Begegnungen im Sommer

Eins meiner liebsten Fotos aus den Tagen, als Frau Moll noch lebte, unser 2. Hund

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Der freundliche alte italienische Eismann mit den schlechten Zähnen und den hängenden Backentaschen und seine nette alte italienische Frau, die von morgens bis abends die kleine Eisdiele am Mangenberg managte, während er mit dem klingenden Eiswagen die Stadt abklapperte und das leckere selbstgemachte Eis verkaufte, ihre Tage scheinen vorüber zu sein. Letzten Sommer glaubten wir noch, wegen Corona sei der Eiswagen nicht gekommen, doch diesen Sommer fahren andere Eiswagen durch die Stadt, vom alten Italiener ist nichts zu sehen.

Zuletzt hatte er noch neue Musik installiert, mit der er sein Kommen ankündigte. Nicht immer nur Muss I denn zum Städtele hinaus, wie in all den Jahren zuvor. Sobald die Kinder in der Siedlung die Melodie hörten, ging der Run aufs Kleingeld los. Mama, der alte Eismann kommt!! Das hatte sich zuletzt geändert. Muss I denn.. wurde aufs Altenteil abgeschoben, stattdessen mutete der alte Italiener uns Anwohnern einen ganzen Strauß an unbeliebten Melodien zu, wenn er zum Kannenhof runtergefahren kam. Er parkte stets ganz unten im Loch, wo es nicht mehr weiterging, wo die wartenden Kinder die Sackgasse verstopften.

Der Alte konnte nach 40 Jahren Deutschland immer noch so gut wie kein Wort Deutsch sprechen, außer Danke und ciao, aber er konnte unnachahmlich freundlich lächeln und vor allen Dingen: seine Eisportionen fielen stets nach Gusto aus, und immer zu Gunsten der Kinder. Lieblingseis: Blauer Engel. Es gab Tage, da verkaufte er der Gräfin und mir zwei große Portionen Eis im Becher für insgesamt 2 Euro, weil er die Gräfin von früher kannte, weil sie eine Weile über der Eisbude gewohnt hatte, und weil er sie mochte.

Nur bei schlechtem Ferienwetter, wenn niemand Lust auf ein Eis im Hörnchen hatte , saß der alte Mann verdrossen im klapprigen alten Eiswagen und kurvte durch die Stadt. Wenn er so gar nichts weiter zu tun hatte, außer dem blechernen Sound seiner Musikmaschine zu lauschen, dann dachte ich schon mal so für mich: gleich dreht er durch, der alte Bursche, gleich ist es so weit. Das hält der nicht lange durch. Und je länger so ein verregneter Ferientag dauerte, desto lauter spielte er seine Musik, die Lautstärke schien sich geradezu zu verdoppeln. Auch sein ansonsten so freundliches Lächeln war dahin, er blickte grimmig drein, wenn er Sonntagnachmittag am Kannenhof vorbeikam, er blieb gar nicht erst stehen und wartete ab, ob sich vielleicht Kundschaft sehen ließ. Er brauste davon.

Es stürmte und schüttete schon den den dritten Tag hintereinander, warum machte er nicht einfach Feierabend. Stattdessen lief „Zum Geburtstag viel Glück…, zum Geburtstag, lieber Toni, zum Geburtstag viel Glück!“ von seiner Musikmaschine. Gleich schießt er um sich, dachte ich. Gleich gibt es Tote.

Am Steuer des Eiswagens saß ein alter Eismann.

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„Wo ist die Zärtlichkeit und die Scham hin?“

Die Gräfin

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Es gibt das Bermuda-Dreieck, das Goldene Dreieck und das Bergische Dreieck Wuppertal, Solingen, Remscheid. Im Bermuda-Dreieck verschwinden die Menschen in den Fängen des großen Klabautermanns, im Goldenen Dreieck verschwinden die Menschen in den Fängen des Opium, im Bergischen- Land verschwinden die Menschen in sich selbst.

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In jedem Traum steckt ein Düngestäbchen.

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Es gibt Meckerer, und es gibt Änderer. Wozu zählst du?

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„Wenn mein Vater früher beim Abendbrot von seinen Düsseldorfer Arbeitskolleginnen erzählte, bekam ich als kleines Mädchen immer große Augen. Ich sah vollbusige Regimentsführerinnen vor mir, riesige Amazonen im Minirock, sexuelle Schreckensgeräte, die sich jeden Mann schnappten und lässig zertrampelten, wenn er im Weg stand. Ich möchte gern mal wissen, was mein Vater früher alles so erzählt hat am Küchentisch. Ich kann mich nicht daran erinnern, ich sehe nur noch diese Horrortanten vor mir..“

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In der drallen Mittagssonne, auf dem Weg zum Hausarzt. Die Gräfin war von einem Hund gebissen worden. Jetzt hatte sich die Hand entzündet. Der Handballen. Es war an einem verregneten Sonntag passiert, im Wald. Ein missmutig dreinschauendes, junges Pärchen ließ all seine Hunde freilaufen, drei Stück an der Zahl, drei große Mischlinge, wovon einer von Beginn an keine gute Laune an den Tag legte. Ein dunkler großer Hund. Natürlich war auch Frau Moll ohne Leine unterwegs, wie immer, doch von Frau Moll ging keine Gefahr aus. Der Schlechte-Laune-Hund dagegen griff unvermittelt an, wie aus dem Nichts. Die Gräfin, sie stand daneben, mischte sich sofort in die Rauferei ein. Aus der bald eine Beißerei wurde. Auch Sanne erwischte es. Ich war wie gelähmt, schaute zu, als stünde ich im Kino. IM BANN DER BÖSEN GEGENWART. Zuletzt beginn die Gräfin noch eine zusätzliche Dummheit. Sie wusch das Blut an der Hand mit Wasser aus dem Bach ab. Da waren Bakterien drin. Die Hand entzündete sich.

„Sieht nicht gut aus“, maulte unser Hausarzt, während er die Überweisung zum Chirurgen anordnete. „Nächstes Mal kommst du früher. Sonst ist die Hand futsch. Mit Hundebissen ist nicht zu spaßen.“

Sah hier irgendwer noch nach Spaß aus?! Mit einem Antibiotikum versorgt verließen wir die Praxis. Wir gingen der mehrspurigen Kölner Straße entlang. Es war ein heißer, lauter Sommertag.

„Was macht der denn da..!? Ist der gestürzt?“

Mitten auf dem breiten Bürgersteig vor der Clemens-Kirche hatte sich jemand lang gemacht.

„Vielleicht ist der kollabiert, in der Hitze“, sagte ich.

Wir legten einen Zahn zu. Sagen wir, ein Zähnchen, denn irgendwas an der Haltung der Figur verriet uns, da ist nichts schlimmes passiert. Der liegt da, weil er so daliegen will. Er war ganz in schwarz gekleidet und lag gemütlich auf der Seite, die Beine angewinkelt. Je näher wir kamen, von hinten, desto sicherer war ich mir, ihn vom Sehen zu kennen. Mit dem strähnigen langen Haar und dem grauen Fusselbart stromerte er seit einiger Zeit durch die Innenstadt und schnorrte Kippen und Kleingeld für den nächsten Flachmann. Ein harmloser, eher nervöser Typ, einer dieser mühsam von Chemie und Alkohol zusammengehaltenen Figuren, die tagsüber durch die Stadt irrten, ohne wirklich etwas zu tun zu haben. Figuren, die man jetzt wieder öfters sieht, wie früher in den 70ern, mit einem Unterschied: mittlerweile kamen sie aus aller Welt, während die alten Berber noch Solinger Platt gekallt (geredet) hatten. Eines aber haben die Obdachlosen aller Zeiten gemeinsam: ihre Sucht auf Kippen. Es musste immerfort geraucht werden.

Als wir ihn erreichten, bemerkte die Gräfin es zuerst.

„Hm, der liest ja ein Buch. Was liest der denn da fürn Buch?“

Den Kopf auf den Arm gestützt lag er auf den grauen Gehwegplatten und schmökerte in einer Art glänzender Reise-Bibel, die in einem verschließbaren Plastik-Etui ruhte. Mit Reißverschluss. Im Goldschnitt. Damit nichts drankam, falls es regnete.

„Alles klar, Meister?“ beugte ich mich vorsichtig über ihn, damit er sich nicht erschrak. Als er mich erkannte, begann es in seinem Kopf zu arbeiten.

„Zieharette, Zieharette“, gestikulierte er.

Da ich mir nach dem Arztbesuch eine Kippe gedreht hatte, im Gehen, reichte ich sie gleich runter.

„Feuer hat er ja selbst, der Herr“, sagte ich.

Das Buch glänzte hell im Mittagslicht, es knallte mich richtig an. Das siebte Buch Mose, las ich. Geheimnisse mittelalterlicher Zauberei. Er nahm einen tiefen, beinahe selbstverständlichen Lungenzug. Wie ein Feuerspucker stieß er den Rauch zum Himmel. Als wir uns über den Zebrastreifen entfernten, überwiesen zum Chirurgen, weil die Hand nicht gut aussah, in die ein Hund reingebissen hatte, an einem verregneten Sommersonntag, schaute die Gräfin sich noch einmal um. Ein Mann in schwarz, der auf dem breiten Gehweg vor der Clemens-Kirche lag, winkte rüber.

*

Das höchste der Gefühle: sich für jemanden einsetzen, der nicht mehr zu retten ist.

*

Ich kam vom Discounter an der Wupperstraße und betrat die Grünanlagen, als ich lautes Gekrächze hörte. Diese scheiß Hitze! Ich geh kaputt, ey! Hälzste doch im Kopp nich aus! De beiden Trinker, die seit Tagen die oberste und verlässlich im Schatten stehende Parkbank besetzten, schauten zu mir rüber. Ich nickte ihnen zu, und genau in diesem Moment zerplatzte einem der beiden Trinker die Bierflasche in der Hand, bei laufendem Verzehr. Er nuckelte gerade am Flaschenhals, als es ein dumpfes blokkk!-Geräusch gab, schon war die Pulle in drei, vier große Scherben zersprungen.

Die Plirre schäumte über und ergoss sich über große rote Trinkerhände. Fast lilafarben, bei der Hitze.

„Wat is denn jetzt los…?!“

Der betroffene Trinker schleckte sofort seine Hand ab, damit nichts verloren ging. Seine Zunge arbeitete sich regelrecht den Arm hinauf.

„Ich glaub, es hackt!“

Der Zechkumpan blieb cool. Er wusste Bescheid.

„Physik, Bernie.. Dat is Physik. Musste dir so vorstellen, pass auf.. Dat is heiß in der Pulle, dat brodelt da drin. Und dann die Hitze von oben – Boff!! Hier, so – bomms! Voll die Physik., Da machst du nix.“

Er holte die nächste Buddel Bier aus dem Rucksack, während Bernie mit offenen Sandalen auf dem Bierschaum herumtrat, als versuchte er ein aus dem Ruder gelaufenes Feuerchen zu löschen. Ihr ganzer Schnapsladen brannte.

„Hier, so bomms!!“

Hitzegelächter im Outback.

 

6 Gedanken zu „Begegnungen im Sommer

  1. das zu lesen tut einfach nur gut, macht mit meinem kopf einen theatersaal für jede stimmung. ich vermisse diese menschen in unserem aufgeräumten städtchen, ich glaube, die haben angst und gehen heimlich wohin. hoffe ihr hattet kein hochwasser!

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