Erinnerungen an den Zitronenhändler

Mario getroffen. 3 Hunde an der Leine. Er legt direkt los.

„Hömma, wenn du ne neue Schlafcouch hast für tausend Euro, brauchst du doch keinen Topper für oben drauf, oder? Ist doch nich nötig, oder, was meinst du? Muss da oben noch’n Topper drauf? Ist doch ne neue Matratze, Spezialanfertigung, sieben Zonen, für mein Kreuz. Was soll da noch’n Topper oben drauf! Kost‘ ja wieder massig Kohle! Ich mein, ich hau mir doch auch keine Spiegeleier in die Pfanne, wenn ich schon’n dickes Frühstücksei drin hab! Na, auch egal. N’Topper… Die Arschlöcher! Die machen mich fertig.“

*

Der Gardasee war Familiensache, und der Gardasee hatte seine mystischen Momente. Wir verbrachten den Sommerurlaub auf Campingplätzen in Lazise, in Bardolino oder in Malcesine, das wir in der Familie genauso aussprachen, wie wir es auf Deutsch lasen, also wie Apfelsine: MALLZESINE. Sobald nach langer Autofahrt über den alten Brennerpass der See auftauchte und blau schimmerte, war ich glücklich. Es grummelte richtig im Bauch, wenn sich die Straße in Serpentinen dem Wasser näherte. An heißen Nachmittagen trödelten wir durch die Ortschaften, das waren die Momente, da kamen die Déjà-vu-Erlebnisse. Wo ich mich in ein früheres Leben versetzt fühlte: Es war, als hätte ich in den engen Gassen schon einmal gelebt, in einem anderen Jahrhundert. Ich war sieben, acht, neun Jahre alt damals, und es erwischte mich jeden Sommer. Und dass Zitronen in den Gärten blühten, konnte ich schon mal gar nicht fassen.

Aber die Sommerurlaube waren die große Ausnahme. Ich meine, ich will mich nicht beklagen, meine Eltern waren okay, aber Zeit für uns Kinder war im Alltag nicht vorgesehen. Das Geschäft ging vor. Das Geschäft musste am Laufen bleiben. Wenn abends noch das Telefon klingelte, begann mein Vater zu schimpfen, er konnte sich richtig reinsteigern, wenn er sich in seinem Feierabend gestört fühlte, „Nicht mal abends hat man seine Ruhe!“ Dann hob er den Hörer doch ab. Es ist das große Manko unserer Generation: unsere Eltern waren mit dem Aufbau von Nach-Nazi-Deutschland beschäftigt, und wir Kinder konnten gucken, wo wir bleiben. Hatte natürlich auch seine Vorteile.

Ganz klar.

Erinnerungen an Kindertage am Gardasee, Unter einem Olivenbaum hergehen, am Seeufer schaukelt ein Fischerbötchen gemächlich im Wasser. Ich schließe die Augen und denke, das kenne ich doch, hier bin ich doch schon gewesen….?!

(Hm, ja sicher. Im Sommerurlaub zuvor, du Camping-Mystiker.)

*

Irgendwann werden die Antworten wieder zu Fragen.

– Die Gräfin –

*

„Kann man sich mit Krokodilen anfreunden? Kennst du jemanden, der ein Krokodil zum Freund hat? Ich finde, dass Krokodile etwas Tröstliches an sich haben, etwas Uraltes, das ich gerne zum Freund hätte.“

– Die Gräfin –

*

Wir sind im Wald, die Gräfin und ich und der Hund und die Bäume. Geschlagene anderthalb Stunden arbeiten wir uns den alten Postweg hinauf. Andauernd bleibt jemand stehen, um sich etwas Umgebung anzuschauen, näher anzuschauen, ein anderer schließt auf und schaut es sich auch an. Wir kreisen wie Satelliten um die eigene Geschichte.

*

„Das ist kein Gehen, das ist relativ flottes Stehen“, übernehme ich kurzfristig die Deutungshoheit. Wir verlassen die gesicherten Pfade und kraxeln die Wupperberge rauf und runter, der Hund begeistert voran. Das ist sein Metier. Unterwegs in unwegsamen Gelände, die Nase am Boden, ein Trüffelschwein ohne Interesse an Trüffeln, nur am Boden, am Buddeln.

„Na hallo!“

Richtung Treppenbach beobachten wir dieses Laubblatt, das einen Meter über der Erde scheinbar in der Luft steht. Das keine Lust zu haben scheint, zu Boden zu fallen. Es hat sich vom Baum gelöst, von einem Ast, doch jetzt steht es einfach in der Luft, und zittert. „Ich bin ein physikalisches Wunder“, singt es und schwebt auf mich zu. Rötlich-gelbes Herbstlaub, das am seidenen Spinnenfaden hängt. Es tänzelt in der Luft hin und her, einen Meter über dem Boden, an einem unsichtbaren Faden.

„Dass der Tod so schön, so leicht sein kann, so tänzerisch“, flüstert die Gräfin. „Im Fallen sterben und kurz vorm Aufschlag noch mal innehalten. Jedenfalls sieht es leicht und schön aus, von außen betrachtet. Ich weiß natürlich nicht, wie es innendrin aussieht in einem Herbstblatt, das in der Luft trudelt. Wie es sich fühlt, wenn es dem Boden entgegenschwebt, mit einer letzten Zwischenrast.“

Aber dann:

 

Ein Windstoß reißt das Blatt jäh aus seiner Position, es saust um mich herum, steigt noch mal in die Höhe, und kracht mir am Ende mitten auf die Stirn..! Die Gräfin, etwas entfernt, verpasst das Schauspiel. Sie hat anderes zu tun. Sie hat die Augen geschlossen, weil sie den aufkommenden Wind genießt, ich glaube, sie weint ein wenig, es sind winzig kleine Tränen. Sie steht da wie das Sterntalermädchen.

*

Nach einer Sepsis lag er vergangenes Jahr 60 Tage im Koma. Danach war er halb gelähmt und saß im Rollstuhl. Am 11. Oktober ist er mit 60 Jahren gestorben. Mein Freund Benzini ist tot.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

15 Gedanken zu „Erinnerungen an den Zitronenhändler

  1. Schöne Engführung:
    von der Mystik der Sommerurlaube in den Kindheitsjahren, die auch schreibend nicht mehr ein- oder zurückzuholen sind, über die Sterbe-Symbolik fallender Herbstblätter bis hin zu Benzinis Tod, der nach wie vor sprachlos macht … Ein feines, lose geknüpftes Netz, mit dem Tenor: Hinfälligkeit.

    Und doch geht es weiter!
    Noch.

    Gruß,
    Uwe

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  2. „Das Fallen des Blattes lehrt uns das Sterben.“ (Sagfol Segmel, 1754)
    Benzini und das Blatt, das noch einen letzten kurzen Moment bei euch bleibt…. Ja.
    Es ist traurig. Aber:
    Selbst nachdem das Blatt Benzini längst vergangen sein wird, so bleibt doch er selbst licht und hell in euren Gedanken und Zitronengärten.. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, wird er dich mit einem berühmten Grinsen wieder treffen und du wirst dich nicht länger fragen, ob du denn schon einmal…. schon einmal….

    Gefällt 3 Personen

  3. es ist so schwer zu akzeptieren, das verlassen- werden? wir müssen immer lernen, auch loslassen. ein stück lebensgeschichte ist vorbei, im text spüre ich die zartheit der erinnerung. alles gute für euch, roswitha

    Gefällt 1 Person

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