Los, in Urlaub!

Los, Glumm, in Urlaub, entschied Karlos im Frühjahr 1983. Nach 40 Stunden Intercity (nonstop) erreichten wir den Zielort: Lagos, Algarve. Wir bauten das kleine Zeit auf und gingen zum Strand runter, wo schwarze Hornissen durch die Lüfte knatterten, groß wie Kinderfäuste, frech wie Mopeds. Aber das ging in Ordnung. Hauptsache, nirgendwo ein Hundestrand. Wir hassten Hunde. Hunde waren unsere intimsten Widersacher, deren ganzes Sinnen und Trachten darauf ausgerichtet war, uns am Arsch zu kriegen. Uns so richtig ins Arschfett zu beißen. Doch im Küstenstädtchen Lagos war weit und breit kein Hund in Sicht, in Lagos fühlten wir uns sicher.

Wir lernten einen Rastafari kennen, der täglich seine Runde über den Campingplatz drehte und „Ganja, Ganja“ wisperte. Das war unser Mann. Er kam gegen 11 Uhr, man durfte ihn nicht verpassen. Wenn wir unser Ganja gekauft hatten, zogen wir uns ins winzige Zweimannzelt zurück, drehten Tüten, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten vor uns hin.

Mittags wurde es unerträglich heiß, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über der Algarve. „Vielleicht sollten wir noch mal Schwimmen gehen“, stöhnte ich. Im bekifften Kopf wählten wir eine Abkürzung runter zum Strand.

Grandiose Idee!

Wir fanden uns auf einem von Weidezäunen eingefassten Privatgelände wieder, einer weitläufigen, sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Karlos sah es als Erster. „Was ist das, was dahinten angewetzt kommt? Ein Köter? Ist das ein Köter?!!“ Er zeigte in die Ferne: am Horizont der schäumende Atlantik, davor ein galoppierendes, sandaufwerfendes Ungetüm. Es trampelte und dröhnte über den Boden, es hielt auf uns zu. Ich machte mich sofort auf die Socken, ich rannte los. Ich rannte und rannte, ich drehte mich nicht einmal um, als ich das Gatter erreichte. Ich schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, beobachtete ich Karlos, wie er die restlichen Meter im Gehen absolvierte, schlurfend, eine total kaputte Ein-Mann-Chain-Gang, er konnte nicht mehr. Er war am Ende. Seine Lunge rasselte wie ein rostiger alter Opel Kapitän. Keine Ahnung, wie er es hinkriegte, im letzten Moment gelang es ihm, sich am Holzzaun hochzuhecheln, gerade noch rechtzeitig, bevor der Büffel zupacken konnte.

Als sich der aufgewirbelte Sand allmählich legte, erkannten wir in dem vermeintlichen Monster einen fröhlich kläffenden Windhundverschnitt, ein dünnes Bürschchen, das vermutlich nach jedem Hosenbein schnappte, das sich in die einsame Gegend verirrte, ohne je zuzubeißen. Ein tolles Spiel.

Wir schlappten zurück zum Stadt-Camping Lagos und verbrachten den Rest des Tages im von der Sonne aufgeheizten Zelt, das bei uns nur O Forno hieß, der Backofen. Wir sprachen kein Wort, drehten Joints, die wir Johann nannten und rührten uns nicht vom Fleck.

Abends kamen die Mücken. Sie hatten es hauptsächlich auf mich abgesehen. Während Karlos in drei Urlaubswochen mit insgesamt zwei oder drei Stichen davonkam, addierten sich meine Mückenstiche zu einem veritablen Klumpfuß. Ich sah aus, als wäre ich in den frischen Zement getreten, im allletzten Dick-und-Doof-Film, bevor die Karriere versandete.

Haha, machte Karlos.

Ha, machte ich.

*

Text aus: Geplant war Ewigkeit

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