Die Schritte des Nachbarn

Ill. Susanne Eggert, 2011

*

Zum 8. Todestag von Hase

Wir kannten uns aus den Siebzigern, einer Zeit, wo die coolen Typen geländegängige Enduromaschinen fuhren, ohne Helm, und währenddessen noch Debatten führten mit dem Sozius, wobei die adidas-Turnhosen im Wind flatterten wie blaue Revoluzzer-Segel.

Der Hase.

Jeder nannte ihn Hase, nur in den Geschichten, in denen er hier ab und zu auftaucht, heißt er Lester. Er war unser hauseigener Karlsson vom Dach, viele Jahre lang. Er hatte diese unglaublich wilde Matte auf dem Kopf, er sah aus wie der Vorarbeiter von Frank Zappa, ja, er hatte Frank Zappa wirklich im Sack, Frank Zappa und Captain Beefheart – gegen Hases Matte hatten sie alle bloß einen müden Pottschnitt.

In den frühen 90ern konnte man ihn einen ganzen Sommer lang dabei beobachten, wie er mit einem Jo-Jo bewaffnet durch die Innenstadt flanierte, komplett in sein Spiel versunken und ohne Blick für die Welt – ja von wegen! Jede Wette: Er bekam garantiert jede noch so kleine Regung mit, die sich auf ihn und sein neues Jo-Jo-Spiel bezog, ein gelbes Leucht-Jo-Jo, das in seinen geschickten Händen rauf und runter wippte wie ein unendliches Drehmoment. Hase war einer der Menschen, die ihr Leben aus den Augenwinkeln führten. Alle halbe Stunde hatte er eine Selbstgedrehte in Arbeit, und der Tabakrauch wärmte den beinah schon obszön großen Mund mit all seinen vielen großen eckigen Autobahnzähnen.

Der Hase.

Ein verschwiegener Bursche. Niemand sonst hat mir je im Leben mit solch stoischem Gleichmut so regelmäßig Geld geliehen wie Hase, mit einem brüderlichen Grinsen in den Backen, wenn er aus seiner Dachwohnung kam und die knarzende Holztreppe hinabstieg und die Brieftasche öffnete, die stets gut gefüllt war, wenn ich ihn im Hausflur abfing und auf Geld ansprach. Manchmal stand ich schon früh um Sieben vor der Tür und horchte, ob er endlich die Treppe runterkam. Tapp tapp tapp, zehn nach Sieben empfing ich ihn.

„Hör mal, Hase…“

Ich legte mein Pleite-Gesicht auf, da musste ich nicht viel tun, es reichte, ganz bei mir zu sein. Ein Wegelagerer, der einen Fuffie brauchte. Auch Lester blieb (meist) still, lächelte gütig und fragte „wie viel?“ und „bis wann?“ Na gut, er lächelte vielleicht nicht, schon gar nicht gütig, aber „bis wann?“, also – das war ihm schon wichtig. Und ich war beim Zurückzahlen auch stets pünktlich, um mir nicht das nächste Mal zu versauen, das ohnehin kommen würde.

Lester war der Prototyp eines Einzelgängers. Man wusste nicht viel von ihm, obwohl er fast genauso lange im Haus wohnte wie die Gräfin und ich, mehr als zwanzig Jahre. Er arbeitete in einem Galvano-Betrieb als Vorarbeiter. In der Anfangszeit hörten wir ihn oft betrunken nach Hause kommen, irgendeine Braut im Schlepptau, die sich im Treppenhaus langlegte und vor Freude quiekte, aber diese Zeit war rasch vorbei.

Einmal erwischte ich ihn Freitagnacht im Jazz-Keller. Er hing sturzbetrunken am Tresen und küsste eine Alte, die komplett in seiner riesigen Matte zu verschwinden schien. Es war nichts zu sehen von ihr. Zu sehen gab es nur Hases riesige baggernde Zunge, die aus einem Wust Hippiehaar ragte. Vielleicht hatte er auch nur seinen Barhocker in der Mache. Keine Ahnung. Damals hätte Hase jedem feurigen U-Comix zur Ehre gereicht.

Dabei kannte ich sonst niemanden, der sein Leben so schnurgerade nach Plan lebte. Lester verließ jeden Morgen Punkt Sieben das Haus, fuhr zur Arbeit, kam gegen fünf Uhr heim. Bevor er aus dem Wagen stieg, hörte er eine Runde Heavy Metal, seine Lieblingsband war Sepultura, er ließ sich zehn Minuten lang richtig den Schädel freiblasen. Dann stieg er hoch in seine kleine Mansarde. In den vielen Jahren der Nachbarschaft war ich genau 1x in seiner Wohnung. Damals machte er eine Fete, ich schätze mal, 1991. Ich erinnere mich nur daran, dass ich erst spät in der Nacht heimkam und einen kurzen Abstecher nach oben machte. Sechs, sieben Mann hingen betrunken beim Hasen herum.

Die Gräfin schellte einmal früh morgens bei ihm, er hatte Post für uns angenommen. Er öffnete die Tür und hatte gerade ein gekochtes Ei in Arbeit, etwas das der Gräfin („Ich wäre so gern ein See, aber ich bin ein Sumpf..!“) ungeheuer imponierte. Dass ein Mann sich selbst etwas zu essen kochen konnte. Sie war ja mehr die Art Männer gewohnt wie mich, Typen, die ohne Frau verhungern und das strikt innerhalb anderthalb Tagen.

Gegen 19 Uhr brach Hase auf in die Stadt, Abend für Abend, frisch geduscht, mit wehendem Heavy-Haar, um bei Fredo einen Kaffee zu trinken. Spätestens um acht hörten wir  erneut seine Schritte, er war zurück. In der Regel waren die Schritte entspannt, nur gelegentlich zornig. An seinen Schritten konnten wir ablesen, wie es um ihn stand. Welche Vibes von ihm ausgingen. Wie der Kaffee bei Fredo geschmeckt hatte. Ein guter Espresso schmeckt niemals gleich. Was Frau Moll übrigens völlig kaltließ. Mit welchen Vibes Hase auch heimkehrte, von unserer Hündin wurde er gnadenlos ausgebuht, sobald er das Haus betrat.

Seine Waschmaschine lief Mittwochabend von halb sieben bis halb acht, im Sommer machte er vier Wochen Jahresurlaub in Andalusien, wo er sich in einen Mietwagen setzte und ganz allein die Gegend abklapperte. Einmal im Monat legte ihm die Deutsche Post das alternative Musikmagazin Visions in den Briefkasten. Lester machte keinen unglücklichen Eindruck, aber irgendwann schlichen sich Sprachfehler ein, zuletzt begann er zu stottern. Er waren keine wirklichen Wortfindungsschwierigkeiten, die ihm zu schaffen machten. Es war mehr eine Unterbrechung des Satzgefüges, es war, als würde ihm mittendrin das Schmiermittel ausgehen, als verpasste er die jeweiligen Anschlussstellen. Er klang mitunter wie ein altmodisches Telegramm, ein fehlgeleiteter Funkspruch aus Übersee, der es nicht mehr ganz über den großen Teich schaffte.

Vielleicht war er einsam. Ja natürlich war Hase einsam. Ob jemand allein ist oder schon einsam, wer weiss das schon so genau. Die Leute reden ja nicht. Die Männer schon gar nicht. Man muss schon sehr genau hinhören, um mitzukriegen, was wirklich los ist in einem Mann. Wie es um ihn steht innendrin.

Mit seiner üppigen Hippie-Krause, die fast unverändert die Jahrzehnte überstand, wirkte er aus der Zeit gefallen, aber die Leute, die aus der Zeit fallen, sind am Ende nichts anderes als die Zeit selbst. Niemand sonst könnte die Zeit je deutlicher repräsentieren als jemand, der nicht dazugehört.

Vielleicht war das ja auch der Grund, warum es mir so schwer fiel, seinen Tod zu akzeptieren. Irgendwie war Lester ja nie so richtig dagewesen, also vermutete ich ihn nun einfach in den Ferien. In Andalusien. Der rauen Landschaft wegen. Wie gehabt. Tot? Der Hase? Was soll der Blödsinn denn?

“Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge auf ewig so weiter”, so die Gräfin. “Aber so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen.”

Nein, so leicht wohl nicht. Noch viele Wochen, nachdem er im Sommer 2012 ausgezogen war, meinten wir abends um Sieben seine federnden Schritte zu hören, wenn er sich zum Italiener in den Clemens Galerien aufmachte, um Espresso zu trinken und seinen schwarzen Van Nelle zu rauchen. Aber Punkt acht war er zurück, Abend für Abend. Man konnte die berühmte Uhr nach ihm stellen. Wenn Lester aus der Stadt heimkehrte, ging die Tagesschau los. Die man nicht unbedingt verfolgen musste, um zu wissen, was los war in der Welt. Solange Lester abends nach Hause kam, war es acht Uhr und die Welt in Ordnung.

Er starb in seinem neuen Heim auf der Couch, beim Fernsehen. Jedenfalls lief der Fernseher, als seine Schwestern ihn am nächsten Mittag tot auffanden. Als wir von seinem Tod hörten, konnten wir es kaum glauben. Wenn man mehr als 20 Jahre im selben Haus wohnt, muss man nicht die dicksten Freunde werden, es reicht, gut miteinander auszukommen. Das ist schon mehr als der Durchschnitt. Wir hatten in all der Zeit nie wirklich ein Problem. Jeder lebte sein Leben, er seines komplett durchritualisiert, wir unseres gemäßigt rituell, und wenn wir uns im Hausflur oder draußen vor der Tür trafen, wechselten wir nicht nur ein paar Worte, es konnte ein echtes Gespräch daraus werden. Aber eins war Lester immer: zart wie ein Bündel Reisig. So schilderte die Gräfin das Gefühl, das sie hatte, als sie ihn einmal umarmte. Er war aus eigenwilligem Blut gebaut, er machte nicht viel Worte, und er hatte die fetteste Matte der Nordstadt.

Als ich im Mai 2012 den Herzinfarkt hatte und einige Tage im Krankenhaus gewesen war, dauerte es zwei Wochen, bis sich das auch zu Lester herumgesprochen hatte, bis oben unters Dach.

Ich traf ihn vor der Haustür.

„Stimmt das, du hast einen Herzinfarkt gehabt..?“ fragte er ebenso vorsichtig wie verdattert.

Als ich ja sagte, das stimmt, und ein bisschen erzählte, aber nur das nötigste, sah ich, wie er innerlich einen Schritt zurücktrat und erschrak. Ich habe nicht vielen Leuten davon erzählt damals, und wenn, dann nur das nötigste, aber niemals habe ich jemanden so erschrocken erlebt wie Lester. Ich beendete meine kurze Herzschlag-Revue, und ihm fiel ein Stein vom Herzen, als er spürte, dass da nichts mehr kommen würde von mir, nicht in dieser Richtung. Davon wollte er nichts hören. Das war zu viel für ihn. Er wischte sich das Haar aus der verschwitzten Stirn und machte, dass er mir entkam. Mit elastischem Schritt, wie ein ewiger Jo-Jo.

Knapp anderthalb Jahre später, im September 2013, starb er an einem Schlaganfall.

5 Gedanken zu „Die Schritte des Nachbarn

  1. Wieder eines Deiner einfühlsamen Portraits im Glumm‘schen Parlando-Stil. Prosa des Gedenkens.

    Mir ist nach dem Lesen dann immer so, als ob ich mit den Porträtierten Umgang gepflegt oder wenigstens gerne mit ihnen ein paar Worte gewechselt hätte. Großartig!

    Gruß
    Uwe

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  2. Hab ihn sofort erkannt. Susanne hat ihn so wunderbar getroffen. Den einzigen und wahren Solinger Hasen. Er kickte auch sonntags einige Jahre im Kannenhofer Zwinger mit. Richtig klasse Freizeitkickerei. Der Hase. Auf grazilen Beinen. Einfach so dabei.
    Danke für’s Erinnern und Veräußern, Glumm.

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  3. danke für den text, ich hätte mit hase einen espresso getrunken. „“Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge auf ewig so weiter”, so die Gräfin. “Aber so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen.”s.o.- mit covid erstarren viele in gewohnheit, macht mir angst und lähmt, hat die gräfin toll gesagt, würde ich gern mal mit ihr reden.

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  4. Pingback: Woche 27/2021: Einhändig mit links – Alltägliches + Ausgedachtes

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