Mit ein paar tausend Mann

21. September ’88

Dienstag, früher Abend. Ich steh im Bad und rasiere mich bei offenem Fenster. Nass, natürlich. Ich mag keine Rasierapparate im Gesicht. Das ist wie Rasen mähen entlang der Backenknochen. Eine elektrische Verunglimpfung. Ein Bramarbasieren. Im Hof jätet der knorrige alte Sizilianer sein kleines Gemüsebeet. Er ist so versunken in seine Gartenarbeit, er kriegt nicht mit, was um ihn herum geschieht. Auch wenn ja genau genommen gar nichts geschieht an diesem milden Spätsommertag. Ausser einer Nassrasur.

Frau Fischer, die eine Etage über uns wohnt, lässt sich lautstark darüber aus, dass sie sich beim Husten eine Rippe angebrochen habe.

„Beim HUSTEN!“ wiederholt sie zum 3. Mal, „ANGEBROCHEN!“, so als wäre das eine Majestätsbeleidigung, und da hebt auch der Sizilianer neugierig den Kopf.

Frau Fischer hat schweres Asthma, und sie trinkt zu viel. Die Mülltonne ist nach jedem Wochenende ein Hort leerer Apfelkornflaschen.

Berentzen.

„Nicht mal husten darf man noch..! Was ist das für ein Leben… geworden…“

Mit wem  sie wohl redet, frage ich mich, da niemand antwortet, und den knorrigen alten Sizilianer im Garten wird sie kaum meinen. Und Manfred, ihr Mitbewohner, hat das Haus eben verlassen.

Was mich betrifft: ich geh gleich zum Fußball. Ein Zweitliga-Spiel. Ein Punktspiel unter Flutlicht. Ich liebe Flutlichtspiele, besonders im Spätsommer, wenn es noch nicht kalt ist auf den Rängen. Wenn das Geräusch, das der Ball macht, wenn er über den Rasen läuft, tief und satt klingt, so tiefensatt, so aristokratisch grün, wie es nur nach 20 Uhr unter Flutlicht klingen kann.

Union Solingen – Blau Weiß Berlin. Zweite Bundesliga.

Pflichtspiel.

Das letzte Mal im Stadion am Hermann-Löns-Weg war ich letzten Sommer, als Schalke zu Gast war. Ausverkauftes Haus. Bei der Taschenkontrolle am Eingang wollte mir ein übereifriger Ordner die Purpfeife abnehmen, die wie immer im Kleingeldtäschchen meiner Jeans auf ihren Einsatz wartete. Der Ordner wusste nichts anzufangen mit dem Pfeifchen, aber die Tatsache, dass es aus Metall war, machte ihn nervös. Es dauerte seine Zeit bis ich ihn überzeugen konnte, dass sich mit dem kleinen, kaum fünf Zentimeter langen Teil nicht viel Unheil anrichten ließ, schon gar nicht im gegnerischen Fanblock. (Höchstens eine diffuse kleine Haschisch-Psychose im eigenen Schädel.)

Frisch rasiert steige ich in die Linie 82 nach Ohligs. Es riecht lecker nach mir. Nach Rasierschaum. Ein paar Union-Anhänger sitzen in den letzten Reihen, in voller Kutte, mit meterlangen Schals. Als ich am Bahnhof aussteige, ist es sieben Uhr. Anstoß ist um acht. Es bleibt noch genug Zeit für eine kleine Visite in der erstbesten Frittenbude.

„Frikadelle mit Pommes. Und ne Dose Bier.“

„Bier abber nich hier trinke“, klärt mich der Inhaber auf, „is verbote, Gastestättegesetz.“

„Na gut… dann nehm ich eben das hier.“

Capri-Sonne mit Kirschgeschmack. Die Stelle, wo man den Strohhalm ins pralle Aluminiumsäckchen reinstechen muss, macht mir Ärger. Der Halm bohrt sich einfach auf der anderen Seite der Capri-Sonne wieder heraus. Ein bisschen Kirschsaft kleckert auf den Boden. Das ist alles.

„Klappte nich?“ ruft der Inhaber hilfsbereit und kommt mit dem Putzlappen rüber.

„Nee“, sag ich. „Klappt nicht.“

Er nimmt mir den Halm ab und rammt ihn weiter unten als vorgegeben ins Trink-Säckchen, der Zapfhahn ist drin, es funktioniert sofort.

Nach einer Verdauungszigarette an frischer Luft gehe ich rüber in den Bierbrunnen und trinke drei Kölsch. Ein älterer Mann kommt rein, bestellt ein Bier und fängt sofort an zu lamentieren. Er spricht so undeutlich, ich verstehe seine Worte nicht, bis auf den letzten Satz: „Wir haben uns zu neunzig Prozent gedreht!“ Interessiert aber niemanden. Ich meine, 90 Prozent,  was meint der damit? Eine Frau, die in seiner Nähe steht, verdreht nur genervt die Augen, als der Mann ihr ungefragt seine Hände zeigt.

„Hier, guck mal, mein Engel, ich hab keine Fingernägel mehr, siehst du? Alles abgebissen, hier, sind nur noch die Finger.“

Gleich hast du die Tante am Kotzen, denk ich. Was ein Idiot. Ich mache mich auf in Richtung Hermann Löns-Weg. Weil noch Zeit ist, schlage ich den Fußweg ein, der an einem Nebenplatz des Union-Stadions entlangführt. Gerade ist Training. C-Jugend, schätze ich. Fünfzehn Jungs, fünfzehn Jahre alt. In der Mitte ein schreiender Trainer, der einen Spieler abkanzelt, dessen Schuss auf dem Weg Richtung Tor auf der schweren roten Asche liegen bleibt.

„Die verhungert ja, die Pille!“

Sofort spüre ich Bewegung im Darm. Da ist was unterwegs. Ein dicker Junge. Das ist nicht immer so. Es gibt Phasen, da wünsche ich mir eine Umwälzpumpe im Darm, damit Bewegung reinkommt. Schnell zurück und rein in die nächstbeste Kneipe mit dem nächstbesten Männerklo. Ich bestelle ein Not-Kölsch und verziehe mich aufs Klo, aber der dicke Junge hat sich verzogen.

Dann eben noch ein Kölsch. Ein Motorradfahrer, quadratisch gebaut, Nierengurt am Leib, schildert wiederholt, wie er am Wochenende die Autobahnzufahrt Detmold genommen habe.

„Mit Hundertzehn! Wahnsinn! Ist der Gaul mit mir durchgegangen!“

Neben mir hockt ein Rentner, Mantelkragen hochgestellt, Hornbrille, weißer Stock. Jedem Gast, der sich verabschiedet, ruft er ein kehliges „Wiedersehn!“ hinterher, ohne aufzuschauen. Als er sein Bier hebt und zum Mund führt, erkenne ich einen Kranz an Strichen auf seinem Bierdeckel, immer in Fünfer-Päckchen, es sind mindestens dreißig Striche. Junge, wenn ich dreißig Bier intus habe, rufe ich auch jedem Gast Auf Wiedersehn hinterher ohne aufzublicken. Das glaub aber mal.

Ich verschwinde aufs Klo. Es gibt Tage, da will der Herrgott einen zweiten Anlauf. Die Kneipe hat ein Spezialklosett. Für die besondere Hygiene. Eine Seltenheit. Am Spülkasten ist seitlich ein rotes Knöpfchen angebracht, wenn man das drückt, zieht sich automatisch ein desinfizierender Film über die Klobrille. Ich teste die Neuheit aus, aber erst nachdem ich (dann doch noch) geschissen habe. Na ja.

Halb acht vorm Stadion. Als ich am Kassenhäuschen für eine Karte anstehe und dünne Blechmusik aus den Lautsprechern hallt, entscheide ich mich spontan, noch ein Bier trinken zu gehen. Ist ja noch Zeit, eine halbe Stunde. Außerdem, was soll ich hier rumstehen mit ein paar tausend Mann. Bringt doch nichts.

Zurück in die Kneipe, direkt durch aufs Klo. Der Wirt guckt schon misstrauisch. Dabei will ich diesmal nur eine schnelle Purpfeife rauchen. Die kleine Freundin. Meine erste heute. Als ich vom Klo komme, steht da plötzlich Onkel Fitting am Tresen, mein Patenonkel. Das graue Haar an den Schädel geklatscht, mit Unmengen Birkenwasser. Das ist Tradition in der Familie, wenn man älter wird und den Sektor der Attraktivität allmählich verlässt. Wenn mit kleinen Tricks gearbeitet werden muss. Als hätte man noch erwähnenswert Haupthaar.

„Och, was machst du denn hier? Gehste auch zur Union? Bist du allein hier? Wenn du willst, kann ich dich später mitnehmen, nach dem Spiel, kein Thema. Kannst du dir den Bus sparen.“

Er hat in einen Satz alles reingepackt, wofür andere Leute den halben Abend brauchen. Er ist mit zwei Bekannten unterwegs, von denen mir einer bekannt vorkommt, allerdings dachte ich, der wäre längst tot. Na, war wohl ein anderer. Irgendjemand ist ja immer tot.

Mit einem Mal ist mir alles zu viel. Es kommt wie eine Welle. Das Haschisch bricht in die offene Flanke, und du musst zusehen, wie du damit zurechtkommst. Wenn du drinsteckst, tut es weh. Es ist ja nicht nur die Purpfeife. Es sind auch die paar Bier, die ich getrunken habe, ich hab noch ein großes Kölsch geordert. Es liegt an mir.

Es sind die Drogen.

Wenn ich mich jetzt hier sehen würde, wie ich am Tresen stehe mit meinem Onkel, ich würde denken, ist das ein Alien? Warum ist der Kerl so verstockt. Warum geht der nicht besser nach Hause. Was will der in der Kneipe. Was will der beim Fußball. Was will der überhaupt vom Leben. 

Gestern hat Lana angerufen und mir nachträglich zum Geburtstag gratuliert.

„Nichts hat sich bei dir geändert seit unserer Trennung, du blödes Arschloch! Mach doch ENDLICH was aus deinem Leben. Wenn du krank wärst, könnt ich deine Desillusion ja noch verstehen, aber du bist gesund, du kannst gut deutsch, du kannst schreiben, krieg doch endlich deinen dämlichen Arsch hoch!“

Nichts Neues eigentlich, eine ihrer turnusmäßigen Standpauken, mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht mal mehr den Hauch einer Ausrede gesucht habe, gar nicht suchen wollte.

„Du bist ein Feigling“, hat sie gesagt, „du denkst die Sachen nicht zu Ende – und warum? Weil es dann zu bitter wird für dich.“

„Jim Morrison ist auch mit 27 gestorben“, hab ich zwischendurch eingeworfen, es war ironisch gemeint, aber das brachte sie endgültig auf die Palme.

„Du mit deinem blöden Jim Morrison, das ist doch wohl nicht dein Ernst!? Außerdem bist du 28 geworden, deine Ausreden ziehen nicht mehr!“

Darauf ist mir nichts mehr eingefallen. Dabei meine ich solche Dinge wie mit Jim Morrison schon lange nicht mehr ernst. Aber wenn man den Leuten etwas zu lange aufgetischt hat, wird einem den Schwenk hin zur Ironie nicht abgenommen. Dann muss man plötzlich ganz allein über sich lachen.

Onkel Fitting hat es eilig, zum Stadion zu kommen.

„Das Spiel fängt gleich an! Ist fast schon acht!“

Weg ist er mit seinen beiden Spannmännern.

Onkel Fitting war immer mein Lieblingsonkel. In der Familie kursierte die Geschichte seiner Liaison mit Janine, einer belgischen Schönheitskönigin, die er in den Sechzigerjahren als junger Mann kennenlernte. Was Onkel Fitting zunächst nicht wusste, was ihm aber klar wurde, als er Janine in ihrer Heimatstadt Gent besuchte: sie war aus reichem Hause, ihr Vater Präsident des ruhmreichen FC Gent. Schon am ersten Abend des Besuchs packte der Präsi Onkel Fitting ins Auto und fuhr mit ihm raus zum Stadion. Er schloss das große Eingangstor auf, und präsentierte die Arena. Erst wusste Onkel Fitting kaum, wie ihm geschah, er glaubte fast, einem Hochstapler aufzusitzen – bloß, warum sollte der so einen Wirbel veranstalten? Für ihn, einen armen Schlucker aus dem Bergischen Land? Und woher sollte er den goldenen Stadionschlüssel haben? War er nur der Platzwart?

Nach einigen Tagen in Gent und diversen Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen kühlte die Stimmung merklich ab. Die Familie hatte Informationen eingeholt bezüglich Onkel Fitting und seinem Status in der Heimat. „Ich war ja nur ein armer Gardinen-Dekorateur.“ Mein Onkel war schwer gekränkt. Eine letzte Chance sah er darin, Janine ihrerseits nach Solingen einzuladen und ihr einen großen Schwindel vorzuspielen. Sie kam tatsächlich, gegen den Willen ihres Vaters. Und Onkel Fitting zeigte, was er draufhatte. >Als gelernter freischaffender Dekorateur und Schaufenstergestalter war es für ihn ein leichtes, das windschiefe kleine Häuschen meines Großvaters in einen funkelnden Ballsaal zu verwandeln. Die schlichten Möbel wurden mit Deko-Fix präpariert, bis es nach echtem Tropenholz aussah. Stoffbahnen wurden ausgelegt und mit samtroten Licht angestrahlt, Raffgardinen angebracht, Blumengirlanden schmückten die Küche und den kleinen, aber feinen Baumhof. Fitting und eine Handvoll Freunde schufen eine so wunderliche Varieté-Stimmung in Opas Häuschen am Stöckerberg, dass man sich noch Jahre später davon erzählte.

Janine war das alles herzlich egal, sie liebte meinen Onkel Fitting aufrichtig, sie wollte ihn um jeden Preis, auch gegen den Willen ihrer Familie, doch in letzter Sekunde winkte Onkel Fitting ab. „Das hätte nie geklappt mit uns.“ Die Standesunterschiede erschienen ihm zu gewaltig auf Dauer. „Irgendwann hätte sie ihren alten Lebensstil vermisst und dann wäre sie neben einem kleinen Schaufensterdekorateur in Solingen erwacht. Nee – lass mal.“

Neben mir am Tresen erregt sich ein Männlein darüber, dass beim diesjährigen Flugplatzfest in Wiescheid das Bier nur noch in Pappbechern ausgeschenkt wird: „In Pappbechern!! Trinke ich nicht, hab ich nie getrunken, werde ich nie trinken!“

„Jawoll, Sir!“, mische ich mich ausnahmsweise ein.

Manchmal stehe ich in solch einer Altherrenkneipe und beobachte Männer, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen. Weil der letzte Griff zum Bierglas noch nicht lange genug her ist, um schon das nächste Bier anzuvisieren. Da bleiben die Hände für eine Weile unnütz in der Luft stehen. Männermomente im Ungefähren.

Viertel vor acht. Kurz bevor ich aufbrechen muss, sonst verpasse ich den Anstoß, lerne ich den einen Interessanten kennen, den man immer kennenlernt, wenn man es nur lange genug aushält. Er ist etwa im Alter meines Onkels und lebt in Scheidung, wie er ohne Umschweife erklärt.

„Ich hatte schon Kontoverfügungen ausgestellt für meine ex-Frau, ich meine, dass die Zahlungen weiterlaufen, wenn ich tot bin, so schlecht ging es mir. Soll ich dir was sagen, Jochem? Hast du was dagegen, wenn ich dich Jochem nenne?“

„Nur zu“, sage ich.

„Mein Neffe heißt nämlich Jochem, an den erinnerst du mich. Der guckt genauso abgeklärt aus der Wäsche wie du. Ähh wo war ich..?“

„Ich glaub, du warst bei den Kontoverfügungen..“

„Ja, richtig, so am Ende war ich. Ich hab nicht mal mehr Spaß gehabt am Sex, verstehst du?!“

Der Mann schafft es nicht mehr, seine aufgebrachten Worte in die passende Mimik zu kleiden, dafür hat er sich schon zu oft ausgekotzt am Tresen.

„Die Depression hatte mich so in den Klauen, mein Junge, ich saß nur noch zu Hause und hab die Wände angestarrt, vollgepumpt mit Tranquilizern..“

Das ist jetzt doch nicht so interessant, wie ich dachte. Tut mir leid, alter Junge. Aber ich muss los. Kurz nach acht, Hermann-Löns-Weg. Klein und provinziell ist das Stadion, von grünen Baumgruppen umstellt. Keine dieser topmodernen Betonschüsseln, wo man als Zuschauer nie genau weiß, ob man gleich abhebt und für immer davonfliegt. Ich kaufe eine Karte für die Gegengerade. Stehplatz.

Das Flutlicht strahlt mich an. Ich liebe Flutlichtspiele, ich brenne für den satten grünen Strahle-Rasen. Hinter mir rauscht der Wind in den Bäumen. Der Fan vor mir stellt seine Umhängetasche ab, holt eine Flasche Rotwein heraus und entkorkt sie, unter Mühen. Dann verschließt er sie wieder, ohne einen Schluck genommen zu haben. Recht so. Hauptsache, die Pulle ist auf, mein Freund.

Zweitausend Zuschauer, ich verliere mich im Spiel.

*

21. September 1988

Union Solingen – Blau-Weiß Berlin 0:2

(Symbolbild)

4 Gedanken zu „Mit ein paar tausend Mann

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