem Etablissement an der Düsseldorfer Kö, wo man Gefahr lief in einen Nerzmantel reinzulaufen, sobald man auf die Strasse trat. Hoffi kannte ich noch aus alten Schultagen. In der Oberstufe hatten wir gemeinsam Deutsch-Leistungskurs bei Lehrer Sackmann belegt, bevor ich noch im ersten Halbjahr entnervt das Handtuch warf. Alles fit, Antigone? grüßte Hoffi gern, wenn ich abends ins Mumms kam. Er addierte die Striche auf meinem Deckel.

„Macht zwanzig Mark und vierzig Kupferfennige, der Herr.“

Mit seiner knielangen weinroten Kellnerschürze und den weißen Clogs erinnerte sein Auftritt an eine hünenhafte Weinfestkönigin. Ich legte zwei Zehner auf den Tresen, und ein Zweimarkstück. Am Tisch gegenüber, eingebettet in ein leicht erhöhtes Eisenbahnabteil, saß die Unordentliche und grinste mich an. Richtig frech grinste sie rüber, frech und herausfordernd, wie ein überreifer Pickel.

Die Unordentliche.

Ich kannte ihren Namen nicht. Niemand kannte ihren wirklichen Namen, selbst die Kellner sprachen bloß von der Unordentlichen, wenn die Rede von ihr war. Wenn man sie so ansah, hörte man im Geiste das Gezeter ihrer Mutter, „nun sei doch mal ein ordentliches Mädchen!“ – vergeblich. Ständig war die Bluse falsch geknöpft, das Haar ein Hühnerhaufen, die Zähne ein schiefes Durcheinander. Und die Manteltasche, eigentlich nur kurz auf rechts gedreht, um die Tabakkrümel rauszuschütteln, blieb tagelang draußen, wie eine schmuddelige Stones-Zunge, ein Waschlappen.

Die Unordentliche zählte nicht gerade zum Stammpublikum, sie tauchte meist am Wochenende auf, nach Mitternacht, auf einen letzten Schoppen Wein.

Und plötzlich stand sie neben mir.

Ich war überrascht, ich war überrumpelt. Sie hatte mich angegrinst, okay, aber ich kannte sie bloß vom Sehen, wir hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt – ein leicht gekünstelt wirkendes, zur Hysterie neigendes U-Boot namens die Unordentliche, und ich, der Trinker, der ewige Kiffkopf, der sich auch mit Mitte Zwanzig noch fürs Leben warmlief, der seit Ewigkeiten in den Startblöcken ausharrte und auf den Schuss aus der Starterpistole wartete.

„Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?“ gurrte sie.

Ich starrte sie an. Sie war nicht gerade eine Schönheit. Sie hatte etwas Grundtrauriges im Gesicht, wie eine Terpentinschnüfflerin, die ihrer Sucht noch nicht erlegen war, noch nicht ganz, es war noch ein bisschen was zu machen. Ich sah Hoffis Blick, sein Gegrinse.

„Behalt dein Kupfer“, sagte ich, und das Wechselgeld purzelte in seinen Galoppwechsler.

Wie immer, wenn ich zu viel getrunken hatte, fehlte mir die Lust nach Hause zu gehen. Wenn die letzte Runde aufgerufen wurde, wollte ich woanders weiterfeiern. Das war Gesetz. Aber die Unordentliche…? Was hatte ich mit der Unordentlichen am Hut. Dass sie mich überhaupt angesprochen hatte, passte schon nicht ins Bild. In der Regel saß sie bis zum letzten Gong allein am Tisch und führte Selbstgespräche. So offensiv wie an diesem Abend hatte ich sie noch nie erlebt.

Erst im Taxi bekam ich mit, was los war. Dass ich nicht der einzige war, den sie abschleppte. Der lange Picard, ein Nachbar vom Kannenhof, stieg ebenso zu wie ein ehemaliger Arbeitskollege von Picard, ein namenloser Säufer, mit dem er den halben Abend am Tresen gestanden und sich den Kopf heiß geredet hatte. Picard war ein Quatschkopf, ein Graswurzel-Kommunist vom alten Schlag. Er hatte lange elastische Beine wie Paulchen Panther und ein Grienen im Gesicht, das von jahrzehntelangem Einwirken eines trockenen, überaus strengen Humors zeugte. Er wohnte im gleichen Haus wie ich, aber in der anderen Haushälfte, die einen eigenen Zugang und eine eigene Hausnummer hatte. Man lief sich nicht so oft über den Weg, wie man vielleicht glauben könnte, wenn man hörte, dass wir im selben Haus wohnten.

Eine Weile bezog Picard Strom von uns, da er ständig Schulden bei den Stadtwerken hatte und sein Strom abgesperrt war. Er tat uns leid, der Gräfin und mir, also durfte er eine unserer Steckdosen nutzen, an der nun sein gesamter Stromverbrauch hing. Hinterm Haus lief ein langes Verlängerungskabel der Hauswand entlang, vom Fenster unserer Erdgeschosswohnung unten links bis hinauf zum Dachgeschoss oben rechts. Dumm nur: es dauerte nicht lange und Picard hatte Schulden bei den Stadtwerken und bei uns.

Zuvor hatten wir eine Vereinbarung getroffen. Alles, was bei der Stromkosten-Endabrechnung über unserem sonstigen Jahresverbrauch lag, ging auf seine Kappe. Dafür sollte er im Voraus jeden Monat 100 Mark rüberwachsen lassen. Wenn Picard zum vereinbarten Zeitpunkt nicht mit der Kohle rüberkam, mit der nächsten Rate sozusagen, zog ich einfach den Stecker raus. Dann wartete ich. Wenn er zu Hause war, dauerte es keine fünf Minuten und er stand hektisch klingelnd auf der Matte. Entweder mit der fälligen Rate oder mit einer blöden Ausrede. Einer Vertröstung „bis Montag, dann hast du dein Geld, hundertpro!“ Einmal wurde er sogar ein bisschen aufsässig.

„Mann, ich komm nach Hause, ist kein Strom in der Bude! Wie würdest du das denn finden!?“

Ich sagte gar nichts. Er wusste genau, was ich sagen würde, hätte ich Lust gehabt zu reden. Der Satz wäre gewesen: Wie würdest du es denn finden, wenn ich deinen Strom verbrauchte ohne dafür zu zahlen? Aber den Satz konnte ich mir schenken. Es reichte, den Stecker zu ziehen und zu warten.

(Einmal war ich ein bisschen verärgert, weil er zwar den fälligen Hunni pünktlich in den Briefkasten gelegt hatte, ich aber trotzdem Lust verspürte, ihn zu piesacken, den Stecker zu ziehen und ihn in seiner kalten Bude zurückzulassen..  he he. Hat er einmal irgendwo den Daumen drauf, neigt der Mensch zum Diabolischen.)

Ein anderes Mal duckte er sich unter dem Türrahmen in unsere Küche hinein. Picard war hager wie der Blitz und zwei Meter lang. Er hatte mal wieder 180 Mark Schulden bei mir. Er zog einen Hundertmarkschein und zwei Fuffis aus der Innentasche seiner dünnen Windjacke. Er trug dünne Sachen, selbst im Winter, und er fror wie ein Schneider. Manchmal, wenn er auch von uns keinen Strom bezog, wärmten ihn seine Katzen. Er hatte vier Katzen.

„Kannst du mir einen Zwanni rausgeben?“ fragte er.

Nein. Konnte ich nicht.

Ich war sauer. Ich wartete seit zwei Monaten auf mein Geld. Ich wollte einfach nur noch die Marie sehen. Ich hatte keine Geduld mehr mit Picard. Wenn du zu freundlich zu den Menschen bist, zu entgegenkommend, wird es dir schlecht gedankt. Er setzte sich an den Küchentisch, legte den Hunderter und einen Fünfziger hin. Den zweiten Fünfziger nahm er wieder an sich.

„Die dreißig Mark stecke ich dir gleich in den Briefkasten“, sagte er. „Ich muss noch was einkaufen für die Katzen. Da wechsle ich den Fuffie.“

Gut, sagte ich.

Natürlich passierte nichts. Weder an diesem,  noch am nächsten, noch am übernächsten Tag. Normale Post im Briefkasten ja, 30 Mark von Picard: nein. Mittwochmorgen hatte ich seine Spielchen satt. Ich riss das Stromkabel aus der Steckdose und warf es aus dem Fenster, ließ es hin- und herbaumeln, wie ein Schiffstau an der Schiffswand. Zusätzlich ging ich rüber und steckte Picard eine kurze Notiz in den Briefkasten, in der ich ihm eine endgültige Liefersperre aussprach. Damit war meine Karriere als privater Stromanbieter beendet. Scheiß auf die 30 Mark. Dachte ich.

Dann kam die Endabrechnung der Stadtwerke. Nachzahlung: 2.980 Mark.

Dreitausend Mark.

Wir waren in sonstigen Jahren stets bei plus minus null rausgekommen, bis auf ein paar Mark vielleicht. Das bedeutete, Picard musste den ganzen Winter eine teure Elektro-Heizung betrieben haben, obwohl er das stets bestritten hatte. Ich ging zu ihm rüber, kochend vor Wut. Er war nicht da. Komm rüber, hinterließ ich eine knurrende Nachricht. Als er später am Tag klingelte und ich öffnete, war ich so geladen, dass, so die Gräfin später, sämtliches Blut aus Picards Gesicht wich.

„Ich dachte, der kippt gleich um vor Angst.“

Keine Ahnung, wie Picard es schaffte, woher er das Geld besorgte, keine vierzehn Tage später hatte ich die gesamte Kohle. 1200 DM hatte er insgesamt im Voraus bezahlt, es fehlten also noch 1780 Mark, und da waren sie. Er hatte das Geld tatsächlich zusammen gekriegt.

Picard war ein seltsamer Vogel. Wenn er nicht gerade im Mumms herumlungerte und von Industrierobotern und ihrer Auswirkung auf die Psyche der westdeutschen Arbeiterschaft schwadronierte, lag er daheim auf der Couch und wärmte sich an seinen Katzen. Manchmal hörte man seinen Drucker arbeiten, ganze Nachmittage druckte er eigene Texte aus, die er in der Nachbarschaft verteilte. Verrücktes Zeug, fast wie moderne Musik, kaum zu verstehen. Er ist schon vor Jahren gestorben. Wie ich hörte, kam er eines Nachts aus dem Mumms getorkelt. Es lag Schnee auf der Fahrbahn. Er rutschte aus, ein Linienbus fuhr ihn an und überrollte ihn. Von diesem Unfall erholte er sich nie mehr. Die letzten Jahre verbrachte er im Pflegeheim. Wenn wir uns ab und zu über den Weg liefen, grüßten wir uns nicht mal mehr. Es gibt Dinge, die enden einfach nur traurig, und jeder trägt seinen Anteil an der Schuld. Oder niemand. Vielleicht trägt auch niemand Schuld.

Oder alle.

Wenn du in den Straßen unterwegs bist und in die Gesichter der Menschen schaust, siehst du nichts als Angst. Da draußen ist die totale Evolution in Gange.

Da draußen liebt dich niemand.

*

Die Unordentliche gab dem Fahrer ihre Adresse. Das Taxi brachte uns in eines der besseren Viertel am Stadtrand. Ein reines Villenviertel gibt es nicht. Es gibt vereinzelte Reiche-Leute-Spots mit seltenen Rosenstöcken im Vorgarten, doch spätestens zweihundert Meter weiter haben die Stadtplaner einen siebenstöckigen Neue Heimat-Klotz hingesetzt, mit eingedrückter Klingelleiste und Boxereien in der Nacht. Es gibt dieser Stadt etwas Gerechtigkeit. Wir alle sind Gefangene der Nachkriegsjahre, von Rosenstöcken und Boxereien, von Weihnachtsmärkten und Ordnungsamt.

“Meine Eltern sind über alle.. hi hi.. Berge”, schnatterte die Unordentliche. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig, mit all ihrem beeindruckenden Hühnerhaufen-Haar, mit den Augen einer Eule.

„Über alle Berge? Wo war das nochmal?“ fragte Picard übermütig.

„Im Tessin“, gab die Unordentliche zurück und lachte so schallend, als hätte sie den Brüller des Abends gezündet.

Eigentlich ist sie hässlich, dachte ich. Auf eine provokante Art. Sie wäre eher ein Fall für Ringo gewesen. Ja, Ringo hätte seinen Spaß an ihr gehabt, ganz bestimmt sogar, Ringo stand auf Frauen mit einem gewissen Schlampenfaktor, auf Kitsch- und Talmi-Tanten. Es faszinierte ihn, wenn das Strumpfband speckig war, wenn der Lippenstift krümelte und das Gehirn verrutscht war vom vielen Geschnatter. Doch Ringo war nicht da. Ich war da. Ich und der lange Picard und sein besoffener Kumpel, das machte den Unterschied in dieser Nacht. Ich war hier falsch. Andererseits, hatte ich mich jemals irgendwo richtig gefühlt, egal wo, egal wann? War ich nicht grundsätzlich falsch, wenn ich irgendwo war? Gab es mich überhaupt noch? War ich nicht längst zur eigenen Fata Morgana runtergewirtschaftet? Sollte Benzini Recht behalten haben mit seiner beim Pool-Billard ausgestoßenen Vermutung: „Glumm, du bist ein Schwanzlutscher geworden..!“ Er schaute an mir runter, „Obwohl du überhaupt keine Schwänze lutscht! Oder?“

Schwere Zeiten, echt hart.

Ich beobachtete die Unordentliche. Natürlich gab es auch andere Weiber, die sich betont unmodisch gaben, doch die Unordentliche war anders, ein seltenes Gewächs. Unordentlichkeit war ihre Natur, sie konnte gar nicht anders. Dafür sorgte schon die Reihe schief stehender Vorderzähne, ein kubistisches Häusermeer, das sich gegenseitig stützte, damit einzelne Häuschen nicht umkippten und durch den Kiefer purzelten. Mit solchen Zähnen, wenn man sie denn nicht richten ließ, war man automatisch raus aus jeder gesellschaftlichen Ordnung, und sofort drin im Anderssein. Willkommen in meiner Welt, dachte ich. Willkommen in meiner Welt, dachte der lange Picard. Sein besoffener Kumpel sagte gar nichts, er war einfach nur besoffen. Wir ließen uns im gut gepolsterten Salon nieder, den sie, die Unordentliche, die Hausherrin, als unser Living-Room Desaster vorstellte. Mit wahnhaftem Gackern zauberte sie vier Weingläser auf den Tisch und füllte sie mit einem erlesenen französischen Tröpfchen, wie sie uns dreimal hintereinander ungefragt versicherte, wobei sie ihr beknacktes unordentliches Haar, das mittlerweile zum Dutt gebändigt war, in den Nacken warf.

“Dieses Jahr Heiligabend”, überschlug sie sich vor Freude, “war ich soo glücklich.. glücklich und happy WIE NOCH NIE..! Soo hap-py! Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt wäre bei mir gewesen .. im Freudentaumel! Ja, im Freudentaumel.. Kinder! Die ganze Welt war soo glück-lich!”

Ihre hysterisch hohe Stimme, ihr dauerndes “Haach, Kinder, wie bezaubernd ist die Welt doch wieder einmal!” zerrte an den Nerven, zumal doch alles so beschissen war wie immer, in der ganzen beschissenen weiten Welt, und jeder wusste es.

Die Unordentliche erwähnte einen Freund aus Kindertagen, den sie zwischen den Feiertagen zufällig wiedergetroffen hatte.

„Das war früüüher ein ganz Süüüßer, der Christiaan. Der hat doch glatt mal..“ Bla bla hatte der glatt mal. Interessierte doch keinen, was der glatt mal… ich meine, wer zum Henker war der süüße Chrisssstiaaan!?

Der lange Picard und sein Kollege stierten ratlos in ihre Weingläser. Nachdem die beiden gemerkt hatten, in welchem Höllenpfuhl sie gelandet waren, stürzten sie den edlen Tropfen auf ex runter und füllten sofort nach. Wir drei Männer schauten uns an. Wir hatten einen schlimmen Fehler gemacht, wir hätten niemals in dieses Taxi steigen dürfen, dafür mussten wir jetzt blechen, dafür mussten wir bluten und exklusiven Wein saufen, den niemand mochte, weil wir Bierkinder waren. Wir waren Kinder des Biers und des Schnapses, des Haschisch und des Speeds. Niemand von uns dreien wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Die Unordentliche hatte offensichtlich einen sehr viel größeren Knall als angenommen. Sie hörte nicht auf, ihr betont ordentliches Leben zu feiern.

„… hi hi, hach, der süüße Chrisssstiaan.. neieinn..! Und ich war soooo gut drauf Heiligabend, ich hab den Heiland gesehen, er trug…“

Ich bediente mich aus einer offenen Karaffe, die auf dem Tisch stand, und kippte etwas von der darin enthaltenen Flüssigkeit, die ich für Campari hielt, zu meinem erlesenen Weißwein hinzu. Einfach so, aus Verzweiflung. Immer rein damit.

“Na, mag da jemand schon venezianisch Frühstücken…?”, kiekste die Unordentliche. „Um diese Uhrzeit…?“

Sie lachte, sie hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Was daran so ungeheuer lustig sein sollte. Das, was ich für Campari gehalten hatte, entpuppte sich als Sirup. Ich hatte etwas Sirup in meinem Weißwein geschüttet, na und. Ich hatte die Nase voll.

“Ich hau mich aufs Ohr”, sagte ich. “Ich bin erledigt.”

Das war alles, was ich von dieser Nacht noch erwartete. In irgendein Bett fallen und wegpennen, und mich am nächsten Morgen so früh wie möglich vom Acker machen.

“Bedien dich, Cherie”, flötete die Unordentliche, “im ganzen Desaster-House stehen genug leere Betten. Suche dir einfach eins aus.. à la vôtre!”

Ich wartete keine Sekunde ab und steuerte das nächstbeste Zimmer an und knallte mich aufs Bett. Auf dem Nachttisch fand ich einen großen braunen Welt-Atlas, der mir aus der Schulzeit bekannt vorkam, und eine Schachtel Pralinen.

Ich riss das Zellophan von der Packung, stopfte mir nacheinander ein paar Schokoböhnchen in den Mund, die Finger der anderen Hand im aufgeschlagenen Atlas. Es war der gleiche Atlas, den wir in der Schule gehabt hatten, der große braune Diercke. Ich tastete die Südspitze von Südamerika ab. Feuerland..! Ahoi, Käptn. Die Tür ging auf. Die Unordentliche. Als sie mich sah, musste sie erst lachen, doch schnell schlug ihre Stimmung um. Sie wurde aggressiv, ja, sie wurde richtiggehend böse. Sie schrie mich an.

„Glaubst du, du bist hier bei Rockefellers?!“

Ich verstand nicht. “Was ist los..?”

“Na, was würdest du denn sagen, wenn ich das Bett deiner Eltern mit Schoko einsauen würde??”

Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an, sie warf ihr Rosshaar in den Nacken.

“Ich kann auch woanders hin“, entgegnete ich hochmütig. „Kein Problem. Bin schon weg.”

Ich schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Atlas und verschwand eine Tür weiter, in eines der Gästezimmer. Die zweckmäßige Möblierung war mir auf Anhieb sympathisch. Gut, hier war ich richtig. Ich warf den Atlas aufs Bett und mich gleich hinterher.

Irgendwann in der Nacht hörte ich das Schlagen von Autotüren, Stimmengewirr und einen Dieselmotor. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie der lange Picard und sein Kollege in ein Großraum-Taxi stiegen und abdampften.

Am Morgen erwachte ich mit dem Gesicht im Atlas, die Nasenspitze vor Kap Hoorn. Das Bett war übersät mit Konfektpapier. Ich sichtete eine Schokoladenspur auf dem Spannlaken und versuchte sie zu entfernen, verwischte stattdessen alles nur und machte es noch schlimmer. Es sah aus, als wäre ich die halbe Nacht mit vollgeschissenem Hintern durchs Bett gerobbt. Scheiße. Ich blickte mich um. Das Gästezimmer wirkte bei Tageslicht wie ein Nähzimmer. Es gab eine Nähmaschine und ein altmodisches Nähkästchen mit vielen kleinen Fächern. Gegenüber vom Bett stand ein prächtiger Art deco-Schrank mit einem noch prächtigeren Spiegel. Ich war fasziniert von meiner Nacktheit, von meinen O-Beinen besonders, die doch mein Kapital waren, wie Karlos mir einmal versichert hatte, ohne näher darauf einzugehen. Lana fand sie sexy. Aber die war über alle Berge. Jetzt fand sie einen Soldaten sexy. „Hat der O-Beine?“ hatte ich sie gefragt.

„Blödmann.“

Ich stand mit gespreizten Beinen auf dem Bett, der König und sein Genital, und versuchte vor dem Spiegel zu wichsen, aber da war zu viel Restalkohol im Blut, und zu wenig Schlaf. Es war der Restalkohol, der mein armes krankes Hirn befeuerte. Ich legte mich wieder hin. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, hörte ich, wie die Tür einen Spalt geöffnet wurde. Jemand warf einen raschen Blick ins Zimmer, und die Tür schnappte wieder zu. Die Unordentliche. Wäre sie eine halbe Minute früher gekommen, hätte sie mich mit dem Schwanz in der Hand vorm Spiegel ertappt.

Der Digitalwecker zeigte 12 Uhr 00, als ich das zweite Mal wach wurde. Regen klimperte gegen die Fensterscheibe. Ich setzte mich auf den Bettrand und zog mir die Strümpfe an. Die kleinste Bewegung verursachte ein Stechen im Kopf, als stießen Stühle mit hoher Lehne gegen die Schädeldecke. Die Trinkmöbel. Mir war übel. Der Geschmack im Mund war eine Mixtur aus den Nougatpralinen der Nacht, der Bier-Gischt und Nikotin. Warum ich mich irgendwann in der Nacht ausgezogen hatte, blieb im Dunkeln. Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Mir war übel. Bevor ich es in meine Hose schaffte, sank ich wieder zurück ins Bett. Ich war platt von der tagelangen Sauferei. Mit Grausen dachte ich an den langen verkaterten Tag, der vor mir lag.

Plötzlich Schritte. Die Tür ging auf. Jemand lugte ins Zimmer.

“Ich lasse mich krankschreiben”, sagte die Unordentliche, ohne ihr Gesicht zu zeigen. “Aber erstmal lege ich mich noch was aufs Ohr. Kaffee ist in der Küche, ein Brot kannst du dir auch schmieren, wie du magst.“ Sie kicherte. „Fühl dich einfach wie zu Hause.”

Sie schloss die Zimmertür und verschwand. Ihre überraschend warme Ansprache tat gut. Ich ging ins Wohnzimmer, das mir kleiner und gedrungener vorkam als in der Nacht. Ich griff mir eine Camel ohne vom Tisch und strich durchs Haus, landete in der Küche. Die Kaffeemaschine war im Stand by-Betrieb, ich goss mir eine Tasse ein. Die Brühe schmeckte so abartig, dass ich sie postwendend in den Ausguss spuckte. Ich steckte mir eine zweite Camel ohne an und ging ins Badezimmer, scheißen. Im Wohnzimmer fand ich eine Schrankbar, in der Brandy und Cognac in offenen Glaskaraffen vergammelte, wie in einer schlecht abgehangenen alten Derrick-Folge.

Auf dem Sideboard, vor alten Kupferkesseln, denen es an Politur mangelte, standen zwei Postkarten mit Weihnachtsmotiven. Eine Karte war in der DDR abgestempelt, die andere in Braunschweig.
Wieso lasst Ihr nichts mehr von Euch hören? las ich. Lebt Ihr überhaupt noch? MELDET EUCH MAL! Vergeblichkeit und Fäulnis lag in der Luft, in diesem Haus, ein unsichtbares engmaschiges Netz des Todes. Ich ließ mich auf einem schaumigen Sofa nieder, neben zwei nagelneuen Porzellan-Puppen, lieblos in die Sofakissen gedrückt. Daneben, auf einem Teewagen, ein nagelneues Hochglanz-Porzellanpuppen-Bildband. Eine der abgebildeten Porzellanpuppen trug eine Art Beißring. Ich konnte die Augen nicht davonlassen. Es war wie immer nach einem versoffenen Abend. Wenn ich aufwachte, war ich geil. Es war keine wirkliche Geilheit. Geilheit ist ein wankelmütiger Diktator. An einem verkaterten Morgen war es eher wie Durst haben und rasch ein Glas Wasser runterstürzen, einen Berg Plankton auskotzen.

Regenschauern klatschten gegen die Panoramafenster. Der Himmel, eine Kondolenzkarte. Im Garten miaute eine fette graue Katze. Ich versuchte, die Verandatür zu öffnen, kam aber mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte und bäumte sich auf, blieb aber geschlossen. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den gräulichen, tiefen Rasen. Endlich funktionierte es, die Tür schnackte auf. Das Vieh musterte mich skeptisch und drängelte sich ins Haus. Ich hockte mich nieder auf den flauschigen Teppich, der sämtliche Geräusche schluckte, und versuchte die Katze anzulocken. Nur das Ticken einer Wanduhr war zu hören. Es war gespenstisch. Ich war in einem Haus, in dem nichts zu hören war bis auf das Ticken einer alten Wanduhr. Ich war gefangen in einem Psychodrama.

War die Familie der Unordentlichen wirklich in Urlaub im Tessin, wie sie behauptet hatte? Oder lagen Vater und Mutter, den Schädel eingetreten, in der Mansarde, dem einzigen Ort des Hauses, zu dem definitiv kein Zutritt war, wie sie uns in der Nacht mehrfach eingetrichtert hatte?

Die fette Katze schlich um mich herum. Ich holte meinen Schwanz raus und hielt ihn ihr hin, ließ sie daran schnuppern wie an einem knusprigen Hähnchenbollen. Ich spürte das Schnauzhaar. Sie trollte sich. Wahrscheinlich war das gar keine Katze, sondern ein Kater, und allmählich wurde ihm die Situation unangenehm. Er war der Familienkater und ich ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der sich aufs Feld geschlichen hatte, um heimlich den dicken alten Familien-Esel von hinten zu nehmen. Oh verdammt. Ich saufte zu viel..! Soff! SIFF! Himmel! Ich kannte nicht einmal mehr die Vergangenheitsform von saufen, weil sich mein verfluchtes kleines Dasein ständig im Hier und Jetzt abspielte, auf dem kläglichen Transportband zwischen Gegenwart und Zukunft, ohne jegliche Reflexion. Ständig stand ich neben mir und beobachtete, was der Kerl als nächstes tat. Das war alles, wozu ich noch in der Lage war. Ich war die pure unreflektierte Gegenwart. Himmel, half!

Ich hatte sie echt nicht mehr alle.

Ich war am Ende, die Menschheit war am Ende. Irgendwann würden wir alle nach Afrika zurückkehren, dorthin, wo alles begonnen hatte. Wir würden den aufrechten Gang verlernen, den Stamm hochklettern und wieder oben in den Baumkronen leben. Die Katze hatte Vertrauen zu mir gefunden und drückte sich an meine nackten Beine. Sie tat mir leid. Ihr Vertrauen tat mir leid. Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich die Hose angezogen, die Schuhe geschnürt, das Haus verlassen. Ich wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich hatte hier nichts mehr zu suchen. Ich bin doch nicht bescheuert. Sex mit Haustieren.

Ich verließ das Haus, blieb am Treppenabsatz stehen. Ein sanfter majestätischer Regen ging nieder, ein Sound, als stünde eine Hundertschaft Engel vor einem weitläufigen Urinal und ließ es rauschen. Ich versuchte mich zu orientieren, wo ich überhaupt gelandet war, in welcher Ecke der Stadt. Ich hörte eine undeutliche Frauenstimme aus dem Inneren des Hauses, dann ein Schneuzen. Ich sah hoch. Im Erdgeschoss war ein Fenster auf Kipp. Hatschi. Die Unordentliche. Sie hatte sich eine Erkältung geholt. Sie schien mit jemandem zu sprechen, vermutlich am Telefon. Ich knöpfte die Winterjacke zu und machte, dass ich wegkam.

5 Gedanken zu „Die Unordentliche

    • Brilliant!
      Sie haben wirklich Talent.
      Und, lieber Glumm, Sie wissen schon: Talent kommt von Gott.

      Und da können Sie noch so viel Haschisch und Heroin rauchen, und meinetwegen Metadon schlucken:
      Talent vergeht nicht.

      Und Sie beweisen es.

      Der Text ist wirklich gut.
      Und er erinnert mich schwer an meine eigene Jugend. Und wie ich mich damals weggeworfen habe.
      Ja, ich hatte etliche damals sogenannte „One-Night-Stands“ und weiss bis heute nicht, WARUM ich das gemacht habe …

      Na, is ja auch egal – und um es (einigermaßen) vernünftig zu Ende zu bringen, kann ich der Gräfin und Ihnen nur raten: kümmern Sie sich rechtzeitig um eine ordentliche Grabstätte!
      Denn: es ist nicht ganz unerheblich, mit wem man das Gräberfeld teilt. Denn das ist, bis zum Jüngsten Tag, Deine Gesellschaft (weil ja die wenigsten von uns direkt im Paradies landen). Und alle /unruhigen Geister/ warten bis in alle Ewigkeit auf die Erlösung, so sie denn kommt, und man muss sich mit Ihnen herumschlagen! Deswegen: sorgen Sie vor ! … Tot-sein ist vermutlich nicht weiter schlimm (/und tut auch nicht weh)/ , aber um die Gesellschaft, in der man sich dann bewegt – und Tote können denken, sprechen, ja vielleicht sogar fühlen und schmecken, aber sie können NICHT HANDELN! – sollte man sich sorgen.

      Denn wenn, und davon bin ich überzeugt, Jesus wiederkehrt, und, nach dem Jüngsten Gericht, als Messias alle Toten wiedererweckt, werden Sie genau da wieder auferstehen, wo sie begraben wurden.

      Simon Luckfield

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      • Ja warum macht man „one-night-stands“?
        Nun, ich würde mal sagen wenn man sich in der Kneipe die Kante gibt dann ist man zur vorgerückten Stunde auch irgendwann geil wie Schifferscheisse und das „zu Dir oder mir“ bleibt nicht aus.
        Wenn man dann am nächsten Tag total verkatert aufwacht sind die Eier zum bersten gefüllt (das gehört irgendwie zusammen Mega-Kater und dicke Eier), wohl dem, der dann nicht alleine aufwacht. Okay, wichsen geht auch, ist aber nicht immer befriedigend.
        Man hatte ich geile one night stands, leider kann ich mich nur an die allerwenigsten erinnern.

        Gefällt 1 Person

  1. Holy Shit. Was für ein geiler Trip!
    Den hab‘ ich mir gleich doppelt reingezogen. Den zweiten Durchgang dann mit Musik unterlegt: John Zorn, Electric Masada, live at Tonic 2003. Das öffnet alle Poren.

    Warum nur hat alles ein Ende?!

    Gefällt 1 Person

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