Fall nicht unter die Räuber, Junge!

­ 15. September 88

Donnerstag wache ich komplett groggy auf. Bin wieder mal so im Eimer, dass ich eine Viertelstunde auf dem Bettrand kaure und ins Sonnenlicht stiere, das von den Lamellen der Jalousie in lange Bahnen zerschnitten wird – eine wilde, waagerechte Choreographie, Flusen tanzen im Licht. Das Telefon klingelt in der Küche. Ich lasse es klingeln. Bis mir einfällt, Moment, du hast Geburtstag. Da will jemand gratulieren. Du wirst 28.

Erst mal Kaffee.

*

Ich hocke in der Küche und nehme das Notizbuch in die Hand, das aufgeschlagen auf dem Küchentisch liegt. Der letzte Satz ist nur mit Mühe zu entziffern: Wenn man mit 10 Minuten Gutdraufsein am Tag auskommen muss. Wobei die Zahl 10 nachträglich eingesetzt wurde, zunächst stand da eine 15, die ist durchgestrichen.

Und darunter DEN RITT NACH SCHALKE nicht vergessen. Erinnerungsstütze an das Versprechen, das ich mir um Mitternacht am Tresen gegeben hab: dass ich heute auf ein Tagesticket nach Gelsenkirchen fahre. Mir selbst als Geburtstaggeschenk. Wo ich schon immer mal hin wollte. In die Heimat des Idols meiner Jugend: Stan Libuda („An Gott kommt keiner vorbei, ausser Libuda“). Nach Schalke. An meinem 28. Geburtstag. Das Telefon klingelt.

Ich muss raus hier.

*

Mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf. Von da aus um 12.24 Uhr weiter nach Gelsenkirchen. Mit achtundzwanzig Jahren das erste Mal nach Schalke. Wo es noch Kneipen geben soll, wo das Bier 1 Mark kostet, und wo Stan Libuda, der legendäre Rechtsaußen, mittlerweile Zigarren verkauft in seiner eigenen Lotto-Annahmestelle. Hoffentlich erwische ich meine zehn Minuten Gutraufsein, wenn ich in seinen Laden reinmarschiere:

„Eine Cohiba, Herr Stan!“

*

„Der Glumm ist ein Schwanzlutscher geworden…“, kanzelte mich Benzini beim Portugiesen am Billardtisch ab und blickte an mir ratlos rauf und runter, „.. obwohl du überhaupt keine Schwänze lutschst!“

Ich musste lachen, aber es war die Art Lachen, die noch in einem gepanzerten Fahrzeug wehtut. Wo niemand an dich rankommt. Natürlich hatte Benzini gewaltig einen in der Krone, als er das sagte, den Billardqueue in der Hand, bereit zum nächsten Stoß, doch er traf voll ins Schwarze. Woher zum Henker sollte Benzini auch wissen, was mit mir los war. Dass ich den Tinnitus nur mühsam hinter mich gebracht hatte, mit Ach und Krach, und dass es immer noch Tage gab, wo ich kaum ein Wort rauskriegte, weil innendrin alles nur leer war. Und laut. Ich ging ja nicht damit hausieren, dass ich schlecht drauf war, dass ich Ohrgeräusche hatte. Wer nicht zufällig zum kleinen Kreis der Eingeweihten zählte, der sah nur einen Kerl vor sich, der sich durch seine Tage quälte.

Karlos wusste von den Ohrgeräuschen, logisch, Schnaat auch. Die Gräfin war so nah dran an mir, sie konnte die Geräusche fast schon mithören, und meine Mutter war eingeweiht, das wars. Ansonsten sah ich den Blicken an, was die Leute dachten: Der Kerl trinkt zuviel. Natürlich trank ich zuviel. Was ich auch tat, was ich auch anpackte, es war grundsätzlich zu viel. Zu viel, zu viel, oder gar nichts.

Der 28. Geburtstag war in unseren Kreisen etwas besonderes, der 28. galt etwas. Der 28. war das Bergfest. Man hatte die 27 tatsächlich gepackt. Kaputtgehen hatte uns in jungen Jahren fasziniert, jetzt passte es nicht mehr. Sich permanent selbst zerstören, daran fand kaum noch jemand Gefallen. Was nun nicht hieß, dass es niemand mehr praktizierte, das beschleunigte Kaputtgehen. Im Gegenteil, die Leute ruinierten sich, wie eh und je. Einfach die Finger von Drogen und Schnaps lassen war nicht einfach. War es nicht… Nein.

War es nicht.

Lonnie war an diesem Abend ebenfalls beim Portugiesen. Er hämmerte mir derart kräftig auf die Schultern, als wäre er der Gerichtsvollzieher, der einen Beschluss zu verkünden hatte:

„Weißt du, was dich so sympathisch macht, Glumm?“ dröhnte er durchs Vereinsheim der portugiesischen Arbeiterschaft, einer mit Geranien und anderen Versatzstücken deutsch-portugiesischer Freundschaft aufgehübschten ehemaligen Fabriketage. „Dass du voll einen an der Klatsche hast!!“

(Danke, Lonnie. Das hast du schön gesagt, damals.)

*

Düsseldorf.

„Ich bin ein genauso versoffener Hund wie du!“, ruft ein pfeifeziehender, wackeliger Penner, die Nase jodverschmiert, in der Schalterhalle des Hauptbahnhofs dem anderen Penner zu, der eine Fahne kalter Scheisse hinter sich herzieht. Mann, stinkt der. Ich glaube, ich trink heute besser mal kein Bier.

Wo gibt’s denn hier ein Telefon? Ich muss meine Mutter anrufen. Damit ich im kommenden Winter ein Paar feste Schuhe an meinen Füßen habe, war mit meiner Mutter eigentlich ein kleiner Einkaufsbummel abgesprochen. Ich rufe sie vom Bahnsteig aus an, voem freistehenden Apparat 9.
„Mutti, ich bin unterwegs nach Schalke.“

„Wieso? Ist da heute ein Spiel?“

„Nee. Ich fahr nur so dahin.“

„Dann fall nicht unter die Räuber, Junge!“

*

Im Nahverkehrszug nach Gelsenkirchen über Duisburg-Meiderich, zweite Klasse, Raucherabteil. Ich klappe den Aschenbecher auf, ein Wölkchen Qualm bringt mir ein Geburtstagständchen. Bei jedem Halt rollt eine leere Bierdose durch das Abteil. Kein Schaffner hält es für nötig, mich zu kontrollieren, dabei bin ich heute doch ausnahmsweise mal zu gültig.

„ZUGESTIEGEN JEMAND!?“

Und da ist er schon.

*

In Oberhausen steigt ein Kerl zu, gegerbte Haut, leichtes Reisegepäck. Er erzählt gleich, dass er das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Oberhausen gewesen sei, auf einer Geburtstagsparty.

„Was ist bloß aus dem Ruhrgebiet geworden?“ murmelt er bedauernd, er lebt mittlerweile in Saarbrücken. „Total tote Hose.“

Als er aussteigt, rollt die Bierdose in die andere Ecke.

*

In Gelsenkirchen angekommen finde ich den Stadtteil Schalke nicht. Bin wohl mit dem Linienbus einfach durchgebrettert, ohne es mitzubekommen. Also wieder zurück. Diesmal frage ich beim Fahrer nach, wo ich raus muss.

„Wo willste denn hin, Jung?“

„Na, zum Stadion.“

„Zum Parkstadion?“

„Nein, zum altem Stadion. Glückaufkampfbahn.“

„Wat willste denn da? Ist doch total tote Hose da!“

*

Erst mal auf zwei Pils ins Schalker Vereinsheim. Frau Wirtin ist nicht gut zu sprechen auf einen der beiden Stammgäste. Der hat einen im Kahn und will immerzu singen und sucht sein Pils. Dann gibt er eine Lokalrunde.

„Mutter..“, meint er zur Wirtin, aber die hört das nicht gern.

„Da vorn ist die Tür, da schubs ich dich gleich raus.“

„Wenn Schalke verliert, geh ich sowieso nach Hause“, lallt er.

Frau Wirtin bringt mir ein Pils.

„Is dat Steno?“ meint sie mit einem kurzen Blick auf mein Notizbuch. „Kann doch kein Schwein lesen.“

*

Das einzig Blau-Weiße in Gelsenkirchen-Schalke ist ein Tanklastwagen von ARAL, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle.

„Mein Gott, nee! Ich brauch doch nich zu betteln für ein klein Bierchen, hab ich nich nötig!“ (Kriegt kein Bier mehr, verlässt Vereinsheim.)

Ich auch.

*

Schalke. Das Stadtviertel. Kleine Häuschen. Ein türkischer Junge im königsblauen Trainingsanzug humpelt an mir vorüber. Sonst ist niemand auf der Straße zu sehen.

Ein paar Graffiti.

TÜRKEN UND SCHWULE AN DIE WAND

SATANSPENIS

BLOCK II – WIR FERWESEN

*

Hinter der Arbeitersiedlung dann das alte, verrottende Fußballstadion. Die legendäre Glückauf-Kampfbahn. Ein einziges Schild weist darauf hin. Die Tore sind verschlossen. Ich klettere über den Zaun und finde mich auf der Gegengerade wieder. Zwischen den Stufen wuchert Unkraut. Ich latsche über den gut erhaltenen Rasen rüber zur Tribüne. Höre dreissigtausend Knappen „SCHALLL-KEE“ brüllen. Rüssmann nimmt Anlauf zum Freistoß – Pfostenschuss!

*

Ich sitze auf der Ehrentribüne. Links die Stadtautobahn nach Bochum. Die dunkelrot lackierten Sitzplätze unter mir sind von dickem Staub überzogen, die Gitter zwischen Spielfeld und Rängen ausnahmslos niedergerissen. Eine letzte Reklametafel ist übriggeblieben: AFRI-COLA.

200 METER ZUM BLOCK II – ASIS UNERWÜNSCHT

Ein paar Minuten bleibe ich sitzen, einfach mal sitzen und denken, verdammt – aber es will sich keine Ehrfurcht einstellen. Als ich aufstehe, um das Stadion zu verlassen, steht in der Kurve dieser Mann. Erregter Mann, so eine Art Platzwart vielleicht.

„JA, WAT IS DAT DANN?!“ brüllt er, die unvermeidliche Töle an der Leine. „GANZ SCHNELL RUNTER DA! DAT WOLLN WIR HIER ERST GAR NICH ANFANGEN, WOLL!?“

*

Der kann mich mal. In aller Ruhe latsche ich zurück über den Rasen, steige die Stufen der Gegengerade hoch und verschwinde, wie ich reingekommen bin, über den Zaun. Vorm Stadion kniet ein Junge auf dem Radweg. Er öffnet vorsichtig eine Portionspackung Kaffeesahne, neben ihm wartet ein Kätzchen.

Unter der Autobahnbrücke ist ein Getrommel in Gange, ich vermute schon einen einsamen Stadtschlagzeuger in den zementierten Zwischenräumen, doch als ich genauer hinhöre, ordne ich das monotone Geräusch eher den Lastwagen zu, die über die Brückennähte rollen.

Ein wütend hingerotztes Statement:

PLIS UND ATEMNOT!

*

Auf dem Weg aus Schalke heraus dribble ich eine Bierdose durch eine abgewetzte Reihenhaussiedlung. Kissen auf der Fensterbank, jeder hat seinen eigenen kleinen Garten. Ein Junge steht auf der Haustreppe, fragt seinen laubfegenden Vater:

„Heute ist Donnerstag, ne?“

Der steckt sich eine Camel an und nickt.

*

Ich lande in Gelsenkirchen-Hessler, in einer anderen Vereinskneipe. FC Olympia Hessler 63. Frohe Botschaft Hessler!

„Wann ist Schalke eigentlich zum letzten Mal Meister geworden?“ frage ich die Männer am Tresen.

„58, glaub ich.“

Genervt vom Rumstiefeln und angeschlagen vom Suff der letzten Tage fühle ich mich fiebrig, ohne dass Fieber wirklich austritt. Auf dem Boden der Kneipe entdecke ich einen kleinen gelben Plastikwassernapf für Miniaturhunde, ich bin gerührt, siebenundzwanzig Jahre sind um. Ich habe Geburtstag und bin in Gelsenkirchen. Ich sehne mich zwanzig Jahre zurück, die Ohren am Kofferradio Bajazzo Bajazzo von Telefunken, samstags, den Bundesliga-Reportagen lauschend, wenn Stan Libuda zum Tanz aufspielte.

Wo ist eigentlich dem Libuda seine Zigarrenbude?

Und wieso ist der FC Olympia Hessler nicht berühmt geworden? Wieso der FC Schalke? Das Leben hätte auch anders kommen können.

*

Die Männer am Tresen haben sich zum Skat niedergelassen.

„Hat der die Zehn! Leck mich am Arsch!“

Die Schnäpse werden als „Schweinchen“ geordert.

„Manni, bring noch fünf Pils!“

„Schweinchen dabei?“

„Blöde Frage, Manni!“

„Fünf?“

„Fünf! Sicher! Und wat is mit dem Käffchen fürn Heinz? Schon durchgeträllert?“

*

Am Tresen ist, außer mir, nur ein Jeansheld übriggeblieben, mit klobigen Beinen. Seine Gesichtshaut ist auffallend rein. Männer mit auffallend reiner Gesichtshaut sind verdächtig. Mehrmals und ungefragt  bekundet er, wie sehr ihm „Mercedes Benz“ von Janis Joplin in CD-Qualität gefalle.

„Einfach a-capella is dat! Dat is super!“

„My friends all drive Porsche“, singt sogar der Wirt mit, und mir schlafen die Füße ein.

*

Rückfahrt über Düsseldorf. Überall müde Donnerstagsmenschen beim Nickerchen. Mir gegenüber ein Schulmädchen. Sie schnübbelt Süßigkeiten aus ihrer Bonbontüte, die sie nach jeder Entnahme wieder verschließt. Sehr ordentlich und selbstvergessen untersucht sie auch den Mückenstich an ihrem Ellbogen, speichelreibend, ein einziges Mal verzieht sie ihren Mundwinkel, als sie einen sauren Drop erwischt.

*

In drei Tagen hat auch die Gräfin Geburtstag. Eigentlich wollte ich ihr ein blaues Nachthemd bauen, als Geschenk. Ich liebe es, wenn sie abends im Nachthemdchen durch die Wohnung huscht. Ich werde später noch bei ihr reinschneien, nehme ich mir vor.

 

Um zehn Uhr abends komm ich in Solingen an. Vorm alten Hauptbahnhof warten die Taxis.

„Zum Mumms“, sag ich.

„Mumms? Da ist doch tote Hose, donnerstags“, meint der Fahrer.

Der soll die Klappe halten und Taxifahren.

Endlich wieder am Tresen. Das Mumms ist mein Wohnzimmer, es sind Bekannte da. Weil mein Kugelschreiber leer ist, leiht mir Marina, die Zapferin, einen Stift mit roter Mine.

„Ich hätte auch gern einen Kuli mit roter Mine“, sag ich zu Karlos, der schon ziemlich hinüber ist.

„Ich kann dir meine rote Fresse leihen“, erwidert der.

Ich bin daheim. Jou.

 

1988 am Meer in Holland

8 Gedanken zu „Fall nicht unter die Räuber, Junge!

  1. So eine schöne Schilderung. Ich habe beim Lesen überlegt, ob ich auch mal 28 geworden bin… Zum Glück gabs da diesen Bajazzo TS201 im Holzgehäuse. Der war im Fußraum meiner Borgward Isabella TS verkabelt.
    Schalke, Meiderich (Meidericher SV) – ? – alles so weit weg. Und das Waldstadion heißt nur noch bei einigen wenigen Unverzagten Waldstadion.
    Stimmt, ich bin auch mal 28 geworden.
    Bitte weiterschreiben.

    Robert

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.